Volksmärchen - 03. Das Öl der Zwerge.

Aus: Ut oler Welt. Sagen, Volkslieder und Reime
Autor: Gesammelt von Wilhelm Busch, Erscheinungsjahr: 1910

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Enthaltene Themen: Volksmärchen, Sagen, Volkslieder und Reime, Sammlung, Aberglauben,
Es ist einmal eine Hebamme gewesen, zu der kam in der Nacht ein kleines Männlein mit einer Laterne und forderte sie auf, eilig mit ihm zu gehen. Sie nahm ihren Mantel über und folgte dem Zwerge, welcher über Feld und Wiesen voranschritt bis zu einem Wasser, unter welchem er seine Wohnung hatte. Hierinnen lag die Frau des Zwerges in Kindesnöten. Nachdem die Hebamme ihr Beistand geleistet und das Kindlein geboren und gewaschen war, reichte ihr das Männlein ein Glas mit wohlriechendem Öle und forderte sie auf, das Kindlein damit einzureiben. Nun hatte die Hebamme trübe, tränende Augen und darum die Gewohnheit, von Zeit zu Zeit mit der Hand darüber zu streichen. Als sie nun so mit dem Einreiben des Kindes beschäftigt war, juckte und flirrte es ihr auch wieder in dem einen Auge, so dass sie mit dem Finger herüberfuhr und es auswischte.

Nachdem sie nun das Kind angezogen hatte und sich zum Weggehen anschickte, gab ihr der Zwerg einiges Geld. Sie ging darauf an das Bett der Wöchnerin, um ihr gute Besserung zu wünschen und Adieu zu sagen. Die Wöchnerin zog sie aber nahe zu sich und sagte ihr heimlich ins Ohr: sie sollte das Geld, welches ihr der Mann gegeben, nur wegwerfen, aber statt dessen den Kehricht aufraffen, der da vor der Stubentür an der Schwelle läge. Das tat sie, behielt aber doch auch das Geld. Während dem hatte der Zwerg seine Laterne wieder angezündet, begleitete die Hebamme nach Hause und verabschiedete sich von ihr, nachdem er sich noch vielmals für die gute Hilfe bedankt hatte. Als jetzt die Frau nach ihrem Gelde sehen wollte, war es Pferdemist, der Kehricht aber war eitel rotes Gold.

Einige Zeit darnach ging die Hebamme zum Jahrmarkt in die nächste Stadt und gedachte da tüchtig einzukaufen, denn sie hatte nun Geld in Menge. Sie musste sich ordentlich drängen lassen, so voll war's da auf dem Markte. Da sah sie auf einmal denselben Zwerg, der sie in der Nacht zu seiner Frau geholt hatte; er ging von einer Krambude zur andern und packte in seinen Schnappsack, was ihm gefiel, schöne Honigkuchen und gute, braune Pfeffernüsse, Bänder und Tücher, ohne dass die Eigentümer das Geringste zu merken schienen. Die Frau drängte sich zu ihm hin, tupfte ihm mit dem Finger auf die Schulter und redete ihn an: „Sieh da! Guten Tag, guten Tag, Herr Zwerg! Auch hier?“ Der Zwerg drehte sich rasch um und sah die Frau so recht verwundert an.
„J! Frau!“ — sagte er — „kann Sie mich denn sehen?“
„Oja, recht gut! Warum das nicht?“
„Und mit beiden Augen?“ fragte der Zwerg. Die Frau hielt das rechte Auge zu.
„Nein, nun sehe ich ihn nicht.“ Darauf drückte sie das linke Auge zu. „Ja, nun sehe ich ihn wieder.“
„J!“ — sagte der Zwerg — „das ist doch sonderbar! Zeige Sie mal her! Puh!“ Da pustete er ihr ins rechte Auge, dass es sogleich blind wurde und sie nicht wieder damit sehen konnte ihr Lebelang.
Volksmärchen, Wilhelm Busch

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