Nilreise von Kairo nach Kene.

Aus: Meine Wallfahrt nach Mekka. Band 1
Autor: Maltzan, Heinrich Freiherr von (1826-1874) Reichsfreiherr zu Wartenberg und Penzlin, Schriftsteller und Orientalist, Erscheinungsjahr: 1865
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin, Adel, von Maltzan, Orientalist, Reisebeschreibung, Reisebericht, Arabien, Mekka, Kultstätte, Pilgerort, Pilgerzug, Heiligtum, Pilgerweg, Afrika, Muselmann, Reiseplan, Reiseziel, Arafa, Orient, Kairo, Marokko, Bulak, Karawane, Ägypten, Beduinen, Medina, Syrer, Türken, Haremswächter, Nil
Mitreisende. — Ein arabischer Gelehrter. — Ein kugelrunder Pilger. — Mustapha Bei. — Der Haremswächter. — Geheimer Sklavenhandel. — Zwei rohe Tücken. — Die fanatischen Syrer. — Die spitzbübischen Mekkaner. — Die Dahabia. — Art, den Nil zu befahren. — Die Fußtapfen des Propheten. — Atfi. — Situn. — Beni Suf. — Die verschmitzten Kopten. — Ein wunderlicher Heiliger. — Sagen des Vogelberges. — Knie. — Beni Hassan und seine Altertümer. — Manfalut — Siut und die Eunuchenhändler. — Panopolis. — Girge. — Farschut. — Diebstahl an einem Mitreisenden verübt und entdeckt. — Tentyrra und Koptos. — Landung in Kene.

Es mochten unsrer Mitreisenden etwa fünfzig Moslems sein, zum größten Teil Ägypter, einige Neger, zwei Türken, fünf Schamia (Syrier) und zwei Mekkawia (Mekkaner). Zum Glück war ich der einzige Maghrebi unter diesem bunten Häuflein. Die Ägypter waren meist Gelehrte oder Kaufleute aus Kairo, Alexandrien und einigen Städten des Nildeltas ; sie gehörten somit zu der vornehmsten einheimischen Klasse, denn Offiziere und Beamte sind Her fast alle Türken, folglich nicht Eingeborene. Fellahin (Bauern) hatten wir nur wenige mit, sie hielten sich fast immer abgesondert von der übrigen
Reisegesellschaft bei den Matrosen des Schiffes auf, aßen mit diesen das harte schwarze Durrabrot, welches, in Wasser gekocht, fast die einzige Nahrung der gemeinen Ägypter ist, und schliefen auf dem Verdeck, was sie übrigens bei der ganz anständigen Temperatur von einigen 20° R., welche wir hatten, ohne Furcht vor Erkältung tun konnten.

Schich Mustapha machte mich bald mit einigen seiner mitreisenden Freunde bekannt, welche Gelehrte wie er, waren.

Einer dieser Gelehrten war ein besonders großes Licht der Weisheit, denn er kannte sogar die Grammatik, welche bei den Arabern immer das allerletzte ist, was sie lernen. Obgleich ich auch einige Kenntnis von dieser edlen Wissenschaft besaß, so hütete ich mich doch wohl, sie zu offenbaren, weil mich dies unfehlbar als Europäer verraten haben würde, denn nur einem vollkommenen Thaleb ist es unter den Moslems gestattet, die Grammatik zu lernen und ich war weit entfernt davon, ein Thaleb zu sein, d. h. einer, der den ganzen Koran aus dem Gedächtnis, ohne auch nur um ein Vokalzeichen zu irren, hersagen kann.

Nur der nämlich, welcher den ganzen Koran auswendig weiß, hat einen Anspruch darauf, ihn verstehen zu lernen, wozu die Grammatik das beste Hilfsmittel ist. Ehe er das heilige Buch im Kopfe hat, darf kein Moslem irgend etwas anderes erlernen. Alle sondere Wissenschaft wäre dann Sünde. Die ganze Erziehung besteht deshalb nur im papageimäßigen Auswendiglernen. Es wäre Unrecht, den Koran verstehen zu wollen, ehe man ihn auswendig weiß.

Dieser Kenner der Grammatik hieß Hassan Effendi, welcher türkische Titel ihn als einen Nachkommen eines Mitgliedes des herrschenden Stammes ankündigte. Er war jedoch durch und durch Araber, und verstand vom türkischen, glaube ich, nichts anderes, als eben diesen Titel Effendi, der gewöhnlich Gelehrten beigelegt wird. Hassan Effendi war in graue Cotonnade gekleidet, hatte einen grauen kurzen Bart, ein paar kranke Augen, welche beständig trieften, sonst war er im Ganzen würdig aussehend.

