Karl Matthes und Hanse Sail Verein e. V.

M. Joachim Schlüter oder die Reformation in Rostock

Ein Beitrag zur Reformationsgeschichte Rostocks
Autor: Serrius, Franz Carl, Erscheinungsjahr: 1840

Neuaufgelegt: 2012
ISBN: 978-3-940206-46-6
bei Amazon bestellen
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Reformation, Reformationsgeschichte, Reformationszeit, Reformatoren, Kirchenreformation, Mecklenburg, Luther, Joachim Slüter Rostock, St. Petri-Kirche, Magnus II Herzog zu Mecklenburg, Herzog Heinrich, Herzog Albrecht, Politik
Der Neuauflage liegt die Originalausgabe von 1840 mit dem ursprünglichen Titel: „ ‚M. Joachim Schlüter, oder die Reformation in Rostock‘ nach den Quellen bearbeitet von Dr. F. C. Serrius, Vorsteher einer Erziehungsanstalt in Rostock“ zugrunde. Mit einem einleitenden Vorwort von Dr. Ludwig Seyfarth.

                Vorwort zur Neuauflage 2012

Es sind immerhin 172 Jahre, die zwischen der ersten Veröffentlichung der Schrift von Franz Carl Serrius und diesem Nachdruck liegen. Der Pädagoge und Historiker Serrius liefert uns einen interessanten Beleg dafür, wie man in der Mitte des 19. Jahrhunderts gesehen und gedeutet hat, was sich in Rostock in den Jahren 1516 bis 1534 abspielte. Die Forschung ist inzwischen weiter vorangekommen, und es sind nicht wenige Arbeiten, die inzwischen zur Person Joachim Slüters und zur Rostocker Reformationsgeschichte erschienen sind. Insofern wäre es ein Missverständnis, das Werk des Franz C. Serrius unhinterfragt als die Darstellung der Reformation in Rostock einzuordnen. Der Wert des Serrius’schen Opus liegt vielmehr darin, dass es ein historisches Dokument ist: so interpretiert ein Gelehrter um 1840 den Durchbruch der Reformation in seiner Heimatstadt, einschließlich detaillierter Beschreibungen der kirchlichen und weltlichen Verhältnisse.

Der etwas genauere Blick zeigt, dass Serrius die Quellen so genau, wie es ihm möglich war, zugrunde gelegt hat. Bereits in seinem Vorwort verweist der „Vorsteher einer Erziehungsanstalt in Rostock“ Serrius auf Nikolaus Gryse – und damit auf die Quelle, die zeitlich dem Magister Slüter und den Rostocker bzw. mecklenburgischen Reformationsprozessen besonders nah war. Das allein ist freilich noch keine Garantie für Stimmigkeit. Und so ist auch Gryses Werk durchaus kritisch zu lesen. Darüber hinaus verweist Serrius auf seine Bemühungen, in kirchlichen, städtischen und privaten Archiven seine Sichtweise zu vertiefen, abzurunden, zu vervollständigen. Auch der umfangreiche und wichtige Anmerkungsteil unterstreicht die präzise Arbeitsweise des Autors und sei deshalb hier ausdrücklich erwähnt.

Sprache und Diktion des Franz C. Serrius zeigen ihn ganz als Menschen seiner Zeit: manchmal etwas pathetisch, oft verschlungene Sätze, Worte und Wendungen des 19. Jahrhunderts, durchzogen von lateinischen Begriffen und biblischen Anspielungen. Daneben ist unübersehbar, dass der überzeugte Lutheraner Serrius dazu neigt, seinen „Helden“ Slüter zu idealisieren. Begriffe wie „Glaubensheld“ oder „einem Adler gleich“ machen das beispielweise deutlich. Oder auch Slüters Weigerung, bei seiner Anhörung durch Herzog Heinrich die Namen seiner Feinde zu nennen, zeige seine wahre „Seelengröße“.

Zweifellos ist Slüter mit Adjektiven wie mutig, leidenschaftlich, standhaft, beharrlich, fromm, bescheiden und anderen mehr zutreffend charakterisiert, dennoch fällt der (verbale) Sockel, auf den er von Serrius gestellt wird etwas (zu) hoch aus. (Das Denkmal für Joachim Slüter, nordöstlich dicht neben der St. Petrikirche, kannte Serrius noch nicht, wurde es doch erst im „May 1862“ von den „dankbaren Gemeinden Rostocks“ er-richtet. Nach Beschädigungen wurde es mehrfach restauriert, z. T. auch verändert.

Die gegenwärtige Fassung stammt aus dem Jahr 1995. Unter einem markanten Metallbaldachin weisen vor allem die gegenständlichen Symbole Bibel und Kelch sowie zwei Bibelzitate auf die reformatorischen Verdienste Slüters hin. (Dieses schlichte Denkmal über Slüters Grab erscheint der Bedeutung des Rostocker Reformators durchaus angemessen.)

