Schlachtvieh-Zucht und Verkauf 1845-1848

Aus: Mecklenburgisches Gemeinnütziges Archiv, Band 1
Autor: Pogge-Roggow, Johann (1793-1854) Mecklenburger Landwirt und Politiker, Erscheinungsjahr: 1850
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Landwirtschaft, Viehzucht, Nutzvieh, Schlachtvieh, Rassen, England,
In der ersten Hälfte des Juli 1845 reiste ich auf einem Dampfschiffe von Hamburg nach London und gebrauchte bei ziemlich ungünstigem Winde 70 Stunden zur Überfahrt.

Zu der Schiffsladung gehörten 20 gemästete Mecklenburgische Ochsen von dem Alter und der Beschaffenheit, wie man sie von hieraus als gute Ware gewöhnlich nach Hamburg verkaufte.

Am zweiten Tage nach meiner Ankunft in London führte der Hauptmann Carr mich und meinen zweiten Sohn nach dem berühmten Smithfield-Viehmarkt, wo das Schlachtvieh verkauft wird, und bat einen Viehkommissionär, uns über den Handel an Ort und Stelle Belehrung zu erteilen. Derselbe unterzog sich bereitwilligst diesem Geschäfte und brachte uns zu allen Arten der dort zu Tausenden aufgestellten Schlachttiere, die größtenteils von einer so schönen Beschaffenheit waren, wie ich sie früher nicht gesehen. Er gab beim Rindvieh an, hinweisend auf die besten und normierenden Dimensionsverhältnisse einzelner Körperteile, und auf diejenigen Stellen, wo durch das Gefühl die Qualität des Fleisches zu erkennen, wie hoch jede Sorte pr. Stein bezahlt würde. — Die Schlächter kaufen nämlich das Vieh nach dem Gewicht, schlachten es und verkaufen das Fleisch an die Fleischer, welche es in ihren Scharren den Verbrauchern vorlegen. — In einiger Entfernung gewahrte ich die von Hamburg mitgekommenen Ochsen, welche sich schlecht unter den Englischen ausnahmen. Unser Führer wollte ohne Bemerkung an ihnen vorüber, doch hielt Hauptmann Carr ihn an, indem er ihm die Frage vorlegte: wie viel der Stein hiervon gelte? Der Kommissionär antwortete lächelnd: Diese werden nach der Elle verkauft! — und auf unsere Erkundigung, was dies bedeuten solle, sagte er: das Verhältnis der Knochen zum Fleische sei bei ihnen so groß, die Beschaffenheit des Fleisches so schlecht, dass ein Handel pr. Stein sich darauf nicht abschließen lasse, deshalb würden sie pr. Stück nach dem Augenschein und zwar größtenteils in die Armenhäuser und Kasernen oder zu Suppen in die Krankenhäuser verkauft. — Dies war mir eine wichtige Lehre. —

Von London reisten wir einige Tage später zur landwirtschaftlichen Versammlung nach Shrewsbury und fand ich dort die zur Schau und Preisbewerbung ausgestellten Tiere der verschiedenen Rassen von Rindvieh, Schweinen und Schafen noch fetter und schöner als auf dem Smithfield-Markt. An solchen Orten wetteifert der kleinste Farmer mit dem ersten Lord durch Aufstellung wertvoller Zuchttiere um den Preis, und oft findet man Tiere dabei aus den Farms der Königin, des Prinzen Albert etc., welche alle die Bedeutung solchen Strebens erkennen und gerne zu seiner Förderung sich beteiligen.

Jene Erscheinungen bewogen mich, einige Zuchtschweine der Esser- und Cheshire-Race, und Mutterschafe nebst Bock der Southdown-Race teils selbst, teils durch gefällige Vermittlung in England zu kaufen, um zu versuchen, ob unter den Mecklenburgischen landwirtschaftlichen Verhältnissen sich ähnliche Tiere mit Nutzen ziehen ließen.

Die neueste Englische Zoll-Gesetzgebung hatte die Einführung fremden Fleisches und Viehes gegen nur geringe Abgabe erlaubt, der Transport dieser Ware dahin wird mit jedem Jahre beschleunigt und billiger, sowohl auf der See als bis an dieselbe, also das Geschäft für uns beachtenswerter. Soll es indes rentieren, so müssen wir das Vieh so ziehen, dass es nicht, wie jener Kommissionär auf dem Smithfield-Markt sich ausdrückte: nach der Elle, sondern nach dem Gewichte verkauft werden kann.

