Lohn und Ende des Kirchenschänders Henneke von M. auf Ludorf bei Röbel.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
Das eine halbe Meile von Röbel entfernte Gut Ludorf mit seinen fruchtbaren Äckern, schönen Wiesen und Waldungen, gehörte früher der nun schon längst ausgestorbenen Familie von M.... Ein Sprosse dieses alten mecklenburgischen Adelsgeschlechts, Ritter Henneke, war ein gar arger und gottloser Mensch, der nicht den Titel eines Edelmannes verdiente und im höchsten Grade den guten Ruf und Namen seiner in der Tat edlen Vorfahren schändete und befleckte. Er presste und drückte nicht nur seine Leute auf die härteste Art, sondern er verleugnete und lästerte auch Gott und sein heiliges Wort und führte ein wildes, sündhaftes Leben.

Wie schon seit uralten Zeiten und so auch noch heutigen Tages das Patronat der dortigen kleinen Dorfkirche immer die Gutsherrschaft ausübt und zugleich auch dafür zu sorgen hat, dass das Gotteshaus in baulichem Zustande erhalten und durch einen in der Nähe wohnenden Prediger mitversorgt wird, so lagen also auch damals dem Henneke von M. als derzeitigen Besitzer Ludorfs, diese Pflichten ob. Doch er vernachlässigte sie nicht allein, sondern trat sie sogar noch auf das Frevelhafteste mit Füßen, indem er, als ihm dieserhalb von gutmeinenden Leuten Vorstellungen gemacht wurden, im sündhaften Trotze äußerte: er wolle der Welt zeigen, dass er hier auf seinem Gute allein nur Herr sei und ihm Niemand, gleichviel ob Gott oder Menschen, zu befehlen und Vorschriften zu machen habe.

An Gottesdienst oder sonstige christliche Feierlichkeiten war also auch während der ganzen Zeit seiner Herrschaft nicht zu denken. Glaubte und kümmerte er sich doch selbst nicht um Gott und Religion, das Heil und Seelenwohl seiner Tagelöhner und Dienstleute aber lag ihm natürlich erst recht nicht und ebensowenig als ihr leibliches Wohlbefinden am Herzen.

Die jetzt so sinnig geschmückte, so sauber und lieblich dastehende Ludorfer Kirche gewährte zu Hennekes Zeiten einen höchst trüben und düsteren Anblick; überall Spuren von Rohheit, Gefühllosigkeit und Entweihung. Der Turm war eingestürzt, die Ziegel auf den Dächern größtenteils verwittert und heruntergefallen, die Gräber geöffnet und durchwühlt, der Altar, die Kanzel und das Gestühl umgestoßen und wild durcheinandergeworfen; durch die zertrümmerten Fenster pfiff der Wind, Regen und Schnee hatten ungehinderten Zutritt und zerstörten so völlig, was bis dahin noch von ruchloser Menschenhand verschont war. Wo sonst Gotteswort verkündet wurde, wo sonst fromme Gesänge erschallten und Andächtige beteten, da wohnte jetzt das Grauen, da nistete allerlei Ungeziefer und Gewürm, da ertönte in dunkler Abendstunde das heisere Gekrächze eines Uhu und das unheimliche Zirpen der schnell dahinhuschenden Fledermäuse; wo ehemals heilige Bilder hingen und geweihte Kerzen brannten, da flatterten jetzt dichte Spinnengewebe und vom Zuge bewegte Fetzen. Staub, Schutt und Trümmer bedeckte alles, und Modergeruch erfüllte die verwüstete, öde Stätte des Herrn.

Viele Jahre hindurch lebte Henneke in Saus und Braus, in Sünden und Laster; er sank immer tiefer und ging mit schnellen Schritten seinem geistigen und leiblichen Untergange entgegen. Da er sich wenig um die Bebauung der sonst so ergiebigen Felder seines Gutes bekümmerte, überhaupt die ganze Ackerwirtschaft sehr darniederlag und fast gar nicht beaufsichtigt wurde, so verminderte sich seine Einnahme auch von Jahr zu Jahr immer mehr und mehr. Trotzdem aber trieb er es immer ärger, verprasste und verbrauchte täglich mehr Geld, und so kam es denn, dass er später Schulden machen und zuletzt gar sein Gut verpfänden musste.

