Wie die Mützermühle bei Parchim ihren Namen erhalten, und die weiße Dame daselbst.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Von H. H. zu Berlin, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Parchim,
Dort, wo östlich von Parchim die Tannen- und Buchen-Waldungen durch eine größere Ackerfläche unterbrochen werden, liegt im stillen Wiesentale, beiderseits von Hügeln eingeschlossen, eine einsame Mühle an dem Ufer eines sich langsam in manchen malerischen Windungen unter Gebüsch und Wiesenblumen dahinschlängelnden Baches, So nahe treten die Ausläufer der durch Mecklenburg sich hinziehenden Hügelkette an die bescheidenen Gebäude heran, dass man keine Ahnung von diesem Wohnorte hat, ehe man nicht nahe davor, aus dem Walde heraustretend, von den Hügeln hinab ins Tal sieht.

Wer ein Freund ist von der zauberischen Wirkung einsamer Orte des Waldes, dort wo unter frischgrünenden Bäumen der wandernde Botaniker die mannigfaltigsten Kinder der Natur findet, wo das Rauschen der Schritte im vorjährigen Laube nur durch die melodischen Töne der befiederten Waldbewohner unterbrochen wird, der sucht gern die Gegend auf, in der jene Mühle, langsam klappernd, durch den bescheidenen Bach am großen Wasserrade getrieben wird. Zwölf Jahre der Wohnsitz meiner Eltern, knüpfen sich an dieselbe meine Jugenderinnerungen, von denen noch manche nicht verklungen ist.

In vergangenen Zeiten, von denen die Chronik nur in der mündlich überlieferten Sage spricht, lebte dort eine Frau als Besitzerin der Mühle, die so sehr von der Gewohnheit beherrscht war, dass sie unter Anderem ungern eine neue Mütze — Haube — aufsetzte. In ihren alten Tagen war dies in noch größerem Maße der Fall, und fast kam die allbekannte Mütze nicht mehr von ihrem grauen Kopfe, sodass man schon bei ihren Lebzeiten wohl „Frau Mütz" sagte. Und als nun der Nachfolger dies wichtige Erbstück, an dessen Aufbewahrung sich der Glaube eines schirmenden Kleinods knüpfte — nach anderen Berichten, aus Spott — in seiner Mühle aufgehangen oder viel mehr festgenagelt hatte, konnte es nicht fehlen, dass der Name „Mütz" oder „Mützermühle" allgemein geltend wurde.

                              ********* II.********

In welchem Zusammenhange die Erscheinung der weißen Dame in Tannenwalde, unfern von dieser Mühle, mit der alten Frau ..Mutz" zu bringen ist, wird nie klar ausgesprochen, oder doch sehr verschieden gedeutet.

Schon lange hörte ich als Knabe von der Erscheinung, die sich zwar selten, aber einzelnen Personen um so bestimmter, gezeigt haben sollte. Das jugendliche Gemüt ist viel zu empfänglich für dergleichen Geistergeschichten, als dass dem Schreiber Dieses nicht die Hacken hätten etwas kurz werden sollen, wenn er, von der parchimschen Schule heimkehrend, bisweilen in der Dämmerung oder Dunkelheit den bestimmten Ort passieren musste.

Dieser heimliche Schauder sollte noch mehr Nahrung finden, als ich, etwa 14 Jahre alt, unfern bejahrten Gesellen bewog, als Augenzeuge mir zu sagen, was wahr au der Sage sei. Mich endlich still bei Seite nehmend begann er sichtlich ergriffen und mit gedämpfter Stimme:

„Ich kehrte eines Abends in der zwölften Stunde mit dem nun schon verstorbenen Jäger N. aus Parchim zurück. Unsere Unterhaltung bildeten Geistersagen, an die wir Beide damals nicht glaubten. In der Mitte jenes breiten Fußsteiges, der gerade auf die kleine aufgeworfene Erhöhung an den dichten jungen Tannen hinführt, wo der Sage nach die weiße Dame erscheint, machten wir Halt, um unsere Pfeifen wieder neu anzuzünden. Wer malt aber unsern bangen Schreck, als wir, wieder uns vorwärts wendend, die Erscheinung in geringer Ferne sehen! —

Guten Gewissens und selbander beschlossen wir uns näher zu überzeugen, ob auch Gesichtstäuschung unfern aufgeregten Sinnen etwas erscheinen ließe, das nicht vorhanden. Näher und näher rückend erkannten wir mit geöffneten Augen, aber beklommenem Herzen, immer deutlicher die schlanke, weiße, jugendliche Gestalt mit langem, aufgelöstem Haar, einen Gürtel um die Hüften, uns fest ansehend, wie auch wir kein Auge abwenden mochten. Kaum waren wir noch 10 Schritte entfernt, einen Augenblick zaudernd bei der Überlegung, ob wir noch weiter vorrücken sollten, als die weiße Dame unserm Gelüste dadurch ein Endziel setzte, dass sie, kurz sich umwendend, einige Schritte in das Dickicht ging und — verschwand.

Uns umfing ein unheimlich Gefühl; wir verdoppelten unsere Schritte und zeigten keine Neugierde mehr, und nie werde ich diesen Ort wieder in der Dunkelheit passieren."

So schloss er mit einem Ausdruck, an dem man die Wahrheit des wirklich Erlebten merkte; und das kann ich bezeugen, nie hat dieser Mann bei nächtlicher Stunde jenen Ort wieder betreten; entweder er kam, wenn er nach jener Richtung hin ausgegangen war, Abends früh nach Hause, oder er blieb bis zum nächsten Morgen fort.

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