Welchen Einfluss hat die Natur auf die Entwicklung des Volkscharakters und Volkslebens?

Archiv für Landeskunde in den Großherzogtümern Mecklenburg und Revue der Landwirtschaft. Band 4 (Des Mecklenburgischen Gemeinnützigen Archivs Neue Folge)
Autor: Boll, Ernst (1817-1868) Mecklenburger Privatgelehrter, Naturforscher und Historiker, Erscheinungsjahr: 1854

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Kulturgeschichtliche Entwicklung, Bodenbau, Geologie, Ostsee, Meer, Küste, Tiefland
Unter dem Titel: „Deutschlands Boden, sein geologischer Bau und dessen Einwirkung auf das Leben der Menschen" ist so eben ein Werk von B. Cotta erschienen, worin derselbe die Geologie in eine früher freilich schon von andern angedeutete, aber noch nicht gangbar gemachte Bahn hineingeführt und damit dieser schon so interessanten Wissenschaft wiederum eine neue Beziehung gegeben hat, durch welche den Jüngern derselben abermals eine reiche Quelle des Genusses und der Erkenntnis dargeboten wird. Über den Zweck seines Werkes spricht Cotta sich selbst in der Einleitung dahin aus, dass er keineswegs beabsichtige, eine populäre Darstellung der Wissenschaft von dem inneren Bau der Erde zu geben, da derartige Werke schon in mehr als hinreichender Anzahl vorhanden seien, sondern vielmehr die Zugänglichmachung und Ausnutzung der Geologie für eine bestimmte andere Wissenschaft, nämlich: den Einfluss des inneren Erdbaus auf das Leben nachzuweisen. Er stellt sich also eine ähnliche Aufgabe, wie der berühmte Geograph Ritter sie sich gestellt hat, indem dieser den Einfluss der äußeren Bodengestaltung auf die kulturgeschichtliche Entwicklung der Völker darzulegen suchte.

Dass Cotta als Beispiel, an dem er die Entwicklung seiner Ideen zuerst zu zeigen versuchte, gerade das ganze Deutschland wählte, schien mir auf den ersten Augenblick sehr bedenklich, weil die Zersplitterung dieses Landes und der Mangel an Einheit in seiner Bevölkerung eine Zentralisation des geistigen Lebens in demselben verhindert hat, was nicht allein in politischer und religiöser Beziehung, sondern auch in wissenschaftlicher Hinsicht von den allernachteiligsten Folgen gewesen ist. Von allen Wissenschaften aber hat unter diesem Übelstand Wohl keine mehr gelitten, als gerade diejenige, mit der wir es hier zu tun haben, — die Geologie, bei welcher eine Zentralisation des Studiums vorzugsweise Not tut, und deren Mangel sich fast in allen Werken kund gibt, in denen man es unternommen hat, eine detaillierte geognostische Darstellung eines größeren deutschen Ländergebietes zu geben; derartige Arbeiten mussten aus zu ungleichartigen und in ihren, wissenschaftlichem Wert zu verschiedenen Vorarbeiten zusammengefügt werden, wodurch dem Wahren meistens eine dasselbe fast überwuchernde Menge von Irrtum beigemischt wurde.

Doch Cotta hat diese Klippe glücklich umschifft, indem er sich begnügt hat, nur eine ganz allgemein gehaltene Schilderung der geognostischen Verhältnisse Deutschlands, so weit dieselben bis jetzt mit Sicherheit ermittelt sind, nach den besten Quellen zu geben, was auch für den vorliegenden Zweck durchaus genügt, und wobei die speziellen wissenschaftlichen Differenzen fast gänzlich verschwinden. Seine Darstellung ist übersichtlich und lichtvoll und jedenfalls ein dankenswerter Beitrag zur allgemeinen geognostischen Orientierung im deutschen Vaterlande.

In der vorliegenden ersten Hälfte seiner Arbeit gibt Cotta zuerst S. 1—22 einige allgemeine Andeutungen über den Einfluss des Bodenbaus auf die Entwicklung des Menschengeschlechtes, wobei er von dem Grundsatz ausgeht, dass der Boden, d. h. die äußere und innere Statur desselben in Verbindung mit der Lage des Landes, die wichtigste Grundursache aller nationalen Verschiedenheiten bilde, — eine Behauptung, die ich meinerseits nicht so ohne weiteres unterschreiben möchte. Die große Ungleichheit in der physischen und geistigen Entwicklung der verschiedenen Nationen suche ich vielmehr in einer ursprünglich in dem Organismus der Menschen selbst liegenden Verschiedenheit, welche sich von Generation zu Generation forterbt, wie wir ja auch häufig genug im Kreise einzelner Familien besonders ausgeprägte Eigentümlichkeiten durch Generationen hindurch, und zwar unter den verschiedenartigsten äußeren Lebensbedingungen, forterben sehen. Est durans originis vis, sagt schon Tacitus, einer der größten Menschenkenner des Altertums, — und, wie ich glaube, mit vollem Recht. Was anders, als „des Ursprungs Kraft", sollte es z. B. wohl gewesen sein, was bei den über den ganzen Erdball verstreuten Juden den nationalen Typus seit Jahrtausenden erhalten hätte? Wenn ich daher den von außen her auf die Völker einwirkenden physischen Ursachen auch nicht mit Cotta die erste und wichtigste Stelle einräumen kann, so verkenne ich doch ihren bedeutsamen Einfluss keineswegs; sie treten nebst vielen anderen Einflüssen aber nur in sekundärer Geltung zu jener ursprünglichen Verschiedenheit hinzu und dienen dazu, dieselbe in ihren Einzelheiten noch eigentümlicher zu gestalten und abzuändern. Einseitiges Hervorheben der sekundären Ursachen kann nur auf Abwege führen; man ist zu derartigen Übertreibungen aber gar zu sehr geneigt, wenn es sich um die Entwicklung einer neuen Lieblingsidee handelt, und so fand ich z. B. noch kürzlich in einem Buche, welches über das Studium der Laubmoose handelt, fast das ganze Heil der Menschen von der Existenz der — Moose abhängig gemacht! — Man wird sich daher in Betreff der von Cotta angeregten Idee wohl damit begnügen müssen, diejenigen speziellen Fälle, wo die Einwirkung geologischer Ursachen in dem Völkerleben besonders ersichtlich und charakteristisch hervortritt, anzudeuten und zu erörtern, ohne jedoch aus diesen Einzelheiten ein allgemeines, in sich zusammenhängendes System ableiten zu können.

