Norddeutschland

Die schöne deutsche Stadt
Autor: Wolf, Gustav (1887-1947) deutscher Maler und Grafiker, Erscheinungsjahr: 1913
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Norddeutschland, Stadtbilder, Städtebau, Architektur, Kunstgeschichte, Bauformen, Baudenkmale, Bauweisen, Lebensart, Gesinnung
Inhaltsverzeichnis
    Vorwort
  1. Norddeutschland
  2. Die Eroberung des Ostens
Vorwort zu Norddeutschland

Es handelt sich in diesem gliche darum, aus der langen Reihe lebensvoller Stadtbilder Norddeutschlands das charakteristische herauszuholen; dies ist nicht immer eins mit dem aus der Kunstgeschichte her Berühmten, weil die Wissenschaft oft nur Höhepunkte bestimmter Entwicklungsgänge bekannt macht; es ist auch nicht immer eins mit dem heute allgemein Geschätzten, weil wir in einer Zeit schlechter Bauformen leben.

Daraus erklärt sich die Bilderauswahl. Von Vollständigkeit kann ja bei dem Verhältnis zwischen Stoffgebiet und Umfang dieses Buches in keiner Hinsicht die Rede seilt. Bisweilen sind mehrere Bilder aus einer Stadt genommen, um lieber eine bestimmte schöne Raumfolge in ihrem Zusammenhang, als aus möglichst vielen Orten je ein Bild zu zeigen; überhaupt ist Wert auf Zusammenhang, nicht auf einzelne Baudenkmale gelegt.

Im Text ist nicht nur das charakteristisch norddeutsche zu umreißen. Die Gesetze, nach denen sich „die schöne deutsche Stadt“ gestaltete, sind allgemeingültig, so mannigfaltig sich das weite Gebiet durch die zahlreicheren eigenartigen Bauweisen der Landstriche auch gliedert. Das im mitteldeutschen Band Gesagte kann als bekannt vorausgesetzt werden, ist aber zu erweitern.

In dieser zweiten Ausgabe liegt eine weitere beschlossen. Wenn es jetzt Mode wird, sich die alte Schönheit von Stadt und Dorf und Land im Bilde vorführen zu lassen, wenn eine Flut von Büchern dazu einladet, so darf über diesem an sich guten Vergnügen der Ernst der Sache nicht vergessen werden. Schönheit ist Ausdruck von Lebensart und Gesinnung: der Ausdruck unserer neuen Städte aber ist übel. Die ganze Betrachtung des Altert ist wertlos, wenn wir nicht entschlossen die Folgerungen für die Gegenwart ziehen. Damit ist dem Buche Richtung gegeben.

Carlowitz bei Breslau, im Herbst 1913. Gustav Wolf

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Norddeutschland

Man reist jetzt schnell und viel, und erinnert sich auf diesen zur Gewohnheit gewordenen Reisen wenig mehr daran, dass man mit dem Abspulen der Kilometer nicht nur Geschäft oder Vergnügen verfolgt, sondern auch an Stelle vertrauter Umgebung eine fremdgeartete auf sich einwirken lassen kann. Da die Ungemütlichkeit des Hotelzimmers und der Frack des Kellners sich im Norden und im Süden sehr ähnlich sind, und weder die Konstruktion der Bahnhofshalle noch die der Antomobildroschke sagt, ob man dem Meer oder dem Gebirge nahe ist, so lässt sich die Beobachtungsgabe wohl einschläfern. Aber wenn man auf frischem Entdeckungsgang durch eine fremde Stadt den Bannkreis von Bahn und Hotel verlassen hat, dann wird plötzlich die Wahrnehmungskraft der Sinne zur Betätigung gereizt. Der unbestimmte, farblose Eindruck, der weder tief noch dauernd war, weicht einem bestimmten und anregenden. Mit Genuss empfindet man die Eigenart des fremden Stadtbildes. Sie bezeugt das Dasein ursprünglicher und selbständiger Lebensregungen, aus denen entschiedene, klare Gestaltung hervorgeht.

Um die Stärke verschiedener Landesarten in rascher Gegenüberstellung recht unmittelbar und eindringlich zu erleben, müsste man zum Beispiel eines Tages Stralsund straßauf und -ab durchwandern, am Abend ein Zeppelin-Schiff besteigen und beim Morgengrauen in Augsburg landen. Mit typisch süddeutscher Wärme und Freudigkeit steht Augsburg dem kühlen Ernst und der schwerblütigen Verschlossenheit des oft grotesken Stralsund gegenüber.

