Warsows erste Glocke und die Blutstropfen auf derselben, zwischen Schwerin und Hagenow.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
Als das Christentum sich immer mehr in unserm lieben Mecklenburg ausbreitete, als die Tempel der Heiden immer mehr sanken und an ihrer Stelle sich christliche Kirchen und Kapellen erhoben, da begann auch die zwar sehr arme Christengemeinde in Warsow, voll gläubigen Vertrauens, sich ein kleines Gotteshaus zu bauen. Gerne hätte sie, als es fertig war, auch wie all die Kirchen der benachbarten Gemeinden, eine Glocke gehabt, doch sie war leider zu arm; ihr frommer Wunsch musste einstweilen noch unerfüllt bleiben.

Nach einigen Jahren aber schon war es den Bemühungen der Warsower Gemeinde im Vereine mit ihrem braven Geistlichen gelungen, soviel Geld zusammenzubringen — teils durch eigene Ersparung, teils durch die Hülfe des Landesfürsten und sonstiger wohlhabender Gönner und Freunde, — um sich eine kleine Glocke, die damals viel kostbarer war, als jetzt, anschaffen zu können.

Man trat also dieserhalb mit einem tüchtigen Meister aus Schwerin in Unterhandlung, den Guss der Glocke an Ort und Stelle vorzunehmen. Bald war man sich einig, worauf denn auch alsbald der Glockengießer mit seinem Lehrlinge und den nötigen Metallen und Werkzeugen in Warsow eintraf. Sofort errichtete er einen Schmelzofen und begann die Ausführung der Glockenform. Rüstig schritt die Arbeit vorwärts; nach einigen Tagen schon war sie soweit gediehen, um den Guss vornehmen zu können.

Mit Blitzesschnelle hatte sich die frohe Botschaft durch Warsow und die sonst noch nach dort eingepfarrten Ortschaften verbreitet. Und Alles strömt im Sonntagsputze, den Geistlichen an der Spitze, am Morgen des betreffenden Tages herbei, um Zeuge dieser für die Gemeinde so wichtigen Begebenheit zu sein.

In dichten Gruppen, mit ängstlich klopfenden Herzen und fromme Gebete für das Gelingen des Werkes zum Himmel sendend, umstand das Volk den Ort, wo der Guss stattfinden sollte. „Alles in Ordnung?" erscholl's endlich aus der rauen Kehle des Glockengießers, und ein ruhiges „Ja!" des Lehrburschen antwortete auf die Frage seines Meisters. Dieser schritt sodann an den Ofen; ein kräftiger Ruck, und feuerrot schoss der glühende Strom der Glockenspeise hervor und ergoss sich donnernd in die Lehmform.

Als das Erz erkaltet, wurde der Mantel gesprengt. Ein lauter Fluch des Meisters drang gleich darauf durch die lautlose Stille und verkündete dem Volke, dass der Guss missraten sei. Bald gewahrte auch Jedermann einen großen Riss in der Glocke, und stille und traurig ging die Menge auseinander.

Der Meister aber begann fluchend sofort wieder bei der Bildung einer neuen Form. Als dieselbe, nach Verlauf einiger Tage, wieder fertig, als das ängstlich harrende Volk sie wieder umstand, begann der neue Guss. Und der neue Guss misslang wieder; die Glocke zeigte diesmal einen noch größeren Riss und ein noch grässlicherer Fluch entströmte wieder den vor Zorn und Wut bebenden Lippen des Meisters, der Alles zurück lassend, Gott lästernd davon eilte.

Da trat der jugendliche Lehrling, eine edle Knabengestalt hervor und sich an die schaudernde Menge wendend sprach er also: „Vergönnt's mir jetzt, dass ich in Gottes Namen einen neuen Versuch mache und mit Seiner Hilfe einen dritten Guss wage!" Und Alles stimmte dem Lehrjungen bei, der so vertrauensvoll, so einfach und doch so erhaben gesprochen hatte und rief des Höchsten Segen und Beistand über sein Unternehmen hernieder.

Nach kurzer Zeit schon waren die Vorarbeiten glücklich beendet; mit größtem Fleiße, von des Morgens früh bis zum späten Abende war der unermüdliche Lehrling tätig gewesen. Und Alles rüstete sich schon auf den folgenden Morgen, wo, wie es hieß, der neue Guss vor sich gehen sollte; auch diesmal wollte wieder, wie die beiden ersten Male, die ganze Gemeinde dabei zugegen sein.

