Man soll seine Träume nicht eher erzählen, bis ihre Zeit abgelaufen ist

Volkssagen aus dem Stargardschen
Autor: Von Friedr. Latendorf aus Neu-Strelitz, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Latendorf, Neu-Strelitz
Es ist nicht gut, dass man erzählt, was Einem begegnet ist*); man soll noch weniger seine Träume erzählen, ehe ihre Zeit ist abgelaufen.

So träumte Jemand in — mein Gewährsmann schwankte zwischen Friedland und Woldegk — ein Schnackenkopf *) werde ihn auf seinem Wege zur Kirche stechen. Wohlbehalten kommt er aus der Kirche, und steckt nun triumphierend seine Hand mit den Worten hinein: „Süh, Du häst mie jo doch nich stäken" **). Gleich darauf zieht er erblassend seine Hand zurück und stirbt, „von einem giftigen Ding gebissen".

Ein Ackersmann hatte sich in der Mittagsstunde bei dem Säen seines Buchweizens zum Schlafe niedergelegt und glaubte im Traume die Worte zu hören: „Du seigst den Bokweiten woll, äver Du meigst em nich."***) Lachend erzählt er den Traum den Seinigen; wie aber die Zeit der Ernte gekommen war und er nach der Sense fasst, stürzt er auf der Stelle tot darnieder.

*) Totendenkmal in Gestalt eines Schlangenkopfes
**„Sieh', Du hast mich ja doch nicht gestochen."
***)„Du säest den Buchweizen wohl, aber Du mähst ihn nicht."


Weiser handelte ein Anderer, dem ganz dasselbe bei dem Säen seines Roggens geträumt hatte: „Du seigst dat Kuhrn woll, äver Du meigst nich." *). Er schwieg gegen Jedermann, und als er das letzte Schwad des reifen Roggens abgemäht hatte, erscholl eine Stimme aus den Lüften:

      „Oh wo glücklich is de Mann,
      De sin'n Drom verschwiegen kann." **)

Zu seinem Unglück erfuhr diese Wahrheit ein Dritter, dem geträumt hatte, er werde an dem und dem Tage ertrinken. Er teilt seinen Freunden und Verwandten den Traum mit, hält sich natürlich an dem bestimmten Tage zu Hause, um vor jeder Wassergefahr gesichert zu sein. Wie er aber am Abend zufällig auf seinen Hof hinaustritt, fällt ihm eine Flüssigkeit in den Mund, die seinen Tod herbeiführt.

*) Du säest das Korn wohl, aber Du mähst es nicht"
**) „O wie glücklich ist der Mann,
Der seinen Traum verschweigen kann."

.

.

.

Arbeitspause für Mensch und Tier

Arbeitspause für Mensch und Tier

Getreideernte

Getreideernte

Getreideernte, ein Fuder Getreidegarben

Getreideernte, ein Fuder Getreidegarben