Nun ist das Bedeutendste in Augsburg von Elias Holl gebaut, einem Mann, der durchaus keine typisch süddeutsche Erscheinung ist. Wie die mächtige Masse seines Rathauses dort in Höhe und Breite strenge ihr Maß und Ziel verfolgt und in der großen Spannung des Ganzen jeden Teil rau mit fortreißt, das ist nördliche Art, es hebt sich nicht nur im Grad als Leistung überragender Begabung, sondern auch im Wesen aus der Landesart dort heraus. Doch in seiner Form und Proportion ist das Rathaus, mit dem Perlachturm zusammen, ganz aus der Umgebung entwickelt: die wundervolle Hebung der Hauptstraße Augsburgs.

Es begibt sich also Elias Holl, der doch das Vermögen hätte, seine persönliche Art feindlich schroff gegen die hier herrschende hinzustellen, freiwillig in gegebene Grenzen hinein, er einigt das persönliche und das Süddeutsch-Allgemeine durch ein Zusammengestalten von Einzelbau und Straßenbild. Und dies Zusammensehen, dies Zusammengestalten ist gerade der bedeutendste, der erste Grundtrieb in jedem künstlerischen Schaffen, ein Trieb, der notwendig in allen gesunden Verhältnissen dafür sorgt, dass fremde, bereichernde Einflüsse die landestümliche Eigenart nicht verwischen und nicht auslöschen.

Ein Beispiel dafür bietet in unserm Gebiet Preußen. Von der Mitte des 17. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts sind fast ununterbrochen holländische, französische und italienische Baumeister zur Ausführung der Bauaufgaben des Hofes herangeholt worden, und doch ist das Endergebnis der derzeitigen Hofkunst und der davon abhängigen bürgerlichen ein durchaus zusammenhängendes und charaktervolles, eigentümlich preußisches Gestalten gewesen. - Auch für andere Gebiete Norddeutschlands ist ein selbständiges Verarbeiten selbst sehr starker Fremdeinflüsse bezeichnend.

Es zeigt sich immer wieder der mitbestimmende Anteil einer gegebenen örtlichen Stimmung, abhängig vom Charakter des Volksstammes und der Landschaft, an der Bauart.

Die deutsche Landschaft hat eine Dreiteilung, wenn man nur die großen, derben Gesamtumrisse ansieht. Wer von süd- und mitteldeutscher Gegend erzählt, spricht von Hügeln und Tälern, Waldrücken, Wiesengründen, von Steinbrüchen, Rebgelände und Hochflächen, von der Menge der Dörfer und Städte, die das Land mit Angehörigen der verschiedensten Berufe dicht besiedeln. Es ist aber der mittlere Teil besonders voll unruhiger Bewegung, in seinem ständigen Wechsel von Tal und Höhe ist eben die Wiederkehr des Wechsels, dazu eine gewisse Mäßigkeit der Linienführung das Verbindende, durch das seine zerrissene Vielgestalt sich ablöst als Einheit von beiden anderen Teilen, die energischer einseitig zielende Bewegung haben. Denn mit breiten Umrissen hebt und stuft sich Oberdeutschland der lebhaftesten Erhebung, den Alpen, entgegen - sacht und fast hemmungslos gleitet die niederdeutsche Fläche dem Meere zu. An den Gegenpolen Meer und Gebirge stehen sich so Nord und Süd mit stark entwickelter Sonderart entgegen; in Mitteldeutschland mischen und mildern sich die Gegensätze. Einfach ist das Bild Niederdeutschlands. Acker und Wasser, Schiffahrt und Landwirtschaft herrschen, lassen sich vom Handwerk und Gewerbe dienen. Zwischen den Ortschaften dehnen sich weite Strecken einförmigen Landes.

Nach den Begriffen des Süd- und Mitteldeutschen ist der größte Teil der niederdeutschen Tiefebene nicht das, was man so Landschaft nennt. Er denkt sich unter Landschaft etwas Reiches und geschlossen bildliches, ein besiedeltes Land mit vielem Wechsel von Länge, Breite, Höhe, wo Pflanzen, Steine, Erde, Wasser ein vollständiges Ganze bauen. Die mächtig große Tiefebene kommt ihm vor wie ein Bruchstück, nicht aus sich allein bestehen, nicht sich selbst erklären kann. Dies Gefühl ist nicht so ganz unrecht; die fließenden Wasser sind hier Trabanten des Meeres, die Seen seine verwaisten Kinder, die Erde ist sein zurückgelassener Boden. Man fühlt sich im Süden umschlossen von allein, was man zum Leben braucht. Im Norden sieht man immer nach der Ferne, von der das oder jenes Mangelnde zu holen ist. Das nordische Tiefland ist still, aber nicht ruhig. Ruhe findet sich im klar Begrenzten; mit ewiger Unruhe zieht sich die Ebene ins endlose, wenn auch die Unruhe eine verborgene, verhaltene ist.

Man kann aus dieser Landesart, ohne die Folgerung gleich ins Plumpe zu treiben, sehr wohl den gewissen herben, unbefriedigten Ernst des niederdeutschen Volkscharakters ableiten. Die Künste, die sich aus vollem Herzen des ganzen Lebens freuen, haben ihre Heimat im Süden; der Norden erzeugt Ideen, Grübeleien. Er hat Immanuel Kants kategorischen Imperativ geboren und Martin Luthers Proest gegen die sinnliche Verflachung des christlichen Gedankens. Leicht und schnell äußert sich südlicher Humor; trocken und überlegt kommt der Witz des Nordens zum Vorschein, oft aus dem Hintergrunde philosophischen Ernstes heraus. Wilhelm Busch, de Coster (Ulenspiegel) und Charles Dickens geben Beispiele. In der Malerei erkennt man diesen nordgermanischen Witz in Breughel, Teniers und Gulbransson.

Man vergleiche dann, wie ungebundene Formen an süd- und an norddeutschen Bauten aussehen. Dort sorglos, sich selbst vergessend - anmutvolle Schwingungen der fröhlichen Sinne; hier nicht eigentlich, nicht erlösend heiter, sondern schnurrig, sonderbar - Schnörkel eines gedankenvoll schreibenden Geistes.

Süddeutschland kennt nicht solche Spuk- und Spottgeburten der Phantasie, wie sie im Fachwerk niedersächsischer Bürgerhäuser eingeschnitzt sind, nicht so grotesk ausgezackte steinerne Giebelumrisse, wie man sie am Rattenfängerhaus in Hameln, Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo, Essighaus in Bremen, Zeughaus in Danzig sieht. Selbst die Renaissance, die doch im ganzen Süden eine Befreiung war von der mystischen, furchtvollen Religion der Gotik hin zu ungehemmter harmonischer Lebensfreude, zum Mut der Persönlichkeit gegenüber dem Schicksal, selbst sie behält im Norden das unruhvoll erregte des gotischen Charakters. Es läuft diese Linie durch bis ins Barock zu Andreas Schlüters schmerzbewegten Kriegermasken am Berliner Zeughaus.

Ganz schlechthin nennt das oberflächliche Urteil des Publikums die süddeutsche Bauweise lustiger. Das witzige Element in der norddeutschen wird nicht so gesehen, weil es sich tiefer verbirgt; hier ist die Sprache zurückhaltender, der Charakter verschlossener.

Am Bauerntum erkennt man das am besten, weil es, unmittelbar vom Boden abhängig, vom Wetter, am deutlichsten und zähesten sene Eigenschaften des Volkscharakters bewahrt, die mit dem viel missbrauchten Worte ,,bodenständig“ zu bezeichnen sind.

Landschaft mit rauhen Winden und kargem Boden bildet anderes Volkstum als eine geschützte und fruchtbare. Im Gegensatz zum umgänglichen Talbewohner des Mittelgebirges erscheint der norddeutsche Küstenbauer schweigsam und herb. Die Schroffheit, mit der die Natur von außen her ihm entgegentritt, kehrt seinen Sinn nach innen, und so baut er. Das schleswig-holsteinische Bauernhaus zum Beispiel ist außen von knapper, schweigender Einfachheit. Es bildet fast nichts über die notwendigste Form hinaus. Es hat die Räume so dicht als möglich zum Block zusammengeschlossen, der sich schwer, niedrig, breit auf die Erde lagert.

