Rügensch-Pommersche Geschichten aus sieben Jahrhunderten (Bd. I)

Band I. Rügen 1168. Mit einer Karte des alten Rügen und einem Grundriss von Arkona.
Autor: Fock, Otto Heinrich Friedrich (1819-1872) deutscher Theologe und Historiker, Erscheinungsjahr: 1861
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Pommern, Rügen, Neu-Vor-Pommern, Landesgeschichte, Wenden, Obotriten, Wendetum, Christentum, Heidentum, Götter, Tempel, Aberglauben,
Einleitung. — Die Wenden an der Ostsee . — Berührungen mit Deutschland seit Karl d. Großen. — Mit Dänemark und Polen. — Allgemeiner Charakter des Kampfs. — Das Wendentum um die Mitte des XII. Jahrhunderts. Christentum im Osten in Pommern, im Westen im Holsteinschen und Ratzeburgschen. — Mecklenburg und Neu-Vor-Pommern und der Kreuzzug von 1147

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Inhaltsverzeichnis
Die Zeit, in welche ich meine Leser versetze, liegt siebenhundert Jahre hinter uns.
Die Stürme der Völkerwanderung haben ausgetobt; die Völker des Abendlandes sind nach Jahrhunderte langem Wanderleben leidlich zur Ruhe gekommen; selbst die Ungarn und Normannen sind sesshaft geworden, und haben sich einen festen Herd gegründet.

Die Universalmonarchie, welche nach Römischem Muster der mächtige Genius Karls des Großen aus den zerfahrenen Trümmern einer alten und den naturwüchsigen Lebensmächten einer neuen Welt gebildet hat, ist mit ihrem Schöpfer wieder zerfallen. Das Prinzip der Abendländisch-Europäischen Völkerentwicklung, das Prinzip einer neben einander geordneten, nach geographischen und ethnographischen Grundlagen gesonderten Staatenbildung tritt in immer bestimmteren Zügen hervor. Zwar finden die Überlieferungen der alle Völker- und Staatenunterschiede missachtenden Universalmonarchie noch einen Halt an dem Römischen Kaisertum Deutscher Nation, und hier und da weiß ihm ein kräftiger Träger der Kaiserkrone auch praktische Bedeutung zu geben: aber das Resultat ist nur, dass nach jedem stärkeren Anlauf, den die von Deutschen Kaisern getragene Idee der Universalmonarchie zur Verwirklichung nimmt, der Individualisierungs- und Selbständigkeitstrieb der Abendländischen Völker um so entschiedener zur Geltung gelangt und eben damit die Grundlagen der gesamten modernen Europäischen Staaten- und Völkerentwicklung sicher stellt.

Aber die Bedingung aller individualisierenden, auf eine Nebeneinander-Ordnung gleichberechtigter Staaten gerichteten Entwicklung, in welcher die Völker selbständig und nur nach den Gesetzen wechselseitiger Gravitation auf der Bahn der Kultur fortschreiten — die unerlässliche Bedingung für diesen individualisierenden Völkerentwicklungsprozess in Europa — ist das Christentum. Erst das Christentum hat mit der tiefen religiösen Idee der Kindschaft Gottes und ihrer Ausdehnung auf das gesamte Menschengeschlecht, die Grundlage gewonnen für eine freie, selbständige Entwicklung der Einzelnen wie der Völker, für Menschenwürde und Völkerrecht. Die Sklaverei der einzelnen Individuen wie ganzer Völker, an welcher das Rechtsbewusstsein des Altertums keinen Anstoß nimmt, wird durch das Christentum und die von ihm bedingte Vertiefung des sittlichen Bewusstseins in ihrem tiefsten Grunde zerstört, und wenn sie auch äußerlich zunächst noch in der christlichen Welt fortbesteht, so verliert sie doch im Jahrhunderte dauernden Kampf ein Bollwerk nach dem andern an die weltbefreiende Allmacht der christlichen Idee.

Doch — zu Anfang des zwölften Jahrhunderts fehlt noch viel selbst an dem äußerlichen Siege des Christentums in Europa. Im äußersten Südwesten ringen die christlichen Gotisch-Spanischen Monarchien noch mit wechselndem Erfolg gegen die Maurisch-Mahomedanischen Kalifate. Im Südosten vermag das altersschwache Griechische Kaiserreich dem unwiderstehlichen Andrang des Islam nicht ferner die Spitze zu bieten, und wenn auch der Halbmond in Europa noch nicht festen Fuß gefasst hat, so ist doch das heilige Grab zu Jerusalem bereits verloren gewesen, und nur kurz vor dem Beginn des Jahrhunderts durch die vereinigten Kräfte des Abendlandes den Ungläubigen im ersten Kreuzzuge wieder entrissen.

Noch schlimmer stand es im Nord-Osten Europas. Der Mahomemdanismus bot doch durch sein monotheistisches Grundprinzip einen wenn auch nur schwachen Berührungspunkt mit dem Christentum, und ließ sogar einen relativ hohen Kulturgrad in sich zu: aber in den Gegenden, zu denen wir uns jetzt wenden, herrschte zu jener Zeit noch das Heidentum, und zwar in einer so rohen, kulturfeindlichen Gestalt, dass sein Untergang die erste Bedingung für den Eintritt seiner Bekenner in die große gemeinsame Arena Abendländischer Kultur-Entwicklung werden musste.

Im Westen und Nord-Westen des großen-Ostsee-Beckens, in Dänemark, Schweden und Norwegen war ungefähr seit dem Jahre 1000 das Christentum dauernd heimisch geworden; aber die ganze Süd-West-, Süd-Ost- und Nord-Ost-Küste der Ostsee war hundert Jahre später noch heidnisch. Vom östlichen Holstein bis zur Weichsel saßen die Wenden, jenseits der Weichsel die Preußen, dann Kuren, Liven und schließlich um den Finnischen Meerbusen im Süden und Norden Estnisch-Finnische Stämme. Alle steckten, je mehr nach Osten um so fester, noch tief im Heidentum.

Die Wenden, mit denen wir es hierzu tun haben, gehörten der Slawischen Völkerfamilie an, welche zu jener Zeit von den östlichen Grenzen Europas bis zur Elbe, ja selbst bis über die Elbe, und von der Ostsee bis zum Schwarzen und Adriatischen Meere sich ausdehnte. Ihre südlichen Stammesgenossen, die Böhmen, Mähren, Schlesier, Polen und Russen waren bereits seit dem zehnten und elften Jahrhundert christlich.

Auch die westlichen Völkerschaften der Wenden waren, wie es bei der Berührung mit der großen Deutschen Nation nicht anders sein konnte, in vielfache allerdings meist feindliche Berührung mit dem Christentum gekommen.

Die Wenden — so nannten die Deutschen sie, nicht sie selbst — zerfielen am Süd-Ufer der Ostsee in eine Menge einzelner kleinerer Völkerschaften: im östlichen Holstein die Wagrier, an der südwestlichen Ecke der Ostsee bei Ratzeburg die Polaber, dann östlich die Obotriten im heutigen Mecklenburg, zwischen Oder und Rekenitz die Wilzen oder Liutizen, diese wieder in die kleineren Stämme der Rheoarier und Tolenser südlich und der Cirzipaner und Kizziner nördlich der Peene sich scheidend, mit den Hevellern und Uckrern als südlichen und den Rügianern als nördlichen Nachbarn, dann endlich östlich von der Oder bis zur Weichsel die Pommern im engeren Verstande.

Seit den Zeiten Karls des Großen waren die westlichen und südwestlichen der genannten Völkerschaften bereits mehr als einmal in unsanfte Berührung mit Germanischer Kraft und Kultur gekommen. Unsanft musste die Berührung sein: dort Christentum, hier Heidentum; dort ein großes für jene Zeit schon geordnet zu nennendes Staatswesen, hier Zersplitterung in kleine, unabhängige, naturwüchsige Völkerschaften; dort der Ehrgeiz und Ausdehnungstrieb, welcher stets dem Bewusstsein der Macht und Überlegenheit entspringt, hier die ungebändigte Wildheit und Raublust eines kräftigen von der Schule der Kultur noch unberührten Volkscharakters.

