Vom Treiben des wilden Jägers Wod in der Schweriner Gegend.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Von J. Mussäus, weiland Pastor zu Hansdorf, Erscheinungsjahr: 1860

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Schwerin, Wodan, Odin, Othin, heiden, Götter, Götterkönig, Jupiter, Zeus, Germanen, Gott des Krieges,
Oft bellen die Hunde der Luft in finstrer Nacht auf den Heiden, in Gehölzen, an Kreuzwegen. Der Landmann kennt ihren Führer, den Wod, *) und bedauert den Wanderer, der nun noch nicht die Heimat erreicht hat; denn oft ist Wod boshaft, seltener mildtätig. Nur wer mitten im Wege bleibt, dem tut der raue Jäger nichts, darum ruft er auch den Reisenden zu: „Midden in den Weg!"

*) Wod auch Wodan, Odin oder Othin, in alter heidnischer Zeit eine der mächtigsten Gottheiten des Nordens, gewissermaßen der nordische Götterkönig und fast dasselbe, was der Jupiter oder Zeus den Römern und Griechen war. Auch als Gott des Krieges, der Jagd etc. wurde Wodan vielfach von den alten Germanen oder Deutschen verehrt und gefürchtet. Der Herausg.

Ein Bauer kam einstmals trunken in der Nacht von der Stadt. Sein Weg führt ihn durch einen Wald. Da hört er die wilde Jagd und das Getümmel der Hunde und den Zuruf des Jägers in hoher Luft. „Midden in den Weg! Midden in den Weg!" ruft eine Stimme, allein er achtet ihrer nicht.

Plötzlich stürzt aus den Wolken nahe vor ihn hin ein langer Mann auf einem Schimmel. „Hast Kräfte?" spricht er, „wir wollen uns beide versuchen. Hier die Kette, fasse sie an! Wer kann am stärksten ziehen?"

Der Bauer fasste beherzt die schwere Kette, und hoch auf schwang sich der wilde Jäger. Indes hatte jener sie um eine nahe Eiche geschlungen, und vergeblich zerrte der Jäger.

„Hast gewiss das Ende um die Eiche geschlungen?" fragte der herabsteigende Wod.

„Nein”, versetzte der Bauer, „sieh', so halte ich sie in meinen Händen."

„Nun, so bist Du mein in den Wolken!" rief der Jäger und schwang sich empor.

Der Bauer schürzte schnell die Kette wieder um die Eiche, und es gelang dem Wod nicht.

„Hast doch die Kette um die Eiche geschlagen!" sprach der niederstürzende Wod.

„Nein”, erwiderte der Bauer, der sie eiligst losgewickelt hatte, „sieh', so halt' ich sie in meinen Händen."

„Und wärst Du schwerer als Blei”, rief der wilde Jäger, „so musst Du hinauf zu mir in die Wolken."

Blitzschnell ritt er aufwärts; aber der Bauer half sich auf die alte Weise. Die Hunde bellten, die Wagen rollten, die Rosse wieherten dort oben, die Eiche krachte an den Wurzeln und schien sich seitwärts zudrehen. Dem Bauer ward bange, aber die Eiche stand.

„Hast brav gezogen”, sprach der Jäger. „Mein wurden schon viele Männer, aber Du bist der Erste, der mir widerstand. Ich werde Dich belohnen!"

Laut ging die Jagd an: „Hallo, holla! wohl! wohl!" Der Bauer schlich seines Weges weiter.

Da stürzt aus ungesehenen Hohen ein Hirsch ächzend vor ihn hin, und Wod ist da, springt vom weißen Rosse und zerlegt eiligst das Wild. „Blut sollst Du haben, spricht er zum Bauer, und ein Hinterteil dazu."
„Herr”, sagt der Bauer, „stehe, Dein Knecht hat nicht Eimer, noch Topf."

„Zieh' den Stiefel aus!" ruft Wod. Er tat's. „Nun wandle mit Blut und Fleisch zu Weib und Kind."

Die Angst erleichterte Anfangs die Last, aber allmählich ward sie schwerer und schwerer; kaum vermochte der Bauer sie zu tragen.

Mit krummem Rücken, vom Schweiße triefend, erreichte er endlich seine Hütte, und siehe da, der Stiefel war voll Gold und das Hinterstück ein lederner Beutel voll Silbergeld.

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