Swantewit und Arkona.

Aus: Die Volkssagen von Pommern und Rügen
Autor: Gesammelt von Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1840
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Rügen, Pommern, Arkona
Auf der nördlichsten Spitze der Insel Rügen findet man noch jetzt die Spuren der Stadt Arkona, in alten Zeiten die Hauptstadt und Hauptfestung des Landes. Sie lag auf einem steilen Berge unmittelbar am Meere. In dieser Stadt befand sich auch der Tempel und das Bild des ersten Götzen der Rügianer, Swantewit, weshalb sie von dem ganzen Lande besonders heilig gehalten wurde. Der Tempel stand auf einer ganz ebenen Fläche, mitten in der Stadt. Er war sehr zierlich gebaut, und von außen rot angemalt und mit allerlei prachtvollem Schnitzwerk verziert. Er hatte nur Eine Eingangstür, aber eine doppelte Halle, dergestalt, dass die eine die andere wie ein Ring umschloss. Die äußere dieser Hallen war sowohl an den Seiten wie an ihrer oberen Bedeckung schön mit purpurnen Farben bemalt. Die innere wurde von vier Säulen getragen, zwischen denen Bekleidungen von den herrlichsten Teppichen aufgehangen waren. Beide Hallen hatten ein gemeinsames Dach und gemeinsame Schwibbogen.

In der inneren Halle stand hinter einem Vorhange das Bild des Gottes Swantewit. Es war von ungeheurer Größe und überragte bei weitem alle menschliche Leibesgestalt. Es hatte vier Köpfe auf eben so vielen Hälsen; zwei davon waren vorwärts nach der Brust hin gerichtet, die beiden anderen rückwärts, jedoch nach der Seite hin, so dass Einer links, der Andere rechts sah. Jedes Gesicht hatte einen großen Bart, der ganz wie zerzauset und zerkaut aussah. In der rechten Hand hielt der Gott ein Horn, das mit verschiedenen Metallen ausgelegt war. Dasselbe wurde von dem Priester des Gottes alljährlich mit neuem Meth gefüllt, aus dem er den Segen des neuen Jahres weissagte. Der linke Arm des Götzen war in die Seite gesetzt, und bildete auf diese Weise einen Bogen. Der Gott trug ein Gewand, das bis auf die Schienbeine herabreichte. Mit den Füßen stand er auf einem Gestell, das aber so tief in die Erde hineingelassen oder hineingesunken war, dass man es nicht mehr sehen konnte.

Nahe bei dem Bilde hingen Sattel, Zaum und Schwert des Gottes. Das Schwert war von ungemeiner Größe; Gefäß und Scheide desselben waren von Silber mit feiner eingelegter Arbeit. Außerdem hingen an den Wänden auf purpurnen Decken allerlei Hörner von wilden Tieren umher, so wie die Geschenke von Gold und Silber, welche dem Gotte von nahe und von fern dargebracht wurden.

Die Verehrung dieses Götzen geschah auf folgende Weise: Weil er vorzüglich als der Gott des Sieges und der Fruchtbarkeit angesehen wurde, so versammelte sich das gesamte Volk alljährlich nach der Ernte vor dem Tempel zum Opfern und zum Opferschmause. Der Oberpriester, der gegen die Sitte des Landes Haar und Bart ungeschoren trug, hatte am Tage vorher das innere Heiligtum des Tempels, welches er allein betreten durfte, mit Besen gereinigt. Dabei musste er sich aber alles Atmens enthalten, und jedesmal, wenn er Atem holen musste, vor die Türe laufen, damit der Gott durch menschlichen Hauch nicht befleckt werde. Wenn nun an dem Tage des Festes das Volk versammelt war, dann besah er zuerst das Horn des Gottes, und weissagte aus dessen Inhalte; war nämlich dasselbe noch voll von dem, im vorigen Jahre hineingegossenen Meth, so bedeutete dies ein bevorstehendes fruchtbares Jahr; fehlte hingegen etwas an dem Meth, so bedeutete das Teuerung und Hungersnot. Nachdem dies geschehen war, sprengte er den Inhalt des Horns als Opfer vor die Füße des Gottes, füllte es dann mit frischem Meth und flehte zu dem Gotte um Segen für das Land und um Sieg gegen die Feinde. Darauf leerte er dasselbe ohne abzusetzen, füllte es sodann wieder, und stellte es zurück an die Seite des Götzen.

Hierauf nahm er einen Opferkuchen, der rund und so groß war, dass er fast die Größe eines Mannes erreichte; den stellte er zwischen sich und das Volk und fragte das letztere, ob man ihn auch sehen könne. Wenn dies verneint wurde, so bedeutete das Glück, und er wünschte nun, dass man ihn auch im künftigen Jahre nicht möge sehen können. Nachdem er alsdann die Versammelten noch zu einer standhaften Verehrung des Gottes ermahnt hatte, grüßte er sie, und es ging darauf Alles aus einander zu fröhlichen Gelagen und Schmausereien, mit denen der Tag beschlossen wurde.

