Zarncke, Friedrich (1825 in Zahrenstorf bei Brüel in Mecklenburg-1891 in Leipzig) Germanist

Aus: Das Magazin für Literatur. 60. Jahrgang, Nr. 43. Berlin
Autor: Florida, R., Erscheinungsjahr: 1891
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Biographisches, Nachruf, Mecklenburg, Zahrenstorf, Rostock Universität, Leipzig
Das deutsche Volk hat sich an einen bestimmten Typus von Gelehrten gewöhnt. Das ist ein weltunkundiger, sonderbarer Kauz, der über seiner spezialsten Spezialwissenschaft Freundschaft und Liebe und alle Welt vergisst. Er hat seine drolligen Eigentümlichkeiten, um deren willen er von seinen Schülern verspottet wird, er weiß sich im Leben nicht zurecht zu finden und wird darum von seiner Frau gegängelt und von fremden Leuten betrogen, und er spricht in einer eigenen seltsam fremden Sprache, die unwiderstehlich zum Gähnen reizt.

Ich weiß, der Typus lebt noch und lebt in vielen Exemplaren. Aber es ist nicht richtig, wenn man unter diesen Typus alles rubrizieren wollte, was auf den Kathedern seine Lehren verträgt. Es sind neue Typen erstanden oder man kann sagen, neue Individualitäten. Denn diese Vertreter der Wissenschaft sind von dem alten Typus ganz verschieden, und sie unterscheiden sich, wenigstens in ihrem Aussehen und Benehmen, in nichts von den Männern, die in Gesellschaft glänzen oder auf der Börse Geschäfte machen.

Der am 15. Oktober 1891 gestorbene Geheimrat Professor Friedrich Zarncke war einer der neueren Gelehrten, mit denen der volkstümliche Typus keine Ähnlichkeit hat. Er hatte nicht das Geringste, das man als Verschrobenheit hätte bezeichnen können. Der bewegliche, lebhafte Mann befand sich gleich wohl auf dem Katheder wie an der studentischen Biertafel, in Damengesellschaft, wie am Hofe. Groß und stattlich gewachsen, um den kahlen Vorderschädel einen Kranz schneeiger Haare, machte Friedrich Zarncke mit dem weißen Schnurrbart und den etwas ironisch zuckenden Mundwinkeln den Eindruck einer vollständig auf der Höhe der modernen Kultur stehenden Persönlichkeit. Seine Sprache war nicht ganz fließend, aber sie erging sich sehr oft in scharf zugespitzten Bonmots oder in humoristischer Kleinmalerei. Dazu war sie ungeheuer plastisch und wusste durch ihre Lebhaftigkeit reges Interesse für den behandelten Gegenstand zu erwecken.

Zarncke war im persönlichen Verkehr sehr liebenswürdig. Besonders aber nahm er sich aller derer sehr lebhaft an, von deren ernstem wissenschaftlichen Sinn er einmal überzeugt war. Mit den Mitgliedern seines germanischen Seminars blieb er auch außerhalb der gewohnten Stunden in fast freundschaftlichem Verkehr, und seine reiche Fachbibliothek stand jedermann zur Verfügung. Dazu hatte er für alle Fragen des Universitätslebens ein reges Interesse, und man konnte mit ihm darüber ein offenes Wort wie mit einem Kommilitonen sprechen.

Friedrich Zarncke wurde am 7. Juli 1825 zu Zahrenstorf bei Brüel in Mecklenburg als Sohn des dortigen Pastors geboren. Sein Vater erteilte ihm den ersten Unterricht, das Gymnasium absolvierte er in Rostock. Hier, sowie in Leipzig und Berlin studierte er von 1844 an alte und neue Philologie, 1847 erlangte er in Rostock die Doktorwürde. Es war für Zarncke von richtunggebender Bedeutung, dass er im folgenden Jahr, 1848, von dem Freiherrn von Meusebach, einem eifrigen Verehrer des deutschen Altertums, nach dessen Gut Baumgartenbrück bei Potsdam berufen wurde, um des Freiherrn germanistische Bibliothek zu ordnen. Hier fand Zarncke Mittel und Gelegenheit den ersten Grund zu seinem ausgedehnten Wissen auf dem Gebiete der Germanistik zu legen. Übrigens vermittelte er später den Verkauf der Meusebach’schen Büchersammlung an die Königl. Bibliothek zu Berlin.

Im Jahre 1850 siedelte Zarncke nach Leipzig über, und Leipzig ist von dieser Zeit an seine dauernde Heimatstätte geworden. Hier gab er sein „Literarisches Zentralblatt" heraus, jene Zeitschrift, die über alle Gebiete des menschlichen Wissens, soweit es in Büchern niedergelegt wird, kurze Referate bringt. Sechs Jahre, nachdem er sich an der Universität als Privatdozent habilitiert hatte, im Jahre 1858, erhielt er die Professur für die deutsche Sprache und Literatur.

