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Breslau, 13. Dezember 1846.

Große Freude hat in den hiesigen jüdischen Kreisen die Nachricht verbreitet, dass der wohllöbliche großherzogliche Gemeindevorstand zu Mannheim das Ansuchen der hochwürdigen Rabbinerversammlung ihre nächsten Beratungen in dieser Stadt abzuhalten, mit vieler Bereitwilligkeit entgegengenommen habe. Es ist dies ein neuer Beweis der Anerkennung für das Streben jener erleuchteten Männer, das jüdisch-religiöse Moment in seiner veredelten Gestaltung dem Bewusstsein seiner Bekenner zuzuführen; ein Beweis, dass die Teilnahme für die Regenerierung und Belebung des inhaltlichen Ausdrucks unsres Glaubens im Osten wie im Westen des deutschen Vaterlandes gleich starke Wurzeln geschlagen habe. Werden jene falschen Propheten, die mit so vieler Bestimmtheit der gedeihlichen Entwicklung der Rabbinerversammlung ein baldiges Ende voraussagten, jetzt zum Schweigen gebracht sein? Werden die Verdächtigungen, die Lästerung, und alle die lügnerischen Insinuationen, die den Beschlüssen jener Versammlung die moralische Kraft nehmen sollten, nun verstummen? Wir wissen es nicht! Das menschliche Herz hält nur zu oft mit so großer Tenazität an seinen Verirrungen fest, dass selbst die gerechteste Überzeugung es nicht von ihnen erlösen kann; aber mag immerhin die Verleumdung fortfahren, das edle Unternehmen mit ihrem Geifer zu besudeln; mag die herabgewürdigte Presse noch fernerhin im Solde der Finsternis verharren; das Volk ist nun einmal ans Licht herangetreten, der Lebensschlag der Zeit pulsiert nun auch in ihm, die Reform ist ein Bedürfnis der Notwendigkeit geworden, und das sind die unerschütterlichsten Stützen eines Instituts, das sich's zur Aufgabe gesetzt hat, der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen, und den Geist als den Beherrscher der Form anzuerkennen. —

Sehen wir nun, wie es mit der beabsichtigten Theologenversammlung steht. Wenn die teilnehmende Äußerung der dafür sich Interessierenden, das Gehaben eines Instituts bedingt, so fürchte ich, dass derselbe kein glückliches Geburtsfest feiern werde. Aus der großen Masse der Laien-Theologen haben sich nur sehr Wenige gemeldet, von den Rabbinern haben Einige ihre Zusage zurückgenommen, und doch gerierte sich die Theologenversammlung als das Organ des größeren Teils der Juden; sie wollte ja die konservative Partei repräsentieren, welche, wie behauptet wurde, Sitz und Stimme in dem eigentlichen Volke haben soll. Doch wir möchten nicht gern in denselben Fehler verfallen, den wir an Anderen rügten, und uns das zu Schulden kommen lassen, was wir so höchst verwerflich finden; wir können aber wohl aus wirklich vorhandenen Ursachen wenigstens wahrscheinliche Wirkungen folgern. Unsre Zeit ist eine materielle; sie kann und will sich nicht mit leeren Theoremen begnügen; was nicht mit den praktischen Grundsätzen des Lebens vereinbar ist, das weist sie als ein dem Bewusstsein der Gegenwart entfremdetes, als ein ihren Bedürfnissen unpassendes Moment von sich. Dieser Geist durchweht im Allgemeinen alle Schichten der Gesellschaft, so sehr verschieden auch ihr Beruf und ihr Bekenntnis sein mögen. Das Judentum ist aber durch die unendliche Kette traditioneller Eigentümlichkeiten so eng abgegrenzt, dass es bei jeder Annäherung ans Leben notwendig an seinen Eigentümlichkeiten einbüßen muss. Jedes Blatt in der Geschichte ist Zeuge von der Veränderung, die seit einigen Dezennien mit unseren Glaubensgenossen vorgegangen ist, und wollten wir es ferner der Macht der äußeren Umstände ganz anheimstellen, mit diesen Eigentümlichkeiten nach Belieben zu verfahren, dann möchten wir wiederum dem Indifferentismus zur Beute werden, dem wir kaum, durch die zweckmäßige Umgestaltung der jüdisch-religiösen Formen entronnen sind. Den Rabbinern ist die restringierende Gewalt genommen; sie werden den mächtig forttollenden Strom der Zeit nicht mehr hemmen; der gewandte Steuermann aber entledigt das vom Sturme hin- und hergeschleuderte Schiff von dem überflüssigen Ballaste, um es auf der wogenden Flut aufrecht zu erhalten. Das ist das Streben der Rabbinerversammlung; die Theologenversammlung will ein entgegengesetztes Verfahren versuchen. Die Zukunft wird's lehren, welches das Richtigere war. Die Gegenwart hat ihr Urteil schon gesprochen.