Vom Huckeweib von Malchow, der Insel Poel

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Von C. Struck zu Dargun, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Malchow, Insel Poel,
Zu Malchow, auf der Insel Poel, wohnte einmal vor mehreren hundert Jahren eine Bauersfrau, die war wohl begütert. Aber ihr Herz neigte sich dem Geize zu, und jedes Mittel war ihr recht, wenn ihr Hab' und Gut sich nur dadurch vergrößerte. Da konnte es denn auch nicht anders sein, ihr Gesinde und Vieh hatten es recht schlecht. Knecht und Magd mussten vom frühen Morgen bis zum späten Abend arbeiten und erhielten so schlechte Kost, dass sie sich kaum zu sättigen vermochten. Das Vieh wurde übermäßig geschunden und erhielt nur selten sein Recht. Daher hielt's auch Niemand lange in diesem Hause aus; wer nicht davon lief, der wurde von ihr fortgejagt. Verkaufte sie Milch, Butter, Eier oder Getreide, so suchte sie durch falsches Gewicht und Maß die Leute zu betrügen; ja es ging soweit, dass sie des Nachts heimlich in die Gärten der Nachbaren ging, um Gemüse oder Obst zu stehlen.

Diese Frau war kinderlos, hatte aber das kleine Mädchen ihrer verstorbenen Schwester zu sich genommen, doch nicht um nach Christenbrauch zu handeln, sondern um das Vermögen des Kindes an sich zu bringen. In der Tat hatte es die kleine Trine Anna auch zu schlecht. Unaufhörlich schalt die Tante mit ihr und bei dem geringsten Versehen, das die Kleine machte, setzte es der Misshandlungen genug.

Geduldig erlitt das Mädchen Alles, was sollte sie auch dagegen machen, so sie doch keine Seele auf der weiten Welt hatte, die sich ihrer annehmen möchte. Desto brünstiger wandte sie aber ihre Augen nach dem blauen Himmel, zum lieben Gott, und bat Ihn, Er möge Sich ihrer erbarmen und zu einem Engel machen, damit sie doch wieder zur guten Mutter könnte.

Gott, der die Witwen und Waisen nicht verlässt, sah an die Not der kleinen Trine Anna und rief sie zu Sich in den Himmel.

Die Bauersfrau freute sich des gar sehr, nahm das Vermögen des Kindes und vergrub es in ihrem Keller. Vor Gericht beteuerte sie hoch und heilig, dass das verstorbene Mädchen kein Gut hinterlassen habe und verschwur sich, sie wolle keine Ruhe im Grabe haben, wenn sie unwahr geredet.

Als nun der Sensenmann kam zur Bauersfrau, da hätte sie gern ihr Unrecht wieder gut gemacht, allein es war zu spät. Und wie sie geschworen hatte, so geschah es. Sie wurde wohl ins Grab gesenkt, fand aber die Ruhe nicht. Des Nachts spukte sie in ihrem Hause, namentlich trieb sie ihr Unwesen im Keller, wo sie das Geld ihrer Nichte vergraben hatte.

Einst kam ein frommer Mann in das Haus und hörte von dem Spuk, der durch sein Rumoren alle Bewohner des Hauses beunruhigte. Des Nachts ging er in den Keller und sprach zum Geiste: „Hebe Dich weg aus diesem Hause und suche die Ruhe! Du wirst sie finden, aber nicht eher, bis Du zur Kirche gekommen bist. Damit Du aber lange zu büßen hast für Deine Sünden, so sollst Du alle Jahre nur einen Hahnenschritt vorwärts kommen. Findet sich aber ein frommer Mensch, der Dich weiter tragen will, so soll Dir das angerechnet werden."

Wohl verschwand nun der Geist der Bauersfrau aus dem Hause, aber auf dem Wege nach Kirchdorf erschien sie des Nachts jedem Menschen und bat: „Nimm mie Huckepack, un träg mie na de Kark!" *)

*) „Nimm mich Huckepack, und trag mich nach der Kirche!“

Nach vielen Jahren ging eines Nachts ein frommer Tagelöhner des Weges, der wollte zum Seelsorger, denn seine totkranke Mutter begehrte des heiligen Abendmahles. Als er nun nach der Stelle kommt, wo die Wege von Malchow, Kirchdorf und Niendorf sich kreuzen, da sah er an der Grabenborte ein Weib sitzen, die schrie: „Lat mie Huckepack sitten!"*)

*) „Lass mich Huckepack sitzen!“

„In Gottes Namen!" sprach der Tagelöhner, nahm sie auf seinen Rücken und trug sie bis zum „Hostdurn", einem Hohlweg, der mit Kreuzdorn zu beiden Seiten bewachsen ist, dicht vor Kirchdorf.

Da hat sie denn lange gesessen und des Nachts, so Jemand vorüber ging, immer gebeten: „Lat mie Huckepack sitten."

Allein es hat sich nie eine mitleidige Seele dazu wieder finden wollen.

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Ob jetzt das Huckeweib, wie sie genannt wird, schon die Ruhe im Grabe gefunden hat, oder ob sie noch manchen Hahnenschritt wandern muss, wer mag das wissen? Ihrem Ziele ist sie indes sicherlich näher gekommen.

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