Trine, Mina und Stina, von der Magd in Mecklenburg zum Dienstmädchen in Amerika

Aus: Zustände in Amerika
Autor: Baudissin, Wolf Heinrich Graf von (1789-1878) Diplomat, Übersetzer, Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Charakter, Amerika, Auswanderung, Lebensverhältnisse, Sittenbild
Die Geschäfte meines Freundes Scott zogen sich in die Länge, schon hatten wir vierzehn Tage im Gasthofe gewohnt und noch war an keine Abreise zu denken. Wir hatten drei Zimmer genommen, zwei Schlafzimmer und ein Empfangszimmer. Eva war reizend; sie machte die Honneurs, entzückte Scott und seine Bekannten durch ihren sprudelnden Witz ebensowohl wie durch ihre blendende Schönheit. Sie gehörte zu den Frauen, die man beim ersten Begegnen hübsch, beim zweiten schön und beim dritten bezaubernd findet. Ein Gemisch von Güte, Satire, Mutwillen, Leichtsinn, jugendlichem Übermut und verständiger Überlegung trugen dazu bei, Eva unwiderstehlich zu machen. Mein Glück, von einem so vollendeten Wesen geliebt zu werden, kannte natürlich keine Grenzen; oft lag ich Stunden lang vor ihr auf den Knien und schwor ihr ewige Liebe. Eines Tages machte meine reizende junge Frau mir den Vorschlag, ein deutsches Dienstmädchen zu mieten; [gekürzt]... ließ ich mich gern bereit finden, in einem Dienstbotenbüro Erkundigungen einzuziehen.
Eva schrieb mir die Eigenschaften auf, welche das Dienstmädchen besitzen sollten „Ehrlichkeit, Reinlichkeit und Sittsamkeit verbunden mit erträglichem Äußern und gesundem Menschenverstande.“

„Nimm nur nicht die erste beste“, rief sie mir noch auf der Treppe nach, „keinen Elefanten, der das Haus zittern macht, und auch keine Schwärmerin — ein ordentliches nettes Mädchen."

Mit diesen schriftlichen und mündlichen Verhaltungsmaßregeln ausgerüstet, begab ich mich in ein Nachweisungsbüro, das mir besonders gerühmt worden war. Als ich eintrat, watschelte mir eine dicke Frau entgegen, die mich mit einer von Fett überwachsenen Stimme fragte, was ich suche. Es ist seit jeher mein größtes Vergnügen gewesen, solche Personen zu studieren, die, von der Natur mit einem plumpen Äußeren und rohen, frechen Innern ausgestattet, in eine Stellung versetzt worden, in welcher sie Dinge sprechen müssen, die über ihren Horizont gehen. Die Madame, die mich mit ihren großen bleiernen Augen anglotzte, hatte für Kaffee, Grog und Schweinebraten Interesse; wenn sie mit Leuten zusammen war, vor denen sie sich nicht zu genieren brauchte, waren ihre Reden von der ordinärsten Art. Sie erkannte in meinem feinen schwarzen Tuchrock und meinem hübsch gebügelten Hemde einen Gentleman, bemühte sich also, die Lady zu spielen.

„Womit kann ich Ihnen denn dienen, Sär?“ fragte sie, während sie einen unechten Ring mit ihrer Schürze putzte, der ihr in den dicken Zeigefinger tief eingewachsen war.
„Ich wünsche ein Mädchen“, entgegnete ich — „und da Sie, Madame, in dem Ruf stehen, die besten Mädchen der Stadt zu haben, so bin ich so frei, Sie um Ihre Vermittlung zu bitten.“
„So? wer hat Sie denn hergeschickt, Sär?“
„Der Wirt zum Elefanten.“
„Ja so! Nun freilich, ich habe dem Elefanten schon manches Mädchen geliefert — aber es bleibt kein ordentliches Mädchen in dem Hause — wissen Sie, die Kost ist gar zu schlecht — nur zwei Mal des Tages Fleisch — Mittags und Abends, wissen Sie — und dann Sonntags den trouble — und das Geschimpfe, wenn ein Liebhaber einmal auf Besuch kommt — und Sie wissen ja, so ein armes Mädchen hat auch seine Gefühle — und der Elefant verletzt die Gefühle von den Mädchen so!“
„Wirklich?“
„Was ich Ihnen sage! Da habe ich ein Mädchen, es ist eine Preußin, wissen Sie — sauber und reinlich, hält was auf ihre Person und versteht ihren Dienst — nä, so ein Mädchen — ich kann es Ihnen gar nicht sagen. Na und was meinen Sie, wie lange die beim Elefanten geblieben ist? Drei Tage, und dann ist sie fortgegangen. — Was wollten Sie denn haben? Eine Köchin? Ein Stubenmädchen? oder ein Mädchen für Alles?“
„Ein Mädchen für Alles — sittsam, reinlich, ehrlich, nicht dumm, willig — mit einem Worte ein braves nettes Mädchen. Haben Sie wohl solch ein Mädchen bei der Hand?“
„Ich habe von allen Sorten, wollen Sie nur einen Augenblick gefälligst Platz nehmen.“

Die Madame entfernte sich, kehrte aber gleich darauf mit drei Mädchen zurück. Wie soll ich Worte finden, diese drei Grazien zu beschreiben! Drei dicke, vollblütige, rotarmige Mecklenburgerinnen, denen man noch den Kuhstall ansah, standen in Reifröcken, Tüllkleidern, durchbrochenen weißen Strümpfen und fein gewirkten Handschuhen vor mir. Ein Duft von Moschus, Vanille, Eau de mille Fleurs und Eau de Cologne wehte mir entgegen.

In Deutschland ist es Sitte, dass die Herrschaft sich nach den Eigenschaften der Dienstboten erkundigt; in diesem gesegneten Lande ist die Sache umgekehrt — hier erkundigt sich der Dienstbote nach den Eigenschaften des „Masters“.
„Sind Sie verheiratet?" fragte mich die größte der drei Grazien, ein wahrer Dragoner im Reifrocke.
„Jawohl, Ihnen zu dienen“, antwortete ich höflichst.
„Wieviel Kinder haben Sie?“
„Noch gar keine.“
„Wie ist die Frau? Ist sie streng? Kommt sie viel in die Küche?“
„Nein, sie ist ein Muster von Güte und Nachsicht.“
„Ist sie eigen mit dem Ausgehen?“
„Eigen mit dem Ausgehen? Wie verstehen Sie das?“
„Nun, ich meine, ob man gleich nach Tisch fortgehen und bis zum Abendbrot wegbleiben kann? Habt Ihr Sonntags warmes Essen?“
„Ich glaube schwerlich, dass wir uns verständigen würden“, sagte ich in ziemlich gereiztem Tone.
„Wieviel Lohn gebt Ihr?" fragte Grazie Nummer zwei.
„Acht Dollars im Monat.“
„Das ist nichts für mich, da hätte ich in Deutschland bleiben können“, erwiderte die Dame und drehte mir schnippisch den Rücken zu.
„Habt Ihr alle Tage frisch Fleisch?" fragte jetzt Grazie Nummer drei — „Ist mir der Lohn auch sicher? Habt Ihr Geld auf der Bank? Wer wäscht für Euch?“
„Schon gut“, fiel ich ein — „ich danke Ihnen, Madame! Wenn Sie keine andern Mädchen haben, dann werde ich mich wo anders erkundigen.“
„Doch, doch, ich habe noch mehr — fahren Sie doch nicht gleich so auf, Sär, wir sind hier nicht in Deutschland — hier ist free Country, wo ein armes Dienstmädchen auch sein Recht hat — vielleicht wollen Sie etwas Feines? Da habe ich eine junge Witwe mit einem Kinde an der Brust — ist eine saubere Frau und näht wunderschön. Es ist auch eine Wiener Köchin hier, die will aber fünfzehn Dollars im Monat und schafft nicht länger, als bis zum Mittag; da muss die Frau selber aufwaschen und Stuben rein kehren.“
„Das ist aber Alles nichts für mich. Ich will ein ordentliches deutsches Mädchen haben, das die Arbeit im Hause verrichtet, gerade wie sie es in Deutschland getan hat.“
„Ja, wenn Sie das gleich gesagt hätten — die gibt's hier nicht, Sär — wissen Sie, hier ist Alles anders — Sie möchten so eine, die die Arbeit tut, damit die Frau nichts zu tun braucht — no, Sär -— das kennt man hier in Amerika nicht! Das Mädchen isst und trinkt mit der Herrschaft, sitzt im Sofa, wiegt sich im Schaukelstuhl, geht in Gesellschaft und überlässt der Hausfrau die groben Arbeiten, wissen Sie — deshalb sind wir ja in Amerika. Oder glauben Sie, dass die armen Leute hier auch Sklaven sind, wie die Schwarzen? Nä, nä! Gott sei Dank, Sär, hier ist ein freies Land, Sär! Und wenn Sie heute auch Geld haben, so haben Sie vielleicht morgen keins, und dann können sie vielleicht selbst einen Dienst suchen! Soll ich Ihnen meines Mannes Karte geben, Sär? Kommt, Trine, Mina und Stina, der Herr braucht Euch nicht — es ist recht Schade, hehehe! Leben Sie recht wohl! Grüßen Sie Ihre liebe Frau!“
„Wie schnell doch die Luft die Leute hier in Amerika selbstständig macht“, sagte ich zu mir selbst, als ich verdrießlich die Straße hinab schritt. „Ich bin überzeugt, dass die drei Dragoner erst seit drei Monaten Mecklenburg verlassen haben, wo sie für zwölf Thaler im Jahre die schwersten Feldarbeiten verrichteten. Wie schnell sind diese Mädchen veredelt worden! Wie schön standen ihnen die Reifröcke und Tüllkleider! Wie gesund sind diese Amouretten! Wie glücklich muss der Mann sein, der ein solches Wesen heimführt! Wie oft wird ihm Gelegenheit gegeben werden, zu beten: Erlöse uns vom Übel!“

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