Sagen von der wilden Jägerin Frau Goden, aus der Umgegend von Dömitz, Eldena und Grabow.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 2
Autor: Von F. Günter, Pastor zu Groß-Methling, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Dömitz, Eldena, Grabow, Semmerin,
Es war einmal eine reiche und vornehme Frau, die hieß „Fru Gauden" — Frau Goden. — Dieselbe war eine so leidenschaftliche Liebhaberin der Jagd, dass sie sich nicht entblödete, das sündliche Wort hierüber auszusprechen: die Jagd sei besser, als der Himmel, und wenn sie nur immerfort jagen dürfe, so wolle sie nie zum Himmel ein.

Der Apfel fällt gemeiniglich nicht weit vom Stamm, und wie der Baum ist, so ist auch die Birne. Frau Goden hatte vier und zwanzig Töchter, und alle teilten mit der leichtfertigen Mutter den gleichen Sinn und das gleiche Verlangen.

Da einmal, als Mutter und Töchter nach gewohnter Weise in wilder Freude durch Wälder und Felder jagten, erreichte ihre Lust den höchsten Gipfel und abermals erscholl das ruchlose Wort von Aller Lippen: „Die Jagd ist besser als der Himmel, und wenn wir nur immerfort jagen dürfen, so wollen wir nie zum Himmel ein." Und siehe, da plötzlich vor den Augen der Mutter verwandeln sich die köstlichen Kleider der Töchter in zottige Haare, in Beine die Arme, in Tiergestalten die Menschengestalten, und vier und zwanzig Hündinnen umkläffen den Jagdwagen der erschrockenen Mutter. Vier von ihnen übernehmen den Dienst der Rosse, die übrigen umkreisen als Jagdhunde den Wagen. Und fort geht der wilde Zug zu den Wolken hinauf, um dort, zwischen Himmel und Erde streifend, unaufhörlich, wie sie gewünscht hatten, zu jagen, von einem Tage zum andern, von einem Jahre zum andern.

Doch längst schon sind sie des wilden Treibens überdrüssig geworden und schmerzvoll beklagen sie jetzt das Frevelhafte ihres ehemaligen Wunsches. Insonderheit ist es die Mutter, die, wie durch ihr eigenes, trauriges Schicksal, so noch mehr durch das ihrer unglücklichen Töchter bekümmert wird. Aber sie alle müssen das selbstverschuldete Unglück tragen, bis die Stunde ihrer Erlösung kommt. Kommen wird sie einmal, die von Allen ersehnte Stunde, doch das Wann? liegt verborgen im Schoße der dunkeln Zukunft, und bis dahin ist es ihnen nur vergönnt, ihre Klagen vor den Ohren der Menschenkinder laut werden zu lassen, das Einzige, worin sie Linderung für ihre Schmerzen suchen und finden.

Die Mutter bemüht sich, den Ihrigen diesen Trost zu bereiten, und darum lenkt sie in der Zeit der „Twölven*)" — denn zu andern Zeiten können wir Menschenkinder ihr Treiben nicht wahrnehmen — ihren Jagdzug zu den Wohnungen der Menschen hin. Am liebsten fährt sie in der Christnacht und in der Altjahrsnacht über die Straßen des Dorfes, und wo sie dann die Tür eines Hauses geöffnet findet, da sendet sie eine von ihren Begleiterinnen hinein.

