Sidonia Borken.

Aus: Die Volkssagen von Pommern und Rügen
Autor: Gesammelt von Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1840
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Pommern, Wolgast, Stargard, Freienwalde
Vor ungefähr zweihundert Jahren lebte einmal in Pommern ein adliges Fräulein aus einem alten und vornehmen Geschlechte, Sidonia von Borke geheißen. Von der sagen die Leute, dass sie eine arge Hexe und Zauberin gewesen sei. Einige behaupten zwar, dies sei nicht wahr, und sie sei unschuldig gewesen, aber es ist doch nicht zu leugnen, dass sie zu Stettin vor dem Tore als Hexe öffentlich verbrannt ist. In ihrer Jugend soll sie ganz ausnehmend schön gewesen sein, und weil sie auch reich und vornehm war, begab sie sich an den Hof der Herzoge von Pommern zu Wolgast und Stettin. Schon da soll sie angefangen haben zu hexen; denn der Herzog Ernst Ludwig zu Wolgast entbrannte dergestalt in Liebe zu ihr, dass er sie mit aller Gewalt heiraten wollte. Die Stettinschen Fürsten wollten dies aber nicht zugeben, brachten es vielmehr zu Wege, dass der Herzog das schönste Fräulein heiratete, so dazumalen in Deutschland war, nämlich die Prinzessin Hedwig von Braunschweig. Darüber geriet Sidonia Borken in einen großen Zorn, und sie fuhr in ihren bösen Künsten nun dadurch fort, dass sie die sechs jungen Fürsten, welche in damaliger Zeit zu Stettin waren, und sämtlich junge Gemahlinnen hatten, also verzauberte, dass sie ohne Erben sterben mussten. Darauf ging sie aus Verdruss in das Jungfrauenkloster zu Marienfließ zwischen Stargard und Freienwalde in Hinterpommern.

Hier soll sie nun einen sehr ärgerlichen, boshaftigen Lebenswandel getrieben haben, und sie hat fast nichts getan, als sich mit Zauberei abzugeben. Insbesondere hat sie Bekanntschaft gemacht mit einer alten Zauberin, Wolde Albrechts; von dieser hat sie einen kleinen Zaubergeist, Namens Chim, gekauft, der ihr nun zu allen ihren Teufelskünsten geholfen. Derselbe hat für gewöhnlich die Gestalt einer Katze gehabt; er hat aber auch manchmal sich als ein dreibeiniger Hase mit einem weißen Ringe um den Hals gezeigt. Sie hat ihn überall hingeschickt, wenn sie ihre Feinde hat quälen oder ums Leben bringen lassen. So hat sie ihn auch insbesondere einmal nach dem Dorfe Boek gesandt. Dort war ein Prediger, Namens Lüdeke, der hatte öffentlich auf der Kanzel über ihr ärgerliches Leben geschimpft; dafür schickte sie flugs ihren Chim zu ihm, dass er ihm den Hals umdrehen musste, wovon der arme Mann eines gar schrecklichen und erbärmlichen Todes gestorben ist. Wenn sie nun so Jemanden hat töten oder martern lassen, dann hat sie sich die Hände gerieben und den Spruch getan: So krabben und kratzen meine Hunde und Katzen! Auch hatte sie immer grüne Besen kreuzweise unter ihrem Tische liegen, und soll dieGewohnheit gehabt haben, sich drei Donnerstage nach einander in demselben Wasser zu baden. Wenn ihr Gesinde zu Bette gegangen, hat sie sich gewöhnlich hingesetzt, und den Judas-Psalm gebetet. Als ihr Chim auf die Letzt etwas schwach geworden und nicht Alles, was sie gewollt, mehr hat ausführen können, hat sie sich von der Wolde Albrechts deren Geist, welcher Jürgen geheißen, zur Hilfe geben lassen.

Solche Zauberkünste hat sie getrieben, bis sie an die achtzig Jahre ist alt geworden. Da hat man zuerst die Hexereien der Wolde Albrechts entdeckt, und diese hat darauf, als man sie auf der Folterbank peinlich gefragt, auch von der Sidonia Borken Alles bekannt. Man hat sodann auch diese Letztere vor Gericht gezogen. Anfangs hat sie hartnäckig geleugnet und sich für unschuldig erklärt. Zuletzt aber, als man auch sie peinlich gefragt, hat sie alle ihre Gräueltaten zugestanden, deren dann eine Menge an den Tag gekommen. Sie ist darauf, im Jahre 1620 vor dem Mühlentore zu Stettin enthauptet und ihr Körper verbrannt worden. Man sagt, dass dabei aus dem Scheiterhaufen eine Elster in die Höhe geflogen sei. Ihre Seele soll man in Gestalt dieses Vogels noch jetzt oft in der Abenddämmerung vor dem Mühlentore herumfliegen sehen.

Selbst während ihres Hexenprozesses hat sie das Zaubern nicht unterlassen können. So lebten zu damaliger Zeit zwei Herren von Mellenthin, die reiseten eines Tages zwischen Schlötenitz und Schellin; und wie sie dabei über den Prozess der Sidonia Borken sich unterredeten, erhob sich urplötzlich ein so gräuliches Stürmen und Brausen in der Luft, dass die Pferde vor dem Wagen sich losrissen und davon liefen. Sie wurden erst bei Stargard ganz verschüchtert wiedergefunden.
Das Zauberwesen, wodurch sie die sechs Fürsten zu Stettin, und wahrscheinlich auch deren Gemahlinnen unfruchtbar gemacht, soll sie, ihrem eigenen Geständnisse nach, in ein Schloss festgeschlossen und dann in den See zu Mariafließ versenkt haben. —

Viele Leute halten die Sidonia Borken aber auch noch für ganz unschuldig. Sie soll keifischer und neugieriger Natur gewesen sein, und dabei abergläubisch, so dass sie sich gern mit alten Wahrsagerinnen abgegeben. Darum habe man denn die unwahren Anklagen gegen sie erhoben, dass sie selbst eine Zauberin sei, welche von ihr nur durch die grausamen Qualen auf der Tortur mittelst Geständnisses bestärkt worden sind.

Dähnert, Pommersche Bibliothek, Bd. 4. St. 7, S, 233—III, Bd. 5. St. 4. S. 127—130., St. 5. S. 426-134.
Ferner alle Pommersche Geschichtsschreiber, und
Mündlich.

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Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller

Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller