Volksmärchen - 06. Das harte Gelübde.

Aus: Ut oler Welt. Sagen, Volkslieder und Reime
Autor: Gesammelt von Wilhelm Busch, Erscheinungsjahr: 1910

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Enthaltene Themen: Volksmärchen, Sagen, Volkslieder und Reime, Sammlung, Aberglauben,
In einem wilden, wüsten Walde verirrte sich eine Frau. Als nun die dunkle Nacht hereinbrach, überkam die Frau eine große Angst, so dass sie seufzend sprach: „Weh! Wie komme ich zu Haus! Wenn doch wer käme und mir den Weg wiese aus dieser Wildnis!“ Da trat aus dem Gesträuch ein graues Männchen. „Wenn du mir versprichst, Frau, was du jetzt unter deinem Herzen trägst, so will ich dich hinausgeleiten, dass du bald zu Hause bist.“ Das versprach die Frau in ihrer Angst, und als sie es versprochen hatte, lachte das Männchen mit Hohn laut auf und rief: „Der Knabe unter deinem Herzen ist mein! Nach zwölf Jahren bringst du ihn mir zu dieser selben Stunde, zu dieser selben Stelle, oder ich fordere ihn selbst. Dann will ich ihm drei Fragen aufgeben; kann er die beantworten, so habe ich keine Macht über ihn; sonst gehört er mir für alle Ewigkeit.“

Darauf brachte das graue Männchen die Frau bald aus dem Walde, dass sie wieder zu Haus kam.

Eine Zeit darnach kriegte die Frau einen kleinen Jungen, der war ein stilles gutes Kind, wuchs heran und war so gelehrig, dass sich alle Leute darüber verwundern mussten. Seine Mutter aber hatte keine frohe Stunde mehr; immer und immer musste sie daran denken, dass sie ihr liebes gutes Kind dem Bösen versprochen hatte. Wenn sie dann dem Knaben sein Brot schnitt, so sah sie ihn immer so traurig dabei an und konnte das Weinen nicht lassen. Da fasste das Kind ihre Hand und sagte:
„Mutter, warum seid Ihr nur so traurig und weint in einem fort? Gebt Ihr mir das Brot nicht gern, oder bin ich nicht gut und folgsam, dass Ihr immer weinen müsst, wenn Ihr mir das Brot gebt? Das sagt mir doch!“ Aber sie weinte nur immer mehr und mochte es ihm nicht sagen, was ihr das Herz so schwer machte; bis der Knabe so lange bittend in sie drang, dass sie es doch endlich erzählte, wie sie sich in dem wilden Walde verirrt habe, wie das graue Männchen gekommen sei und dass sie ihm das Kind unter ihrem Herzen versprochen habe. „Mutter“, sagte da der Knabe, „das war hart! Doch lasst das Weinen und seid nur wieder froh; mit Gottes Hilfe mag noch endlich alles gut werden.“ Darauf ist der Knabe noch lerneifriger geworden als vorher, und in der Schule haben ihm seine Lehrer alle Fragen, die nur zu erdenken gewesen sind, aufgeben müssen, und als er nun sein zwölftes Jahr erreichte, da hat er alle und alle Fragen beantworten können.

Zu der bestimmten Stunde brachte die Frau den Knaben in den Wald, und gingen auch seine Lehrer und viele Leute mit. Als sie nun bald zu der Stelle kamen, mussten sie alle zurückbleiben; da ging der Knabe allein freimütig in den Busch, und ob ihm gleich durch des Bösen Anstiften allerlei feurige Gespenster begegneten, auch ein Fuder Heu mit Ochsen bespannt auf ihn zu kam, ihn zu schrecken, so ließ er sich doch nicht wirren, ging weiter und kam zur Stelle, wo das graue Männchen ihn erwartete.
„Es ist dein Glück, dass du gekommen bist!“ sprach er; „nun gib mir Antwort auf drei Fragen; kannst du sie nicht lösen, so greif ich dich.“
„Sag her!“ erwiderte mit ruhigem Mute das Kind.
Da fragte das Männchen: „Was ist härter als ein Stein?“
Das Kind antwortete: „Mutterherz.“
„Was ist weicher als ein Daunenbett?“
Das Kind antwortete: „Mutterschoß.“
„Was ist süßer als Milch und Honig?“
Das Kind antwortete: „Mutterbrust.“
Da ist das Männchen verschwunden und abgestunken.

Als nun das Kind unversehrt heraustrat, sahen die, welche zurückgeblieben waren, dass ihm der Arge nichts hatte anhaben können, und freuten sich, denn alle hatten das Kind lieb, weil es so klug war und so gut; da hat auch seine Mutter wieder frohe Tage erlebt.

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Wilhelm Busch von Franz von Lehnbach um 1865

Wilhelm Busch von Franz von Lehnbach um 1865