Wer Plessenkirchhof zwischen Sternberg und Brüel.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 4
Autor: Von L. Kreutzer zu Parchim, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, von Plessen, Brüel, Tempzin, Bibow, Jessenitz, Sülten, Jesendorf und Hohen-Viecheln
Sternberg und Brüel gehörten vor Zeiten zwei Brüdern, den Herren von Plessen. Beide hatte unser Herrgott gleich reichlich mit irdischen Gütern bedacht. Auch an Kindern waren sie gleich gesegnet; denn jeder hatte zwei Söhne, die schossen auf, wie junge Eichen. Nur waren die des Sternbergers jeder gegen zehn Jahre älter, als die des Brülers. Es waren glückliche Leute, die Herren von Plessen, und die Freunde und Nachbaren wollten behaupten, am Tage der General-Austeilung müsse unser Herrgott den Herren von Plessen stets einen gehäuften Scheffel an Glück zugemessen haben, wenn andere einen gestrichenen empfangen hätten. Nun, irren ist menschlich und dass sie sich irrten, erfuhren sie bald.

Es kam nämlich eines Tages unser Herrgott mit einer bittern Heimsuchung über den Brüeler, so dass dieser meinte, mit seinem Glücke sei es aus und alle, und zwar auf immer. Sein Weib, die Mutter seiner beiden Söhne, fiel in eine schwere Krankheit; und ob er auch die Doktoren von weit und breit verschrieb, und ob er die Kranke auch noch so ängstlich hegte und pflegte, und ob er auch weinte und betete früh und spät — er musste ihr die Augen zudrücken, und dann dauerte es noch einen Tag oder drei, da folgte er ihrem Sarge, und war kein Mensch, der ihn trösten konnte. Da sagten die Leute: „Er machts nimmer lange, der gute Herr. Er sieht so gar bleich aus, und die selige Frau holt ihn nach, denn sie hat ihn so lieb gehabt." Und die Dienerschaft sagte: „Der arme Herr muss vergehen mit der Leiche, denn seine Tränen haben ihr Antlitz genetzt."

Und so kam es. Der Herr wurde bleicher und bleicher, und als im Sommer darauf das Gras geschnitten wurde, und der Roggen reifte, da sprach er: „Ich fühl's, mein Leib ist ein überreifer Ährenhalm, ein welkendes Gras, und unser Herrgott wird mich schneiden und in die ewigen Scheuren sammeln." Er ließ den Bruder rufen, der musste ihm heilig versprechen, dass er sich seiner Waisen väterlich annehmen wolle, dann verschied er. Und die Leute sagten: „Gott hab ihn selig, den braven Herrn!"

Als der Sternberger den Bruder zu Grabe geleitet und ihm das letzte Vaterunser nachgebetet hatte, nahm er die beiden Waisen bei der Hand und führte sie nach Sternberg auf sein Schloss. Dort wollte er sie mit den eignen Söhnen erziehen, so hatte er's dem Toten versprochen. Aber so ist's: „Versprechen und nicht halten steht bei Jungen und Alten”, und die Rostocker Jungen sagen: „Sie halten's nicht." Und wer sein Versprechen vergaß, war Herr von Plessen.

Er war nämlich einer von denen, die am ersten Januar wenig beten, aber viel rechnen und am 31. Dezember nur rechnen und gar nicht beten. Darum betete er nimmer für seine Neffen, obgleich er doch dazu schuldig und verbunden war. Wohl aber rief ihr Anblick allerlei Rechenexempel in ihm hervor, die weit über die Brüche hinausgingen. Davon lautete das eine etwa so: „Vier Erben sollen sich in zwei Städte teilen, macht auf jeden eine Stadt, und zwei erhalten nichts. Die zwei sind meine Neffen." Das Fazit war heraus, aber er war sich nicht klar über die Auflösung, das heißt, wie er das Erbe der Waisen mit einem Schein des Rechten an sich bringen und doch bei keiner Seele einen Verdacht erregen wolle. Und er rechnete Weiter. Aber dann wurde es ihm blutig vor den Augen, und in der Nacht darauf träumte ihm von Mord und Totschlag und von seinem seligen Bruder. Mit der Zeit jedoch verlor sich das, und die allerkühnsten Auflösungen machten ihm keine Molesten mehr, und da dauerte es nicht gar lange, da hatte er Alles herausdividiert, was und wie er's wollte.

