Sagen vom Schlosse zu Daber.

Aus: Die Volkssagen von Pommern und Rügen
Autor: Gesammelt von Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1840
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Pommern, Daber,
Das Schloss zu Daber ist sehr alt, und jetzt ganz verfallen, so dass Keiner mehr darin wohnen kann. In uralten Zeiten sollen, wie die Leute sagen, einmal drei vornehme Fürsten darin gewohnt haben. Die haben ein sehr wildes und gottloses Leben geführt, nichts getan als Jagen, Trinken und Fluchen, und den lieben Gott haben sie ganz vergessen. Da ist endlich Einer von ihnen plötzlich gestorben. Den haben die beiden Anderen in dem Erbbegräbnisse auf dem Schloss beisetzen lassen; aber in ihrem Lebenswandel haben sie sich nicht gebessert. Darauf sind sie denn bald ebenfalls eines jähen Todes verstorben. Von der Zeit an ist das Schloss verfallen und es wohnen nun böse Geister darin, welche die Leute in der Gegend die Kobolde nennen. Die treiben, besonders des Nachts, ein schreckliches Wesen in dem alten Schloss. Daher wagt es auch Keiner, nach den vielen Schätzen zu suchen, die noch darin begraben liegen sollen; denn bei Tage kann man an einen solchen Schatz nicht ankommen. Einige Leute haben diese Kobolde auch schon gesehen.

Die alte Nachtwächterfrau, die noch jetzt zu Daber lebt, war einmal auf den Johannistag gerade um die Mittagszeit auf das alte Schloss gegangen, um Flieder zu pflücken, der dort viel wächst. Auf einmal, wahrend sie sich bückte, sah sie aus dem Schloss drei herrlich gekleidete Fräulein kommen, denen drei kleine Männer folgten. Alle sechs führten einen zierlichen Tanz auf dem Hofe aus, zu dem die Musik aus dem Schloss kam. Nachdem das eine Weile gedauert hatte, erschien ein großer Hund an einer goldenen Kette. Das war der leibhaftige Teufel; denn er verwandelte sich plötzlich in einen großen schwarzen Ritter, und fing nun mit an zu tanzen, worauf es nicht anders war, als wenn rund umher der ganze Erdboden bis tief hin erschüttert werde. Die alte Nachtwächterfrau hat darüber einen solchen Schrecken bekommen, dass sie in aller Eile den Schlosssteig heruntergegangen ist. Auf der Brücke erst ist sie still gestanden, und hat sich umgeblickt, worauf sie denn wahrgenommen, dass aus einem verfallenen Turme des Schlosses eine schreckliche Gestalt herausgeblickt hat. Das ist auch der Teufel gewesen. Er hat wie ein Drache ausgesehen, und aus dem Munde Feuer gespien, und auf einmal ein so furchtbares Schreien erhoben, dass davon das ganze Schloss gezittert hat, und eine Mauer geborsten ist. Gleich darauf hat die Glocke Eins geschlagen, und nun ist mit einem Male Alles vorbei gewesen; der Turm aber, aus dem der Teufel geschrien, ist zugleich eingestürzt. Der Teufel hat so arg geschrien, dass die alte Frau taub geworden ist, was sie denn auch zum Wahrzeichen ihr Leben lang bleiben wird.

Ein andermal war ein alter Böttcher, der Bandstöcke geholt, und sich darüber verspätet hatte, um Mitternacht an dem alten Schloss vorbeigekommen. Auf einmal begegneten ihm unweit desselben drei Männer, welche feurige Hüte trugen, sonst aber ganz schwarz waren. Die stellten sich an die Brücke, über die er musste, und wollten ihn nicht hinüberlassen, und drohten ihm. Anfangs graute den alten Mann; zuletzt aber fasste er sich ein Herz, und hob an, mit lauter Stimme das Lied zu singen:

      Ihr Höllengeister, packet Euch,
      Ihr habt hier nichts zu schaffen.

Da verschwanden die schwarzen Gestalten eiligst, und liefen nach dem Schloss zu. Oben in demselben erhoben sie ein schreckliches Geheul und stürzten sich dann von oben in den Turm hinab, von dem die Leute sagen, dass früher die Gefangenen darin gesessen hätten. Gleich darauf hörte der Böttcher ein großes Hundegebell und dann ein fürchterliches Krachen. Der Böttcher hat dies Alles dem Drechslermeister Habermann in Daber erzählt, der daselbst noch lebt.
Dieser Habermann erzählt auch Folgendes: Zu dem Schloss zu Daber gehört ein ziemlicher See. Hier soll, wie die Leute schon von alten Zeiten her sagen, ehemals eine große Stadt gestanden haben, die aber nachher in den See versunken ist. Die Glocken der mit untergegangenen Türme kann man noch zu Zeiten hören. Nun begab es sich einmal, erzählt Habermann, dass ein Schuhmacher, der oft aufs Land ging, um Arbeit zu suchen, in einer Nacht etwas angetrunken aus dem Kruge zu Plantikow kam, welches Dorf etwa eine halbe Meile von Daber liegt. Er war kaum eine Viertelstunde gegangen, als er am Wege drei schwarze Pferde sah, die da weideten. Er dachte, die gehörten einem Bauer aus Plantikow zu, und in seinem trunkenen Mute, und weil ihm das Gehen sauer wurde, machte er sich an sie heran, und setzte sich auf eins, um so nach Hause zu reiten. Aber auf einmal hob sich das Pferd mit ihm in die Höhe, und flog hoch durch die Luft, dass dem Schuhmacher Hören und Sehen verging. Erst an dem Schlosssee ließ es sich mit ihm nieder. Es warf ihn dort ans Ufer ab, und verschwand dann in der Tiefe des Sees. Gleich nachher hörte der Schuhmacher unten im Wasser ein helles Glockengeläute. Die Glocken sprachen dabei ordentlich, denn er hörte deutlich die Worte:

      Anne Susanne
      Wust du mit to Lanne?
      O ne mi Grete,
      Man immer deepe!

Die Leute meinen, dass die drei schwarzen Pferde den drei Fürsten gehört haben; Manche sagen auch, das dritte sei der Teufel selbst gewesen. Es soll auch in der Luft ganz feurig geworden sein, und lauter Feuer von sich gespien haben.

Mündlich.

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Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller

Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller