Wunderbare Erlebnisse eines Knechts aus Alt-Krenzlin bei Ludwigslust in einer Fastnachtsnacht.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Von J. I. J. Giese zu Strohkirchen, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Alt-Krenzlin, Ludwigslust, Fastnacht, Fastnachtsbier, Branntwein,Fluchworte, Gastwirtschaft, Teufel, Ziegenbock, Klosterkrug, Picher
Es mag zu Anfang der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gewesen sein, als die jungen Leute in Alt-Krenzlin wieder, wie schon oft, ihr Fastnachtsbier hielten und lustiger und wilder denn je auf demselben lebten.

Wer sich nicht voll soff, war kein Mann und verdiente, nicht, mit den übrigen Knechten umzugehen; wer es aber allen Anderen zuvor tun konnte, war gern gesehen und Alle buhlten um seine Freundschaft. Ein solcher war Johann, der Großknecht des Hauswirts B. Er verstand sich nicht nur besser aufs Saufen denn Alle, die sonst noch da waren, sondern sein Maulwerk verstand auch besser mit Schimpf- und Fluchworten und mit unzüchtigen und garstigen Redensarten umzugehen, als das der Anderen. Er war der Held des Tages; wenn Andere einen Schnaps tranken, musste er zwei trinken etc.

Also ging es fort bis an den zweiten Tag, Abends 10 Uhr, wo Alle mit Schrecken gewahr wurden, dass das Branntweinfass leer sei und dass nun die Sauferei aufhören müsse, da in Krenzlin keine Gastwirtschaft war und dort andere Leute dieses Getränk nicht feil hatten.

Johann musste bestimmen, wie es weiter werden sollte; war er als Meister im Zechen zufrieden, so wollten es auch die Andern sein. Doch dieser wollte sich nicht geben, es müsse Branntwein sein, wenn man lustig leben wolle, weshalb sogleich zwei Knechte nach dem Klosterkrug in Picher sollten, um noch sechs Kannen vom „besten Ende" zu holen.

Von den anwesenden Knechten wollte aber keiner in der späten und dunklen Nacht den Tanzboden verlassen, um nach Picher zu laufen. Da musste endlich Johann sich bequemen, wollte er anders das gewünschte Getränk haben, und zwei der übrigen Knechte begleiten. Um 12 Uhr konnten sie wieder heim sein.

Als sie ihrer Drei das Haus verließen, sprach Johann in seiner übermütigen Weise: „Wenn nu dei Düvel Einen von uns hahlt, könn'n dei Twei doch seihn, wo hei mit emblifft!"*)

*) "Wenn nun der Teufel Einen von uns holt, können die Zwei doch sehen, wo er mit ihm bleibt!"

Diese Worte schienen ihm jedoch aufs Herz gefallen zu sein, denn wider seine Gewohnheit ging er hiernach ruhig neben seinen Kameraden dahin, bis sie in Picher anlangten.

Im Klosterkrug lud jeder ein Lägel**) mit zwei Kannen Branntwein auf seine Schulter, um alsobald den Heimweg wieder anzutreten. Johann tat dasselbe. Wieder unterwegs blieb er aber nicht mehr bei seinen Gefährten, sondern ging etliche Schritte hinter ihnen her; bald trennte ihn ein größerer Raum von ihnen; endlich hörte er sie nicht mehr. Diese jedoch waren zurückgekommen, sich nach ihm umzusehen, da sein Benehmen ein sonderbares, gegen früher ein ganz anderes war. Auf ihr Befragen, Müdigkeit angebend, bat er, sich nicht nach ihm aufzuhalten. Allein jene, Alles für ihn fürchtend, beschlossen trotz seines Abwehrens bei ihm zu bleiben; waren sie ja doch schon über halb nach Hause.

**) Lägel, ein kleines Tönnchen.

Nicht lange hatten sie gegangen, als Johann schon wieder hinter seinen Gefährten zurückblieb. So lange diese ihn noch sehen konnten, schritten sie ruhig vorwärts, als er aber ihren Augen entschwunden war und auf ihr Rufen keine Antwort erfolgte, kehrten sie aufs Neue um, ihn zu suchen. Diese Mühe war aber vergebens, denn so viel sie immer suchen und rufen mochten, Johann war und blieb verschwunden.

