Abschnitt 2

Der Oderbruch und seine Umgebung


Freienwalde


6. Hans Sachs von Freienwalde


Diese nahm ihn wieder auf, und wenn sein Wanderleben lyrisch-poetisch gewesen war, so genoß er jetzt des zweifelhaften Vorzugs, sich sein Daheimleben dramatisch gestalten zu sehn. An Effektszenen kein Mangel.

Die Personen, die bei diesem Drama mitwirkten, leben zu großem Teile noch, und so sind uns an dieser Stelle nur Andeutungen gestattet. Verlobungen aus Träumerei und romantischem Ehrbegriff, Trauungen auf dem Totenbette, rätselhafte Wiedergenesungen, Entsagungen aus phantastischer Opferfreudigkeit und Trennungen aus Liebe, dabei Armut in Reichtum und Reichtum in Armut, so jagen sich die wunderlichsten Szenen und Gegensätze, bis wir, nach einem Leben, das »den Roman auf seinem eigenen Felde schlägt«, unsern Freund in die einfachsten Verhältnisse zurückkehren und an der Seite der schlichtesten, aber besten Frau endlich Ruhe finden sehen.

Diese Ruhe indessen entbehrte der Sorge nicht. Schwere Zeiten kamen, und in diesen stillen und doch schweren Zeiten begann die Saite wieder zu klingen, die in den Jahren sich drängender Erlebnisse geschwiegen hatte. An der Drehbank, unter dem Surren des Rades, fielen mit den phantastisch gekräuselten Flocken auch wieder die ersten Lieder ab. Sie fanden freundliche Hörer, bald auch Leser, und jenen ersten Liedern sind seitdem andere gefolgt.

Wir wenden uns hier von unserm plaudernden Freunde, nach dessen Mitteilungen wir diese Skizze zu zeichnen versuchten, ab und statt dessen seinen Liedern zu.

In seiner ersten Sammlung, die den fast allzu poetischen Titel »Blumen der Wälder« führt, erblicken wir ihn nicht auf seinem eigentlichsten Gebiet, überhaupt aber mit einer Aufgabe beschäftigt, die schwerlich jemals von einem Dichter gelöst worden ist. Es handelt sich in diesen Liedern um eine Verherrlichung der Freienwalder Natur, und die ursprüngliche Absicht des Dichters scheint auf nichts Geringeres ausgegangen zu sein, als in einem wahrhaft beängstigenden Drange nach Vollständigkeit jeder Kuppe, jedem landschaftlichen Punkt einen poetischen Zettel umzuhängen. Das glückt aber nie. Eine solche Aufgabe ist unpoetisch in sich, und in derselben Weise, wie es unmöglich ist, auf sämtliche Schiffe der englischen Flotte oder auf sämtliche Regimenter der preußischen Armee einen Sonettenzyklus zu machen, so verbietet es sich auch, die weitausgespannte Freienwalder Landschaft Nummer für Nummer zu besingen. Der Verfasser scheint dies schließlich auch selber empfunden und den zweiten, bereits angekündigten Band, der weitere zwanzig Lieder bringen sollte, glücklich unterschlagen zu haben.

Was diesen »Blumen der Wälder« indessen einen Wert verleiht, das ist ein zufälliger, in gar keiner Beziehung zu dem übrigen Inhalt stehender Anhängsel, worin der Dichter unserm Altmeister Friedrich Rückert seine Huldigung darbringt. Dies Lied nennt sich »Meister Rückert und sein Lehrjunge« und ist ein sehr glücklicher Griff. Es ist frisch, natürlich, originell. Der geschilderte Hergang aber ist der folgende: Unser Freienwalder Freund hat vor, dem alten Rückert zu seinem siebzigsten Geburtstage in Versen zu gratulieren. Er schickt Frau und Kinder möglichst früh zu Bett und setzt sich bei der sprüchwörtlich gewordenen »Poetenlampe« nieder, um Gedanken und Reime zu Papier zu bringen. Aber auch Poetenlampen verzehren Öl, und die wackere Hausfrau stellt endlich von ihrem Bett aus ziemlich einschneidende Betrachtungen über diesen Gegenstand an. Endlich, auf der Höhe des Konflikts, tritt unser Dichter aus der Wolke des Geheimnisses heraus und erklärt, um was es sich handle. Nun wendet sich das Blatt. »Mit Vater Rückert ist das was andres«; über unsere Poetenfrau kommt ein wahrer Opfermut, und siehe da,

Als durchs Immergrün umschmückte
Niedre Werkstattfensterlein
Goldner Frühstrahl mich erquickte,
Schloß ihr Kranz mein Liedchen ein;
Schüchtern wag ich’s darzubringen –
Vieler Lied wird heut dir klingen,
Sinn’ger alle wohl wie meins,
Inn’ger aber doch wohl keins.