Außer ihm lernte ich noch fünf andere Gelehrte kennen, welche es jedoch in geringerem Grade waren, namentlich der eine von ihnen, ein gewisser Hadsch Omar, oder wie die Ägypter aussprechen, Haggi Omar, bei dessen Namen, wenn man ihm das Prädikat „der Gelehrte“ beilegte, stets alles mit den Achseln zuckte. Dieser Haggi Omar war kugelrund, ein wahrer Mastochse und hatte eine auffallende Ähnlichkeit mit dem vorletzten Vizekönig von Ägypten, Abbas Pascha, der bekanntlich wegen seines Umfanges sich weder zu Fuß noch zu Pferde bewegen konnte. Die andern Gelehrten waren Sidi Mansur, Sidi Abd-Allah, Hamed Effendi und Mustapha Bei. Letzterer, der den militärischen Titel Bei führte, hatte früher ein kleines Ämtchen bei der Regierung bekleidet, welches ihm nichts eingebracht hatte, als die Erlaubnis, diesen nichtssagenden, immer gemeiner werdenden Titel, Bei, zu führen, mit dem lächerlicherweise auch einige Europäer und darunter leider auch Deutsche, die im Dienste des Paschas von Ägypten stehen, sich schmücken. Ich selbst kannte einen Leibarzt des Paschas, welcher aus Tirol gebürtig war und der auf einem Besuche in seinem Vaterlande sich überall mit diesem absurden Titel, den im Orient oft ganz gemeine Menschen führen, benennen ließ. Bei ist heutzutage so gemein geworden, wie z. B. in Oestreich das „Herr von", das beinahe jedem Stiefelputzer beigelegt wird. Oft wird der Titel freilich nur aus Höflichkeit gegeben, aber in vielen Fällen hat ihn die Regierung selbst verliehen. So bekamen z. B. im Jahre 1849 alle ungarischen Flüchtlinge, die Renegaten werden wollten, diesen nichtssagenden Titel, der allerdings früher eine hohe Bedeutung hatte und selbst von einigen europäischen Schriftstellern mit „Fürst" übersetzt wurde.

Hamed Effendi war ein besonders fanatischer Greis, der seine zwei Söhne, welche auch die Pilgerfahrt mitmachten, stets zum Gebet antrieb und aufs strengste bewachte, damit sie nicht in den Dörfern wo wir landeten, die Ualem (Plural von Alme, Tänzerin) besuchten. Seine Söhne waren elend aussehende Jungen, der eine von 17, der andere von 15 Jahren. Sie schienen übrigens sehr gutmütig und behandelten mich immer mit großem Respekt, da es ihr Vater auch tat, den ich mir dadurch zu gewinnen suchte, dass ich ihn immer mit Kaffee traktierte und meinen Negersklaven Ali anwies, ganz besonders zu seinen Diensten zu stehen. Der arme Ali stand übrigens in der Tat fast mehr im Dienste der Reisegesellschaft, als in meinem eignen.

Unter den Negern, welche die Reise mitmachten, war auch ein Haremswächter oder Kaid-ud-Dar, welcher im Auftrage eines ägyptischen Prinzen hach Medina reiste. Was er dort tun sollte, das habe ich nie mit Gewissheit ergründet, da er ein Staatsgeheimnis daraus machte; ich vermute aber, dass es sich um den Ankauf einer Oeldscha (weißen Sklavin) handelte. Denn obgleich die europäische Diplomatie es in den letzten Jahren dahin gebracht hat, dass der Verkauf von Sklaven offiziell im Orient verboten ist, so gibt es doch Negerhändler genug, die diesen Handel im geheimen betreiben und, was weiße Sklavinnen betrifft, so wird dies Geschäft von höchst anständigen Privatdamen betrieben, welche junge Mädchen von armen Eltern oder Waisen- und Findelkinder aufnehmen, sie wie ihre eignen Töchter erziehen und bei eingetretener Mannbarkeit im geheimen verkaufen, ohne dass dies wie ein regelmäßiges Gewerbe betrachtet wird. Namentlich in den heiligen Städten Mekka und Medina soll es viele solcher Erzieherinnen von Sklavinnen geben. Diese Frauen werden keineswegs verachtet oder für herzlos gehalten, da die von ihnen verkauften Mädchen es in den meisten Fällen sehr gut haben und nur in reiche Häuser kommen. Die europäische Diplomatie wird wohl nie, so lange es muselmännische Herrscher gibt, diese letztere Art von Sklavenhandel unterdrücken können. Die Sklaverei ist zu tief im Orient eingewurzelt, sie ist durch den Koran und die Gesetze geheiligt, so dass man einem Moslem nie wird begreiflich machen, dass sie etwas unmenschliches sein könne. Auch muss man zur Ehre der Araber und Türken sagen, dass sie die Sklaven fast immer wie ihre eignen Kinder behandeln und dass zwischen orientalischer und amerikanischer Sklaverei ein großer Unterschied zu Gunsten der erstem stattfindet.

Die beiden Türken, welche mit uns reisten, waren aus den Gebirgen von Kleinasien und sprachen so gut wie kein Wort arabisch. Es waren rohe ungeschlachte Kerle von sehr grobem Gliederbau. Sie traten schwerfällig und plump auf, aßen auf eine abscheulich schmutzige Weise, taten die unanständigsten Dinge in Gesellschaft, entbehrten dabei aber doch nicht einer gewissen angeborenen Würde, welche zuweilen sogar etwas vornehmes hatte. Sie wurden, obgleich Privatleute, dennoch mit großem Respekt behandelt, da sie der herrschenden Nation angehörten.

Die Syrer waren fünf fanatische Kerle, welche auf der ganzen Fahrt, sowie sie nur einen Europäer erblickten oder ein Schiff mit einer europäischen Flagge, deren wir mehrere begegneten, sahen, in Verwünschungen über die Kafir (Ungläubigen) ausbrachen. Wehe mir, wenn sie über mich die Wahrheit gewusst hätten!