Karl der Große hatte durch die Wucht seines Schwertes nicht minder als durch die Kunst seiner Diplomatie, welche die Uneinigkeit und den Stammeshass der Wendischen Völkerschaften gegen einander ausbeutete, bis zur Oder, und wenn seinem Lebensbeschreiber Einhard zu glauben ist, sogar bis zur Weichsel die Wendenfürsten zu einem Verhältnis tributären Abhängigkeit gebracht. Es war die Folge seines im Jahre 789 unternommenen Kriegszuges an die Peene in das Land der Wilzen, gegen die ihm Obotriten siegen halfen. Aber die Abhängigkeit war nur sehr locker, nur durch den Schrecken seines Namens aufrecht erhalten. Seine Nachfolger mussten bereits vielfach gegen Wenden-Aufstände kämpfen, und wenn es auch anfangs, namentlich unter dem energischen Ludwig dem Deutschen (nach 843) noch mit Erfolg geschehen war — er schlug mit kräftigem Arm einen Aufstand der Obotriten unter ihrem Fürsten Gotzomiusl oder Gestimuil zu Boden — so fiel doch gegen das Ende des Jahrhunderts überall wie auch hier die Karolingische Macht in Trümmern, und Wenden wetteiferten mit Normannen in verwüstenden Einfällen in das Deutsche Reich.

Unter dem Sächsischen Kaiserhause im zehnten Jahrhundert nahm die Unterwerfung und Bekehrung der Wendischen Völker anfangs einen neuen Aufschwung. Heinrich und Otto der Erste machten die Mittelelbe zu ihrer Operationsbasis, unterwarfen die dortigen Stämme der Dalemincier, Sorben und Milzener; Brandenburg ward erobert, in Havelberg ein Bischofssitz gegründet mit der Peene als nördlicher Grenze, und dem gesamten Gebiet der Ostmark in dem ebenso streitbaren als treulosen Markgrafen Gero ein kräftiger Wächter bestellt. Wie Karl der Große verstand es Otto, die Wendenvölker gegen einander zu benutzen: in der Schlacht an der Raxa 955 (wahrscheinlich die Rekenitz auf der Grenze Mecklenburgs und Pommerns), durch welche der Kaiser den Abfall der nördlichen Wenden züchtigte, dienen Rügianer im kaiserlichen Heer gegen ihre Stammesgenossen. In dem Maße aber, als das Sächsische Kaiserhaus seine Blicke nach dem Süden wendet, wird der Norden vernachlässigt, und schon unter Otto III., der seine zu krankhafter Höhe geschraubten Ideen von Kaiserhoheit nur in Italien realisieren zu können glaubte, ging das Deutschchristliche Kolonisationswerk auf dem rechten Elbufer größtenteils wieder zu Grunde.

Im folgenden elften Jahrhundert bezeichnet die Regierung des christlichen Obotriten-Fürsten Gottschalk einen neuen Ansatz zur Christianisierung und Zivilisierung der nordwestlichen und nördlichen Wendenstämme, und von den Karolingern gegründete Erzbistum Hamburg entfaltete hier eine große und tiefgreifende Wirksamkeit. Aber mit Gottschalks Tode (1066) stürzte noch einmal Alles über den Haufen. Unter seinem Nachfolger, dem heidnischen Cruto, den eine spätere Tradition ohne sicheren Grund zum Rügianer gemacht hat, erging eine blutige Verfolgung gegen das Christentum und die Deutsche Kolonisation, und die Salischen Kaiser, namentlich Heinrich IV., hatten zu viel mit der päpstlichen Macht und innerem Zwist zu tun, um gegen die Wenden etwas anderes als gelegentliche Streifzüge zu unternehmen, die bei dem Charakter des Volkes, gegen welches man kämpfte, ohne dauernde Frucht bleiben mussten.

Hatte sich das Wendentum bis zum Anfang des 12. Jahrhunderts gegen Deutschland und das Christentum trotz aller zeitweisen Niederlagen doch schließlich siegreich behauptet, so war eben dies — im Allgemeinen wenigstens — auch gegen die von zwei anderen Seiten kommenden Angriffe geschehen.

Uralte Fehde bestand zwischen den Wenden-Völkern an der Ostsee und den Nordischen, gleichfalls dem Germanischen Stamme angehörenden Nationen. Namentlich mit den Dänen rang das Wendentum in blutigen Kämpfen, und die Erbitterung steigerte sich, als sich seit der Christianisierung Dänemarks um das Jahr 1000 zu der Rassenfeindschaft noch der religiöse Hass des Heiden gegen den Christen gesellte. Freilich gegen die mächtigen Könige, welche bis in die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts das Zepter Dänemarks führten, einen Swen, Kanut, Magnus hatte das in vielfache Stammesfehden zersplitterte Wendentum nicht auszuhalten vermocht, und die Schonung des Siegers durch Tribut erkaufen müssen. Aber schwächere Regenten auf dem Dänischen Thron mussten oft genug die Rache der Wenden erfahren, die im Seeraub und verwüstenden Landungen in Dänemark ihrem Schaden nachkamen. Ermannten sich dann die Dänischen Könige wieder, so ward eine blutige Vergeltung über die widerspenstigen Wenden verhängt: so hatte Erich Eiegod um 1100 die Jomsburg an der Mündung der Oder gebrochen, und die trotzigen Rügianer mussten sich bequemen, den Dänen Zins zu zahlen; aber das Christentum hatte man sich noch nicht aufdringen lassen.

Neben dem Kampf mit Deutschen und Dänen hatte das Wendentum auch noch im Süd-Ost gegen das stammesverwandte Volk der Polen Front zu machen, von den wilden Preußen jenseits der Weichsel ganz zu schweigen. Hinter- und Mittelpommern finden wir ebenso unaufhörlich in verwüstende Kriege mit den benachbarten Polen verwickelt, namentlich seit hier im 10. Jahrhundert das Christentum den Sieg erlangt hatte, als Wagrien, Mecklenburg und West-Pommern mit den Reichen Deutschland und Dänemark.

Diese Kämpfe, welche seit Jahrhunderten wüteten, trugen ganz den furchtbaren Charakter des Rassen- und Religionskampfs, geführt auf beiden Seiten mit aller der blutgierigen Unmenschlichkeit und all der gräuelvollen Verwüstung, die ein solcher Kampf in einer ohnehin barbarischen Zeit annehmen musste. Deutsche, Dänen, Polen, Wenden, Christen und Heiden haben sich, was die wilde Grausamkeit der Kriegführung anbetrifft, nichts vorzuwerfen. Von den Wenden wusste man, dass sie christliche Gefangene an den Altären ihrer Götter opferten, dass sie christliche Priester steinigten, ihnen ein Kreuz auf den Kopf skalpierten und sie so durch das Land schleppten, ihnen Arme und Beine abhackten, um sie so verstümmelt liegen zu lassen; ja man erzählte sich, dass sie Gefangene gekreuzigt, lebendig geschunden oder sie bis an den Hals in die Erde gegraben, um sie so jämmerlich verschmachten zu lassen. Aber die Deutschen rächten ihrerseits das Verbrechen der Verstümmelung lebloser Kruzifixe an den Wenden durch eine gleiche Verstümmelung an den lebenden Gefangenen, denen sie di Augen ausstachen und Arme und Beine abhacken ließen. Die Dänen errfanden für Wendische Seeräuber, die ihnen bei der Belagerung der Jomsburg in die Hände fielen, die raffinierte Marter, den mit den Händen an einen Pfahl gebundenen Gefangenen den Bauch aufzuschlitzen und ihnen die Eingeweide langsam aus dem Leibe zu winden; — eine unmenschliche Grausamkeit, die, wie uns der Dänische Geschichtsschreiber Saro wohlgefällig berichtet, einen sehr guten abschreckenden Eindruck gemacht habe. Wie aber die Polen bei ihren Einfällen mit Mord, Brand und allen Gräueln der Verwüstung gehaust hatten, davon sah der Pommern-Apostel Otto von Bamberg auf der ersten Bekehrungsreise nach Pommern noch die schauderhaften Spuren. Die Bevölkerung wurde auf diesen Raub-, Mord- und Brandzügen von beiden Seiten herdenweise in die Sklaverei geschleppt, die Vornehmen, um von ihnen durch harte Gefangenschaft ein hohes Lösegeld zu erpressen, die große Masse niederen Volks, um es in der Weise modernen Negerhandels auf den Sklavenmärkten zu verkaufen.

