Bekleidungskunst und Mode

Autor: Boehn, Max von (1860-1932) Kulturhistoriker, Publizist, Erscheinungsjahr: 1918
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Bekleidungskunst, Mode, Entstehung der Kleidung,

Haarkleid oder nackt?

Nackt wird der Mensch geboren, der Lebende aber bekleidet sich. Diese Erfahrung ist merkwürdig, weil sie die Natur, von der wir annehmen, dass sie sinnvoll und zweckmäßig schafft, auf einem Widerspruch mit sich selbst zu ertappen scheint. Die Natur gab allen höheren Tieren Kleider von so vorzüglicher Beschaffenheit, dass sie in Klimaten mit stark wechselnden Temperaturen automatisch auf diese Rücksicht nehmen. Pelztiere haben im Sommer dünnere, im Winter dichtere Behaarung; selbst bei Tieren, die der Mensch in Breitengrade verschleppt, für die sie eigentlich nicht geschaffen sind, korrigiert die Natur diesen Eingriff der Willkür. So hat man beobachtet, dass die Löwen, die Hagenbeck in Stellingen das ganze Jahr im Freien hält, im Winter stärker behaart werden, als es in ihrer afrikanischen Heimat der Fall sein würde. Unter der Annahme, dass die Kleider des Menschen ihrer allgemeinen Verbreitung wegen etwas Notwendiges seien, müsste man die Natur also einer groben Unterlassung zeihen, denn sie hätte versäumt, das wertvollste und höchststehende ihrer Geschöpfe hinlänglich für seine Existenz auszurüsten. Dieser Gedanke beunruhigte schon Montaigne. „Weil nun alles übrige mit dem benötigten Gespinst und Gewebe versehen worden, um sein Dasein zu erhalten,“ schreibt er in den Essays, ,,so ist es nicht zu glauben, dass wir Menschen sollten allein in einem elenden unbehilflichen Zustande auf die Welt gesetzt sein, in welchem Zustande wir nicht ohne fremde Hilfe fortdauern könnten.“ Nun ist die Frage, ob der Mensch ursprünglich ein Haarkleid besessen habe, wie die Pelztiere, noch offen, die Anthropologen sind sich untereinander nicht darüber einig. Bedeutende Forscher, Karl Weule gehört zu ihnen, nehmen an, dass der Mensch in der Tat stark behaart gewesen sei, dass er sein natürliches Haarkleid aber eingebüßt habe.
Inhaltsverzeichnis
  1. Die Entstehung der Kleidung
    1. Haarkleid oder nackt?
    2. Das Schamgefühl
    3. Verhüllung oder Entblößung
Er betrachtet als Grund dieser Einbuße die geschlechtliche Zuchtwahl. Der Mann habe bei der Wahl seiner Gefährtin aus Geschmacksrücksichten Individuen von schwacher Behaarung vorgezogen, wodurch allmählich in fortschreitender Vererbung der Zustand eingetreten sei, in dem der Mensch jetzt vor uns steht. Diese Verkümmerung des Haarkleides, das nur noch einzelne Stellen des Körpers bedeckt, habe dem Menschen auch die Anpassungsfähigkeit geraubt, die ihm ermöglichte, schädlichen, äußeren Einflüssen zu widerstehen. Damit wäre dann ein Ausgangspunkt für die Entstehung der Kleidung gefunden.

Da man heute allgemein annimmt, das wir die Anfänge der Menschwerdung in der Gegend des Malaiischen Archipels zu suchen haben, die Menschheit also dem heißen Klima entstammt, so liegt kein zwingender Grund vor, den Urmenschen behaart zu denken. Gleichviel indessen, ob der Mensch die Möglichkeit, sich durch ein Haarkleid klimatischen Verhältnissen anzupassen, nie besaß oder sie nur im Laufe der Jahrtausende verlor, die Frage nach der Entstehung der Kleidung wird dadurch ihrer Beantwortung gar nicht näher geführt. Der Beweis für die absolute Unentbehrlichkeit der Kleidung ist noch nie gelungen. Sie mag wünschenswert sein, im heutigen Zustand der Gesellschaft soziologisch notwendig, der Mensch als Lebewesen schlechthin bedarf ihrer gar nicht, ja er kann und wird sich ohne dieselbe in den meisten Fällen wohler befinden, er widersteht auch ohne Behaarung der Kälte. Die ältesten bekannten Darstellungen des Menschen aus den Höhlen der Dordogne zeigen ihn nackt, scheinen also darauf hinzudeuten, dass selbst die niedrigen Temperaturgrade der Diluvialzeit ihn nicht nötigten, schützende Hüllen zu erfinden. Als Cook das Feuerland besuchte, erfroren zwei seiner Gefährten dort im Sommer. Die Einwohner aber, die nackt gingen, trugen Pelzstückchen nur zur Zierde und hatten keinen andern Wunsch als Glasperlen. Darwin traf sie viele Jahre später immer noch nackt trotz großer Kälte und eisiger Winde. Als er einem Feuerländer, der ihm zu frieren schien, ein Stück rotes Tuch schenkte, um sich zu bekleiden, riss der Beschenkte es in kleine Fetzen, die er sich als Schmuck um die Glieder band. So wenig wie die Kälte allein genügte, die Menschen zum Erfinden der Kleidung zu zwingen, ebenso wenig ist die Hitze imstande, ihn zum Ablegen der einmal erworbenen Kleidung zu verlocken. Mit Erstaunen sah Nachtigal in Bornu, dass die Wohlhabenden sich an Festtagen mit so viel Kleidern behängten, als sie nur zu tragen vermochten, und das trotz der gewaltigen Hitze, nur von dem Wunsche beseelt, sich zu putzen. So beobachteten die Begleiter Spekes Einwohner Ostafrikas, die bei heißem Wetter in Mänteln von Ziegenfell spazieren gingen, dieselben aber ablegten und zusammen rollten, als es zu regnen begann. Sie klapperten vor Frost, aber sie zogen es vor zufrieren, ehe sie ihren Putz dem Verderben aussetzten.


Das Geheimnis des Glücks in der Liebe
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