Betrübt kamen die Boten zurück zur Fastnachtsfeier, ihre traurige, Johann betreffende Mähre verkündigend, worüber Alles in die größte Bestürzung geriet. Sogleich aufbrechen und den Verlorenen nachsuchen, schien den Meisten das Beste; doch Andere, welche seine letzten Worte beim Weggehen wohl vernommen hatten, widerrieten, da solches in der Nacht doch zu nichts helfen würde, sie wollten lieber nach dem ersten Hahnenschrei, mit welchem alle höllischen Geister die Erde verlassen und in ihre eigentliche Behausung zurückkehren, die Nachsuchung beginnen, da ihnen sonst der Teufel wer weiß wie viele Schlingen legen könnte. Bald war man diesem Vorschlage beigestimmt.

Der erste Hahnenruf erschallte etwa um zwei Uhr vom Wiemen herab. Mit ihm war das Zeichen zum Aufbruche gegeben. Alles rüstete sich zur Abreise. Jedoch noch hatten die Vordersten die Türe nicht erreicht, als ihnen Johann, zwar leichenblass und an allen Gliedern zitternd, im Übrigen aber gesund und wohlbehalten, sein Lägel in der Hand entgegen trat.

Nun ging es an ein Wundern, und des Fragens an Johann wollte kein Ende nehmen. Johann aber schwieg von seinem märchenhaften Verschwinden wie das Grab, keine Silbe war hierüber aus ihm heraus zu bringen. Er wurde von nun an ein ganz anderer Mensch und den Anfang machte er sofort, indem er sein Lägel niedersetzend sagte: „Nu hollt Fastelabend so vähl Jie willt, ick äwa gah tau Hus!"*)

*) Nun haltet Fastnacht so viel Ihr wollt, ich aber gehe nach Hause.

Johanns Bekehrung war denn auch wirklich keine vorübergehende. War er vorher, der wildeste aller Knechte des Orts gewesen, wurde er jetzt gerade das Gegenteil. Zurückgezogen und still verlebte er die ersten zehn Jahre nach diesem Ereignis, keinen Tanzboden besuchend und überhaupt alle fröhlichen Gesellschaften so viel wie tunlich meidend. Darnach fing er zwar wieder an, fröhliche Gesellschaften aufzusuchen und sich die Tanzlustbarkeiten anzusehen, doch nie hat er wieder versucht zu tanzen, nie hat seine Lippe den Branntwein und seine Hand die Karte wieder berührt.

Als er sich in seinen alten Tagen freier über das Erlebnis jener Nacht ausgesprochen, da hat man auch von ihm erfahren, dass sein Zurückbleiben an dem so verhängnisvollen und doch so segensreichen Abend Anfangs nur Folge von Ermattung gewesen sei, dass aber darnach, als er seine Gefährten aus dem Gesichte verloren hatte, er unversehens, selber nicht wissend, wie es eigentlich zugegangen, auf einen Ziegenbock zu reiten gekommen sei, der ihn durch die Lüfte davon getragen habe. Hoch über den Kirchturm in Picher sei der Ritt hinweg gegangen und über alle die Orte, in welchen er als Junge, Klein- oder Großknecht schon gedient hatte, bis er sich endlich, aller seiner Jugendgebete sich wieder erinnernd, so herzlich und inbrünstig wie nie im Gebet zu Gott gewendet und alles Gute angelobt habe.

Als sein Gebet beendet, seien alle die Dörfer besucht gewesen, in denen er je gedient hatte, und in sausendem Ritte sei er mit seinem wunderbaren Reitpferde Krenzlin zugeeilt, wo eben vom Dorfe herauf der erste Hahnenruf an sein Ohr gedrungen sei. Bei diesem Geschrei sei der Ziegenbock aber, ihn eben nicht sanft absetzend, davon geeilt, worauf er so schnell wie möglich sich seiner Last, der zwei Kannen Branntwein, zu ledigen gesucht habe.

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