Die zwei Mekkaner waren anscheinend sehr feine Leute, von gebildeten, angenehmen Manieren, leider etwas zu interessiert; so machten sie z. B. die lächerliche Prätention, auf dem Schiff umsonst fahren zu wollen und es wurde sehr schwer, ihnen begreiflich zu machen, dass sie auch ihren Anteil an der Schiffsmiete zu entrichten hätten. Sie versprachen zwar endlich ihren Teil zu zahlen, unterließen es aber am Ende doch noch und verstanden es, dem Zahlmeister zu entschlüpfen. Große Renommisten waren diese beiden Kinder der heiligen Stadt. Wenn man sie hörte, so besaßen ihre Eltern daselbst Paläste, die mit dem Aladdins wetteifern konnten. Je mehr wir uns aber ihrer Heimat näherten, desto mehr stimmten sie ihre Prahlereien herab und zuletzt waren sie genötigt einzugestehen, dass ihre Väter und sie selbst die bescheidensten unter den Kleinbürgern Mekkas seien.

Dies waren die Hauptpersonen der Reisegesellschaft, mit der ich die Fahrt von Kairo nach Kene auf dem Nil, den Ritt von Kene nach Kosseir durch die Wüste und, mit einem Teile derselben wenigstens, die Seefahrt von Kosseir nach Dschedda auf dem Roten Meere machen sollte. Das Schiff, auf welchem wir unsre Nilfahrt unternahmen, verdient ebenfalls eine Erwähnung. Es war dies eine längliche Barke von der Art, welche man Dahabia nennt; die größte Art von Nilschiffen, mit 2 Masten versehen, einem großen in der Mitte, und einem kleinen am Vorderteil, mit dreieckigen Segeln, die, wenn aufgespannt, sich zu kreuzen schienen; mit einer Kajüte, in welcher vier Zimmer befindlich waren; mit 3 Ruderbänken, an denen die Matrosen saßen, deren wir mit dem Rajis (Kapitän), dem Steuermann und Schiffsjungen im ganzen neun hatten, welches sämtliche Schiffsvolk halbe Neger waren, nur von hartem, schwarzem Durrabrot lebten und bloß mit langen blauen Hemden bekleidet gingen, die sie sehr oft auszogen, um in den Fluss zu springen, um das Schiff, welches jeden Augenblick auf einer Sandbank festsaß, mit Fäusten und Rücken wieder flott zu stoßen. Bei solcher Gelegenheit pflegen diese schwarzen Herkulesgestalten in einem so adamitischen Kostüm zu erscheinen, dass ich z. B. bei meiner ersten ägyptischen Reise Zeuge war, wie eine den Nil befahrende Engländerin, hierüber so skandalisiert wurde, dass sie jedem der Söhne Chams eine „Unaussprechliche" zum Geschenk machte, wodurch leider für die Dame nicht viel gewonnen wurde, da die Neger das Geschenk für zu schön fanden, um täglich benutzt zu werden und es bloß für die Feiertage aufhoben, was man ihnen nicht ausreden konnte. Die Dahabia ist nicht offen, sondern hat außer dem mit Kajüten bedeckten Hinterteil auch ein Deck im Vorderteil und in der Mitte. Es ist anzunehmen, dass die heutige Dahabia ungefähr das ist, was im Altertum der thalamegus und die navis cubiculata *) waren, in welchen Schiffen, nach Sueton und Seneca, die ägyptischen Könige auf dem Nil Lustfahrten zu machen pflegten. Natürlich vergleiche ich die Dahabia mit dem Thalamegus, nur was die Form, nicht aber was die Pracht der Ausstattung betrifft, da ja letzterer ein königliches Prachtschiff war.

*) Suetonius Caesar. 52. Seneca de Ben. VII, 20.

Der Weg von Kairo nach Kene ist für den Altertumsfreund, nicht nur wegen der altägyptischen Tempel und Palastruinen, die man auf demselben fast bei jedem Schritte antrifft, so höchst interessant sondern auch wegen der beiden Römerstraßen, welche auf dem rechten und linken Nilufer auf dieser ganzen Strecke deutlich zu verfolgen sind. Auf einer früheren Reise in Ägypten, auf welcher ich den Nil einmal zum Teil in Gesellschaft des Hieroglyphenlesers und Gelehrten Dr. Brugsch bis zur zweiten Katarakte bei Wadi Haifa befuhr, war es mir gegönnt gewesen, sowohl die uralten Kunstdenkmäler aus der Zeit der Ramses und Amenophis, als die verhältnismäßig neueren Baureste aus der Römerzeit deutlich in Augenschein zu nehmen. Diesmal durfte ich jedoch die antiken Schätze in den meisten Fällen nur aus der Ferne anschauen, da ein guter Moslem für ägyptische oder römische Altertümer stets die orthodoxeste Verachtung an den Tag legen muss. Hier und da konnte ich es freilich nicht über mich gewinnen und benutzte ich manchmal die Gelegenheit, wenn sich unsere Dahabia gerade in der Nähe von dieser oder jener Ruine aufhielt, zu einem Ausflug nach den wohlbekannten antiken Resten, welchen Ausflug ich jedoch stets entweder geheim halten, oder durch einen Vorwand beschönigen musste.

Da im späten Frühjahr der Nordwind in Ägypten höchst selten ist, so konnten wir nicht auf dessen Fortdauer rechnen und in der Tat machte die günstige Luftströmung, welche uns drei Stunden nach unsrer Abfahrt von Bulak begleitet hatte, bald einer Windstille und diese einem ungünstigen Winde Platz. Es war dies der Chamsin, d. h. der fünfzigtägige Wind, wie man, wegen seiner gewöhnlichen, annähernden Dauer in Ägypten den Südwind, den Scirocco oder Kabli der Algierer, den Simum der Wüstenbewohner, nennt. Dieser Chamsin herrscht gewöhnlich im Frühjahr oder Anfang Sommer, ist überaus heiß und trocken, führt eine Menge feinen Staubes mit, der selbst durch Fenster und Läden eindringt und bringt gewöhnlich Fieber, Ophthalmieen und andere Krankheiten mit sich; er geht der Nilüberschwemmung voraus. Da unsere Segel jetzt nutzlos geworden waren, so musste gerudert werden, was die faulen, nubischen Matrosen nur höchst ungern und langsam taten, so dass wir kaum 1/2 deutsche Meile in der Stunde vorwärts kamen und da der Chamsin von nun an, während unsrer ganzen Nilfahrt, fast ununterbrochen zu wehen fortfuhr, so war die Folge, dass wir drei Wochen zu einer Fahrt brauchen sollten, welche ich in früheren Jahren zur Winterszeit in acht Tagen zurückgelegt hatte. Da mir der Raum nicht gestattet, ausführlich diese Nilreise zu schildern, die eigentlich nur als ein Vorspiel zu meiner Reise nach Mekka gelten kann, so ziehe ich es vor, mein Reisejournal hier in Form eines kurzgehaltenen Tagebuches bis zur Ankunft in Kene zu geben.

1. Schual 1276 (23. April 1860). Vor der Einschiffung in Bulak hörten wir die Predigt des Chetim (Predigers), welcher den Anfang des Festes Aït es Serhir (türkisch Bairam) ankündigte. Darauf wünschten wir uns gegenseitig „Aitek embarek" (Gesegnetes Fest) oder Saha Aitek (Gesundheit), worauf wir die Dahabia bestiegen. Gegen 10 Uhr Morgens begrüßten wir auf dem östlichen Nilufer die malerisch gelegene Moschee „Attar en Nebbi" d. h. die „Fußtapfen des Propheten“, wo, wie der Name erwarten lässt, des Propheten Fußtapfen, im Stein abgedrückt, verehrt werden, ähnlich wie Christi Fußtapfen in der kleinen Moschee auf dem Gipfel des Ölberges. Um Mittag erreichten wir Masara (auf dem östlichen Ufer) welches die Stelle des Troicus pagus einnimmt, der nach Strabo durch trojanische Gefangene gegründet wurde. In der Nähe sind die berühmten Steinbrüche mit Monumenten der Ptolemäer und selbst der älteren Dynastien. Dann passierten wir Elwan, wo der erste arabische Nilometer im Jahre 80 der Hedschra errichtet wurde. Gegen Abend hielten wir in Bedreschain am westlichen Ufer, in dessen Nähe die Ruinen von Memphis und die weltberühmte Sphinx. Abends große Lustbarkeit am Ufer, viele Ualeni (Tänzerinnen), allgemeiner Jubel wegen des Festes. Tarabuka (tönerne Trommel) und Dschuak (Flöte) ertönten bis tief in die Nacht hinein.

2. Schual (24. April). Um 6 Uhr wurde aufgebrochen und den ganzen Vormittag bei einem fortwährenden Chamsin gerudert. Wir passierten um 8 Uhr die zwei zerstörten Pyramiden von Lischt; um 10 Uhr die Pyramide „Haram el Kedeb“, d. h. die Lügenpyramide, von der meine Reisegefährten behaupteten, dass sie nichts als eine natürliche Steinbildung sei. Abends landeten wir in Atfi (dem alten Aphroditopolis) welches nach dem Itinerarium Antonini Augusti 44 Milliarien von Heliopolis (bei Kairo) entfernt lag, aus welcher Angabe man ersieht, dass diese Straße nicht dem Nile entlang führte, da längs des Flusses die Entfernung über 50 M. beträgt.

3. Schual. Von Atfi nach Situn. Wir passierten Sauja, das alte Iseum, die Stadt der Isis, welche unweit von Nilopolis lag. Der Name Situn (Oliven) ist nur die arabische Übersetzung des koptischen Namens Pha-ni-goit.

4. Schual. Gegen Mittag erreichten wir Beni-Suf, den größten Flecken seit Bulak, wo wir den Rest des Tages und die Nacht blieben. Da der Ait sich seinem Ende nahte, so wurde dieser ganze Tag der Lustbarkeit gewidmet.

5. Schual. Gegen 10 Uhr kamen wir bei Bibba vorbei, einem kleinen Dorfe, wo eine koptische Kirche ist. Schieb Mustapha erzählte mir, dass die dort lebenden Kopten große Haramin (Spitzbuben) seien. Sie hätten nämlich in früheren Zeiten, um ihre Kirche vor Zerstörung zu schützen, vorgegeben, dass ein muselmännischer Heiliger in derselben begraben liege, was auch die Moslems abhielt, das Gebäude niederzureißen. Viele fromme Mohammedaner hatten sogar dort ihre Gebete verrichtet, ja einige sich so weit vergessen, dies vor dem Bildnis des Heiligen (was der Islam streng verbietet) zu tun. Aber zur Beschämung dieser Ketzer habe man später den Betrug entdeckt. Der vermeintliche Marabut war nämlich nichts anderes, als ein Bild des heiligen Georg. Abends hielten wir bei Feschen an, einem elenden Dorfe, wo nicht einmal, wie sonst überall, ein Kaffeehaus war.

