Aus früherer Zeit. Band 1 - Kindheit. 04. Die Kinder und die Tiere.

Schwedisch-pommersche Zustände auf der Insel Rügen
Autor: Ruge, Arnold (1802 in Bergen auf Rügen-1880 in Brighton) Schriftsteller. 1848/1849 Angehöriger der Frankfurter Nationalversammlung, Vertreter der demokratischen Linken, Erscheinungsjahr: 1862

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Insel Rügen, Tromper Wiek, Heimat, Ostsee, Heimatinsel, Strand, Meer, Fischer, Bauern, Landleben, Franzosenzeit, Sitten und Bräuche, Jugenderinnerungen, Schwedenzeit
Die Herde wird wohl für jeden Wanderer durch die Alpen ein bedeutendes Bild. Doch Kinder zieht ein viel stärkerer Zug zu den Tieren hin, als uns Erwachsene. Lust und Heiterkeit belebt sie, wenn sie diese sonderbaren Gestalten vor sich sehen. Und wenn sie ihre Töne ohne Mühe nachäffen, tun sie's meist mit einem Lächeln, als fühlten sie sich über solchen Ausdruck der Seele weit erhaben; denn sie kennen der Mutter seelenvolle Menschenstimme und kommen aus dem Geistestempel der Sprache; eben so muss ihnen jede Tiergestalt drollig erscheinen, weil sie das Bild des Menschen im Sinne tragen.

2. Nicht dass sie darum die Vorzüge der Tiere nicht anerkennen sollten, wie den Flug des Vogels und den schnellen Lauf des Hasen; o nein, sie schätzen sogar viel geringere Vorzüge ihrer drolligen Gespielen.

3. So kam ich einmal mit einem Knaben von etwa 9 Iahren zu einer ernsthaften alten Dame, die ein Pincherhündchen hielt. Der Knabe nahm großen Teil an dem Hunde, und die Alte gab ihm einige Bissen, ihn zu füttern. Das muntre Tierchen stellte sich vor seinem Wohltäter auf und wedelte erwartungsvoll mit dem Schwanze. „Ach!" rief der Knabe aus, „hätt' ich doch auch so einen Schwanz zum Wedeln!" So sehr gefiel ihm dieser ausdrucksvolle Pincherschwanz! Die Alte aber wusste sich vor Lachen nicht zu lassen, und erinnert sich noch oft dieses närrischen Wunsches.

4. Menschen freilich, denen der Hund näher steht, als er sollte und denen das Hündische eine Tugend zu sein scheint, die man nicht genug nachahmen könne, werden in mancher Lage ihres Lebens von dem Wunsche beschlichen werden: „o hätt' ich doch so einen Schwanz zum Wedeln!" Und wer hätte was dawider, wenn er ihnen wüchse?

5. Mit den Hunden steht sich die Jugend in Deutschland gut. Die Jungen und die Hunde, die vertragen sich schon! sagt das Sprichwort; doch auf die Katzen wird alle mögliche böse Nachrede gehäuft, sie sollen falsch sein; und von vorneherein werden die Kinder dazu angehalten, ihnen einen Schabernack zu spielen, daher werden denn die Katzen weit mehr verfolgt, und sind viel wilder in Deutschland, als in Frankreich und England.

6. Mein Vater hatte einen Hühnerhund, der Milord hieß. Auf ihm ritt ich, ihn zäumte ich mir auf; er ließ sich Alles geduldig gefallen; ja, er knackte mir sogar die Nüsse auf. „Wenn er nicht eine große Freundschaft zu Dir hätte, so täte er das gewiss nicht", pflegte mein Vater zu sagen, „denn das schlägt gar nicht in sein Fach.“ Ich erinnere mich dieses geduldigen Spielkameraden noch sehr wohl.

7. Früher, als ich eben gehen gelernt, machte ich einmal auf eigene Hand einen ganz seltsamen Ausflug zu den Tieren. Meine Mutter und eine Freundin waren im Gespräch vertieft, die Tür stand offen; so wanderte ich hinaus. Auf dem Flur hörte ich ein Geschnatter, ein Gepatsche und Geplätscher, das mich anheimelte. Ich watschelte ihm nach und gelangte in die Küche. Diese war mit Steinen gepflastert, und eine weite Gosse führte auf den Hof. Hier fand ich die Enten im Wasser schnattern und patschen. Welch ein lustiger Anblick! Von Verlangen überwältigt, an dem Spiele Teil zu nehmen, setzte ich mich in meinem Sonntagsstaat von gelbem Nanking mitten unter sie; — niemand wehrte mir's, die Mägde waren in der Kirche; — und ich patschte mit den Enten um die Wette im Spülicht. Plötzlich hörte ich meine Mutter ängstlich rufen und überall umhersuchen: „Wo kann nur der Junge hin sein?" — Ich ließ mich nicht irre machen; solch' ein Fest wird Einem nicht zweimal geboten; aber als ich vor Vergnügen aufjauchzte, wurde ich entdeckt. Die beiden Freundinnen schlugen die Hände über den Kopf zusammen, als sie die Gruppe gewahr wurden; ich aber schlug so tapfer ins Wasser, dass sie ihre Not hatten, mich unbespritzt zu erreichen. Später wurde mir diese Auswanderung zu den Enten noch oft wieder vorgehalten, und mein Vater pflegte im Scherz zu sagen: vielleicht bedeute es, dass ich zur See ginge.

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Ruge, Arnold (1802-1880) in Bergen auf Rügen geborener Schriftsteller, Verleger und Politiker

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Landjugend, Kinder mit Hund

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Jungbauer mit Welpen

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Jungbäuerin

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Jungbauer

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Hühnerfüttern

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Jagdhund

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Landjugend, beim Eiertrinken

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Kinderfest

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