In dem zweiten Abschnitt S. 22—106 bespricht Cotta nun zunächst die Lage und den inneren Bau Deutschlands im allgemeinen, und zwar zuerst die hier vorkommenden massigen oder eruptiven Gesteine (S. 33 — 43), sodann die kristallinischen Schiefer- oder metamorphischen Gesteine (S. 43 — 47), darauf die geschichteten oder sedimentären Gesteine (S. 47 — 86) und endlich die Ganggesteine (S. 86 — 88). In jeder dieser Abteilungen werden die dahin gehörigen Gesteine ihrer geognostischen Reihenfolge nach zuerst kurz und treffend charakterisiert und sodann ihr Vorkommen in Deutschland ganz allgemein nachgewiesen.

Der dritte Abschnitt S. 166 ff. handelt über den inneren Bau der einzelnen Gebiete Deutschlands, wobei Cotta die Einteilung von norddeutschem Tiefland, gebirgigem Mittelland und Alpenland zu Grunde legt. Diese drei großen Gebiete werden sodann wieder in eine beträchtliche Anzahl kleinerer Bezirke abgeteilt und diese der Reihe nach hinsichtlich ihres geognostischen Baus geschildert, wobei zugleich die Einflüsse desselben auf die Bevölkerung desselben angedeutet werden; von diesem Teil der Arbeit liegt jedoch nur erst die Hälfte vollendet vor, es steht aber ein baldiges Erscheinen des noch fehlenden Teiles in Aussicht.

Es ist nicht meine Absicht, hier in eine spezielle Kritik dieser ganzen Arbeit einzugehen; ich habe vielmehr nur auf den darin behandelten interessanten Gegenstand aufmerksam machen und darauf hindeuten wollen, was der Leser etwa in dem Buche zu finden erwarten dürfe. Vielleicht möchte es aber für denjenigen Leserkreis, für welchen das Arch. f. L. bestimmt ist, nicht ganz ohne Interesse sein, Cottas Ideen in Bezug auf Mecklenburg noch etwas weiter ausgeführt zu sehen, als dies von Cotta selbst hat geschehen können. Denn bei der Größe des Gebietes, welches er zu schildern hatte, durste er bei den einzelnen Distrikten desselben nicht zu lange verweilen, und daher hat er denn auch Mecklenburg gemeinschaftlich mit Vorpommern nur wenige Seiten (S. 141 bis 146) widmen können. Wesentliche Irrtümer, wie sie leider in fast allen außerhalb Mecklenburg geschriebenen, dies Land gelegentlich mit besprechenden, allgemeinen Werken vorzukommen pflegen, sind mir bei Cotta nicht aufgefallen; nur einige Druckfehler kommen vor, wie §. 279 Pappentin statt Poppentin, §. 283 Lübthena st. Lübtheen und Finkenberg st. Timkenberg, — sowie auch ein mir gänzlich unverständlicher Passus im H. 276, wo von einem neuen Kanale die Rede ist, der die „Kracke (?) und durch dieselbe die Elbe mit der bei Wismar in die Ostsee mündenden (?) Stör verbinde". — Wenn ich nun aber in den nachfolgenden Zeilen dasjenige, was Cotta nur ganz kurz hat andeuten können, noch etwas weiter ausführen werde, so werde ich mir dabei zugleich die Freiheit nehmen, von einem allgemeineren Gesichtspunkte auszugehen, als dies von jenem geschehen ist, und mich nicht auf die Einwirkungen allein beschränken, welche die geognostischen Verhältnisse unseres Bodens auf die Entwicklung des Volkslebens gehabt haben, sondern ich werde die gesamten physischen Verhältnisse unseres Landes dabei berücksichtigen.

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Boll, Ernst (1817-1868) Privatgelehrter, Historiker. Mitbegründer der Naturforschung in Mecklenburg

Boll, Ernst (1817-1868) Privatgelehrter, Historiker. Mitbegründer der Naturforschung in Mecklenburg

Steilküste.

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Gespensterwald.

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Mecklenburger Ostseestrand im Herbst

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Sonnenuntergang in der Mecklenburgischen Schweiz. (Februar 2014)

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Steilkueste am Grosskluetzhoevd bei Boltenhagen, 2008 Autor: wikipedia, Ch. Pagenkopf

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Pilze satt, reiche Ausbeute in Mecklenburgs Wäldern. (Okt. 2013)

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Schweriner See bei Vicheln

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Schweriner See, Uferbereich naturbelassen

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Bernitt, Schwarzer See

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Crivitz, Stadtansicht mit See (Postkarte 1913)

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Boitin, Steintanz, großer Kreis

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Malchow, Luftbild

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Neubukow, Wallanlage auf dem Wallber

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Mecklenburger Wappen

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Penzlin, Stadt-See

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Peene, Bootshäuser

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