6. Schual. Zwischen Feschen und Scharuma, wo wir übernachten sollten, kamen wir halbwegs beim Dschebel Schich Embarek vorbei, welcher Berg von einem Heiligen seinen Namen fährt, von dem mir meine Reisegefährten die wunderlichsten Geschichten erzählten. Eine derselben war doch ein wenig gar zu fabelhaft; ich fahre sie nur an, um meinen Lesern ein Beispiel davon zu geben, was heut' zu Tage noch ein frommer Moslem zu glauben im Stande ist. Schich Ali Embarek lebte auf diesem Berge in völliger Zurückgezogenheit von allen Menschen, nur in Gesellschaft einiger Katzen. Da sein Herz aber nach einer Lebensgefährtin Sehnsucht trug und er mit der sündigen Menschheit nichts zu tun haben wollte, so verwandelte er eine seiner Katzen in ein wunderschönes Mädchen und heiratete dieses. Jedoch sein Unstern wollte, dass ein in dieser Gegend jagender Sultan die Schönheit erblickte, sich in sie verliebte und dieselbe entführte. Aber die Rache des Heiligen blieb nicht aus. In der Brautnacht wurde der Sultan von seiner Schönen zu Tode gekratzt und alle Diener, die ihm zur Entführung behilflich gewesen waren, in schwarze Katzen verwandelt, als welche sie noch jetzt herumschleichen und Unglück verkündigen sollen, denn eine schwarze Katze ist bei den Arabern immer ein sehr böses Omen.

7. Schual. Gegen Mittag schon langten wir in Abu Girge oder Abu Dschirdsche an, wo übernachtet wurde. In dieser Nähe lag das berühmte Cynopolis, die Hundestadt, die, wie der Name sagt, dem Hundekultus besonders ergeben war, ähnlich wie Krokodilopolis dem Krokodildienst und Lycopolis dem Wölfekultus. Noch findet man in einer Höhle gegenüber Abu Girge zahlreiche Hundemumien.

8. Schual. Von Abu Girge nach Minie. Halbwegs kamen wir an Nessle esch Schich Hassan vorbei, einem Dorfe von Fellahin, in dem sich die von Luftziegeln erbaute Kubba dieses Schich befindet. Wir stiegen nicht ans Land, verrichteten aber Gebete im Namen dieses Heiligen, von dem meine Reisegefährten ebenfalls Wunderdinge zu erzählen wussten. Dann kamen wir an den „Dschebel et Tär" oder Vogelberg, wo eine Volkssage will, dass sich jährlich die Vögel versammeln und eine Deputation erwählen, um dem Propheten Salam zu wünschen. Diese Deputation überwintert dann hier, während die andern Vögel gen Süden eilen. Auf diesem Berg liegt Dar Meriem d. h. das Haus Marias, ein koptisches Kloster. Als ich das erste Mal den Nil befuhr, kam an dieser Stelle ein schwimmender Bettelmönch an mein Schiff, diesmal, da ich als Moslem reiste, unterblieb dies natürlich. Meine Reisegefährten schimpften bei jeder Gelegenheit über die Kopten, die sie Gipti nannten und aller Schändlichkeiten fähig erklärten. Das Wort Gipti ist übrigens desselben Ursprungs mit der mittelalterlichen Bezeichnung der Zigeuner, die in Frankreich Gypciens genannt wurden (woher die Rue Jussienne ursprünglich Gypcienne in Paris) und die jetzt in England noch Gypsies und in Spanien Gitanos heißen. Ob die Zigeuner koptischen Ursprungs sind, das ist bekanntlich eine noch nicht gelöste Frage. Vielleicht sind sie zur Zeit der Christianisierung Ägyptens ausgewandert, da wohl kein Zweifel ist, dass si€ noch als Heiden nach Europa kamen. Vielleicht ist die Benennung „Ägypter“ die man ihnen im Mittelalter gab, auch nur figürlich, ähnlich wie man Ketzer damals Amalekiter, Philister und wie später die Puritaner alle Andersdenkenden ja auch „Ägypter" nannten. Nachmittags kamen wir bei Tene el Mena vorbei, wo ich vor einigen Jahren höchst interessante antike Reste und griechische Inschriften sah. Nach dem Itinerarium Antonini Augusti möchte ich schließen, dass hier die Stelle von Musa oppidum war, welches etwa vierzig Milliarien nördlich von Antinoë lag. Minie ist ein ziemlich freundliches Städtchen, aus Luftziegeln erbaut, mit einem Basar, auf dem wir uns herumtrieben und einer Hauptmoschee, in der wir unsre Andacht verrichteten. Schieb Mustapha zeigte mir in derselben eine Marmorsäule, aus der zuweilen, wenn besonders fromme Menschen sie berührten, Wasser, wie aus einer Quelle, flosse. Leider war ich nicht fromm genug und die Säule verschmähte es, in meiner Gegenwart das Wunder zu vollziehen.

9. Schual. Minie gegenüber am östlichen Ufer liegt der muselmännische Friedhof. Da der Monat Schual besonders den Besuchen der Gräber gewidmet ist, so sahen wir zahlreiche kleine Barken mit ägyptischen, blauverhüllten, dichtverschleierten Frauen, welche auf den Friedhof zusteuerten: ein charakteristisches Bild, welches an die Gräberfahrten, die man auf altägyptischen Wandgemälden sieht, erinnerte. Gegen 8 Uhr kamen wir an Suadi vorbei, wo eine dem Vizekönig gehörige Rumbrennerei ist: ein schlechtes Beispiel eines muselmännischen Fürsten für seine Religionsgenossen, denen Rum natürlich etwas abscheuliches sein muss. Dieser Teil der Nilfahrt ist für den Altertumsfreund so höchst interessant, denn auf einem Flächenraum von zwei deutschen Meilen findet er hier vereinigt: 1) die Grotten von Beni Hassan mit ihren altägyptischen Grabkammern, so reich an Inschriften und Wandgemälden. 2) den Speos Artemidos, die Grotte der Diana, 1/2 deutsche Meile südlich von Beni Hassan gelegen, wo ebenfalls altägyptische, nicht griechische Inschriften befindlich, denn Diana ist hier nur die Übersetzung des Namens der ägyptischen Göttin Pascht. 3) die sehr schönen und sehr wohlerhaltenen Ruinen von Antinoopolis, der Stadt, welche Kaiser Hadrian seinem hier im Nil ertrunkenen jungen Freunde Antinous zu Ehren errichten ließ. Heute musste ich leider an diesen antiken Schätzen, ohne sie zu beachten, vorbeisegeln, ja ich musste mich sogar stellen, als wüsste ich gar nichts von ihnen, denn Archäologie ist eine Wissenschaft, mit der sich kein guter Moslem befassen darf und die den Kafir (Ungläubigen) unzweifelhaft verrät. Die Nacht brachten wir bei Malawi, einem elenden Dorfe am rechten Nilufer, zu.

