Mecklenburgs Volkssagen - Band 1 - Erklärung der Titel-Vignette.

Aus Mecklenburg-Vorpommerns Kulturgeschichte
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Obotriten, Wenden, Slawen, Mittelalter,
Zu Füßen und im Schatten der düstern, aber ewig jung und frischen Fichte, dem Baume des Nordens, sitzt die Sage; eine hohe, edle Gestalt. Das aufgelöste dunkle Haar, mit immer grünem Efeu bekränzt, flattert im Winde; den kräftig schönen Leib bedeckt ein langes weißes Gewand, antiken Schnittes; die Linke lehnt auf einem Schilde, die Wappen der unter mecklenburgischen Zeptern vereinigten, ehemals selbstständigen Fürsten- und Bistümer, Graf- und Herrschaften, — das jetzt gebräuchliche Großherzoglich-Mecklenburg-Schwerinsche und Strelitzsche Landeswappen, — zeigend; die Rechte streckt sich erzählend aus über einen Stein, mit der Inschrift „Old Mecklenborg". Denn davon, von der Vergangenheit des Vaterlandes, spricht sie zu uns die Sage; das deuten auch die zu ihren Füßen liegenden Überreste des Altertums und Mittelalters an.

Zur Seite der Fichte erhebt sich über gestürzten und verwitterten heidnischen Götzenbildern ein mächtiges, aus Stein und Felsen gehauenes Kreuz. — Die finstern Zeiten des Heidentums sind längst dahin; ihre Götzen, aus Holz und Ton geformt, sind zerstört und mit dem Moose der Vergessenheit bewachsen. Ein schöner, kräftiger Bau, das Kreuz, das Zeichen des Christentums, ist über ihren Trümmern aufgerichtet, und felsenfest, Sturm und Zeiten trotzend, die Welt beherrschend, steht er da, der, aus einem Senfkorne emporgewachsene Baum! —

Und so erzählt uns denn die Sage — ihre Stimme, ihren Sang gleichsam vermischend mit dem melancholisch geisterhaften Rauschen der Fichte — von alten, vergangenen Zeiten und Geschlechtern, dabei unserem geistigen Auge deren Begebenheiten und Bilder vorführend. Und solche, die beiden Hauptepochen repräsentierend, denen sie ihre Mitteilungen entnommen, gewahren wir im Hintergrunde:

Zuerst, in weiter Ferne, das Altertum, die graueste, heidnische Vorzeit. Unter hundertjährigen Eichen — diesem stets, bis auf den heutigen Tag heilig gehaltenen Zeichen und Stolze der deutschen Nation, diesem schönen Symbole deutscher Treue und Biederkeit, deutscher Kraft und Stärke — erblicken wir die Riesengestalten unserer Urahnen, die alten Obotriten und Wenden, bedeckt mit Tierfellen und mit Keulen und Steinschwertern bewaffnet. Auf der andern Seite aber, zu Seiten des Kreuzes, tritt uns das christliche Mittelalter in näherer Ferne entgegen. Dort sehen wir die Nachkommen der ersteren, die alten Ritter, hoch zu Ross, in Stahl und Eisen gekleidet, mit Schild und Lanze ausgerüstet, und hinter ihnen die festen Schlösser und Burgen damaliger Zeit.

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Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

Mecklenburgs Volkssagen - Band 1