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4. Besondere Gebräuche und Meinungen im Hans Jochen-Winkel.

Der Strich Landes der Altmark, welcher zwischen Salzwedel und Disdorf liegt, heißt schon von alten Zeiten her der Hans Jochen (Joachim)-Winkel. Es ist dies ein Spitzname, dessen Entstehung und Grund man mit Gewißheit nicht angeben kann, der aber vielleicht daher rührt, daß die Mehrzahl der männlichen Einwohner hier seit undenklichen Jahren die Vornamen Hans Joachim führt. In diesem Winkel haben sich eine Menge ganz eigenthümliche Meinungen und Gebräuche erhalten, von denen hier folgende einen Platz finden mögen:

Eine Frau darf während ihrer Schwangerschaft sich keine Speise versagen, zu der sie Lust verspürt; denn alle Speisen, die sie sich so entzieht, würde das Kind künftig, wenn es erwachsen ist, nicht essen können.


Mit einer Leiche darf sich eine Schwangere nichts zu schaffen machen, weil sonst das Kind zeitlebens eine Todtenfarbe behalten würde.

Sobald das Kind geboren ist, wird ihm Honig oder Zucker in den Mund gegeben, damit es künftig süß aus dem Munde rieche.

Wenn das neugeborne Kind viel schreit, so sagt man: es hat Herzspann, und nun wird es dreimal durch die Sprossen einer Leiter gezogen; dadurch bekommt es Erleichterung.

Der Glaube, daß das Kind ausgetauscht werden könne, ist besonders in diesem Winkel sehr stark. Man fürchtet, daß die unter der Erde wohnenden kleinen verwachsenen Zwerge, die man hier nicht Dickköpfe, sondern die Unterirdischen nennt, und die nichts lieber als hübsche, wohlgestaltete Menschenkinder zu haben wünschen, das neugeborne Kind wegnehmen und ihre eigenen verwachsenen Kinder, die man Wechselbälge nennt, dafür hinlegen würden. Deshalb wird hier ganz besonders mit der Taufe geeilt, und bis zu derselben Mutter und Kind keinen Augenblick allein gelassen; auch muß bis dahin immer ein Licht bei ihnen brennen, selbst am hellen Tage, weil vor dem Lichte die Unterirdischen sich fürchten.

Bei dem Einwickeln des Kindes zum Taufen wird ein beschriebenes Stück Papier mit eingewickelt. Was darauf geschrieben steht, ist gleichgültig, aber fehlen darf es nicht, weil sonst leicht bei der Taufe eine Hexerei vorgehen könnte.

Eine Wöchnerin, die zum ersten Male niedergekommen ist, darf ja nicht zu früh die Wäsche wechseln, weil sie sonst alle Jahre ein Kind bekommen würde.

Herangewachsene Kinder dürfen nicht ans Wasser gehen, denn darin sitzt die Wassernix, die auf sie lauert und sie herunterholt.

Auch an das Korn dürfen die kleinen Kinder nicht kommen, denn darin sitzt die alte Roggenmöhr (Muhme); die hat eine schwarze Brust, daran legt sie die Kinder, wovon sie leicht sterben können. –

Bei Krankheiten wird besonderes Gewicht auf den Abgang gewisser Thiere gelegt. Gegen die Rose hilft der Abgang einer schwarzen Katze; gegen den Husten der Abgang von einem schwarzen Hunde; der Abgang selbst muß aber weiß sein. Wenn Jemand Kopfweh hat, das nicht weichen will, so nimmt man einen Faden, der wird dreimal um den Kopf des Kranken gewunden, und dann in Form einer großen Schlinge in einen Baum gehangen; wenn nun ein Vogel hindurch fliegt, so nimmt dieser das Kopfweh hinweg.

Es giebt viele Leute, welche das Blut und das Feuer besprechen können, so daß jenes augenblicklich aufhört zu fließen, dieses aber sich nicht weiter verbreiten kann, sondern sich in sich selbst aufzehren muß. –

Wenn Jemand gestorben ist, so wird sofort das Kopfkissen unter ihm weggezogen und ein Fenster in der Stube geöffnet, damit die Seele herausfliegen kann. Wenn die Leiche beerdigt ist, so gehen zuerst die Angehörigen und sodann die übrigen Begleiter dreimal um das Grab herum und von da in die Kirche; ein Grund dieses Gebrauches ist nicht bekannt.

