Schön-Hannchen von Wamekow bei Sternberg.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Von M. G. zu Güstrow, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Warmekow, Sternberg, Swinägel
Vor mehr denn 100 Jahren lebte in dem Dorfe Wamekow bei Sternberg ein alter Bauersmann, Namens Rhode. Seine Frau war schon lange tot und seine einzige Tochter besorgte ihm die Wirtschaft.

Hannchen war das schönste Mädchen des Dorfes und wurde deshalb nur allgemein Schön-Hannchen genannt. Bei Tanzfesten war sie natürlich die gesuchteste Tänzerin, und alle jungen Bursche bewarben sich um ihre Gunst; sie aber blieb gleichgültig gegen Alle, denn ihr Herz war längst nicht mehr frei. Mit treuer Liebe war sie dem Sohne ihres Nachbaren zugetan, den sie schon seit ihrer frühesten Kindheit gekannt hatte.

Gottlieb war ein fleißiger Tischlergeselle und vor zwei Jahren in die Fremde gegangen, um sich in seinem Handwerk zu vervollkommnen und dann nach seiner Rückkehr Schön-Hannchen als sein glückliches Weib in seine Wohnung einzuführen.

Hannchen arbeitete indessen fleißig am Spinnrocken und Webstuhl, kaufte auch manch schönes Gerät in den künftigen Haushalt. Aber längst schon hatte sie Alles fertig und ihr Gottlieb war noch immer nicht da. Da stieg sie täglich auf einen Berg, welchen man noch jetzt nicht weit vom Hofe Wamekow sieht, und sah in die Ferne hinaus, ob er nicht käme. Und als sie täglich vergebens hinaufging, da weinte sie viel bittere Tränen. So unaufhaltsam flossen sie, dass sie sie nicht mehr trocknen konnte, sondern auf die Erde strömen ließ. Und die Erde sog die Tränen nicht ein, sondern sammelte sie am, Fuße des Berges zu einem großen Teich.

So waren wiederum einige Jahre vergangen, als eines Tages ein fremder Wandersmann in das Dorf kam. Kaum hatte dieser von dem großen Herzeleid Schön-Hannchens gehört, als er zu ihr ging und sagte: „Betrübe Dich nicht mehr, ich habe Deinen Gottlieb auf meinen Reisen gesehen, er ist verheiratet, hat Dich längst vergessen und ist nicht wert, dass Du an ihn denkst.

Anscheinend ruhig hörte Hannchen diesen Bericht an und ging am Nachmittag ihren gewöhnlichen Weg nach dem Berge. Doch es wurde Abend und sie kam nicht wieder. Man wurde unruhig und suchte sie überall; doch vergebens, selbst auf dem Berge war sie nicht. Als man aber nach dem Teiche kam, fand man dort ihre Leiche.

So hatte Schön-Hannchen in ihren eigenen Tränen ihren Tod gefunden. Der Teich heißt bis auf den heutigen Tag „Hannchens-Soll" und der Busch, unter dem ihre Leiche gefunden, der „Spöke-Busch*), denn es wird behauptet, dass in mondhellen Nächten Schön-Hannchens Geist dort umher wandelt.

*) Spuk-Busch

Als der Vater das unglückliche Ende seines Kindes erfuhr, wusste er sich nicht zu fassen in seinem großen Kummer. Das Haus wurde ihm zu eng und zu einsam, er stieg auf den Berg, wo Hannchen so oft gesessen; er ging wieder hinab, immer weiter ins Feld hinein; er sah nicht auf den Weg, er ging, wohin seine Füße ihn trugen. Endlich kam er an einen Teich, der, abgeschieden vom Geräusch des Dorfes, ruhig und friedlich da lag. Da war es ihm, als gäbe es für ihn kein größeres Glück mehr, als den Tod in diesen kühlen Wellen zu suchen.

Am andern Morgen fand man seine Leiche und nannte den Teich den „Rhoden-Soll".

Da nach vielen Jahren kehrte der ungetreue Gottlieb zurück, voll Reue und guter Vorsätze. Als er aber das traurige Ende Hannchens hörte, ergriffen ihn die schrecklichsten Gewissensbisse. Rastlos irrte er umher und fand nicht eher Ruhe, als bis auch er seinem Leben ein Ende gemacht hatte.

Er stürzte sich in ein nahe am Dorfe gelegenes Gewässer, welches noch jetzt „de Schwinägel" heißt, weil die Leute, als sie von seinem Tode hörten, sagten: „Doar güng de Schwinägel rin!“*)

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