Aber mit umständlicher Sorgfalt behandelte Fenster, deren Scheiben peinlich sauber und zierlich in Blei gefasst sind, deuten ins Innere, und man findet die Wohnstube aus kostbaren gediegenen Stoffen, mit ausdauerrrdem Fleiß und feinster Handfertigkeit verarbeitet, zu Pracht und Behäbigkeit entwickelt. Ähnliches gilt für die Vierlande, für Friesland. Und da manche norddeutsche Landstriche aus Banerschaften Städte gebildet haben (wie Soest), nimmt es nicht wunder, dass manche Form des bürgerlichen Hauses in geradem Weg auf die des bäuerlichen zurückzuführen ist. In Städten wie Bremen, Danzig und Hildesheim kann man sich am schnellsten im Hauptraum, in der Diele, davon überzeugen; in kleineren Orten, auch wenn sie nicht gerade Ackerbürgerstädte sind, ist selbst der äußere Umriss des breiten niedersächsischen Bauernhauses in den einzeln und breitspurig nebeneinander stehenden, nicht zusammengeschlossenen, Straßenhäusern wiederzuerkennen. Es wird der verschlossene wortkarge Charakter im Verhältnis des Hauses zur Straße bewahrt; das Herzlichere und Wärmere beschränkt sich auf den Innenraum.

Im Innenraum taut der Norddeutsche von altem Schlage, der steifnackig und wortkarg über die Straße geht, erst auf. Es ist bezeichnend, dass er selbst im Gasthaus gern noch eine Art häuslicher Abgeschlossenheit um sich fügt, da, wo doch der Süddeutsche eine breite Geselligkeit gerade aufsucht. Im alten Haus der Schiffergesellschaft in Lübeck sind die Rückenlehnen der einzelnen Bänke so hoch, dass nicht der große Raum alle versammelt, sondern stets nur die Bank eine kleine Gruppe am Tisch zusammenschließt. Es genügte nicht, dass sich in Danzig eine der im Mittelalter so beliebten Brüderschaften als eigenes Klubhaus die Artushalle erbaute: es waren auch hier wieder einzelne Gruppen exklusiv unter den Exklusiven, sie bildeten ganz ähnlich „ihre“ Banken. Und wenn die gute Bremer Familie in den Ratskeller geht, so mietet sie eins der winzigen Stübchen, deren lange Reihe unter die Gewölbe eingebaut ist, ein „Priölken“, wo der kleine Kreis Menschen durch Wände allerseits gegen das Publikum abgeschlossen, durch die Lederbänke knapp um den Tisch versammelt wird. Es sind das kleine, scheinbar nebensächliche Züge, die aber doch Schlaglichter auf durchgehende Charaktereigentümlichkeiten werfen. Es liegt etwas ungemein Anheimelndes und Behagliches in der Abgeschlossenheit, die so zum Plaudern zusammenrückt; ebenso leicht aber lassen sich dadurch Standesvorurteile, Steifheit, bis zum Kastengeist, unterstützen. Wie sollten solche Eigenschaften, gute und minder gute, nicht ihren Ausdruck in baulichen Gestaltungen finden.

001. Wismar – Nikolaikirche an der Frischen Grube
002. Geldern - Blick von der Pfarrkirche zum Ostwall
003. Zons am Niederrhein - Uferseite
004. Emmerich mit Rheinufer – Martinikirche
005. Münster – Am Prinzipalmarkt
006. Rheine an der Ems
007. Rostock, Altstadt - Petrikirche und Petri-Tor
Wismar – Nikolaikirche an der Frischen Grube

Wismar – Nikolaikirche an der Frischen Grube

Geldern - Blick von der Pfarrkirche zum Ostwall

Geldern - Blick von der Pfarrkirche zum Ostwall

Zons am Niederrhein - Uferseite

Zons am Niederrhein - Uferseite

Emmerich mit Rheinufer – Martinikirche

Emmerich mit Rheinufer – Martinikirche

Münster – Am Prinzipalmarkt

Münster – Am Prinzipalmarkt

Rheine an der Ems

Rheine an der Ems

Rostock, Altstadt - Petrikirche und Petri-Tor

Rostock, Altstadt - Petrikirche und Petri-Tor