Nicht weit von Sternberg war ein dichter, wilder Forst. Herr von Plessen ließ in demselben eine Umzäunung herstellen, etwa wie sie unsere Imker*) um die Bienengärten haben, nur
höher und stärker. Dahinein aber wurden keine Bienen getan, sondern nichts mehr und nichts weniger als ein paar grimmige Bären.

*) Bienenzüchter

Seit einigen Tagen war der Onkel gegen seine Neffen die lautere Freundlichkeit selbst gewesen, und eines schönen Morgens lud er sie gar mit seinen beiden Söhnen zu einem gemeinschaftlichen Spaziergange ein. Er und die Söhne bestiegen die wildesten schnellsten Pferde, und die Kleinen, noch zu jung zum Reiten, sprangen munter nebenher. Sie näherten sich der Umzäunung — und die gefangenen Bären waren wütend vor Hunger. Da legten die Söhne des Sternbergers die Hände an die Umzäunung, ein Ruck, und ein Teil derselben stürzte zusammen. Grimmig stürzten die Untiere aus ihrem Gefängnisse und warfen sich wütend auf die Kleinen, während die Mörder auf ihren wilden Rossen davonjagten. Das war die Auflösung des Rechenexempels, das dem Sternberger lange den Kopf zerbrochen und das Gewissen gepeinigt hatte. Und dennoch war sie falsch die Auflösung.

Noch hatte das Pferd des Alten keine zehn Sprünge zurückgelegt, da bäumte und wandte es sich, und es wollte diesen bedünken, als würde es von unsichtbarer Hand gewaltsam herumgerissen. Dabei fiel sein Blick auf die Kleinen. Diese lagen und hielten sich fest umschlungen, und vor ihnen stand ein steinalter Greis, der hielt mit der Rechten den Bären seinen weiten Mantel entgegen, und diese wüteten und tobten wider denselben und konnten ihn so wenig durchbrechen, wie die Fliege eine Felswand. Und die Linke hielt er drohend gegen den gottvergessenen Oheim ausgestreckt, und er rief ihm Worte zu, die klangen ihm wie Donnergrollen und Sturmesbrausen in die Ohren, die klangen wie die schrecklichsten Flüche. Alles, was der Sternberger verstehen konnte, war, dass seine Söhne in einer Stunde und auf derselben Stelle um's Leben kommen würden, wo er die unschuldigen Neffen habe morden wollen. Dann wandte das scheue Tier sich wieder herum und stürmte in wilder Flucht den beiden andern Reitern nach.

So kam er auf sein Schloss. Alle Knechte wurden aufs schleunigste bewaffnet, um die Knaben zu retten. Der Ritter selbst an der Spitze eilte dem Haufen voran. Aber die Knaben waren verschwunden, und es war nicht die geringste Spur von ihnen aufzufinden.

Herr von Plessen war untröstlich, der verlornen Kinder wegen, wie die Leute glaubten! Aber die Donnerworte des Greises waren's und der Mord, was ihn beunruhigte und ihm wie glühendes Eisen auf Herz und Gewissen lastete. Bei Tage trieb's ihn vom Schloss ins Feld und vom Felde ins Schloss, und in der Nacht durfte der Nachtwächter sich nimmer ein Schläfchen erlauben, er wäre vom gnädigen Herrn ertappt worden.

Das ging ein Jahr um das andere so fort. Aber „Alles hat seine Zeit", sagt der weise Salomo. Jedes Jahr goss einige kühlende Tropfen auf das Gewissensfeuer des Sternbergers, bis es endlich erloschen und ihm wieder wohl war. Auch die Söhne taten ihr Möglichstes, den Vater zu beruhigen. Alles was er damals im Walde gesehen und gehört haben wolle, sei pure Einbildung, sagten sie ihm, und, er glaubte es gern, weil er's so wünschte.

