Mecklenburgs Kulturperspektive. - Ein Schattenbild.

Archiv für Landeskunde in den Großherzogtümern Mecklenburg und Revue der Landwirtschaft. Band 4 (Des Mecklenburgischen Gemeinnützigen Archivs Neue Folge)
Autor: O. F. K., Erscheinungsjahr: 1853

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Landschaften, Zivilisation, Kulturpflanzen, Wildpflanzen, Landwirtschaft, Bauern, Kultur, Wasser, Bodenverhältnisse, Wasserreichtum, Gewässer, Moore und Sümpfe, Seen, Wassermangel, Brunnengräberei, Entwässerung, Fruchtwechsel
Für Mecklenburg als Land der Produktion aus Grund und Boden muss jede Veränderung, jede Erscheinung, die in letzterer Beziehung hervortritt, mit Aufmerksamkeit verfolgt werden. Alles kommt darauf an, den Ertrag des Bodens zu erhöhen, mindestens ihn zu erhalten, und um keinen Preis darf, so lange menschliche Einsicht und Kraft es zu verhindern vermag, ein Übel einreihen, das die Landeskultur mit Ruin bedroht.

Die Geschichte zeigt uns Landschaften, wo das Leben einst im höchsten Glanze prangte; wo eine zahlreiche Bevölkerung im vollen Lebensgenüsse ihr Gedeihen hatte, wo Marmorpaläste über Orangenwäldern schimmerten und — wo jetzt kaum noch Erinnerungen des entschwundenen Glanzes zu finden sind. Die Bibliotheque Britannique enthielt vor längerer Zeit Briefe eines landwirtschaftlichen Reisenden aus Italien. Derselbe beschreibt (im vierten Briefe), wie er auf der Tour von Volterra nach Siena die toskanischen Maremmen besucht, die einst den Schauplatz eines großen Völkerlebens bildeten, jetzt dagegen kaum mehr sichtbare Spuren der Zivilisation aufzeigen. Die Natur, meint der gedachte Reisende, scheine sich hier erschöpft zu haben und, müde von ihren früheren Anstrengungen, auf neue Erzeugungen und jeglichen Schmuck zu verzichten. Völlig unfruchtbar sind jetzt die Gefilde; die Ländereien ohne Menschenwohnung; die Gewässer faulig und gelb von Schwefel; die Wälder, bis auf einige alte Eichbäume, — welche ohne allen Nachwuchs den Jahrhunderten Trotz geboten haben — völlig verschwunden.

Die Oberfläche des Landes ist in ablagernden Sandwellen gefurcht und bietet fast den Anblick von ungeheuren Meereswogen, nur dass diese Umrisse durch Menschen und Zeit gemildert sind. Von Ferne zu Ferne erblickt man auf dm Gipfeln noch Einfassungen und Mauern mit zerfallenen Außenseiten; dann und wann zeigen öde Menschen-Wohnungen sich im Schutze einsam stehender, halb verfallener Türme. Fanden sich einzelne Häuser hier und da, so waren sie weder von Gebüsch noch Gärten umgeben. Einzelne Anpflanzungen von Mais schienen den Reisenden zu mahnen, dass noch eine Spur Vegetation den Verfall überlebt habe, der Menschen und Pflanzen dahingerafft und vertrieben hat.

Dies ist das Bild jener Gegenden im Kirchenstaate, im Toskanischen und zum Teil auch im Neapolitanischen, die jetzt verödet mit dem Namen Maremmen bezeichnet zu werden pflegen, und wo im Sommer jene böse Fieberluft, die Malaria, herrscht, die sonst den pontinischen Sümpfen zugeschrieben wurde.

Nicht anders ist Siziliens Kultur geschwunden. Diese Insel ward einst als Kornkammer Italiens und Griechenlands gerühmt. Der Weizen reifte nicht selten in drei Monaten und lohnte, wie berichtet wird, 80-, ja 100fach, bei sorglosester Bearbeitung des Bodens. Neben den anderen Getreidearten gedieh Reis, Tabak, selbst Baumwolle und das Zuckerrohr. Die Trümmer von Agrigent und Selinunt zeugen heute noch von der Pracht und dem Luxus, in welchen eine zahlreiche Bevölkerung lebte. Die Geschichte berichtet über die großen Kriegs- und Handelsflotten Siziliens zur Zeit des ackerbaukundigen, Handelstätigen und tapferen Gelon. Später noch richteten sechzigtausend Menschen die anderthalb Stunden langen Mauern um Syrakus in zwanzig Tagen auf — jetzt hat Sizilien etwas über anderthalb Millionen Einwohner mit etwa 48.000 Priestern, Mönchen und Nonnen, und sein Boden hat in dem Grade an Produktionskraft verloren, dass es seit Jahren seinen eigenen Bedarf an Getreide nicht mehr zu erzeugen im Stande ist und nur in Schwefel-Erzeugung eine Quelle der Prosperität findet.

