Warum die Grevismühlener Krähen heißen

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 4
Autor: Von L. Kreutzer zu Parchim, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Grevismühlen, Heuernte, Getreideernte, Fuder, Weesbäume, Krähen
In uralten Zeiten kannten die Grevismühlener noch keine Weesbäume. Darum hatten sie ihre liebe Not, wenn Korn oder Heu eingefahren wurde. Sie konnten im Leben nicht viel mit einem Male fortbringen, und hatte der Fuhrmann etwas mehr geladen, als „Legg upp Lerre”,*) so ging mancher Halm verloren, und die Armen und Sperlinge standen sich gut dabei.

*) Eine Lage über der Leiter — Leiterbaum —.

Eines Tages kam ein Fremder in die Stadt und erzählte einem grevismühlener Stadtkinde, bei ihm zu Hause hätte man Weesbäume. Das seien Bäume beinesdick und etwa anderthalb mal so lang, als ein Erntewagen. Die würden, ganz gleich, ob Korn oder Heu, oben auf das Fuder gebunden. Dann gehe kein Hälmchen verloren, und wäre das Fuder auch wer weiß wie hoch und breit.

Das schrieb sich unser Stadtkind hinter die Ohren. Als nun die Ernte vor die Tür kam, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als bekannt zu machen, er habe ein Instrument erfunden, das leiste beim Einfahren des Kornes oder Heues gewaltige Dienste; man könne die Fuder so hoch laden, wie man wolle, und verloren gehe kein Spierchen. Er bestimmte einen Tag, an dem seine Mitbürger mit eigenen Augen die wundersame Erfindung schauen sollten.

Der bestimmte Tag kam heran, und was von den Grevismühlenern Beine hatte, eilte hinaus auf den Acker des Erfinders. Das Fuder wurde geladen, so hoch, wie die Grevismühlener noch keins gesehen hatten, und der Weesbaum hinaufgebracht.

Aber der kluge Erfinder band den Baum nicht der Länge nach aufs Fuder, wie's doch jeder rechtschaffene Christenmensch tut, sondern verquer, so dass die Enden des Baumes rechts und links vom Wagen abstanden, wie ein Paar ausgebreitete Riesenarme. Dennoch fanden die guten Grevismühlener Alles wunderschön, und freuten sich höchlichst über die Erfindung ihres Mitbürgers. Hinten und vorn fiel beim Fahren freilich noch ab und an ein Bündlein ab, aber in der Mitte lag's doch fest.

Die Fahrt ging ab, und das Fuder kam glücklich bis ans Tor. Da aber war Holland in Not — der Weesbaum wollte den Wagen nicht hindurchlassen. Da stand denn die ganze Bürgerschaft und ratschlagte, wie's nun müsste, und wie's nun werden solle, und die Herren Stadtrepräsentanten zerbrachen sich die Köpfe, und der Erfinder kratzte sich hinter den Ohren.

Stunde um Stunde verging, der Abend kam immer näher, und das Fuder hielt noch immer vor dem Tor. Einige von den Herren Repräsentanten schlugen schon ein verzweifeltes Mittel vor, das Tor nämlich auf den Markt zu verlegen, wo es sich sicher nicht schlecht ausnehmen werde, denn es war noch funkel nagelneu. Da flog eine Krähe vorüber und schrie: „Scharp, scharp, scharp vöhr! scharp vöhr!*) da legte, was der oberste Rathsherr war, den Finger an die Nase und sagte auf plattdeutsch — denn damals sprachen die Ratsherren noch plattdeutsch —: „Hollt still, dei Kreih hett Recht; scharp vöhr möht't."**) Und geht zu dem Erfinder und sagt: „Dei Kreih hett Recht; scharp vöhr möht't." Da geht auch diesem ein Licht auf, und er sagt: „Ja, Herr Ratsherr, sei hett Recht!"***)

*) „Scharf, scharf, scharf vor! Scharf vor!“ — das scharfe Ende vor.
**) „Haltet still, die Krähe hat Recht; scharf vor muss es.“
***) „Ja, Herr Ratsherr, sie hat Recht!“


Sogleich steigt er auf den Wagen und legt das scharfe Ende des Baumes vor. Und richtig! der Wagen fährt ohne Ruck und Zuck durch das Tor.

Als sie hindurch sind, nimmt der Ratsherr den Erfinder auf die Seite und sagt: „Meiste, ick as wohlweiser Rat der Stadt Grevsmählen frag Jug upp Juhg Gewissen: heft Jie dat Instrement von Behsbohm würklich sülfst erfun'n? Mie will't nich so vorkamen. Wohier süll't dei Krei süß weiten, dat 't scharp En'n vor möht, wenn sei't nich ein Stähr's seihn harr?" *)

Da erschrak der Erfinder und sagte: „Herr Ratsherr, wenn Sei mie so fragen, möht ick't seggen; ja, Herr Rathsherr, so iß't, un Sei hebben Recht!" " **)

Seit der Zeit werden die Grevismühlener Krähen genannt, und seit der Zeit legen die Grevismühlener den Weesbaum bis auf den heutigen Tag verlängs und nicht verquer auf's Fuder.

*) „Meister, ich als wohlweiser Rat der Stadt Grevismühlen frag Euch auf Euer Gewissen: habt Ihr das Instrument von Weesbaum selbst erfunden? Mir will's nicht so vorkommen. Woher sollte die Krähe sonst wissen, dass das scharfe Ende nach Vorn muss, wenn sie es nicht irgendwo gesehen hätte?"

**) „Herr Ratsherr, wenn Sie mich so fragen, muss ich's sagen; ja Herr Ratsherr, so ist es, und Sie haben Recht."
Getreideernte, ein Fuder Getreidegarben

Getreideernte, ein Fuder Getreidegarben

Getreideernte

Getreideernte