Kurz, es war ein wildes entsetzliches Ringen, welches nur mit dem Untergang der einen Rasse und ihrer Religion enden konnte. Die Rasse konnte nur die Wendische, die Religion nur das Heidentum sein.

Wohl kämpfte das Wendentum für Unabhängigkeit und Freiheit: — aber es war die Unabhängigkeit und Freiheit des Räubers, der kein Bedenken trägt, Andere zu berauben, zu morden, in die Sklaverei zu schleppen. Zudem war das Wendentum politisch in sich zerfallen; in den einzelnen Staaten — wenn von solchen überall die Rede sein kann — wurden mörderische Kämpfe um die Thronfolge geführt: so fielen durch Mord die Fürsten der westlichen Wenden Gottschalk, Cruto, Heinrich und dessen Nachkommenschaft. Die verschiedenen Wendischen Völkerschaften befanden ich meist in tödlicher Fehde gegen einander: die Obotriten mit den Liutizen, die Rügianer mit beiden, sowie mit Wagnern und Pommern; selbst die kleinen Liutizischen Stämme der Rhedarier und Tollenser kämpften mit den Cirzipanern und Kizzinern um religiöse und politische Oberherrchaft und riefen Fremde, Sachsen und Dänen zu Hilfe. Wie wenig Gemeingefühl es unter diesen Völkerschaften gab, davon lieferten sie einen charakteristischen Beleg, als große Massen von Obotriten, durch Einfälle deutscher Heere von Haus und Hof vertrieben, zu ihnen geflüchtet waren: sie trugen kein Bedenken, die Schutz- und Hilfesuchenden als Sklaven zu erkaufen. Dazu war der Glaube der Vorväter, für den das Wendenhum kämpfte, in seinem innersten Grunde erschüttert: man hatte längst fremden Nordischen, Germanischen und Finnischen Religionselementen den Zutritt zugelassen: ein religiöser Eklektizismus bezeichnet den Charakter des Kultus der westlichen Wendischen Völkerschaften. Dazu war die Herrschsucht des Priestertums nicht selten der Grund zu blutiger Empörung. Endlich hatte die Predigt des Christentums, in den Zeiten, wo das Wendentum auf Schlachtfeldern unterlegen, zeitweilig das Joch christlicher Nationen getragen hatte, trotz aller zerstörenden Reaktionen lebenskräftige Keime hinterlassen. Die Ahnung ging durch die Wendischen Völker, dass der Christengott der mächtigere sei.

Während noch zu Anfang des zwölften Jahrhunderts das heidnische Wendentum an der Ostsee den Anschein der Unbezwinglichkeit darbot, sehen wir um die Mitte desselben Jahrhunderts die Stellung desselben bereits auf beiden Flügeln durchbrochen.

Zuerst war von Süd-Osten Bresche gelegt. Der streitbare König Boleslaw III. von Polen hatte endlich durch eine systematisch fortgesetzte Reihe verwüstender Raubzüge die Pommern, die auf vielen Schlachtfeldern unterlegen waren, mürbe gemacht. Die Bedingungen des Friedens waren Anerkennung der Polnischen Lehns-Oberhoheit und Annahme des Christentums. Aber das Letztere kam den Pommern von Deutschland, wenn auch unter dem Schutze des Polnischen Schwertes. Der Pole vermochte es wohl, den Waffentrotz der heidnischen Pommern zu brechen; zum Hohenpriester der Religion, Sitte und Kultur war er nicht der Mann. Ein günstiges Geschick, bedeutungsvoll für die spätere Germanisierung des Pommerschen Volkes, führte zu jener Mission den Bischof Otto von Bamberg ins Land. Auf seinen beiden großen Missionsreisen 1124 und 1128 legte er mit sicherer Hand die Grundlagen der neuen Schöpfung, zu denen die Pommerschen Fürsten, in dem richtigen Gefühl, dass es die beste Politik sei, das Unabweisliche mit freier Selbsttätigkeit zu ergreifen, und dass sich ihnen hier eine neue glänzendere Zukunft eröffne, bereitwillig die Hand boten. Es fiel der uralte Triglaw-Kultus in Stettin, es fielen die Tempel in Julin und die Säule mit der heiligen Lanze, es fielen die Tempel des Herowit und Borwit zu Wolgast, und auf beiden Seiten der Oder erhob sich auf den Trümmern der alten Tempelstätten allmählich das Kreuz zu siegreicher Herrschaft.