Zur Unterhaltung des Dienstes und der Priester des Gottes musste jeder Mann und jedes Weib im Lande alljährlich ein Geldstück opfern; auch bekam der Gott bei einem jeden Siege den dritten Teil der Beute, indem angenommen wurde, dass er unmittelbar mit in dem Treffen gewesen wäre, und den Sieg hätte erfechten helfen. Weiter hatte er dreihundert Pferde zum alleinigen Eigentum, also dass Alles, was durch dieselben verdient, oder alle Beute, welche durch dieselben gemacht wurde, ihm zufiel. Auf solche Weise war der Tempel des Gottes mit vielen Reichtümern angefüllt, zu denen die vielen Geschenke hinzukamen, die ihm von allen Seiten gemacht wurden. Selbst fremde Könige bezeugten ihm durch fromme Gaben ihre Ehrfurcht; so hatte ihm Swein, König Haralds Sohn, einen kostbaren Becher geweiht.

Dieser Gott Swantewit hatte auch ein besonderes, ihm geheiligtes Pferd. Dasselbe war groß und von schneeweißer Farbe. Es durfte Niemand darauf reiten, oder ihm Mähne oder Schweif berühren, als nur der Oberpriester, der es auch allein fütterte. Auf diesem Rosse zog der Gott zuweilen des Nachts ganz allein gegen die Feinde des Landes und des Glaubens aus, und verfolgte und tötete sie. Denn gar oft fand man des Morgens das Pferd mit Staub und mit Schweiß bedeckt, so dass es einen weiten Weg musste gelaufen haben.

Dasselbe Pferd wurde auch zu Weissagungen gebraucht. Denn wenn man gegen den Feind zu Felde ausziehen wollte, so wurden vorher neue Speere oder Stangen in der Quere auf die Erde gelegt, und darüber wurde das Pferd dreimal hingeführt. Schritt es jedesmal mit dem rechten Fuße zuerst vor, und berührte auch die Stangen nicht, so bedeutete dies einen glücklichen Ausgang des Feldzuges; berührte es sie aber, oder schritt es zuerst mit dem linken Fuße aus, so war dies ein Zeichen, dass kein guter Ausgang bevorstand.

Solcher Götzendienst hatte lange auf der Insel Rügen gedauert, und das Bild Swantewits hatte gerade dreihundert und dreißig Jahre in dem Tempel zu Arkona gestanden, als im Jahre 1168 Bild und Dienst zerstört wurden, und an deren Stelle die christliche Religion feste Wurzel auf der Insel fasste.

Die Rügianer hatten nämlich zu damaliger Zeit die Dänische Oberherrschaft, unter der sie lange gestanden, von sich abzuschütteln gesucht. Dafür beschloss der König Waldemar I. von Dänemark, sie zu züchtigen. Er zog deshalb im Winter des Jahres 1167 auf 1168 mit einer überaus großen See- und Heeres-Macht vor Arkona, der Hauptstadt und der Hauptfestung des Landes. Mit sich hatte er genommen seinen geistlichen Feldhauptmann, den Bischof Absalon von Roschild, und den Bischof Swens von Arbuß.

Er belagerte die Festung mit sehr ernstlichen und nachdrücklichen Anstalten. Die Arkoner versäumten sich aber auch ihrer Seits nicht an tüchtigen Gegenvorkehrungen. Die Stadt hatte nämlich von drei Seiten nach der See hin so hohe und steile Ufer zum Schutze, dass es ganz unmöglich war, ihr von daher beizukommen; und nach der vierten, nach der Landseite hin, hatte sie einen eben so hohen und steilen Wall, mit nur einem einzigen Tore darin. Und über diesem Tore befand sich ein starker Turm, von welchem aus es gegen jeden Angriff zu verteidigen war. Unter solchen Umständen hielten die Arkoner sich für sicher und unüberwindlich, und da sie auch zudem mit guter und gerüsteter Mannschaft versehen waren, so spotteten sie aller Anstalten der Belagerer.

Diese, nachdem sie schon lange vergebens vor der Festung gelegen hatten, und noch immer keine Weise absehen konnten, wie sie in Stadt zu gelangen vermochten, fingen auch schon nach und nach an, an einem glücklichen Ausgange ihres Unternehmens zu verzweifeln. Da trat auf einmal Einer unter ihnen auf, ein gemeiner Soldat, der weissagte, dass an dem Tage des heiligen Vitus die Feste fallen werde, zur Strafe des Verrats und der Abgötterei der Einwohner, die vor mehreren hundert Jahren den heiligen Vitus verstoßen und statt seiner den Götzen Swantewit angenommen hatten. Dem Soldaten wollte zwar Niemand glauben, zumal da der Tag des heiligen Vitus herankam, ohne dass man irgend etwas sah, woraus man für eine Übergabe oder Einnahme der Festung hätte schließen können. Aber dennoch geschah es, dass durch eine wunderbare Fügung des Himmels die Prophezeihung wahr wurde.

