Vom glücklichen Schuster.

Aus: Deutsche Märchen und Sagen
Autor: Wolf, Johann Wilhelm (1817-1855) Gesammelt mit Anmerkungen begleitet und herausgegeben, Erscheinungsjahr: 1845
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Märchen, Sagen
Es war einmal ein Schuster und der saß auf seinem Dreifuß und zog lustig seinen Pechdraht und pfiff und sang dazu. Da kam der Herr Jesus an seinem Hause vorbei und sah den fröhlichen Mann und setzte sich zu ihm hin und sprach: „Gott grüß euch, Schustermeister!"

„Schön Dank, Herr Wandersmann!" sprach der Schuster, denn er kannte den Herrn Jesum nicht. „Ihr scheint mir ein recht glücklicher Mann zu sein”, fuhr Jesus fort und der Schuster entgegnete: „Ei, was sollte mir auch fehlen? Gestern habe ich ein Paar Stiefel verkauft und von dem Gelde neu Leder und frisch Brot mitgebracht und morgen sind die Stiefel wieder fertig und da hab' ich wieder Verdienst; ist das kein glücklich Leben?"

„Doch”, antwortete Jesus, „aber hört einmal; ich muss heute noch fort von hier und hatte doch gern etwas, von eurer Hand gemacht; wollt ihr mir den einen fertigen Schuh verkaufen, ich will euch soviel dafür geben, dass ihr Leder für zwei und ein halb Paar kaufen könnt; seid ihr das zufrieden?"

„Ja, warum nicht?" sprach der Schuster, „ich bin euch viel Dank schuldig; aber was wollt ihr mit dem einen Schuh? Es ist ein gar wunderlicher Einfall von euch."

„Darum kümmert euch nicht”, entgegnete Jesus und nahm den Schuh und gab dem Schuster das Geld und ging seines Weges weiter.

Drei Wochen später kam der Herr Jesus desselben Weges um zu sehen, was der Schuster mache; aber in dem Schusterhäuschen war es so stille, so stille, wie in einem Mäuseloch. Das wunderte den Herrn Jesum sehr und er trat hinein und fragte den Schuster, warum er nicht mehr sänge. „Ei”, sprach der Schuster, „ich habe das Geld da liegen, was mir übrig blieb und was ich durch dich gewann, und sehe nun, dass meine Kinder keine Schuh noch Strümpfe haben und ich möchte sie ihnen doch so gerne kaufen; aber ich habe nicht genug und liegt das Geld so da, wie leicht könnte es mir gestohlen werden!"

„Wenn das deine ganze Sorge ist”, sprach Jesus, „dann will ich dir schon helfen”, und gab dem Schuster Geld, um Schuh und Strümpfe für die Kinder zu kaufen, und wünschte ihm einen guten Tag und ging seines Weges weiter.

Nach drei Wochen kam der Herr abermals in die Nähe des Schusterhäusleins und freute sich schon, den Schuster nun recht lustig wieder singen zu hören, aber darin betrog er sich, denn es war noch stiller in dem Häuslein als vorher. Erstaunt trat Jesus hinein zu dem Manne und fragte, was denn nun noch fehle; er sänge ja gar nicht mehr. „Ja, das dank dir der Gott sei bei uns”, fuhr der Schuster auf; „dein dummes Geld hättest du nur behalten sollen, das hat mir nur Mäusenester in den Kopf gesetzt”, und damit griff er unter das Kopfkissen von seinem Bette und nahm das Geld und warf es dem Herrn Jesus vor die Füße und Jesus wurde böse darob und ging weg.

Am andern Morgen dachte der Herr, er müsse doch einmal zusehen, ob der Schuster nun glücklicher wäre, und stieg aus dem Himmel nieder; aber er war gewiss noch sechsmal so hoch als der höchste Kirchturm von der Erde, da hörte er den Schuster schon singen und jauchzen.

„Juchhei, Juchheisa, Juchhei." Da dachte der Herr: „Ach, was wär es für ein gutes Leben auf der Welt, wenn alle Menschen so genügsam waren wie der Schustermeister!"

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