Ueber das Erbjungfernrecht

Aus: Mecklenburgische Sagen
Autor: Studemund, Friedrich (1784-1857) Pastor an der Nikolaikirche in Schwerin, Erscheinungsjahr: 1848
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Sagen, Erbjungfernrecht, Mittelalter, Thomas Kantzow
Über das Erbjungfernrecht, und ob König Albrecht der Stifter oder Wiederhersteller desselben sei, ist von den Geschichtsforschern viel gestritten worden. Man will kein Beispiel von einem ähnlichen Privilegium in der nordischen Geschichte kennen, und Frank in seinem A. und N. Meckl. hält dasselbe für eine Anordnung des Fürsten Johannes (Theologus) und meint, es sei aus dem alten Warin’schen Rechte entlehnt. Thomas Kantzow erzählt aber Folgendes:

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Schwenotto empörte sich ungefähr um das Jahr 1.000 nach Christi Geb. gegen seinen Vater, den König Harald von Dänemark, warf das Christentum ab und trieb seinen Vater aus dem Reiche. Harald floh nach Wollyn in Pommern.

Da haben ihn die Wenden, ungeachtet er sie ehemals bekriegt hatte und er ein Christ war, freundlich aufgenommen, ihn darnach mit Gewalt wieder in sein Reich gebracht und sich einen ganzen Tag mit Schwenotto geschlagen, so dass es ungewiss blieb, wer da gewonnen hätte oder nicht. Da hat man des andern Tages einen Waffenstillstand gemacht und versucht, den Streit durch einen Vertrag beizulegen; aber während der Zeit ist König Harald von einem Dänen geschossen worden. Da das die Wenden gesehen, haben sie den König ergriffen und auf ein Schiff gebracht und mit sich nach Wollyn geführt, dass sie ihm möchten helfen lassen. Aber er starb allda an der Wunde und wurde daselbst begraben, als er 50 Jahre regiert hatte. (Helmold will, dass er zu Vineta sein Ziel gefunden.)

Als Schwenotto erwog, dass die Wenden seinem Vater gegen ihn Beistand geleistet, sammelte er groß Volk, rüstete viele Schiffe aus und zog gegen Wollyn. Als sie dies erfuhren, säumten sie auch nicht, sondern zogen ihm entgegen, schlugen, fingen ihn und führten ihn hinweg. Da hat er sich gelöset mit 2.000 Mark Gold. Darnach hat er sich in einiger Zeit wieder erholt und hat sein Leid an den Wollyn'schen rächen wollen. Aber es ist ihm ergangen, wie zuvor. Die Wollyn’schen haben ihn mit Hilfe der andern Pommern und Wenden geschlagen und weggeführt und in langer Zeit nicht wollen losgeben, bis er ihnen viel Silber gegeben und Friede zugesagt und Geißel gestellt hatte.

Das währte eine Zeitlang; aber in die Länge schmerzte ihn doch sein Leid und er brach seine Zusage und achtete der Geißel nicht und zog wieder gegen die Wenden und meinte, der Sieg würde sich endlich doch einmal auf seine Seite wenden. Die Wollyn’schen waren aber auch schnell auf und kamen mit ihm auf der See zusammen, zwischen Möen und Falster, an Dänemark ursprünglich gehörende Inseln. Sie trauten aber dem Glücke nicht zu viel, wollten sich deshalb mit den Dänen nicht ohne große, dringende Not schlagen, und dachten daher auf einen Betrug. Der war dieser: Sie wussten wohl, dass die Dänen ließen des Nachts genaue Wacke halten, darum wählten sie einige aus ihnen, welche gut dänisch konnten; diese schickten sie mit einem Boote, dass sie sich sollten halten, als wären sie von der Dänen Scharwache gekommen, um die Zeit, wenn die Wache pflegte umzuwechseln.

Sie fuhren hin und kamen unbemerkt zwischen der Wache und den andern Schiffen durch, bis an des Königs Schiff; da riefen sie den Schiffer und sagten, sie hätten dem Könige etwas Eiliges zu sagen, das heimlich wäre, er möchte doch das selbige dem Könige anzeigen. Der Schiffer, da er hörte, dass sie recht dänisch redeten, auch sahe, dass sie bis an des Königs Schiff von den andern Dänen durchgelassen waren, meinte, sie wären Dänen von der Scharwache und schaffte, dass es dem Könige angesagt wurde. Der König meinte auch nichts anders, sondern hielt sie für Wächter, die vielleicht Nachricht vom Feinde brächten, und kam hervor und bückte sich über den Bord, dass er möchte hören, was sie Heimliches wollten. Da die Wollyn’schen sahen, dass sie ihn wohl fassen möchten, ergriffen sie ihn bei den Achseln und trugen eilends ihn in das Boot und hielten ihm den Mund zu, dass er nicht schreien konnte und ruderten davon.

Da ward ein Geschrei von den Dänen, welche in dem Schiffe des Königs waren und sprangen in die Boote und jagten den Wenden nach, denn mit den schweren Schiffen konnten sie ihnen eilends nicht folgen, und riefen die Wache an. Die Wollyn’schen aber, die im Haufen waren, honen das Geschrei und schickten ihnen Leute entgegen. Diese schlugen sich mit der Wache, und wie es noch finster war, kamen die andern mit dem Könige davon. Da flohen die Dänen, und die Wenden fuhren mit dem Könige nach ihrer Stadt und erwürgten die Geißeln. Da hatte es Mühe und Not. Die Wollyn’schen wollten dem Könige auch an das Leben, und seine Untertanen achteten seiner nicht mehr, denn er hatte sie oft in großen Schaden gebracht.

Doch er verzagte nicht, beschickte seine Untertanen, denen sein Elend doch in die Länge zu Herzen ging; und sie unterhandelten mit den Wenden wegen des Lösegeldes. Die verlangten aber, dass er diesmal so viel geben sollte, als auf beide vorige Male. Das war viel und war nicht vorhanden. Da erbarmten sich die Frauen und Jungfrauen im Reiche und warfen alle ihr Gold, Silber, Kleinodien und Schmuck zu, damit dass er gelöset würde. Also kam er mit dem Leben davon.

Als er aber wieder in sein Reich kam, gedachte er der Frauen und Jungfrauen Gutherzigkeit und Wohltat, und gab ihnen ein Privilegium, dass sie hinführo in den Lehn- und andern Gütern, gleich den Männern, sollten erben, welches zuvor nie gewesen war.
Angriff auf eine Burg

Angriff auf eine Burg

Rittermahl

Rittermahl

Mittelalterliche Burganlage

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