Es sollte hier nur in wenigen Zügen der Geschichte das Beispiel entnommen werden, wie die reichsten, fruchtbarsten Landschaften zur Einöde werden können, so dass Grund und Boden mit dem Hinschwinden der Kultur und der Bevölkerung auf das unerhörteste ausarten. Lassen wir dahingestellt sein, wie die Paläste untergingen, die Menschen verschwanden, und beschäftigen uns vielmehr mit der Frage, wodurch der Boden seine frühere Ertragsfähigkeit verlor, so ergibt sich zunächst: dass es besonders das Verschwinden der Holzungen, das Zerstören der Baumpflanzungen war, welches dem Boden die Ertragsfähigkeit, den Landschaften die Gesundheit nahm, so dass sie von den Bewohnern verlassen wurden. In den Maremmen machte man in der letzten Zeit die Erfahrung, dass Baumpflanzungen das wirksamste Mittel seien, die Ungesundigkeit zu mindern und den Anbau des Weizens wieder etwas emporzubringen. Der Boden scheint gegenwärtig völlig unfruchtbar und vom Anbau erschöpft — ausgebaut —. Er bietet nichts dar als Ton, dessen weißliche Farbe nur durch das fahle Gelb des Schwefels verändert wird, der, wie in Mecklenburg an vielen Stellen der Eisenocker, hervorgerinnt und das Quellwasser dunkel färbt und verdickt — wo sich noch Wasser entwickeln kann.

Es hieße Oftgesagtes wiederholen, wollte man hier für Mecklenburg darauf hinweisen, dass durch die Abnahme der Gehölze eine Abnahme des atmosphärischen Wassers, das ja die Quellen speist, stattfinden muss, stattgefunden hat. Die Seen, Flüsse, Bäche sind von Naturkundigen längst als die Adern bezeichnet, welche die Erde durchströmen, wie die Arterien den tierischen Leib. — Wer hat Holland mit seinen Flüssen und Kanälen und seiner strotzenden Fruchtbarkeit, in der Wohlhabenheit seiner zahlreichen Bevölkerung gesehen und nicht bewundert? —

Das Wasser ist der Erlöser, der von öden Steppen den Fluch der Unfruchtbarkeit nimmt und im ewigen Kreisläufe von und zu der Meereswoge den Pflanzen die Stoffe der Erde nahrhaft macht und zuführt. Das Wasser ist es, welches den Boden frei für die Kultur macht, indem es die untergeordneten Stoffe des anorganischen Reiches durchdringt, löst und zum Pflanzenstoffe macht. Dass diese Erlösung der Stoffe durch menschliche Tätigkeit gehemmt und gefördert werden kann, bedarf keiner Ausführung.

Wenden wir uns von diesen allgemeinen Andeutungen zu Mecklenburg, so kann hier dem beobachtenden Blick die Tatsache sich nicht verbergen, dass in den letzten fünfzig Jahren der Wasserreichtum des Landes sehr abgenommen hat und noch immer in schnellem Abnehmen begriffen ist. In den besten Gegenden des Landes wird am meisten sichtbar, nicht nur was für eine Menge kleiner Moore und Sümpfe, sogenannte Bültlöcher, verschwunden, sondern auch, welche Anzahl kleiner Seen, Teiche — Sülle — abgelassen, ausgetrocknet sind und weit weniger als Wiese, sondern meistens als Acker genutzt werden. Die Wiesen, die sonst im Vorfrühling? blanken Seen glichen, sind einem bedeutenden Teile nach Acker geworden und erhalten mit bedachtsam angelegten Gräben kaum die nötigste Wasserspeisung. Auf den Feldern gehen mehr und mehr die Viehtränken aus. Die Mergelgruben, die vor Jahren Wasser zogen und hielten, sind längst ein für alle Male ausgetrocknet. Man wundert sich oft, an Stellen, wo keine Spur von Wasser ist, alte Brücken zu finden. Die Karauschenteiche verloren ihre Bewohner, da sie mehrenteils im Sommer austrocknen. Wiesen, aus denen die Mahd kaum auszutragen war, werden jetzt unbedenklich mit beschlagenen Wagen befahren. Die früher versumpften Moore halten kaum noch soviel Wasser im Untergrund, als die Torfbereitung aus ihnen erfordert. Die Wassermühlen liegen, wo sie nicht bereits eingingen, ohne Triebkraft zur Verzweiflung ihrer Besitzer und der nach Brotmehl begehrenden Zwangskunden. Die Brunnengräberei, das Wassersuchen und Leiten werden mehr und mehr begehrte Künste. Rosswerke, Dampfmühlen finden sich und mangeln noch in sehr fühlbarer Weise, da selbst die Windmüller in letzter Zeit zu klagen angefangen haben, dass durch Wegnahme der Holzungen die Luftströmungen seltener, jedenfalls unregelmäßiger geworden. Dass Bewässerung im allgemeinen eins der wirksamsten Beförderungsmittel der Kultur sei, ward schon ausgesprochen und ist neuerdings in Mecklenburg besonders durch Anlage von Wiesenrieselungen anerkannt und betätigt. Wie viele Anlagen dieser Art kamen bereits aus Wassermangel nicht in Gang, oder erstarben in ihren verhofften Resultaten? — Das Trockenlegen dagegen, die Entwässerung, wie sehr dadurch im Einzelnen der Produktion Raum gewonnen werden mag, lieh schon manchen speisenden kleinen Bach versiechen und gab so in weitem Umkreise Nachteil, die den lokalen Gewinn stark überwogen. Hierzu ist in neuester Zeit noch die Kunst der Drainage gekommen, deren hoher Wert hier in keiner Weise verkannt oder heruntergesetzt werden soll, die aber bedauerlich an manchen Stellen mit einem blinden und unweisen Eifer betrieben, dort sicher, abgesehen von dem weggeworfenen Anlagekapital, ihre Nachwehen haben wird.