*) „De Twölven". In den „Twölven" oder Zwölfen, das heißt in den zwölf Nächten von Weihnachten bis heiligen drei Könige, sind die bösen Leute — Hexen — und bösen Geister in großer Bewegung, hauptsächlich aber in der ersten Nacht vor den Zwölfen und in der siebenten in den Zwölfen. In jener Nacht — vom 24. auf den 25. Dezember — beunruhiget sie die nahe Geburt, in Kiefer — vom 31. Dezember auf den 1. Januar — die nahe Verkündigung des gewaltigen Namens Dessen, durch Den ihre Macht gebrochen wird, und ans Rache gegen Ihn versuchen sie es, uns Christenleuten allerlei Schaden zuzufügen, wovon sie aber am Ende der Zwölfen ablassen, weil sie da gewahr werden, wie ohnmächtig ihr finsteres Reich gegen die mächtige Herrschaft Dessen ist, vor Dem selbst Könige erscheinen und ihre Knie vor Ihm beugen. Darum um die Zwölfen-Zeit müssen Christenleute vor bösen Geistern mehr als sonst auf der Hut sein und vor allen Dingen die Brunnen und Viehställe wohl bewachen. Denn den Brunnen tun die bösen Geister zu dieser Zeit es gerne an, dass das Wasser unrein und schädlich für Menschen und Vieh wird, insonderheit saures Bier und lange Milch zu Wege bringt; den Viehställen aber, dass das Vieh hinkend wird, dass Läuse einziehen und dass das Futter nicht behilflich ist.

Ein kleiner Hund wedelt nun am andern Morgen die Bewohner des Hauses an und fügt Niemandem ein anderes Leid zu, als dass er durch klagendes Gewinsel die Ruhe der Nacht stört. Beschwichtigen lässt er sich nicht, auch nicht verjagen. Tötet man ihn, so verwandelt er sich am Tage in einen Stein, der, wenn auch weggeworfen, durch unsichtbare Gewalt ins Haus zurückkehrt und zur Nachtzeit wieder zum Hunde wird. Der lebendig gewordene Hund aber rächt sich nun, wimmert und winselt zum Entsetzen der Menschen das ganze Jahr hindurch, bringt Krankheit und Sterben über Menschen und Vieh, wie Feuersgefahr über das Haus, und erst mit der Wiederkehr der Zwölfen kehrt die Ruhe des Hauser zurück, wenn es bis dahin vom völligen Untergange bewahrt blieb.

Vorsichtige Leute schießen darum in der Christnacht und in der Altjahrsnacht ein Feuergewehr in ihren Brunnen ab; denn Feuer ist den bösen Geistern zuwider und macht das Wasser rein von aller angetanenen Unsauberkeit. Der Viehstall aber wird hinlänglich schon dadurch geschützt, dass nur der Dung des Viehes während der Zwölfen-Zeit nicht ausgetragen wird; denn nur freiliegender „Twölven-Meß" — Zwölfen-Mist — gibt den bösen Geistern Gewalt über Vieh, Läuse und Futter.

Wer nun einen so unheimlichen Gast nicht gerne im Hause beherbergen mag, der achtet mit Fleiß darauf, dass während der Abend- und Nachtzeit in den Zwölfen die große Tür des Hauses wohlverschlossen gehalten werde. Unvorsichtige Leute versäumen das zuweilen und sind dann selbst Schuld daran, wenn Frau Goden bei ihnen einzieht.

So geschah dies auch einmal den Großeltern jetziger Hauwirtsleute zu Bresegard. Die waren noch obenein so töricht, Frau Godens Hündlein zu töten, aber dafür war auch von Stund an kein „Säg un Däg"*) mehr im Hause, bis zuletzt das Haus sogar in Flammen unterging.

Glücklicher aber waren diejenigen daran, die der Frau Godon einen Dienst erwiesen. Es begegnet ihr zuweilen, dass sie in der Dunkelheit der Nacht des Weges verfehlt und auf einen Kreuzweg gerät. Kreuzwege aber sind der guten Frau ein Stein des Anstoßes, und so oft sie sich auf einen solchen verirrt, zerbricht sie irgend etwas an ihrem Wagen, das sie selbst nicht wieder herzustellen versteht.

In solcher Verlegenheit kam sie auch einmal zu nachtschlafender Zeit, als stattliche Dame gekleidet, einem Knecht zu Böck vor sein Bett, weckte ihn auf und bat ihn flehentlich um Hilfe in ihrer Not. Der Knecht ließ sich erbitten, folgte ihr zum Kreuzwege und fand allda, dass das eine Rad von ihrem Wagen abgelaufen war. Er machte das Fuhrwerk wieder gangbar, und zum Dank für seine Mühe befahl sie ihm, die sämtlichen Häuflein in seine Taschen zu sammeln, die ihre Begleiterinnen beim Verweilen auf dem Kreuzwege zurückgelassen hatten.