Ich erhielt aus England:

1) an Schweinen:
a) Cheshire-Race:
eine Sau von Mr. Forester,
ein Eberferkel von Lord Hill,
eine Sau aus einem Windsor-Farm;
b) Esser-Race:
einen Eber und drei Sauen von Mr. Fisher-Hobbs, welche zusammen mit dem Transport bis Hamburg ca. 700 Thlr. Kur. kosteten;

2) an Schafvieh:
a) 6 Southdown-Schafe nebst Bock aus den besten Stämmen Englands:
b) 4 Mutterschafe nebst 4 Lämmern der Southdown-Race aus einem Windsor-Farm:
beides durch gütige Vermittlung des Herrn General Whemys, kostend bis
Hamburg zusammen 360 Thlr. Kurant.

Englisches Rindvieh habe ich nicht angeschafft, weil es zu groß für unsere Weiden ist und ich das kleine Schottische Ayrshire-Vieh, das milchreicher und mastfähig ist, schon besaß, welches sich besser für unsere Weiden passt.

Die Dishley-Schafe sind größer als die Southdown, aber stehen aus ähnlichen Gründen in Beziehung auf unsere Weideverhältnisse den letzteren nach; auch wird das Fleisch der Southdown in England höher geschätzt.

Der Konsul Parish auf Göttin machte mir vor mehr als 20 Jahren ein Geschenk mit einem Stamm der Dishley-Race, welcher sehr schön war, dessen Nachzucht indes, aller darauf verwandten Sorgfalt ungeachtet, kein Gedeihen bei mir gehabt hat.

Im Jahre 1848 kaufte ich auf der Auktion zu Tüschenbeck vom Herrn Hauptmann Carr eine Hampshire-Sau für 85 Rthlr. Kurant,

Die Nachzucht des aus England erhaltenen Viehes hat sich in Roggow gut gemacht, doch muss man die Sauen während ihrer Trächtigkeit schwach füttern und ihnen täglich Bewegung verschaffen.
Ich bin überzeugt, dass wir Tiere dieser Racen ebenso schön als in England ziehen, ja ebenso vervollkommnen können, wenn wir dem von den Engländern uns gegebenen Beispiele bei der Zucht nach Leistungen folgen.

Die Southdown-Schafe halten sich gut während der Weidezeit — wenn man keine Sommerstallfütterung vorzieht — in fetten, gehörig abgegrabenen Standkoppeln, bestehend aus Ackerland und mit Erde befahrenen Moorwiesen, frei darin umhergehend.

Die ersten 4 Hammel davon, 2 1/2 Jahr alt, verkaufte Herr Claus Olde in Hamburg auf dem Schulterblatt am 7. Oktober d. J. für 7 1/2 Thlr. Hamburger Kurant — 9 Thlr. Pr. Kur. pro Stück, 2 Dishley-Hammel gleichen Alters, doch größer, das Stück für 6 Rthlr. Hamb. Kurant.

Junge Ochsen, unter den Kühen in Roggow gehalten und nicht angespannt, von Ayrshire-Bullen und Halbblut-Kühen, verkaufte Herr Claus Olde daselbst für mich zu jener Zeit:
einen 3 1/2 Jahr alten für 55 Rthlr. Hamburger Kurant, einen 1 ½ Jahr alten für 15 Rthlr.

Derselbe bemerkt hierbei: „die jährigen Ochsen sind jedenfalls für unseren Markt zu jung, und möchte ich glauben, dass Sie am besten Rechnung dabei fänden, wenn solche reichlich 3 Jahre alt sind. Die Hauptsache für unseren Markt ist recht fette kernige Ware. Über Schweine schreibt Herr Olde am 18. Mai d. J.: ,die beliebtesten Sorten Schweine sind die Englischer und Mecklenburgischer Rasse im Gewichte von 150 bis 180 Pfund, solche werden gefragt und als Singed Bacon nach London versandt.“

Von den hier gezüchteten Schweinen der Cheshire-, Essex- und Hampshire-, sowie von den Schafen der Southdown-Race habe ich mehrere unter der Hand abgesetzt, in diesem Jahre aber den Verkauf damit in Auktion begonnen, indem zwei Mal eine solche in Güstrow auf dem Walle, eine in Magdeburg zur Zeit der Versammlung Deutscher Land- und Forstwirte abgehalten wurden. Auf den Wunsch der Redaktion lege ich die bezüglichen Auktionsprotokolle bei.

Welchen Umfang der Verkehr auf dem Smithfield-Viehmarkt hat, zeigt der Bericht vom 28. Oktober d. J., worin es heißt: „Fremde Zufuhr: 1.391 Ochsen, 5.050 Schafe, 130 Kälber, 200 Schweine. Am Markte waren: 4.579 Ochsen, 25.450 Schafe, 180 Kälber, 600 Schweine“; und dies Viehquantum ist kein ungewöhnlich großes.
Roggow, Ende November. 1850 Johann Pogge

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Viehmarkt

Viehmarkt

Schäfer mit seiner Herde auf dem Heimweg

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Kühe auf der Wiese

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Kühe im Stall

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Pferdestall auf dem Gut

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