10. Schual. Am Mittag kamen wir bei Tell el Amarna vorbei, wo ebenfalls sehr interessante Grotten mit antiken Gräbern sind, die man für die Nekropole der Stadt Psinaula hält, welche das Itinerarium Pesla nennt. Da unsere Ruderer heute ganz besonders faul waren, wofür sie übrigens eine Entschuldigung hatten, indem der Chamsin wirklich erdrückend war, so kamen wir |diesen Tag nicht weiter, als bis el Kosseir.

11. Schual. Endlich ließ der unausstehliche Wüstenwind etwas nach. Wir atmeten wahrhaft auf. Bei dem Dschebel Ab-ul-Feda, den wir um 8 Uhr Morgens erreichten, sollen sich die ersten Krokodile zeigen, ich bekam jedoch keines zu sehen.

Die Kairiner erzählten viel seltsames von diesen Monstra; ich musste mich natürlich stellen, als wüsste ich gar nicht, was ein Krokodil sei, da solche Kenntnis bei einem Maghrebi höchst verdächtig erschienen wäre. Der Maghrebi gilt überhaupt bei den Ägyptern für ein Muster von Ignoranz. Selbst die arabische Sprache kennt er nicht, wenn man die Ägypter hört, und den Koran kauderwelscht er nur. In dieser Beziehung betrachten sie die Maghrebia ungefähr so, wie einst die Römer die Gallier, die sich doch auch Mühe gaben, lateinisch zu lernen, von denen aber Cicero (pro Fontio) sagte, dass selbst ihr weisester sich nicht mit dem unwissendsten Römer vergleichen könne. Ähnlich gilt auch ein maghrebinischer Gelehrter in Kairo kaum um einen Grad besser, als ein vollständiger Nichtswisser. Außerdem sind geographische, ethnologische und naturhistorische Kenntnisse bei keinem Moslem zu finden, der sie nicht von Europäern erlernt hätte und von Europäern etwas zu lernen, ist natürlich eine schreckliche Ketzerei. In dem freundlichen, aus Luftziegeln erbauten Städtchen Manfalut machten wir des Abends Halt. Da hier ein arabisches Dampfbad war, so stiegen viele meiner Reisegefährten ans Land. Auch ich folgte ihnen, kehrte aber schon an der Türe des Bades wieder um, da ich sah, dass sich die Leute ohne Lendentuch badeten, was ich nicht hätte wagen können, ohne mich als Ungläubigen zu verraten, da ja die gewisse Zeremonie, die der Islam gebietet, nicht an mir vollzogen war.

12. Schual. Von Manfalut nach Siut. Manfalut hat bei frommen Moslems eine gewisse Brühmtheit, weil daselbst Nebbi Lut (d. h. der Prophet Loth) nach der Zerstörung von Gomorrha ein Asyl gefunden haben soll. Sonderbarerweise hüten sich alle Muselmanen, wenn sie auch die hier befindliche Moschee des heiligen Loth besuchen, seinen Namen auszusprechen, da der Name dieses Patriarchen im Lauf der Zeiten ein Schimpfwort geworden ist und jetzt eben das Laster bezeichnet, welches gerade Loth bei seinen Mitbürgern bekämpfte. So verdrehen sich oft im Laufe der Jahrhunderte die Bedeutungen der Wörter. Zwischen Manfalut und Siut macht der Nil sehr viele Biegungen, die oft so kühn sind, dass wir z.B. heute sogar ein Stück bei Südwind stromaufwärts segeln konnten. Siut, das wir Abends erreichten, ist ohne Zweifel das alte Lycopolis, die Stadt des Wölfedienstes, wo ich selbst in einer Grotte eine Menge Wolfsmumien fand. In dieser Grotte sind Skulpturen von Kriegern, welche, was Waffen und Physiognomie betrifft, sich durchaus von den andern altägyptischen unterscheiden. Ihre Bewaffnung entspricht jedoch sonderbarerweise derjenigen, welche Xenophon als die ägyptische beschreibt. Viele Archäologen halten sie für Soldaten jenes Zwischenreiches der Hyskos, der fremden Schäferkönige, die eine Zeit lang in Unterägypten die einheimische Dynastie verdrängt hatten.

Bei Siut nahm Schieb Mustapha Gelegenheit, um aufs neue über die entsetzlichen Gipti (Kopten) loszuziehen und diesmal nicht mit Unrecht. Einige Kopten Siuts machen nämlich ein Gewerbe daraus, junge Negersklaven einzukaufen und sie der Kastration zu unterziehen, woran viele sterben, die überlebenden aber um das 20 fache von dem verkauft werden, was sie früher galten, haben die Muselmänner Unrecht, wenn sie die orientalischen Christen verachten?