*) Segen und Gedeihen.

Der Knecht ward unwillig über solch ein Anmuten, ließ sich indes doch einigermaßen beschwichtigen durch die Versicherung, dass das Geschenk so wertlos, wie er wohl meine, für ihn nicht sein werde, und nahm, wenn auch ungläubig, doch neugierig, einige Häuflein mit sich. Und siehe, zu seinem nicht geringen Erstaunen begann das Mitgenommene mit Tagesanbruch zu glänzen wie schönes, blankes Gold, und war auch wirklich Gold. Da war es ihm denn sehr leid, statt einiger Häuflein nicht alle mitgenommen zu haben, denn von den zurückgelassenen Kostbarkeiten war am Tage auch nicht die Spur mehr aufzufinden.

Ein anderes Mal beschenkte Frau Goden einen Mann zu Conow, der eine neue Deichsel in ihren Wagen setzte, und noch ein anderes Mal beschenkte sie eine Frau zu Göhren, die ihr den hölzernen Stecken in die Deichsel schnitt, über welchem die Waage hängt. Beide erhielten für ihre Mühe, dass die sämtlichen Späne, die von der Deichsel, wie von dem Waagehalter abfielen, sich in schieres, prächtiges Gold verwandelten.

Insonderheit liebt Frau Goden auch kleine Kinder und beschenkt sie zuweilen mit allerlei guten Gaben. Darum singen die Kinder auch, wenn sie „Fru Gauden" spielen:

,,Fru Gauden hett mi'n Lämmken geven,
Dormit sall ick in Freuden leven." *)

*) „Frau Goden hat mir ein Lämmchen gegeben,
Damit soll ich in Freuden leben."


Frau Goden ist somit gar keine unebene Frau, denn wie sehr sie sich auch während ihres Lebens auf Erden vergangen hat, so hat sie das doch längst bereuet und ist zu unseren Tagen, was ihr Name aussagt, eine gute Frau, die denen gerne dient, welche ihr dienen. Doch dient sie in hiesiger Gegend*) Niemandem mehr, sondern sie hat sich gänzlich von hier weggewendet, und das hängt so zusammen:

*) Hiermit ist die Umgegend von Dömitz, Eldena und Grabow gemeint.

Fahrlässige Leute zu Semmerin hatten in einer Silvesternacht ihre Haustür sperrweit offen gelassen. Dafür fanden sie am Neujahrsmorgen ein schwarzes Hündlein auf ihrem Feuerherde liegend, das in nächster Nacht mit unausstehlichem Gewinsel den Leuten die Ohren voll schrie. Da war guter Rat teuer, was anzufangen sei, um den ungebetenen Gast aus dem Hause los zu werden. Und wirklich fand man Rat, bei einer klugen Frau nämlich, die in geheimen Künsten wohlbewandert war.

Wie Jedermann weiß, so ist ein Teufel immer über dem andern, und wenn auch beide Weiber nicht echte und rechte Teufel waren, so fand hier doch nach gleicher Weise die gute Frau in der klugen Frau ihre Meisterin. Diese gebot nämlich, es solle das sämtliche Hausbier durch einen „Eierdopp" gebraut werden.

Gesagt, getan. Eine Eierschaale ward in das Zapfloch des Braukübels gesteckt, und kaum, dass das „Wörp"*) hindurchgelaufen war, da erhob sich Frau Godens Hündlein und redete mit vernehmlicher und klarer Stimme:

„Ick bün so olt,
As böhmen Gold;
Äwerst datt heff ick minleder nich truht,
Wenn man't Bier dörch'n Eierdopp bruht!"**)

Und als es das gesagt hatte, verschwand es, und seither hat Niemand hier so wenig Frau Goden, als ihre Hündlein gesehen.

*) Ungegohrenes Bier.

**) „Ich bin so alt,
Als bühm'sches Gold;
Aber dem habe ich mein Lebtag nicht getraut,
Wenn man das Bier durch eine Eierschaale braut!"

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