Dies Lied weckte unserm Poeten viel Freunde, aber was wichtiger ist, es stellte ihn und sein Talent an den rechten Fleck. Er selbst schon, in dunkler Ahnung davon, hatte diesem Liede das Motto gegeben: » Geh vom Häuslichen aus und verbreite dich, so gut du kannst, über die Welt.« Wie diese Worte Motto seines Liedes gewesen waren, so wurden sie nun der Leitstern für sein poetisches Schaffen überhaupt. Das Haus und sein persönliches Erlebnis innerhalb desselben, vor allem seine blonde Frau, in ihrer Schlichtheit und Tüchtigkeit, wurden der Mittelpunkt seiner Dichtung, und mit innigem Gefühl konnte er von jener singen:

Als Bestes wardst du mir gegeben,
Du, die nicht meine Lieder liest
Und dennoch Stoff aus ihrem Leben
In jedes meiner Lieder gießt.

Ein neuer Geist kam in seine Produktion, das Gezwungene fiel fort, das Natürliche trat an die Stelle, und ein Jahr später konnte er der Welt seine erste wirkliche Dichtung bieten. Sie führt den Titel »Die Braut des Handwerkers« und ist ein anmutiges Idyll, das uns, in fünf Kapiteln, vom Morgen bis zum Abend des Hochzeitstages geleitet. Alles, was uns ein Menschenherz lieb und wert machen kann, das klingt hier zusammen: Genügsamkeit, kindlich-einfacher Sinn, Liebe, Pietät und Gottvertrauen. Die ersten Gesänge, vielleicht die gelungneren, zeigen uns die Braut, wie sie das »eingebrachte Gespinst« vor dem Bräutigam ausbreitet, darunter auch ein Leinenstück, bei dessen Anblick ihr unwillkürlich die Tränen aus den Augen brechen. Es erinnert sie an ihre Kinderjahre, an den Tag, wo, nach Feuersbrunst und Not und Krankheit, die fleißige Hand ihrer Mutter das Garn zu diesem Stück zu spinnen begann. Sie entsinnt sich auch der Worte, die damals die Mutter zu ihr sprach, und sie wiederholt sie jetzt:

»Setz auf den Herrn dein ganzes Hoffen,
Laß nie von ihm bei andrer Spott;
Je mehr das Unglück dich betroffen,
Je inn’ger schließe dich an Gott;
Laß Fleiß durch deine Tage blühen,
Und heiter lächeln wird ihr Glanz,
Hoff und vertrau, auf Schweiß und Mühen
Legt endlich Gott den Segenskranz.
Es wird das Häuschen neu erstehen,
Wir werden es nach Gottes Rat
Im Schmuck der Reben wiedersehen –
Aus Tränen sprießt die Freudensaat.
Und nun, mein Kind, frisch angefangen,
Bring Arbeit mir ans Lager her,
Beim Schaffen haben Gram und Bangen
Auf unser Herz die Macht nicht mehr.«

Mit diesen Worten, die sich mehr denn einmal auch an unsrem Freunde selber bewährt haben, nehmen wir Abschied von ihm. Not und Sorge sind ihm reich aufgebürdet worden, und er liebt es wohl, nicht ohne einen leisen Anflug von Bitterkeit, sein Leben mit dem des Gellertschen Esels zu vergleichen, den alle drei Brüder benutzen und futtern sollten; »sie benutzten ihn auch alle drei, aber keiner futterte ihn«. Indessen, sei es drum. Ebender Segen der Arbeit, von dem jene Strophen sprechen, hat auch ihm über vieles hinweggeholfen; Humor und Dichtkunst haben ein weiteres getan und werden es ferner tun.

Vor allem aber möge ihm in Leben und Dichten der glücklich bescheidne Sinn verbleiben, der ihn an die Spitze seiner ersten Liedersammlung die Worte stellen ließ:

Wenn du auch nur Kleines leistest,
Wird dir’s doch zum Ruhm gereichen,
Wenn du nur dich nicht erdreistest,
Es dem Großen zu vergleichen.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Wanderungen durch die Mark Brandenburg, 2. Teil