14. Schual. Nachdem wir in Siut einen Tag, um unseren Matrosen Zeit zum Brotbacken zu lassen, gerastet hatten, setzten wir unsern Weg weiter fort und langten Abends in Kau el kebir, dem alten Antaeopolis, an, wo man noch in einem Trümmerhaufen, die Beste des Tempels des Antäus unterscheidet. Hier soll nämlich, nach einer alten Fabel, der Riese Antäus von Hercules getötet worden sein, während eine andere, die mehr verbreitet ist, bekanntlich das heutige Cap Spartel in Marokko als den Sitz dieses Kampfes bezeichnet.

15. Schual. Um Mittag erreichten wir Dschebei Schich Scheridi, wo einst der wunderreiche Heilige dieses Namens gelebt haben soll, welcher seine Wunder vermittelst einer alle Krankheiten heilenden Schlange ausübte. Wer erkennt nicht in dieser Sage den Typus des Aesculap mit seiner Schlange wieder? Nachdem wir am „weißen Kloster", einem koptischen Dorfe, in dessen Nähe die Ruinen von Krokodilopolis, vorbeigesegelt waren, erreichten wir Abends el Achmim, ein kleines, aus lufttrocknen Ziegeln erbautes Städtchen, welches die Stelle von Panopolisi (der Stadt des Pan) einnimmt, wie hier viele Inschriften aus dem zweiten Jahrhundert unsrer Ära beweisen.

16. Schual. Schon um Mittag kamen wir in Girge oder Dschirdsche, der altarabischen Hauptstadt des Sajid (Oberägyptens) an, in deren Nähe die weltberühmten Ruinen von Abydus, welches einst nach Theben die erste Stadt am oberen Nile war. Girge ist sehr von seiner einstigen Größe herabgekommen und sieht jetzt nicht viel besser aus, als alle andern oberägyptischen Städtchen, welche, da sie nur aus Luftziegeln erbaut sind, gar nicht den Eindruck von Städten machen, sondern eher Aneinanderreihungen von dorfartigen Lehmhütten sind. Wie Leo Africanus von Schönheit der Moscheen und anderer Gebäude in Oberägypten reden konnte, scheint mir unbegreiflich, da alle Bauten zu seiner Zeit ja auch nur aus Luftziegeln bestanden, wie heut zu Tage, und ein Gebäude aus lufttrockenem Lehm doch nie die architektonische Form in ihrer ursprünglichen Schönheit bewahren kann, sondern durch den Einfluss der Witterung bald zur Karikatur wird und aussieht, als sei es „aus dem Leim gegangen''.

17. Schual. Die ziemlich große arabische Stadt Farschut rechts liegen lassend, und am Gebiet des einst mächtigen und noch vor kurzem unabhängigen Araberstammes der Hauwara vorbeisegelnd, kamen wir Abends bei dem Städtchen Hau, dem einstigen Diospolis parva, an. Bis hierher hatte unter unsrer Reisegesellschaft eine auf Pilgerschiffen sehr seltene Eintracht geherrscht, denn die frommen Hadschadsch (Pilger) pflegen sonst die Eintracht keineswegs zu den ihnen nötigen Tugenden zu rechnen. Hier aber ereignete es sich, dass dem dicken Kairiner, Hadsch Omar, seine Börse gestohlen wurde und er, dadurch aus seiner apathischen Ruhe gerissen, in große Wut geriet, in welcher er die sämtliche Reisegesellschaft des Diebstahls anklagte. Natürlich lag uns Allen daran, einen solchen Verdacht nicht auf uns sitzen zu lassen. Aber wie den Dieb ausfindig machen? Mustapha Bei kam auf den Einfall, einen Spruch des Korans auf ein Papier zu schreiben, welches dann in Stücke zerrissen wurde und von dem man jedem Anwesenden ein Stück in den Mund steckte; jeder musste sein Papierchen hinunterschlucken, welches durch den mysteriösen Einfluss irgend eines wundertuenden Heiligen dem Schuldigen den Tod, den Unschuldigen aber keinen Schaden bringen sollte. Diese ist eine in Ägypten beliebte Art, aus abergläubischen Menschen die Wahrheit herauszubringen, da der Schuldige, wenn er abergläubisch ist, sich wohl hütet, das Papier zu verschlucken und es dann nach genauer Nachforschung in seinem Mund wieder gefunden wird. Aber unsre Reisegesellschaft war zu aufgeklärt, so dass selbst der Dieb das Papierchen verschluckte und das Experiment misslang vollkommen. Man hätte freilich nun zum Mamur (dem Gouverneur) von Farschut schicken und von ihm einen Kawass (Gerichtsdiener) erbitten können, der ohne Zweifel durch Stockprügel die Wahrheit herausgebracht haben würde. Aber, sowie nur Hadsch Omar dieses Vorschlags erwähnte, geriet Alles in eine solche Entrüstung, dass man ihm eilig mit Drohungen den Mund stopfte, denn wir hätten in diesem Falle eben alle unseren Teil an den Schlägen bekommen. Endlich machte einer der anwesenden Türken einen andern Vorschlag, der so seltsam er auch war, dennoch durch vollkommenes Gelingen gekrönt werden sollte. Dieser war zugleich von einer kindlichen Einfachheit. Wir sollten nämlich alle unser bares Geld vorzeigen. Derjenige nun, so glaubte unser Orakel, welcher mehr als die zur Pilgerfahrt nötige Summe bei sich habe, müsse der Dieb sein. Ein solches Verfahren hätte bei Europäern für sehr willkürlich gegolten. Bei Muselmännern ist dies aber anders; sie pflegen auf der Pilgerfahrt stets nur wenig bares Geld zu besitzen, da sie auf dieser, wie auf jeder andern Reise ihr überflüssiges Kapital in Waren zu verwandeln gewohnt sind. Es fand sich auch wirklich bei Vorzeigung des Geldes, dass außer dem Dieb, Niemand mehr, ja kaum einer so viel, als die zur Pilgerfahrt nötig erachtete Summe besaß, welche Summe natürlich nur annähernd und als ein Minimum bestimmt worden war, das die bescheidenen Mittel der meisten nicht erreichten. Ich besaß wohl etwas mehr, als die bestimmte Summe, aber mein Geld war zum Teil in Banknoten, die ich gut versteckt hatte. Der Dieb jedoch, einer der beiden Mekkaner, besaß in Gold beinahe dreimal so viel, als irgend ein anderer Reisender, woraus man auf einige früher ausgeführte, unentdeckt gebliebene Diebstähle schließen konnte. Da man ihm mit der durch den Koran für Diebe festgesetzten, aber jetzt fast nie mehr angewandten Strafe des Handabschneidens, wenn er nicht gestehen wolle, drohte, so bekannte er sein Verbrechen, gab das Geld heraus und die ganze Gesellschaft verzieh ihm mit einer Nachsichtigkeit für Verbrechen, die man nur bei Muselmännern findet, die aber von der Schlechtigkeit ihrer Justiz und von der Überzeugung herrührt, dass Geld hier zu Lande selbst den ärgsten Verbrecher freispricht. Der dicke Haggi Omar war durch das kaum erhoffte Wiederfinden seines Reisekapitals nicht wenig beglückt. In seiner Freude traktierte er uns Alle mit dem besten Mochakaffee, ohne, bezeichnender Weise, selbst den Dieb zu vergessen. Dieser Bösewicht hatte weiter nichts zu leiden, er wurde nicht einmal von der allgemeinen Konversation ausgeschlossen und es war nach einem Tage wieder, als wäre gar nichts geschehen.