Es kam nach und nach die Zeit heran, da er jedem der Söhne einen Teil des väterlichen Gutes zuzuteilen gedachte. Er machte sich mit ihnen auf den Weg nach Brüel, denn das brannte ihm auf dem Herzen, und er wäre es gerne los gewesen, je eher, desto lieber. Gleich hinter Sternberg erhob sich ein Streit zwischen den Brüdern, der wurde ärger und ärger — und sie näherten sich der alten Umzäunung mit jedem Schritte. Plötzlich flogen die Klingen aus den Scheiden, und ehe der Alte dazwischen treten konnte, sanken beide durchbohrt von den Pferden. Da durchzuckte den Alten ein Schmerz, dass das eingeschläferte Gewissen mit einem hellen Aufschrei emporfuhr. Aber von nun an entschlummerte es nicht wieder, sondern blieb wach, und das war des Ritters Glück.

Die Söhne wurden dort begraben, wo sie gefallen waren, nämlich etwa zehn Pferdelängen von den Trümmern jener heillosen Umzäunung. Drei junge Eichen, von des Vaters eigner Hand gepflanzt, bezeichneten die Gräber. Dorthin wanderte der kinderlose Vater tagtäglich, und war kein Unwetter, das ihn zurückhielt. Was er dort getan? Wer weiß es! Aber wie er so ein Jahr um das andere zu den drei Eichen pilgerte, konnte man's merken, wie das harte Herz des stolzen Mannes weicher und milder wurde. Der Schmerz des Gewissens legte sich; aber nicht, weil es von neuem eingeschläfert wurde, sondern weil seine Wunden heilten. Denn der alte Herr hatte das rechte Heilpflaster gefunden — Reue und Glauben.

Eines Tages, stand er wieder am Grabe seiner Söhne. Es war am Jahrestage ihres Todes, und sein Herz war bewegter denn je. Er gedachte der Söhne, aber mehr noch der gemordeten Neffen. Da trat ein Greis hervor mit zwei kräftigen, blühenden Jünglingen zur Seite. „Kennst Du diese?" fragte freundlich der Greis. ,,Es sind Deine Neffen. Nimm sie zurück; Du hast gebüßt, und Gott ist barmherzig." Der Greis verschwand.

Und wie der alte Herr die Jünglinge anschaute, da wurde es ihm licht vor den Augen, und er erkannte die totgeglaubten Neffen. Diese aber wunderten sich über den altgewordenen Oheim, denn sie glaubten aus einem langen schönen Träume zu erwachen, den sie noch gern, wer weiß wie lange, geträumt hätten. Aber da sie ihre eignen Gestalten betrachteten, und der Oheim ihnen so gar Vieles erzählte, was sich in der Zeit ihres vermeintlichen Schlafes ereignet hatte, und sie Alles verändert fanden — da überzeugten sie sich, dass es pure Wirklichkeit gewesen war, was sie für einen Traum gehalten hatten.

Der Onkel nahm mit tausend Freuden die Neffen zu sich und hielt sie wie seine Kinder, und ehe er sein Haupt niederlegte, gab er dem einen Sternberg und dem andern Brüel.

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Der Wald ist verschwunden, nicht aber der Plessenkirchhof, wie die Leute die Ruhestätte der beiden gefallenen von Plessen nennen, und der noch heute durch die drei Eichen bezeichnet wird, die einst die beiden Gräber schmückten.

Der brüler Plessen wurde später auf einer Wallfahrt nach Jerusalem von den Sarazenen gefangen. Die Seinen hielten ihn längst für verloren, da brachte ein Pilger, ein Brüler, Nachricht, dass er noch lebe und dort und dort in Gefangenschaft schmachte. Er wurde von den Verwandten um ein hohes Lösegeld freigekauft und sah glücklich sein Vaterland wieder. Aus Dankbarkeit gegen Gott erbaute er sieben Kirchen, die zu Brüel, Tempzin, Bibow, Jessenitz, Sülten, Jesendorf und Hohen-Viecheln.

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