Aus früherer Zeit. Band 1 - Wilde Zeit. 02. Die beiden Ratten.

Schwedisch-pommersche Zustände auf der Insel Rügen
Autor: Ruge, Arnold (1802 in Bergen auf Rügen-1880 in Brighton) Schriftsteller. 1848/1849 Angehöriger der Frankfurter Nationalversammlung, Vertreter der demokratischen Linken, Erscheinungsjahr: 1862

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Insel Rügen, Tromper Wiek, Heimat, Ostsee, Heimatinsel, Strand, Meer, Fischer, Bauern, Landleben, Franzosenzeit, Sitten und Bräuche, Jugenderinnerungen, Schwedenzeit
Ich dachte nun daran, meinen Vater wieder gut zu stimmen und da erinnerte ich mich, dass er sich bitter über die Ratten beklagt hatte, die allerdings in großer Anzahl in dem neuen Hause, das er für den Zimmermann, als Kälber- und Hühnerstall und als Schweinekofen und Kornboden eingerichtet hatte, ihr Wesen trieben. „Man hatte ihm ernstlich versichert, wenn man eine lebendig finge und ihr eine kleine Schelle umhinge, so vertriebe sie alle andern, oder wenn man eine etwas ansengte und sie dann geteert laufen ließe, so wäre das noch wirksamer.“ „Wie wäre es", hatte er scherzend hinzugesetzt, „Arnold, könntest Du mir nicht eine fangen?" Ich versprach mein Möglichstes zu tun und lauerte ihnen im Kälberstalle auf, wo sie sehr unverschämt umhersprangen. Als ich aber einmal eine erhaschte, biss sie mich so empfindlich in den zweiten Knöchel der linken Hand, dass ich die Narbe noch heute wie einen kleinen Halbmond am Finger trage. „Greifen kann man sie also nicht! hm! ich will doch eine Falle machen", sagte ich zu mir selbst, und ging sogleich ans Werk, verfertigte einen länglichen Kasten vorne mit einem Drahtgitter, hinten mit einer Falltür, die durch einen Draht in die Höhe gehalten wurde, an dem der gebratene Speck als Lockspeise befestigt war. Wenn die Ratte an dem Speck zerrte, sollte die Falltür zufliegen. Voller Freuden kam ich mit der Falle ins Wohnzimmer und versprach meinem Vater eine Ratte damit zu fangen. Ich setzte sie auf den Tisch und zeigte, wie sie zufiel, wenn man an dem Draht zerrte. Mein Vater aber musste den Mechanismus sehr mangelhaft finden, denn er sagte: „Ich sehe Deinen guten Willen, mein Sohn, aber wenn Du mit der Falle eine Ratte fängst, so geb' ich Dir einen Thaler!" — „Das soll ein Wort sein, Vater", sagte ich, tat die Lockspeise duftend hinein, und lief mit meiner Falle in den Kälberstall. Hier stellte ich sie auf und versteckte mich. Der duftende Speck wirkte und eine muntre Ratte kam herbeigehüpft, setzte sich vor die Falle und roch hinein. Ich war so gespannt, dass mir das Herz rasch pochte, da saß der Thaler auf den Hinterbeinen und schnüffelte; — „wenn sie doch hineingehen wollte!" Und wirklich, husch! sie war drin, und fraß den Speck an, der Draht wackelte, die Falltür war los — aber, o Jammer! sie fiel nicht. Das ist doch zu arg, dachte ich, schlich herzu und schlug die Falle zu. Erschrocken raste die starke Ratte in dem Kasten umher und würde ihn dreimal umgeworfen haben, hätt' ich ihn nicht, immer mit der Hand auf der Falltür, aufgehoben, und mit lautem Hurrah ins Haus getragen.

„Nun, das muss ich sagen! Du hast Dein Wort schnell und brav gelöst. Hier ist der Thaler! Aber fiel denn die Falle richtig zu und ist Dir die Ratte nicht mit der Falle fortgelaufen?"

„Nun nein, sie wollte nicht zufallen, da hab' ich sie zugeschoben, siehst Du, und dann hielt ich die Falle fest, und hier hast Du Deine Ratte!"

„Da hast Du freilich Deinen Thaler doppelt verdient", sagte mein Vater und lachte herzlich.

Jetzt galt es, der Ratte die Schelle umzutun, die schon in Bereitschaft war. Da das Tier eifrig bemüht war, den Draht der Falle zu durchbrechen, so konnten wir es leicht verführen, den Kopf durch einen erweiterten Spalt zu stecken. In dieser Klemme hielten wir es dann fest und hängten ihm unter lautem Jubel meiner Geschwister, die herbeigeeilt waren, die Schelle um. Die Ratte wurde nun im Kälberstalle feierlich losgelassen, und war sehr bald mit ihrer Schelle verschwunden; aber die übrigen Ratten verschwanden nicht, sondern hausten nach wie vor in dem neuen Gebäude, während sie die alten mit ihrem Besuch verschonten.