Ziemlich vierzig Jahre hat Zarncke an der Leipziger Universität gewirkt. Auf den verschiedensten Gebieten der germanistischen Wissenschaft hat er Anregungen und Belehrungen gegeben wie wenige Männer seines Faches. Vor allen Dingen aber hat er durch seine Methode, durch die ganze Art seines Arbeitens ungeheuer segensreich gewirkt. Er war der erklärteste Feind aller romantischen und phantastischen Behandlung wissenschaftlicher Fragen. Unbedingte Gewissenhaftigkeit und Exaktheit hielt er für die erste Grundbedingung des Gelehrten. „Akribie" war sein Lieblingswort. An der Überführung der Wissenschaft aus dem Nebelreich aprioristischer Spekulation in die sichere Sphäre exakter Beobachtung und Durchforschung der Dokumente ist er in seinem Wissenszweige mit allen Kräften bemüht gewesen. Darin reiht er sich nicht unwürdig dem erlauchten Kreise der Liebig. Helmholtz, Virchow, Wundt und anderer an, die dem Geiste der Zeit folgend ihre Wissenschaft aus den Banden des Aberglaubens und der grundlosen Hypothesen herausrissen und auf den Boden der Tatsachen und der Erfahrung und Erforschung stellten.

So war Zarncke jedes unwissenschaftliche Phantasieren höchst zuwider. Wehe den jungen Studenten, die ihre Unkenntnis oder Nachlässigkeit durch geistreiche Phantasieen und glänzende Kombinationen verdecken wollten! Sie traf ein feiner, beißender Spott, dessen Stacheln einer nicht leicht vergaß, die jedenfalls aber gegen alle romantischen Schwärmereien sehr heilsam waren. Mit Wilhelm Jordan war Zarncke früher gut befreundet, jedoch mit dessen Auslegungen der Nibelungensage und der Edda hätte er sich niemals befreunden können.

Einen seltsamen Kontrast bildet Zarncke zu Wilhelm Scherer. Dieser, eine streitbare, energische Persönlichkeit, verstand es, durch sein sicheres Auftreten so zu imponieren und durch seine wunderbare Kombinationsgabe so hinzureißen, dass man, besonders als sein Schüler, jegliches kritische Urteil verlieren konnte. Auf eine Ungenauigkeit kam es ihm nicht an, und einer geistreichen Hypothese zu Liebe opferte er Exaktheit der Forschung. Ganz anders Zarncke. Sein Auftreten war immer zurückhaltend und vorsichtig. Niemals ließ er der Phantasie die Zügel schießen, niemals stellte er eine Behauptung auf, für die er die sicheren Beweise nicht hätte bringen können. Ich erinnere mich, wie schroff Scherer noch in seiner letzten Nibelungen-Vorlesung im Sommer 1880 die Behauptungen seiner Gegner und besonders Zarnckes von vorn herein verdammte. Damals hielt ich Zarncke für den winzigsten und beschränktesten aller deutschen Gelehrten. Ich hörte später, nachdem ich den Leipziger Germanisten schon längst schätzen gelernt, auch dessen Kolleg über das Nibelungenlied. Welcher Unterschied! Mit den vorsichtigsten Worten, mit dem ruhigsten Verstehenwollen prüfte er die Meinungen, die sich in dem großen Nibelungenstreit der fünfziger Jahre hatten hören lassen. Ja, was dem kritisch-wissenschaftlichen Sinn Zarnckes die größte Ehre macht, er hat sich immer mehr und mehr der Ansicht von Bartsch zugewandt, die er erst ebenso wie die der Berliner Schule bekämpft hat.

Es handelt sich bekanntlich in dem Nibelungenstreite um die Frage, welche der drei Haupthandschriften des mittelhochdeutschen Liedes die älteste und damit die wichtigste sei. Lachmann, der Berliner Germanist, war wie seine Nachfolger Möllenhoff und Scherer für die Hohenems-Münchener Handschrift, die man mit dem Buchstaben A bezeichnet. Dieselbe, welche verhältnismäßig kurz und abrupt ist, sei die ursprüngliche, nach der alle späteren bearbeitet und ergänzt seien. Dagegen waren Holtzmann und Zarncke für die Laßberger Handschrift B, die, als die ausführlichste und sorgfältigste, an Alter die anderen, welche Verstümmlungen von C seien, übertreffe. Der Streit wogte hin und her, jetzt, nachdem sich Zarncke selbst zu der Sankt Galler Handschrift B, für die Bartsch eintrat, bekannt hat, scheint er für die letztere entschieden zu sein.

