Volksmärchen - 02. Die schwarze Prinzessin

Aus: Ut oler Welt. Sagen, Volkslieder und Reime
Autor: Gesammelt von Wilhelm Busch, Erscheinungsjahr: 1910

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Enthaltene Themen: Volksmärchen, Sagen, Volkslieder und Reime, Sammlung, Aberglauben,
Es war einmal ein König und eine Königin, die kriegten gar keine Kinder. Da sagte die Königin: „Ich wollte, ich kriegte ein Kind und wenn es auch vom Teufel wäre.“ Nicht lange darnach ward die Königin schwanger und gebar ein kleines Kind, das war eine Dirne. Sie ward, wie sie wuchs, von Tage zu Tage schöner, so dass sie ein jeder, der sie sah, von Herzen gerne leiden mochte. Den Tag aber vor ihrem fünfzehnten Geburtstage sagt sie auf einmal zu ihrem Vater: „Morgen, Vater, muss ich sterben.“
„Mein liebes Kind“, sagte der König, „sprich mir doch nicht von sterben.“
„Doch Vater! Ich weiß gewiss, dass ich morgen sterben muss. Eins musst du mir aber versprechen: dass mein Sarg in der Schlosskirche vor den Altar gestellt und ein ganzes Jahr lang jede Nacht Wache dabei gehalten wird. Wenn sich dann unter der Wache Einer findet, der nichts Schlechtes getan hat, so kann der mich wieder erlösen.“ Das musste der König versprechen und ihr die Hand drauf geben.

Wie die Königstochter gesagt hatte, so kam es auch. Den andern Tag nahm sie noch von Vater und Mutter Abschied, legte sich und starb und ward darnach kohlschwarz. Der König ließ sie nun in ihrem Sarge in die Schlosskirche vor den Altar stellen mit einer Wache dabei, wie die Prinzessin es verlangt hatte. Des Nachts, da die Glocke gerade Zwölf schlug, fuhr die Prinzessin aus ihrem Sarge, packte die Wache, drehte ihr den Hals um und warf sie in ein finsteres Gewölbe, das da unter der Kirche war. Sobald aber die Glocke Eins schlug, musste sie wieder in ihren Sarg hinein. In der zweiten Nacht ging es ebenso. Als die Glocke Zwölf schlug, fuhr die Königstochter aus ihrem Sarge, drehte der Wache den Hals um und warf sie in das Gewölbe, das unter der Kirche war. In jeder folgenden Nacht ging es ebenso; jeden Morgen war die Wache verschwunden und kein Mensch wusste, wo sie geblieben war. Nun wollte zuletzt keiner mehr bei der Königstochter wachen. Da ließ der König im ganzen Lande bekannt machen: wer seine Tochter erlösen könnte, der sollte sie zur Frau haben und König werden.

Nun war da ein junger Schäfer mit gelben Haaren, der hieß Jakob, der reiste nach der Königsstadt und ließ sich anstellen als Wache bei dem Sarge der Prinzessin. In der ersten Nacht, da es kurz vor Zwölfe war und der Schäfer daran dachte, dass die andern Wachen alle so sonderbar verschwunden waren, da ward er bange und wollte weglaufen. Da rief eine Stimme hinter ihm her: „Jakob, geh nicht fort, du kannst mich erlösen, wenn du drei Nächte hintereinander an meinem Sarge wachst.“ Da kehrte der Schäfer wieder um und versteckte sich unter den Sarg der Prinzessin. Als nun die Glocke Zwölf schlug, fuhr die Königstochter aus ihrem Sarge und suchte die ganze Kirche durch; in dem Augenblick aber, wo sie an den Sarg kam und den Schäfer eben fassen wollte, schlug die Glocke gerade Eins; da musste sie wieder in ihren Sarg hinein. In der zweiten Nacht, da es wieder bald Zwölfe war und der Schäfer daran dachte, dass es ihm auch ergehen könnte wie den andern Wachen, da ward er bange und wollte weglaufen. Da rief eine Stimme hinter ihm her: „Jakob, geh nicht fort; du kannst mich erlösen.“ Als der Schäfer das hörte, kehrte er wieder um und versteckte sich in das Gewölbe, wo die Leichen der früheren Wachen lagen. Er beschmierte sich Gesicht und Hände ganz mit Blut, deckte einige der Toten über sich und verhielt sich so ruhig, als ob er auch eine Leiche wäre. Als nun die Glocke Zwölf schlug, fuhr die Königstochter wieder aus ihrem Sarge, durchsuchte die ganze Kirche und kam auch zuletzt in das Gewölbe, wo der Schäfer unter den Leichen lag. „Dem die Füße warm sind, der ist's!“ rief sie und tastete zwischen den Leichen herum. Schon war sie dem Schäfer ganz nahe, das Blut gerann ihm in den Adern, da schlug die Glocke Eins. Nun musste die Prinzessin wieder zurück in ihren Sarg. — Am andern Morgen kam der König mit seinem ganzen Hofstaate in die Kirche, um nach dem Schäfer zu sehen, und als sie das viele Blut in seinem Gesicht und an seinen Händen sahen, erschraken sie und meinten nicht anders, denn es sei ihm ein Leid widerfahren. Jakob aber sprach: „Wisset, dass ich gesonnen bin, auch noch die dritte Nacht Wache zu halten; Morgen früh Glocke Sechs, da kommt mit Pauken und Trompeten und der ganzen Musik, denn entweder bin ich tot oder die Prinzessin ist erlöst.“ Das musste ihm der König versprechen.

Kurz vor Zwölfe in der Nacht kroch der Schäfer unter den Sarg der Prinzessin, und als sie nun mit dem Schlage Zwölf herausfuhr, legte sich der Schäfer schnell selber in den Sarg hinein. Nun suchte die Prinzessin die ganze Kirche durch; als sie aber zuletzt auch an den Sarg kam, da schlug die Glocke Eins. In demselben Augenblick fing die Prinzessin an zu sprechen und sagte: „Jakob, ich danke dir viel tausend Mal; du hast mich nun erlöst.“ Von Stund an begann sie auch allmählich weiß zu werden, und Morgens Glock sechs stand sie da in voller Schönheit und weiß wie zuvor. Da kamen auch der König und die Königin mit ihrem ganzen Hofstaate und vielem Volk, mit Pauken und Trompeten und voller Musik; und als nun Jakob mit der Prinzessin an der Hand aus der Kirche trat, da rief alles Volk: „Vivat, unser König Jakob!“ und wollte des Jubilierens kein Ende werden.

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Wilhelm Busch, ca. 1882

Wilhelm Busch, ca. 1882