2. Hatte die umgehängte Schelle nichts ausgerichtet, so sollte es nun mit dem Sengen und Teeren versucht werden. Wir brauchten also wieder eine lebendige Ratte, und die Gelegenheit eine zu fangen, zeigte sich bald. Neben der großen Scheune wurde eine Miete oder Kornschober abgetragen. Er stand auf Hürden, und als wir so weit auf den Grund gelangten, dass wir durch sie hindurch sehn konnten, entdeckten wir eine große Kolonie von Mäusen und auch eine mächtige wohlgenährte Ratte. Ich rief gleich aus: „die muss ich haben, schlagt sie nicht tot, ich brauche sie für Vater!" Und sogleich kniete ich auf die Stelle, wo die Ratte unter der Hürde saß, und als ich mit der Rechten ihren Schwanz erwischt hatte, fasste ich sie ganz kurz beim Leibe und zog sie dann vor. Natürlich versuchte sie zu beißen und sich nach meiner rechten Hand empor zu biegen, aber so oft sie dies unternahm, schlug ich ihr mit der Linken auf die Nase, und in gehöriger Entfernung von meinem Körper trug ich sie ins Wohnhaus. Auf mein Rufen erschien mein Vater und war nicht wenig erstaunt über die Methode, mit der ich meinen Gefangenen behandelte. „Nun warte, ich will sie Dir abnehmen", sagte er, langte sich die Feuerzange, denn wir waren in der Küche, nahm die Ratte dazwischen und begann sie ein wenig zu sengen, nachher sollte sie dann geteert werden. Aber das Sengen erweckte die ganze Kraft der Ratte, und mit einem verzweifelten Ruck entwand sie sich der Feuerzange und fuhr geschwind unter den Tisch. Wir machten Jagd auf sie, aber sie fand irgendwo ein Loch, schlüpfte hinein und war uns aus den Augen, eh' wir’s uns versahen.

„Vater", sagte ich, „Du hättest mir die Ratte lassen und sie mit Deinem Wachsstock sengen sollen!"

„Das ist freilich wahr! aber warum hast Du mir das nicht gleich geraten? Jetzt ist es zu spät."

„Und sieh her, das Rattenloch führt gerade unter Dein Schlafzimmer. Lass uns versuchen, sie gleich mit Deinem Degen zu erstechen, sonst lässt sie Dich nicht schlafen.“

Zuerst wollte mein Vater den Degen nicht hergeben, endlich gab er nach, aber es half uns nichts, wir konnten die Ratte nicht erreichen, und wirklich sie hauste grade unter den Bohlen, auf denen meines Vaters Bett stand, und kratzte und nagte die ganze Nacht, es war nicht zum Aushalten. Vergebens hoffte mein Vater, sie mit Pochen zu vertreiben; wenn er den Stiefelknecht ruhen ließ, fing der böse Feind sein Geknapper wieder an, und so ging es Nacht für Nacht. Es musste eine große Maßregel ergriffen werden, und sie ward ergriffen. Der Zimmermann Niclas Pens' verstopfte zuerst den Ausgang der neuen Rattenwohnung unter dem Küchentisch, alsdann wurden die Katzen im Schlafzimmer versammelt, sie krochen unters Bett, das auf die andre Seite gerückt wurde und unter dem Fenster zu stehen kam, und Niclas Pens' riss die Bohlen auf. Wie aus der Pistole geschossen fuhr die Ratte heraus, sprang auf das Bett und flog mit einer solchen Gewalt gegen die Fensterscheibe, dass Glas und Ratte zusammen auf den Hof hinausfielen. Zu ihrem Unglück lag Milord der Hühnerhund nicht weit davon in der Sonne, sonst wäre sie allen Anstalten zu ihrem Untergange mit einem kühnen Sprunge entronnen.

„Wir haben kein Glück mit Deinen Ratten!" bemerkte mein Vater.

„Aber beide waren hübsche Tiere", erwiderte ich, „und die letzte tapfer, wie ein Löwe."

Niclas Pens' schlug die Dielen wieder fest und ich musste den Glaser aus Bobbin holen.

Und was wurde aus den Ratten?

Wir wissen nicht, aus welchem Grunde, genug sie entschlossen sich nach einiger Zeit zur Auswanderung, und die Leute wollten sie in langen Zügen haben aufbrechen sehn. Niclas Pens' sagte: „mit den Franzosen wären sie gekommen und mit den Franzosen gegangen!“

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Ruge, Arnold (1802-1880) in Bergen auf Rügen geborener Schriftsteller, Verleger und Politiker

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Die gewöhnliche Hausratte (Mus Rattus)

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Die gemeine Feldmaus (Arvicola arvalis)

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Die Hausmaus (Mus Musculos)

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Die Wanderratte (Mus decumanus)

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Die Zwergmaus (Mus miuutus)

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Waldmaus und Brandmaus

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Wasserratte (Hypodaeus amphibius)

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