Warum die Stadt Hagenow keine Tore hat.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 4
Autor: Von L. Kreutzer zu Parchim, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Hagenow,
Das zu erzählen, bin ich dem geehrten Leser noch schuldig. Und Schulden sind ein Ungeziefer, davor habe ich Ehre und Respekt! Ich erzähle also, wie ich die Geschichte von Dreiers Großmutter gehört habe:

In ganz uralten Zeiten war Hagenow noch keine Stadt, sondern ein Dorf. Just wie noch heute die benachbarten „Griesen",*) waren die Einwohner treuherzig und arbeitsam, aber höchst unsauber und von Herzen klobig. Allein das änderte sich mit der Zeit. Es heißt wohl: „Wat einmal tau'n Backeltrog tohaugt is, ward in'n Leben kein Viegelin!"**) Das trifft jedoch nicht alle sieben Wochentage zu. Denn die Hagenower wurden mit der Zeit wohlhabender, dazu manierlicher, und da dauerte es nicht lange, da erhielten sie vom Landesherrn einen langen Brief mit einem gewaltigen roten Siegel, darin stand, dass Hagenow von nun an kein Dorf mehr, sondern eine Stadt sein sollte.

Was Bauern waren, wurden somit Bürger; der Schulze wurde Bürgermeister und der Krüger sein Ratsherr.

Den guten Hagenowern war wohl eine große Ehre zu Teil geworden, dergleichen hundert Dörfern in hundert Jahren kaum einmal passiert; aber hinterdrein folgte doch wie ein Kometen- oder Drachenschwanz eine lange Schleppe von Sorgen. Davon war eine nicht geringe die, woher die funkelnagelneue Stadt mit einem Tor zu versehen sei und zwar auf's Allerschleunigste. Denn so viel Einsicht hatte Allmänniglich von der Sache, dass es sich nimmermehr schicken wolle, die Stadt gleich den gemeinsten Dörfern noch lange der Tore entbehren zu lassen. Bürgermeister und Rat zerbrachen sich darüber die Köpfe, und die Bürgerschaft half getreulich mit.

*) „Die Grauen", die Dorfbewohner zwischen Neustadt, Hagenow, Lübtheen und Dömitz; also genannt, weil sich die Männer grau zu kleiden pflegen.

**) „Was zum Backtroge zugehauen ist, wird im Leben keine Violine!"


„Johann-Vetter", sagte der Bürgermeister zum ehemaligen Krüger, „Du bist Ratsherr, nun tu Deine Schuldigkeit und rate, woher nehmen wir wenigstens erst ein Tor? Morgen ist Sonntag, und die Bauern gehen zur Kirche. Wir müssen uns ja die Augen aus dem Kopfe schämen, wenn sie sehen, dass unsere Stadt den Dieben und Landstreichern offen steht, wie dem Fuchs ein unverschlossener Hühnerstall."

„Ginge es nach meinem dummen Verstande”, sagte Johann-Vetter, sollte morgen schon das Tor zur Stelle sein. Da hat der Schulze in Pampow vor seinem Hofe einen kapitalen Schlagbaum, ein wahres Prachtstück — so schier und glatt, als hätte ihn Jürgen Kröger sein Bolle geleckt, sage ich, Vetter. Der gäbe im Notfalle ein exzellentes Tor ab. Wie war es, Vetter Bürgermeister, wir haben just Neumond, und dunkel ist es über Nacht, und mein Fuhrwerk ist bei der Hand, — ich denke, krepieren wird doch der Schulze just vor Schreck nicht, wenn morgen früh sein Schlagbaum in die Fremde gegangen ist? und bankerott macht er auch nicht davon.”

Gesagt, getan. Den neuen Bürgern zum Glücke und dem Pampower Schulzen zum Unglücke war die Nacht pechrabenschwarz, wie weiland zur Zeit der neunten Plage in Ägypten. Und richtig, am nächsten Morgen stand ein prächtiger Schlagbaum vor der Stadt, und nun konnte doch des Nachts nicht jeder Landstreicher und Dieb stracks und stehenden Fußes in die Stadt rennen, sondern musste zum wenigsten unter oder über den Schlagbaum hinweg.

„Die Sonne bringt es an den Tag!" heißt es wohl. Diesmal tat es aber nicht die Sonne, sondern der Schnee, und zwar derselbe, der in besagter Nacht gefallen war. Denn als der Pampower Schulze am nächsten Morgen den Diebstahl und mit ihm die Spur im Schnee entdeckte, hatte er nicht Eiligeres zu tun, als den Dieben zu folgen. Und weil diese den Weg in die Stadt genommen hatten, so kam auch der Bauer dahin. Aber nur zuvörderst bis vor die Stadt kam er, denn da versperrte ihm ein prächtiger Schlagbaum den Weg, den er sonst dort nicht gesehen hatte.

Aufmerksam und wehmütig betrachtete er den schönen Baum, denn gerade so schön war der seine gewesen, der ihm gestohlen war. Und je mehr er ihn ansah, desto bekannter kam er ihm vor. Er rieb sich die Augen ein-, zwei-, dreimal, und als er zum vierten Male mit der verkehrten Hand darüber hinfuhr, da wurde es ihm sonnenklar, dass er gewiss und wahrhaftig vor seinem gestohlenen Baum stehe.

Er wandte sich schnurstracks an den Herrn Bürgermeister und erzählte, wie sein gestohlener Schlagbaum draußen am Eingang der Stadt stehe, und forderte denselben zurück.

Die Aussage des Bauern wollte dem Herrn absolut nicht einleuchten, und er zog sie etwas stark in Zweifel.

Da aber lief dem Schulzen die Laus über die Leber, und er sagte dem Bürgermeister, was er besser unterwegs gelassen hätte, was auch dem Herrn übel gefiel, und was sich von einem Untertanen nicht schickte, der Obrigkeit zu sagen.

Und weil er nun seinen Schlagbaum erst recht nicht zurück erhielt, ging er hin und klagte dem Herzoge die ganze Geschichte.

Rat und Bürgerschaft der neuen Stadt wurden vor den Landesherrn geladen, und der Bauer auch. Dieser klagte, der Bürgermeister wolle ihm seinen Schlagbaum nicht herausgeben, und der Bürgermeister erwiderte, der Schulze sei hundert Prozent über sackgrob geworden.

Darob sagte der Herzog: „Du, Schulze, der Baum ist Dein, damit hat es seine Richtigkeit. Aber Du hast der Obrigkeit gesagt, was sich nicht gebührt, und das hat nicht seine Richtigkeit; denn vor der Obrigkeit musst Du Respekt haben. Darum erhältst Du Deinen Schlagbaum nicht wieder zurück, und das von Rechtswegen! Und Du Bürgerschaft, darfst nicht langfingern. Und weil Du's getan hast, bleibt der Schlagbaum, wo er steht, und Hagenow soll zu allen Zeiten keine Tore, sondern Schlagbäume haben, und das auch von Rechtswegen!"

So kam der Bauer um seinen Schlagbaum, und die Hagenower erhielten, was sie wünschten, und beides von Rechtswegen.

Ob der Bauer sich einen Schlagbaum wieder angeschafft hat, weiß ich nicht; dass aber die Hagenower bis zu dieser Stunde keine Tore haben, das weiß ich.

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