Mecklenburg - Sprache, Sage, Sitte, Glaube des Volks

Aus: Das medizinische Mecklenburg. Notizen, gesammelt auf einer Reise im Winter 1855-56
Autor: Spengler, L. Dr. (?) Hofrat, Erscheinungsjahr: 1858
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Enthaltene Themen: Mecklenburg - Sprache, Sage, Sitte, Glaube des Volks
Eine bis jetzt noch wenig erforschte Quelle in Mecklenburg ist: Sprache, Sage, Sitte, Glaube des Volks. Den hohen Wert dieser lebendigen Zeichen einer untergegangenen Zeit haben namentlich die unsterblichen Werke der Gebrüder Grimm gezeigt (deutsche Rechtsaltertümer, und deutsche Mythologie). Dass aber diese Quelle in Mecklenburg noch nicht ganz erschöpft ist, beweisen die Untersuchungen von Beyer über die Thor- und Wodan-Sage (Mecklenb. Jahresbericht des Vereins für Geschichte XVI. p. 11. und Mecklenb. Jahrb. 1855. B. d. XX.). Er sagt, dass des Dichters Wort: Alles wiess den eingeweihten Blicken, Alles eines Gottes Spur, nicht nur von dem phantasiereichen Hellas, sondern auch von dem tiefsinnigen Norden gilt, und dass diese Spuren des alten Gottes auch in Mecklenburg noch wohl zu erkennen sind. Noch lebt z. B. selbst Wodans Name in dem Munde des Mecklenburgischen Landvolkes. Ebenso zeugen zahlreiche Namen von Pflanzen, Tieren, Sternen, Naturerscheinungen von Wodans, des Gottes des Krieges und der Jagd, und des milderen Thors, des Donnergottes, Macht und Ansehen. Es ist nicht Zufall, dass der Mecklenburgische Bauer die giftige Wurzel des Wasserschierlings „Wodensdung“ nennt; dass überhaupt fast alle Giftpflanzen nach dem geheiligten Tier dieses gefürchteten Gottes, dem Wolfe, benannt werden, während die Namen der Heilkräuter sehr häufig auf die Wirksamkeit des Frucht und Segen spendenden Donnerers hinweisen. Die Rolle, welche Wolf, Rabe, Eule, Stier, Bock, als Symbole der Kraft und Fruchtbarkeit, und die kindlich verehrten Frühlingsvögel in den Sagen und dem Aberglauben des Volks spielen, lassen einen tiefen Blick in das Wesen der genannten, die Herrschaft der gesamten Natur unter sich teilenden Gottheiten tun. So verkündigt Wodan Tod und Unheil, und Thor Leben und Gesundheit. Wie nun in Griechenland die Mythologie aufs innigste mit der Natur- und Heilkunde verbunden war, so auch im Norden, wo ebenfalls eine tief poetische Naturanschauung herrschte; und ich habe nach Beyers Vorgang deshalb versucht „das Verhältnis der nordischen Mythologie zur altdeutschen Medizin, besonders in Mecklenburg“ in Troschels med. Ztg. 1856. Nr. 32. darzustellen. Es ist dort durch Beispiele der innige Zusammenhang der alten Arzneikunde mit dem heidnischen Götterglauben, namentlich mit dem Thorcultus dargetan. Allein es waren nur bestimmte Gattungen von Krankheiten, gegen welche man bei diesem Gotte Hilfe suchte, weil man gerade ihn als Urheber derselben betrachtete, so dass er also nicht als ein nordischer Äskulap aufzufassen ist. — Im Anschlusse daran, und zur Vervollständigung habe ich in derselben Zeitung 1857. Nr. 21 & 22 „über die Heilkunde des kalten Nordens“ berichtet, worin hauptsächlich von Island gehandelt wird, welche Mitteilungen übrigens besonders geeignet sind, zur besseren Verständnis beizutragen.

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Thor, Marten Eskil Winge 1872

Thor, Marten Eskil Winge 1872

Odin, 1888

Odin, 1888