Sage vom heiligen Bischof Ludolfus von Ratzeburg*).

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Von C. Masch, Pastor zu Demern, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
Vor sechshundert Jahren war in Ratzeburg der Bischof Ludolfus, ein frommer, mit allen Tugenden gezierter Mann, welcher das Stift mit großer Weisheit und Gottesfurcht regierte und die Klosterbrüder, welche bei der Domkirche wohnten, zu strenger Zucht und Heiligkeit anhielt. Er hatte ein schönes Schloss zu Varchow am Ratzeburger See, und dies begehrte der Herzog von Lauenburg, Albrecht hieß er, von ihm; aber Ludolf wollte es ihm nicht abtreten, denn ein Haus des Herrn sollte nicht in eine Räuberhöhle verwandelt werden.

*) Ludolfus regierte von 1236 bis 1250. Bis zum westfälischen Frieden, im Jahre 1648, war Ratzeburg ein selbstständiges, von Bischöfen verwaltetes Bistum, aus demselben wurde es aber in ein weltliches Fürstentum verwandelt und dem herzoglichen Hause Mecklenburg überwiesen.

Als Herzog Albrecht immer dringender ward, wollte Ludolf lieber das Äußerste ertragen, als in die Zerstörung seiner Kirche willigen. Daher wurde er, als er von Wenigen begleitet, ausgereist war, sein Amt zu verwalten, von Erich vom Walde, einem lübeckischen Ritter, gefangen genommen, verspottet, hart behandelt, ins Gefängnis geworfen, in Wälder geführt und, an Händen und Füßen gebunden, den Stichen der Mücken preisgegeben, und da er Alles geduldig ertrug, ward er den Juden in Hitzacker verpfändet; dann in die Wälder zurückgebracht und endlich befreiet. Er ging nicht nach Ratzeburg zurück, denn er wusste, dass der Herzog ihm dies Alles bereitet hatte, sondern nach Wismar, zum Fürsten Johann*) von Mecklenburg. Hier belegte er, nicht aus Hass, sondern damit ein solches Vergehen nicht ungestraft bliebe, den Herzog Albrecht und seine Nachkommen bis ins vierte Geschlecht mit dem Banne und segnete Johann von Mecklenburg und seine Nachkommen. Er blieb in Wismar und fiel, von Nachtwachen, Lasten und Alter geschwächt, in eine Krankheit und wünschte seine Auflösung. Da kamen in einer Nacht seine frommen Vorfahren, die Bischöfe Evermodus und Isfridus **), zu ihm und trösteten ihn und reichten ihm den Kelch des Heils. Am folgenden Tage tat er, matt und krank wie er war, was sein Amt von ihm forderte, und als man in der Kirche sang: „Kommt ihr Gesegneten meines Vaters", sprach er: „oh großer, gütiger Gott, lass mich unnützen Knecht unter den Deinigen sein", und verschied.

Seine Leiche ward nach Ratzeburg zurückgebracht. Da gaben die Glocken in Schlagsdorf, welche von selbst anfingen zu läuten, das erste Zeichen seiner Heiligkeit. Auf Befehl des Herzogs, der nun bereute, was er ihm Leides zugefügt, wurde seine Leiche durch Edelleute von der Brücke zum Kirchhof getragen und von da trugen sie die Domherren bis mitten in die Kirche.

Nach seinem Tode tat er viele Wunder. Ritter Hartwig von Ritzerow hatte ein Stück von einem Pfeil im Kopfe, welches ihm beständig Schmerzen verursachte. Ein betrügender Wundarzt hatte ihn getäuscht, indem er ihm erst viele Schmerzen machte und dann ein Pfeilstück hervorzog, es für das hervorgezogene ausgab und sich mit der vorher bedungenen Belohnung davonmachte. Jedoch bald ward er den Betrug inne und, an menschlicher Hilfe verzweifelnd, wandte er sich an die Heiligen, und da vom heiligen Ludolfus viele Wunder erzählt wurden, so flehte er, Gott möge auf sein Fürbitten ihn von seinen Schmerzen und Qualen befreien. Und bald darauf kam das Eisen von selbst in der Wunde hervor, so dass er es mit eigener Hand herausziehen konnte. Durch kostbare Geschenke bewies der Ritter der Kirche seine Dankbarkeit.

*) Johann I., Herr zu Mecklenburg 1227, gest. 1264.
**) Evermodus regierte von 1154 bis 1178, Isfridus von 1180 bis 1201. Anmerk. des Herausgebers.

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Ratzeburg.

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