Es liegt mehr in der Absicht dieser Bemerkungen, die Aufmerksamkeit auf unverkennbare Erscheinungen und Tatsachen hinzulenken, als deren Folgen auseinanderzusetzen. Letztere werden zunächst mehr im einzelnen erscheinen, aber häufiger und häufiger hervortretend, am Ende allgemein fühlbar werden. Einige Andeutungen mögen hier jedoch noch Platz finden.

Man hört in neuerer Zeit mehr und mehr davon reden, dass Felder ihre frühere Löhnigkeit verlieren. Man findet, dass manche Güter, bei aller guten Düngung und Bearbeitung, doch weit mehr sogenannte ausgeschienene Stellen im Getreide haben. Der Rost fällt, wie man sagt, in weiterem Umfange auf das Korn als früher. Der Klee, wie viel reiner ihm der Acker geboten, wie viel dicker er gesäet wird als früher, baut sich aus. Für ihn soll nächstens die Lupine mit eintreten, die der Sterilität und Trockenheit besser widersteht. Die Kartoffel — was ist über deren Krankheit nicht geschrieben — wird jedenfalls in der trockensten Jahreszeit von derselben befallen, zeigt das Übel zuerst am Kraute, und die Knollen, sie finden im Boden die notwendige Fruchtbarkeit der Nässe, die ihnen das kranke Kraut nicht länger aus der Luft zuführt, und verderben deshalb.

Wie sorgsam wird jetzt auf einen richtigen Fruchtwechsel gesehen. Wie der Magen durch Wechsel der Speise zu größerer Tätigkeit und Leistung angeregt wird, so der Boden. Ob er, wenn seine Reizbarkeit abgestumpft sein wird, nachhaltig blieb, wird die Folge lehren. Übrigens wird im allgemeinen bereits zugegeben, dass der Boden in Mecklenburg seine Nachhaltigkeit verloren habe. Es ist längst erfahrungsmäßig und allgemein anerkannt, dass der Mergel teils aufgehört hat zu wirken, teils, aufs neue gebraucht, wenig oder gar nicht mehr hilft. Der ab- und ausgemergelte Boden ruht weniger als früher. Die häufigere Bearbeitung, das tiefere Ackern durchlüftet freilich die Krume, aber die Luft bietet nicht mehr das volle Maß der Feuchtigkeit, das sie sonst dem Acker brachte und womit sie ihn ehedem befruchtete; sie trocknet ihn statt dessen. Damit verliert der Boden das, wad oben als erlösende Kraft bezeichnet ward, oft in dem Maße, dass er vor Trockenheit den aufgebrachten Dung nicht mehr zu assimilieren im Stande ist und ihn gleichsam unverdaut, im verkohlten Zustande wirkungslos bei sich behält.

Es mag mit diesen Andeutungen genug sein. Der Verfasser verkennt nicht, dass die eine oder andere Erscheinung eine verschiedene Auffassung zulässt, glaubte aber um so unbedenklicher, diese Hinweisung sich erlauben zu dürfen, als der Zweck seines kleinen Aufsatzes überall nicht der ist, Beweise zu liefern, sondern vielmehr dahin geht, dir Beobachtung und das Nachdenken auf Erscheinungen hinzulenken, die immerhin als Symptome verdienen in Betracht gezogen zu werden.
O. F. K.
Elde bei Rüterberg

Elde bei Rüterberg

Sülz.

Sülz.

Steilkueste am Grosskluetzhoevd bei Boltenhagen, 2008 Autor: wikipedia, Ch. Pagenkopf

Steilkueste am Grosskluetzhoevd bei Boltenhagen, 2008 Autor: wikipedia, Ch. Pagenkopf

Schweriner See im Winter, Sonnenuntergang

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Mecklenburger Ostseestrand im Herbst

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Sonnenuntergang in der Mecklenburgischen Schweiz. (Februar 2014)

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Steilküste.

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