Warum die Bockuper bei Dömitz Kuckuke heißen

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 4
Autor: Von L. Kreutzer zu Parchim, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Dömitz, Bockup,
Eine Meile von Dömitz liegt mitten im schönsten Sande des südlichen Mecklenburgs das Dorf Bockup. Die Einwohner drinnen sind meistens aus einem eichenen Klotz gehauen, und ich für mein Teil möchte im Bösen mit keinem Bockuper zu tun haben. Der Kuckuk ist ihr geschworner Feind, der ruft alle Frühjahr ihr Gewissen wach, und ist's dem Leser darum zu tun, einmal ein richtiges bockuper Donnerwetter zu hören, so schimpfe er einen Bockuper nur Kuckuk, wahre jedoch seinen Rücken vor kalten Schlägen, die leicht hageldicht fallen könnten. Der Spottname aber kommt daher:

Es ist schon lange her, da hatten die Bockuper einen Schulmeister, der hieß Kuckuk. Der Schuldienst war herzlich schlecht, denn die Bockuper hatten ihrem Kuckuk ehrlich in der sandigsten Scholle das erbärmlichste Äckerlein zugeteilt, und bares Geld hatten sie selbst nicht.

Da war's denn kein Wunder, dass der arme Schulmeister schier zusammengetrocknet und spindeldürr war. Und als er in den Jahren war, die andere Leute die besten nennen, so gegen vierzig oder etwas darüber, da konnte der arme Kuckuk nicht anders sagen, als dass es seine schlechtesten seien, von wegen seiner gebrochenen Gesundheit, und seine letzten waren's auch.

Hunger und Kummer hatten gleich zwei harten Steinen seinen gebrechlichen Leib aufgerieben, und es dauerte nur noch eine gar kurze Zeit, da standen seine Schüler und Schülerchen um sein Grab und sangen: „Nun lasst uns den Leib begraben."

Den Sontag drauf kommt in einem Kaufmannsladen in Dömitz die Rede auf den verstorbenen Kuckuk, und ein Bauersmann, der aber nicht aus Bockup ist, meint in vollem Ernste, wenn er seine Schälung*) sagen solle, so glaube er sicher, dass die Bockuper ihren Kuckuk hätten tothungern lassen.

*) Ansicht, Meinung.

Wenn man von einem Wolf spricht, ist er oft nicht weit, und als sie noch so sprechen, geht ein Bockuper an dem Laden vorüber. Der Ladendiener, was ein rechter Hans Hasenfuß ist, gewahrt ihn und ruft: "Bockoppe, Bockoppe!"

„Hä?" sagt der und dreht sich mit halber Wendung herum.

„Ji hefft jo woll Jugen Kuckuk dodt hungern laten?"*)

Da macht der Bockuper einen Mordspektakel und sagt, das wären Lügen, und das der Schulmeister man knennlich**) von Natur gewesen war, das wäre nicht ihre Schuld gewesen, und Mancher könnte im Fett umgekehrt werden und würde doch nicht dicker.

*) „Ihr habt ja wohl Euren Kuckuk tothungern lassen?"
**) Zart gebaut.


Und so lärmt und rumort er, bis er die ganze liebe Dömitzer Jugend um sich hat. Und so oft Einer fragt: „Was ist los?", so oft heißt's: „Die Bockuper haben ihren Kuckuk todthungern lassen."

Bis endlich die liebe Jugend ein Einsehen tut und den armen Bockuper mit dem Geschrei: „Kuckuk! Kuckuk!" aus dem Tor und noch ein ganzes Stück über das Dömitzer Stadtfeld hinausbringt.

Seitdem werden die Bockuper splittertoll, wenn man sie Kuckuk schimpft, und wer's nicht glaubt, gehe nach Bockup und überzeuge sich mit seinem eigenen Rücken.

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