Zarncke hat seine Ansichten über diese Angelegenheit in „Zur Nibelungenfrage" 1854 und in den „Beiträgen zur Erläuterung und Geschichte des Nibelungenliedes aus dem Jahre 1857" niedergelegt.

Indessen das ist nur eine Seite seiner umfassenden Tätigkeit. Zarncke war ziemlich vielseitig, er beschränkte sich nicht auf das ältere Gebiet der Germanistik, sondern er pflegte ebenso die neuere deutsche Literatur, und er war nicht nur auf dem Gebiete der Literatur, sondern ebenso auf dem der Sprache tätig. So arbeitete er an dem großen mittelhochdeutschen Wörterbuch, das der Professor Wilhelm Müller in Göttingen herausgab und dem der Nachlass von Georg Friedrich Bennecke zu Grunde lag. Zarncke hat die Buchstaben M bis R dieses ansehnlichen, mit dem Namen „Bennecke-Müller" bezeichneten Werkes bearbeitet, während ihn Krankheit hinderte, die mit S anfangenden Artikel, die er gleichfalls übernommen halte, zu bewältigen.

Den mannigfachsten Gegenständen hat Zarncke weiterhin sein Interesse gewidmet. Besonders verdient gemacht hat er sich um Sebastian Brants Narrenschiff, das er mit Einleitung herausgab. Er hat ferner Studien über kleinere Denkmäler, Muspilli, das altdeutsche Georgslied, die Trojanersage der Franken und andere geschrieben. 1865 erschien von ihm das Buch „Über den fünffüßigen Jambus, besonders bei Lessing, Schiller und Goethe". Auch mit dem letzteren hat er sich beschäftigt. Er hat die „Goethebildnisse" herausgegeben und ebenso eine Ausgabe von Goethes „Notizbuch von der schlesischen Reise" im Jahre 1884 veranstaltet. In allen diesen Werken leuchtet der Kernzug Zarnckes, seine schlichte Exaktheit, strahlend hervor.

Zarncke hat sich gelegentlich auch mit der Geschichte der Universitäten beschäftigt, und zuletzt hat er ein der strengen Wissenschaft ganz fernliegendes Buch „Aus dem Leben des Großvaters und dem Jugendleben des Vaters, den Geschwistern erzählt von Bruder Friedrich" in Manuskript gedruckt erscheinen lassen.

Das Leben der Gelehrten ist wohl mehr als das aller anderen Menschen Arbeit, rastlose, aufreibende, selbstlose Arbeit. Zarncke war bis zuletzt von geradezu staunenswerter Arbeitsamkeit. Er hatte außer den zwei Stunden Kolleg, die er täglich hielt, ein Seminar zu leiten, Doktor- und Staatsprüfungen abzuhalten, Seminararbeiten zu prüfen und das Zentralblatt, für das er sogar die Korrespondenz eigenhändig führte, zu redigieren. Und trotz dieser mannigfachen Tätigkeit war es ihm noch möglich, eine solche Menge den äußersten Fleiß erfordernder Bücher zu schreiben.

So steht Zarncke da als echter moderner Gelehrter, der sich dem Leben und der Zeit anpasst und dabei zugleich mit aller Aufopferung sich der Wissenschaft hingibt, die ohne Aufopferung nicht möglich ist. Er war ein Vertreter der exakten Forschung, und wenn er darin vielleicht bisweilen zu weit ging und über dem Einzelnen den großen geistigen Zusammenhang zu vernachlässigen schien, so war das nichts als die gesunde Reaktion jener alten philologischen Schule, die ohne feste Unterlage ins Blaue hineinphantasierte. Es ist wohl wahr, dass Exaktheit und fleißiges Sammeln von Dokumenten nicht allein ausreichen, um die Zeit zu fördern. Indessen die Gelehrten haben damit alles getan, was ihre Pflicht ist; die großen Finder und Erfinder werden dann das Material, das ihnen die Gelehrten herbeigetragen. zu ihren weltumgestaltenden Plänen benutzen. Es kann ein Gelehrter zwar zugleich einer jener phantasiebegabten Erfinder sein, aber er braucht es nicht. Für den Gelehrten kommt es darauf an, ruhig zu forschen und zu sammeln. Und das hat Zarncke getan.

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Zarncke, Friedrich (1825 Zahrenstorf bei Brüel in Mecklenburg-1891) Germanist

Zarncke, Friedrich (1825 Zahrenstorf bei Brüel in Mecklenburg-1891) Germanist

Rostock, Rathaus

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Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

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Rostock - Kröpeliner Tor

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Rostock, Lange Straße, Marienkirche in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts

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Rostock vor dem Steintor

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Rostock. 013 Marienkirche, Giebel des südlichen Querschiffs

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Rostock. 017 St. Marien-Kirche

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