Wie auf dem rechten Flügel in Pommern war um die Mitte des zwölften Jahrhunderts das heidnische Wendentum auch auf dem äußersten linken Flügel im östlichen Holstein und im Ratzeburg’schen unterlegen. Hatte sich in Pommern wenigstens das einheimische Fürstengeschlecht noch behauptet, so war hier nicht einmal soviel gerettet. Seit Crutos Nachfolger, Heinrich, der das Christentum begünstigend, über Obotriten, Polaber und Wagrier geherrscht hatte, im J. 1126 seinerseits ermordet war, zeigt die Geschichte dieser Völker eine fortlaufende Kette von Mord und Bürgerkrieg. Doch gewann bei den inneren Wirren das Christentum, unter dem mächtigen Schutz des Hamburger Erzbistums immer festeren Fuß.

Um das Jahr 1142 erwarb endlich der Graf Adolf von Holstein unter Beseitigung des letzten einheimischen Füstensprösslings das Land Wagrien im östlichen Holstein, und das Land der Polaber — das Ratzeburg’sche — erhielt an Heinrich Badwide einen eigenen Herrn. Bald aber fiel es an die aufstrebende Herrschaft Heinrichs des Löwen, der auch das neben der alten Wendenstadt neubegründete Lübeck dem Herzog von Holstein bald genug abzujagen wusste.

Mecklenburg, das alte Obotriten-Land, war zwar noch heidnisch und selbständig; dort herrschte Niklot, einem vornehmen eingeborenen Geschlecht entsprossen; aber die Macht des Obotriten-Volkes war auch bereits durch langandauernde blutige Kämpfe mit Sachsen und Dänen erschüttert, und um das Jahr 1157 konnte in der Person des Zisterzienser-Mönches Berno vom Papst ein Heiden-Bischof für Schwerin ernannt werden — ein Wahrzeichen, dass man auch hier bereits die letzte Stunde des Heidentums gekommen glaubte.

Die Liutizen, im heutigen Neu-Vor-Pommern, von der Peene nordwärts bis zur Rügen’schen Meerenge, waren gleichfalls wesentlich erschüttert. Von Süden herauf drängten mit rastloser Energie der mächtige Brandenburgische Markgraf Albrecht der Bär, und im Osten hatten sie an den nunmehr christlichen Fürsten von Pommern nicht minder gefährliche Feinde. Wie weit das Christentum hier auf dem linken Oder-Ufer zu dieser Zeit bereits vorgedrungen war, lässt sich nicht mit Genauigkeit bestimmen. Wolgast war christlich, Gützkow auch, aber Demmin scheint, wie wir sogleich sehen werden, noch längere Zeit im Heidentum beharrt zu sein.

Auch für das heidnische Wendentum in Mecklenburg und Neu-Vor-Pommern schien die letzte Stunde gekommen, als im Jahr 1147 ein mächtiges Kreuzheer sich gegen die Länder in Bewegung setzte.

Es war das Jahrhundert der Kreuzzüge. Die Christliche Welt des Abendlandes, um sich für aale Zeit die Bahn zur Entwicklung frei zu machen, fasste alle ihre Kräfte zu einer gewaltigen Anstrengung zusammen. Wenn auch im Einzelnen die Kreuzzüge ihr vorgestecktes Ziel nur selten oder gar nicht erreichten, so haben sie doch im Großen und Ganzen eine ungeheure Wirkung auf die Entwicklung des Abendlandes gehabt. Das Kreuz, unter dessen Banner damals Hunderttausende fochten, siegten und verbluteten, war das Symbol der jungen Abendländischen Kultur und Gesittung im Gegensatz zu Orientalisch-Mahomedanischer Weltanschauung und Abendländisch-Heidnischer Barbarei.