18. Schual. Schon um Mittag erblickten wir den herrlichen Tempel von Dendra, dem antiken Tentyra, welches unserm Reiseziele, Kene, unweit von dem weltberühmten Coptos, gerade gegenüber lag. Der Tempel von Tentyra gibt bekanntlich denen von Karnak, Luksor, Abusimbel, Elephante wenig an Großartigkeit und Schönheit seiner Formen nach, obgleich er fast zwei Jahrtausende nach jenen erbaut wurde. Er verdankt nämlich seinen Ursprung den Ptolemäern und jene den ältesten ägyptischen Dynastien. Im ersten Jahrhundert unsrer Zeitrechnung herrschte zwischen jenen beiden, sich gegenüberliegenden Städten, Tentyra und Coptos, eine so fanatische Feindschaft, dass unter anderem einmal beim Anlass eines Götzenfestes die Bewohner der ersteren Stadt die Coptiten überfielen, einen derselben in Stücke rissen und verzehrten, welchem Umstand wir eine der berühmtesten Satiren des Juvenal, die 15te, verdanken. Der damals achtzigjährige Dichter scheint selbst Zeuge der Menschenfresserei der Tentyriten gewesen zu sein, deren Grausamkeit er zugleich mit ihren andern Lastern geißelt:

Horrida sane
Aegyptus ; sed luxuria quantum ipse notavi
Barbara famoso non cedit turba Canopo.

Grausamkeit ist freilich kein Hauptfehler mehr bei den modernen Ägyptern; sie sind vielmehr eines der sanftesten Völker des Islams, das ich kenne; aber die Ausschweifungen des alten Canopus blühen heute noch in ihrer vollen Üppigkeit fort und was der Bischof Salvianus Massiliensis im 6ten Jahrhundert von den damals christlichen Afrikanern sagt, das gilt heute, vielleicht noch in erhöhtem Maßstab von den mohamedanischen. „Quis nescit totam Africam obscoenis libidinum taedis semper arsisse? Non ut terram aut sedein hominum, sed ut Aetnam putes impudicarum flammarum. Quis non omnes Afros impudicos generaliter sciat? "

Um 2 Uhr Nachmittags am 18ten Schual 1276 der Hedschra (10. Mai 1860) vollendeten wir unsre Nilfahrt, indem wir in Kene anlangten, von wo die Karawanen durch die Wüste der Ababda Beduinen nach dem Hafenort Kosseir am Roten Meere führen, wo man sich nach der arabischen Küste und besonders nach El Imbu, dem Hafen Medinas und nach Dschedda, dem Hafen Mekkas, einschifft. Kene hat seinen antiken Namen Caenopolis beinahe unverändert beibehalten. Es ist jetzt als das einzige Emporium Arabiens am Nil an die Stelle von Coptos und dem späteren Kus getreten. Zur Zeit der Hödsch (Pilgerfahrt) herrscht hier ein lebhafter Verkehr, obgleich nicht mehr so wie früher, da Sues jetzt fast alle Hadschadsch (Pilger) anzieht. Sonst lässt sich von Kene wenig sagen, als dass es ein Hauptsammelplatz der Ualem (Tänzerinnen) ist, von denen es in ganz Oberägypten wimmelt.

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Maltzan, Heinrich von (1826-1874) Reichsfreiherr zu Wartenberg und Penzlin, Schriftsteller und Orientalist

Maltzan, Heinrich von (1826-1874) Reichsfreiherr zu Wartenberg und Penzlin, Schriftsteller und Orientalist