Serrius achtet als guter Historiker auf Zusammenhänge. Er beschreibt also auch die – wenn auch spärlichen – Reformationsimpulse vor Slüter, er erwähnt politische Hintergrundprozesse, er zitiert immer wieder aus der ihm vorliegenden einschlägigen Literatur. Es gelingt ihm hervorragend aufzuzeigen, mit welcher Dramatik sich jener geistige Umbruch im frühen 16. Jahrhundert abspielte, wie die konservativen Kräfte keine Gelegenheit und kein Mittel ausließen, um die „neue Lehre“ zu verhindern oder doch wenigstens zurückzudrängen. Diese Kräfte waren sich sehr wohl bewusst, dass Lehre und Person nicht zu trennen waren, man aber gegen die Person leichter vorgehen konnte als gegen das Geistige, das sich in den Köpfen von Slüters Zuhörern festsetzte und weiter wuchs: die unmittelbar aus der Bibel abgeleitete Rechtfertigungslehre des Protestantismus.

Bereits seit Slüters Tod im Jahre 1532 gibt es die Theorie, dass er vergiftet worden wäre. Diese Theorie blieb zwischen ihren Anhängern und den Zweiflern umstritten. Serrius unterzieht die Argumente beider Seiten – wiederum: so weit wie möglich – einer Prüfung. Seine kluge Positionierung macht ihn uns Heutigen ausgesprochen sympathisch, denn er gesteht, diese Frage nicht entscheiden zu können, sondern offen lassen zu müssen.

Die Wirkungsgeschichte der Reformationsstudie von Serrius liegt weitgehend im Dunkeln. In späteren Publikationen zum Thema wird er ohne erkennbaren Grund nur selten oder gar nicht genannt. Wohl aber dürfte Serrius die Informationsquelle für den vierbändigen Historienroman über die Rostocker Reformationsgeschichte des Julius von Wickede, erschienen 1869, gewesen sein.

Wie auch immer, zu erfahren, wie ein engagierter Historiker vor 172 Jahren mecklenburgische Geschichte und die Reformation in Rostock interpretiert hat, ist hochinteressant und bildend – und passt gut in das Vorbereitungsjahrzehnt auf das große Reformationsjubiläum im Jahre 2017. Möge diesem Neudruck der Rostocker Reformationsgeschichte von Franz Carl Serrius eine weite Leserschaft beschieden sein.

Rostock, im August 2012
Ludwig Seyfarth


                                        *****************
M. Joachim Schlüter oder die Reformation in Rostock. Nach den Quellen bearbeitet von Dr. Franz Carl Serrius. Rostock 1830. 8. IV. 131.

                                  Rezension

Aus: Gelehrte und gemeinnützige Beiträge aus allen Teilen der Wissenschaften. Eine enzyklopädische Wochenschrift. Erster Jahrgang 8. Januar 1840. Rostock. Redaktion Prof. Dr. Ferdinand Kämmerer (1784-1841) Jurist und Rechtsgelehrter an der Universität Rostock.

Diese Monographie über den berühmten Reformator muss, auch abgesehen davon, dass wir an ähnlichen Arbeiten großen Mangel haben, nicht allein uns Rostockern, sondern auch überhaupt den Mecklenburgern in jeder Rücksicht willkommen sein. Auf eine ausführliche Rezension kann freilich der Unterschriebene aus mancherlei Gründen sich an diesem Orte nicht einlassen. Doch möge so viel hier bemerkt sein, dass die gedachte Schrift sich durch ihre quellengemäße Bearbeitung des Gegenstandes auszeichnet, und dass dem Verfasser insbesondere die Unparteilichkeit, womit er bei Erzählung der damaligen Verhältnisse und Wirren zu Werke gegangen ist, nachgerühmt werden muss. Möge derselbe uns noch öfter mit ähnlichen Arbeiten, — z. B. mit einer Geschichte der für ganz Mecklenburg wichtigen Streitigkeiten, welche gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts über die neue Einrichtung des Dom-Kapitels an der St. Jacobi-Kirche zu Rostock entstanden [Vgl. Rudloffs Handb. der Meckl. Geschichte Th. II. S. 843. welcher aber nicht einmal den, viele Andeutungen und Nachweisungen gebenden, Aufsatz von Mantzel in den Mecklenburgischen Nachrichten von 1752. No. XVIII. XXII. XXV. und XXIX. gekannt und benutzt hat], und noch einer sorgsamen Untersuchung, unter Mit-Benutzung der im Rostockschen Rats-Archiv darüber vorhandenen Urkunden, bedürfen, — erfreuen. Im Übrigen fügt der Unterschriebene nur noch hinzu, dass die Titel der Schrift von Gryse und deren neuen Bearbeitung von Arndt entweder in der Vorrede oder im Anfang der Anmerkungen vollständig und genau hätten angegeben werden sollen, dass an einzelnen Stellen die genauere Nachweisung der Quellen fehlt, und dass zu bemerken gewesen wäre, woher die Beilage III. (S. 122 — 125.), welche hier keineswegs zum erstenmal gedruckt erscheint, entnommen worden sei.
M. Joachim Schlüter oder die Reformation in Rostock

M. Joachim Schlüter oder die Reformation in Rostock