Nach dem Reichstage zu Frankfurt a. M., wo der berühmte Abt Bernhard von Clairvaux mit Feuerworten das Kreuz gegen die Ungläubigen gepredigt hatte, zogen von der Mitte Europas drei große Massen aus. Die Eine, vom Niederrhein, Flandern und Holland aus, auch Engländer schlossen sich an, — zog den Christen in Portugal zu Hilfe: es war die einzige, welche Erfolg hatte, denn es gelang, den Mauren Lissabon zu entreißen. Die zweite, die Hauptmasse, zog unter Führung des Deutschen Königs Konrad zu Lande nach Palästina; der Zug scheiterte fast vollständig. Die dritte Masse wälzte sich von Norddeutschland aus unter Mitwirkung von Polen und Dänemark gegen die heidnischen Wenden an der Ostsee. Der heilige Bernhard hatte Ausrottung des Volkes, oder wenn das nicht gelänge, wenigstens Ausrottung des Götzendienstes verlangt.

Diese Masse hatte sich wieder in zwei große Hauptheere geteilt; das eine zog gegen das Land der Liutizen, das andere von einer Dänischen Flotte zur See unterstützt, gegen das der Obotriten. Aber beide hatten nicht mehr Erfolg, als der Zug nach dem Morgenlande. Die damals sehr feste Burg Demmin setzte dem gegen die Liutizen herangerückten Heer ein unüberwindliches Hindernis entgegen, und gegen das andere verteidigte sich der Obotriten-Fürst Niklot mit gleichem Erfolg in seiner Feste Dobin — am Nord-Ost-Ende des Schweriner Sees. Uneinigkeit und schlechte Führung auf Seiten der Angreifer, ausdauernder Mut auf Seiten der Angegriffenen hatten das Resultat, dass die großen Heere, unter denen Hunger und Krankheit zu wüten begannen, gegen den Herbst unverrichteter Sache wieder heimkehren mussten. Nochmals also war das Wendentum dem drohenden Verderben entgangen.

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Arcona

Arcona

Greifswald

Greifswald

Kleine Stubbenkammer auf Rügen

Kleine Stubbenkammer auf Rügen

Ruinen des KLosters Eldena

Ruinen des KLosters Eldena

Ruinen des Schlosses Balga

Ruinen des Schlosses Balga

Schloss Puttbus auf Rügen

Schloss Puttbus auf Rügen

Stralsund vor der Alten Fähre

Stralsund vor der Alten Fähre

Vitte bei Arcona

Vitte bei Arcona

Kreuzritter

Kreuzritter

Heinrich der Löwe (1) - aus Simrock:

Heinrich der Löwe (1) - aus Simrock: "Die deutschen Volksbücher" 1845

Heinrich der Löwe (2) - aus Simrock:

Heinrich der Löwe (2) - aus Simrock: "Die deutschen Volksbücher" 1845

Heinrich der Löwe (3) - aus Simrock:

Heinrich der Löwe (3) - aus Simrock: "Die deutschen Volksbücher" 1845

Heinrich der Löwe (4) - aus Simrock:

Heinrich der Löwe (4) - aus Simrock: "Die deutschen Volksbücher" 1845

Heinrich der Löwe (5) - aus Simrock:

Heinrich der Löwe (5) - aus Simrock: "Die deutschen Volksbücher" 1845

Heinrich der Löwe (6) - aus Simrock:

Heinrich der Löwe (6) - aus Simrock: "Die deutschen Volksbücher" 1845

Heinrich der Löwe (7) - aus Simrock:

Heinrich der Löwe (7) - aus Simrock: "Die deutschen Volksbücher" 1845

Heinrich der Löwe - aus Simrock:

Heinrich der Löwe - aus Simrock: "Die deutschen Volksbücher" 1845