Nach der Gegend von Salzwedel hin hat man auch noch folgende besondere Leichengebräuche:

Dem Todten wird, wenn er in den Sarg gelegt wird, ein Pfennig in den Mund gesteckt, damit er einen Zehrpfennig nach dem unbekannten Lande hin habe. – Beim Zunageln des Sarges muß man sich wohl in Acht nehmen, daß der Todte nichts von seinem Anzuge in den Mund bekomme; denn sonst „zehrt er nach“, und Einer nach dem Andern muß ihm im Tode folgen. Sobald die Leiche aus dem Hause getragen ist, wird ein voller Eimer mit Wasser hinter ihr her gegossen, damit der Todte nicht wiederkommen und spuken möge. –

An einzelnen besonderen Tagen des Jahres hat man noch folgende merkwürdige Gebräuche:

Am Neujahrstage wird vor Sonnenaufgang im Garten geschossen, damit die Obstbäume in dem Jahre reichlich tragen.

Von Neujahr bis Heiligen drei Königstag darf kein Dünger ausgefahren werden; denn um diese Zeit sind die Wölfe gerade am schlimmsten, und sie würden durch den Geruch frischen Düngers herbeigelockt werden.

Auf Lichtmessen, wie überhaupt an jedem Marientage, darf kein altes Zeug geflickt werden, weil sonst die Hühner Windeier legen.

Wenn auf Lichtmessentag die Sonne auch nur einen Augenblick hell am Himmel scheint, so gedeihen das Jahr die Bienen gut. Scheint sie aber gar nicht, so ist das für die Bienenzüchter ein schlimmes Zeichen.

Die Bauern haben für Lichtmeß folgenden Vers:

Lichtmessen hell und klar,
Giebt ein gutes Kornjahr,
Lichtmessen dunkel,
Macht den Bauern zum Junker!

(d.h. er hat dann nichts zu thun, zu dreschen.)

Auf Fastnacht darf nicht gesponnen werden; das an diesem Tage gesponnene Garn würde doch nur wieder verschwinden.

Am Charfreitag muß der Hofhund ein Butterbrod bekommen, worin ein Kreuz geschnitten ist. (Eine Bedeutung dieses Gebrauchs ist nicht zu ermitteln gewesen.)

Wenn an den drei hohen Festtagen, Ostern, Pfingsten und Weihnachten, Jemand in der Nacht aufwacht, so nimmt er ein Gesangbuch, schlägt es auf, und legt es offen wieder fort. Am anderen Morgen sieht er nach, was für einen Gesang er aufgeschlagen hat, um daraus sein künftiges Schicksal zu ersehen. Ist der Gesang ein Sterbelied, so muß man noch in demselben Jahre sterben; ist es ein Tauflied, so läßt man noch in demselben Jahre taufen oder steht Gevatter. Ist der Gesang von anderem Inhalte, so sucht man danach das Schicksal des Jahres zu bestimmen.

Am Ostermorgen muß man früh aufstehen und einen Eimer mit Wasser auf den Hof setzen. Wenn man in diesen hineinblickt, bis die Sonne aufgegangen ist, so kann man darin das Osterlamm erblicken. Man sieht sogar seine Bewegungen in dem Wasser.

Am Walpurgisabend werden alle Thüren an Häusern und Ställen bekreuzt, um das Vieh vor den vorüberziehenden Hexen zu bewahren.

Wenn man in der Walpurgisnacht die abziehenden Hexen sehen will, so muß man sich unter eine Hechel oder Egge setzen, deren Stacheln und Zacken aber rückwärts stehen.

Wenn am ersten Maitage die Kühe ausgetrieben werden, so legen einige Leute Ketten und Stricke vor die Schwelle des Stalles, andere aber ein frisches Ei mit einem Beile, welches beides mit einem frischen Rasenstücke bedeckt wird. Wenn nun das Vieh über diese Sachen hinwegschreitet, so wird es sich gut halten und es kann ihm nichts angethan werden.

Am Abend vor Pfingsten werden junge Birkensträuche, Maien genannt, geholt, womit die Stuben und besonders die große Diele (Tenne) ausgeschmückt werden. Später werden diese Maien sorgfältig aufbewahrt und beim Röthen auf den Flachs gelegt, wodurch dieser fester wird.

Zum Theil mündlich, zum Theil aus den Acten des Altmärkischen Vereins für Geschichte und Industrie.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Meinungen und Gebräuche der Altmark.