Siebensteinen oder die in Steine verwandelten sieben Knaben unweit Dambeck, bei Wismar

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Beidendorf, Dambeck, Wismar
Siebensteinen nennen die Leute eine Steingruppe, die sich zwischen den Pfarrdörfern Beidendorf und Dambeck bei Wismar, an der alten Landstraße nach Schwerin, befindet. Die diese Gruppe bildenden sieben großen Steine ragen mehrere Fuß hoch aus der Erde hervor; sechs derselben stehen nahe beisammen, und nur der siebente befindet sich in einer kleinen Entfernung davon.

Die Bewohner der dortigen Gegend wissen über den Ursprung dieser Steine folgende alte Sage:

In uralten Zeiten hüteten hier gewöhnlich mehrere Jungen aus der Nachbarschaft die Pferde ihrer Eltern oder Dienstherren. Da nun aber diese Weide ziemlich weit von ihren verschiedenen Dörfern entfernt war und die Pferde nicht ohne Aufsicht bleiben konnten, so bekamen die Knaben schon immer gleich am Morgen, bei ihrem Aufbruche vom Hause, ihr Essen, in Brot, Käse oder Wurst bestehend, für den ganzen Tag mit. Und wie nun ein altes Sprichwort sehr richtig sagt: „Jugend hat keine Tugend!" so ging es auch hier, indem die sich selbst überlassenen Pferdejungen nach Herzenslust mit einander herum tollten und tobten, was nur immer das Zeug halten wollte. Doch so lange sie nicht die Grenzen des Erlaubten überschritten. waren ihnen ihre tollen Streiche und Spiele schon immer zu verzeihen; denn „Jugend muss austoben!" — wir Alle sind ja auch Kinder gewesen und wissen es recht gut, wie's in der schönen Jugendzeit oftmals hergeht; — leider aber artete ihre Ausgelassenheit mit der Zeit nur zu sehr aus. Sie vergaßen nämlich nach und nach ganz die im Winter von ihrem Dorfschulmeister erhaltenen guten Lehren und Ermahnungen und fingen zuletzt gar an, sündliche und dem lieben Gott nicht wohlgefällige Spiele zu treiben.

Eines Sonntags, es war gerade unter der Predigt, begannen die mutwilligen Buben wieder ein solches Spiel. Sie wollten es jetzt ebenso machen, wie es die Alten mitunter des Abends in der Dorfschenke taten, und auch einmal Kegel spielen.

In Ermangelung von passendem Material hatten die argen Jungen von ihrem mitbekommenen Käse und Brote genommen und sich daraus Kugel und Kegel geformt. Noch nicht lange aber spielten sie damit, da gesellte sich plötzlich ein fremder Mann zu ihnen, der sie mit ernsten Worten ermahnte, abzulassen vom gottlosen Spiele und nicht länger Missbrauch zu treiben mit Gottes Gaben. Aber die Knaben achteten seiner Mahnung nicht, sie verspotteten ihn sogar noch obendrein und setzten ruhig ihr Kegelspiel fort. Nur auf einen der sieben Kinder hatte des Mannes Rede Eindruck gemacht; stille war derselbe auf die Seite getreten und spielte nicht weiter mit.

Noch einmal wendete sich der Fremde an die Jungen, noch einmal warnte und ermahnte er sie auf das Eindringlichste; er sagte ihnen, der liebe Gott werde es nicht länger dulden, dass sie also Seine gütigen Gaben missbrauchten, Er würde Sich schrecklich rächen, wenn sie nicht sofort innehielten. Aber umsonst; die gottvergessenen Buben spotteten seiner nur noch ärger wie zuvor, ja sie drohten zuletzt gar, ihn mit der aus Brot geformten Kugel zu werfen, wenn er sich jetzt nicht packe und sie in Ruhe lasse.

Da nahte sich der fremde Mann mit trauriger Miene dem folgsamen Knaben und gebot ihm, sich sogleich von hier zu entfernen, sich aber ja nicht weiter nach seinen Genossen umzusehen, wenn ihm sein Leben lieb sei. Derselbe gehorchte und ging; doch als er sich ein Paar Schritte entfernt, trieb ihn seine Neugierde zu erfahren, was wohl mit den übrigen Knaben geschehe. Eingedenk der Worte des Fremden, sich nicht umzusehen, bückte er sich vorüber und sah zwischen seinen Füßen hindurch, aber in demselben Augenblick war er auch schon, gleich den übrigen sechs Kindern, in einen Stein verwandelt.

Wie schon zu Anfang gefügt, kann man noch jetzt alle diese sieben Steine auf ihrer alten Stelle unweit des Pfarrdorfes Dambeck bei Wismar sehen. Während sechs derselben aufrecht dastehen, ist der siebente, ein wenig davon entfernte, etwas vorübergebeugt; jene sollen nun die sechs ungehorsamen, dieser aber der neugierige, sich durch die Beine umschauende Knabe sein.

Obgleich man schon öfter die Absicht gehabt haben soll, diese Steine zu sprengen, und sie dann zu Bauten zu verwenden, so hat man sie doch immer wieder ruhig stehen lassen; denn allemal, wenn ein Hammer darauf gesetzt worden, sollen sich sofort Blutspuren auf den Steinen gezeigt haben. Die Leute erkennen hierin Gottes Fingerzeig und glauben und sagen nun: der Allmächtige wolle nicht, dass diese Denkmäler zerstört würden, sondern dass dieselben ewig zum warnenden Beispiel erhalten bleiben sollen.
Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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