Es war nämlich in dem Lager der Dänen ein vorwitziger Bube. Dieser hatte eines Tages, gerade an dem Tage des heiligen Vitus, wahrgenommen, dass in der Verschanzung des Tores, durch Abgleiten von Erdschollen, sich eine Vertiefung gebildet hatte, darin sich ein Mensch verbergen konnte. Leichtsinnig und vorwitzig wie er war, stieg er vermittelst einiger Speere, die er stufenweise in den Wall einstieß, in die Vertiefung hinauf, und machte in derselben aus Spielerei ein Feuer an. Da fügte es sich, dass das Feuer den Turm ergriff, der etwas über das Tor heraus gebaut war, und hervorragte. Anfangs achtete kein Mensch hierauf. Allein auf einmal stand der ganze Turm in Flammen, so dass selbst das, oben in seinem Gipfel angebrachte Götzenbild von dem Brande ergriffen wurde. Jetzt wurden beide Teile aufmerksam. Die Belagerten schickten sich an, das Feuer zu löschen. Das benutzten die Belagerer, indem sie schleunig an die Festung heranrückten, und anfingen zu stürmen. Dadurch bekamen die Arkoner mit einem doppelten Feinde zu kämpfen, dem sie auf die Dauer nicht widerstehen konnten. Besonders nahm das Feuer auf schreckliche Weise überhand. Die Dänen hatten ihnen schon früher das Wasser abgeschnitten, so dass sie nur Einen einzigen brauchbaren Brunnen in der ganzen Stadt hatten. Es gebrach ihnen daher bald an Wasser zum Löschen, und sie nahmen nun zu der Milch von ihren Kühen ihre Zuflucht, um die Glut zu stillen. Allein dadurch wurde das Übel gerade ärger; denn die Milch vermehrte die Flamme, und trieb sie höher, anstatt sie zu vermindern. In solcher Not baten denn die Arkoner zuletzt um Unterhandlungen; diese wurden ihnen, auf Anraten des Bischofs Absalon, vom Könige gewährt, und in Folge derselben übergaben sie die Festung, am Tage des heiligen Vitus, wie der Soldat geweissagt hatte.

Gleich am Tage nach dieser Einnahme der Festung befahl der Dänische König, dass das Bild des Götzen Swantewit zerstört werden solle. Den Auftrag dazu gab er dem Bruder des Bischofs Absalon, Namens Esbertus, und einem gewissen Suno, die sich zu dem Tempel begaben. Vor demselben hatte sich, weil der Befehl des Königs bekannt geworden war, eine große Menge Einwohner versammelt. Sie selbst wagten es nicht, dem Befehle sich zu widersetzen; allein sie waren desto fester überzeugt, dass der Gott sich selbst schützen werde, und sie vermeinten daher nicht anders, als er werde sämtlichen Dänen die Hälse brechen. Die Dänischen Herren jedoch griffen ihr Werk, ohne Furcht, mit frischer Hand an. Sie ließen die Teppiche niederreißen, mit denen der Tempel behangen war; dann gingen sie mit Äxten und Beilen auf den Götzen selbst los. Er wurde unten an den Beinen niedergehauen, so dass er rücklings an die Wand stürzte. Da entsetzten sich die Rügianer, und glaubten, nun werde der Zorn des Gottes auf einmal losbrechen. Aber das geschah zu ihrer Verwunderung nicht. Dagegen trug es sich zu, dass in dem Augenblicke, als das Götzenbild niederfiel, der leibhaftige Teufel in der Gestalt eines scheußlichen Tieres aus dem Bilde herausfuhr und durch die Fenster des Tempels entschwand.

Nachdem darauf der Götze ganz umgehauen war, wurde er an Stricken aus der Stadt ins Dänische Lager geschleppt. Dort wurde er in kleine Stücke gehauen, bei welchen die Soldaten ihr Essen kochten. Der Tempel wurde verbrannt.

Als die Rügianer ein solches Ende ihres Götzen gesehen hatten, ließen sie von dem Glauben an ihn ab, und bekehrten sich zum Christentume.—

Nachher ist die ganze Stadt Arkona zu einer Zeit in das Meer versunken; auf dessen Grunde soll sie noch ruhen, denn wenn es nebeliges Wetter ist, so steigt sie zuweilen unter dem Wasser empor, und man kann sie dann sehen mit ihren Häusern, Wallen und Türmen. Die Leute in der Gegend sagen dann, dass die alte Stadt wafele.

Micrälius, Altes Pommerland, I. S. 163. N. S. 301.
Th. Kantzow, Pomerama, I. S. 161—168, 170—173.
Cramer, Gr. Pomm. Kirchen-Chronica, I. S. 99.
v. Schwarz, Pommersche Städtegeschichte, S. 627 folg., 653 folg., 666, folg,
Gesterding, Pommersches Magazin, V. S. 18. 19.
Barthold, Geschichte von Rügen und Pommern, I. S. 551 folg.
Zöllners Reise durch Pommern und Rügen, S. 316.
Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller

Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller