Das Schamgefühl

Unter den Beweggründen, die den Menschen veranlasst haben sollen, sich zu bekleiden, hat ferner das Schamgefühl von jeher eine große Rolle gespielt. Einige Forscher, wie Friedrich Ratzel und Heinrich Schurtz, sehen in ihm den Hauptantrieb zur Erfindung der eigentlichen Kleidung. Dieser Annahme stehen indessen alle Erfahrungen und Beobachtungen gegenüber, die eine eingehende Beschäftigung mit der Psyche der Naturvölker ergeben hat. Schamgefühl und Kleidung in einen ursächlichen Zusammenhang bringen wollen, hieße ja Nacktheit mit Schamlosigkeit gleichsetzen. Das tut nicht einmal die Bibel, die als Urzustand der unverdorbenen Menschheit die Nacktheit annimmt und Bekleidung erst nach dem Sündenfall eintreten lässt. Nacktheit und Sittsamkeit schließen sich keineswegs aus. Die großen Reisenden, die wie Livingstone, Schweinfurth, Baker u. a. im 19. Jahrhundert die Bekanntschaft von Naturvölkern machten, die mit dem, was wir europäische Kultur nennen, nicht in Berührung gekommen waren, fanden sie zwar unbekleidet, aber nicht unsittlich. Das Gefühl, sich wegen ihres unbekleideten Zustandes schämen zu müssen, ist den Naturvölkern noch heute völlig fremd. Selbst die Schamhülle ist, wie Ernst Große nachgewiesen hat, durchaus noch kein allgemeiner Besitz der primitiven Stämme. Ihre Verhüllung ist nur vorübergehend, während die Entblößung der dauernde Zustand ist.

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Das Geheimnis des Glücks in der Liebe
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Dieses Kapitel ist Teil des Buches Bekleidungskunst und Mode