Doch als der Abend kaum dämmerte, da warf der Bursche schon das Erz in den Ofen, um es zu schmelzen. Noch in der Nacht wollte er den Guss vollziehen, damit wenn am Morgen die Leute kämen, die Glocke schon fertig sei. Und wie die Speise flüssig war, fiel der fromme Junge auf die Knie und flehte stille und ungesehen zum Allmächtigen, um Segen und Gedeihen. Denn, an Gottes Segen ist ja Alles gelegen! und das wusste, so dachte auch er. Und Gott der Herr sah gnädig hernieder auf den Betenden und erhörte sein Flehen.

Getrost und voll gläubigen Vertrauens, mit den Worten, „so gedeihe denn in Gottes Namen!" zog jetzt der Knabe den Hahn auf und ließ das flüssige Erz in die Form fließen. Als sie erkaltet, schwang er rüstig den Hammer. Ein freudiges Ah! entströmte bald seinen Lippen; denn herrlich und prächtig stand die Glocke da vor seinen entzückten Augen, ohne Makel und Fehler. Der Guss war nicht allein gut, er war vorzüglich geraten, und mit Recht konnte die Glocke als ein Meisterstück gelten.

Noch stand er da, im freudigen Betrachten seines Werkes versunken, als plötzlich und unerwartet sein Meister herzutrat. Kaum hatte dieser den gelungen Guss erblickt, als er auch schon wütend auf den armen Knaben lossprang. — Das hatte er nicht geahndet, daran hatte er nie gedacht, dass sein Lehrbursch selbst schon ein Meister, ja dass er tüchtiger als er selbst sei. — Neid und Hass kochte in seiner elenden Brust; außer sich vor Zorn riss er sein Messer aus dem Gurte und stieß es tief, tief ins reine Herze des Knaben. Hochauf quoll ein Blutstrahl, entseelt sang er hin über sein Meisterwerk und färbte es rot mit seinem jungen Blute. —

Der schändliche Mörder aber ergriff die Leiche seines kaum verröchelten, unschuldigen Schlachtopfers, trug sie hinaus an den nahen See und versenkte sie in seine Fluten, um sich so vor Nachstellung und Entdeckung zu schützen. Ohne zurück zu kehren in die Gießhütte eilte er dann schnell davon; denn schon war der neue Tag angebrochen und schon nahte in langem Zuge die Warsower Gemeinde, um dem Gusse der neuen Glocke zuzusehen, der nach ihrer Meinung ja jetzt erst beginnen sollte.

Wie erstaunten die guten Leute, als sie die Glocke schon fertig, so schön und gelungen dastehen sahen; aber sie war mit Blut bespritzt und überall außerdem noch Blutspuren! Dabei der Bursche verschwunden und Niemand zu finden!? — Bald jedoch schon sollten sie Aufschluss haben; denn konnte ihnen solchen auch kein Mensch geben, so geschah's doch durch Gott, durch den Mund der Glocke.

Trotz alles Reibens und Waschens war das Blut nicht von der Glocke zu vertilgen; es trat nur noch immer greller hervor. Deshalb musste man sie so nur endlich in dem schon fertigen Glockenstuhl aufhängen. Welch Staunen ergriff aber das Volk, als bei dem ersten feierlichen Geläute ihre eherne Zunge als menschliche Stimme erklang, als sie klagend sang:

      „Schaar iß't, schaar iß't,
      Dat de Leerjung dod iß
      Un in'n warsower See ligt!"*)

*) „Schade ist's, schade ist's,
Dass der Lehrjunge tot ist
Und im Warsower See liegt!"


Jetzt hatte man den grässlichen Aufschluss des Rätsels; die Glocke also war das Werkzeug Gottes, die zur Sühne des Mordes aufforderte! —

Sofort erhielt die Behörde Nachricht von Allem. Der Glockengießer wurde ergriffen und leugnete er auch wohl beharrlich die blutige Tat, so verriet ihn doch sein böses Gewissen. Bald empfing er den gerechten Lohn; sein Haupt fiel unter dem Beile des Henkers. —

Die Leiche des Gemordeten aber wurde wieder aus dem Wasser hervorgezogen und feierlichst auf dem Warsower Kirchhofe bestattet. Als das trauernde Volk die irdische Hülle des frommen Knaben in die kühle Erde gesenkt hatte, da ertönte zu seinem Ruhme, zu seiner Ehre und Erinnerung sein Meisterwerk, die Glocke, und entsendete so über seiner offenen Gruft ihr erstes Grab- und Trauergeläute.

Noch, heute befindet sich diese Glocke im Kirchdorfe Warsow; noch heute kann man die Blutspuren auf derselben sehen und durch ihr Geläute hindurch das alte Klagelied hören:

„Schaar iß't, schaar iß't“.

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Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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