In dieser Zeit erschien eines Tages ein fremdländischer Pferdehändler auf dem Hofe zu Ludorf: Niemand kannte denselben, keiner wusste, woher er gekommen, aber alle, die ihn sahen, fürchteten sich, so unheimlich und abenteuerlich sah der Mann aus. Dieser ließ sich nun sofort bei Henneke anmelden und ihm zugleich dabei sagen, dass er eigens deshalb gekommen, um dem Herrn Ritter von M.... einen ganz ausgezeichneten und sehr seltenen Renner vorzustellen. Henneke, ein großer Pferdeliebhaber und wilder, verwegener Reiter, erschien sogleich, um das angebotene Tier in Augenschein zu nehmen. Dasselbe, kohlrabenschwarz, mit langen, starken Mähnen, von riesigem, kräftigem Wuchse und Körperbaue und wildem Ansehen, hatte seinen ganzen Beifall und sofort befahl er seinem Reitknechte Johann das Pferd zu besteigen und vorzureiten. Dem Gebote seines Herrn gehorchend, schwang sich dieser alsbald, mit einem Satze, auf des Rosses Rücken, aber ebenso schnell, in demselben Augenblicke, lag er auch schon wieder heruntergeworfen, zu Boden. Wohl zehnmal noch bemühte sich der arme Johann, der doch sonst auch ein recht tüchtiger und geschickter Reiter war, sattelfest zu bleiben, aber immer umsonst. Wütend hierüber und mit den Füßen stampfend, schlug Henneke dem zitternden Reitknecht mit der Gerte in das vor Angst und Schrecken bleiche Gesicht, ihm dabei zudonnernd, sogleich seinen Dienst zu verlassen und sich vom Hofe zu packen. Dann rief er seinen Kutscher und sämtliche Hofknechte herbei, ihnen ebenfalls seinen vorigen Befehl wiederholend. Doch auch von diesen gelang es Keinem, sich im Sattel zu halten, geschweige denn das Pferd zu bändigen, und bald wichen auch sie Alle entsetzt und bebend zurück, sich dabei einander zuflüsternd, dass es gewiss nicht ganz richtig mit dem Schwarzen sei, ja dass er wohl gar vom Bösen besessen wäre.

Fluchend und tobend bestieg jetzt Henneke selbst das Pferd; wütend stieß er ihm die Sporen in die Seiten, dass das dunkle Blut heruntertropfte und schlug und hieb dabei mit seinem Knotenstocke aus allen Leibeskräften auf Kopf und Rücken des Tieres los. Hell auf wieherte das Ross, hoch bäumte es sich in die Luft, schäumend knirschte es mit den Zähnen und im sausenden Galopp jagte es mit seinem Reiter davon. Alle Versuche und Anstrengungen des wilden Rosses, auch diesen Peiniger wieder abzusetzen, blieben erfolglos; fest, wie angeschmiedet saß Henneke auf seinem Rücken, immer ärger gab er ihm die Sporen, immer stärker bearbeitete er mit dem Knittel seine Glieder und immer mehr trieb er es zur Eile an. Bald fühlte es die Übermacht seines jetzigen Reiters; er hatte es bezwungen und lammfromm gehorchte es endlich seinem Willen.

Triumphierend kehrte Henneke auf dem mit Blut und Schweiß bedeckten, vor Furcht und Erschöpfung zittern und keuchenden Pferde zurück, den Besitzer schon aus der Ferne fragend, was er dafür verlange. Denn haben musste und wollte er jetzt dasselbe auf alle Fälle, um jeden Preis der Welt. Der finstere Rosshändler forderte eine hohe Summe; Henneke eilte sie sofort zu holen, aber oh Schreck! er hatte nicht mehr so viel im Besitze. Auf Gott und die Welt fluchend, teilte er dies dem Verkäufer mit, der ihm höhnisch grinsend zuhörte; dann aber schlug er, nach einem Augenblicke düsteren Nachsinnens, plötzlich und mit einem Male eine teuflische Lache auf und schrie dabei; „Oh ich weiß schon Rat, der Schwarze wird doch mein!" „Dort die Glocken aus dem eingestürzten Turme der alten Polterkammer will ich Euch geben," rief er in sündhaftem Trotze aus, „Ihr seid gewiss damit zufrieden, ist doch der Metallwert derselben ein höherer, als Ihr gefordert! Wollt Ihr? Ihr macht einen guten Handel!" „Topp!" sagte der Andere, „meinetwegen denn in drei Teufelsnamen!" und schlug dabei bejahend in die dargereichte Rechte des Ritters ein.

Bald waren die Glocken aus dem Schutte hervor geholt. Schadenfrohen Gesichtes zog der unheimliche Fremde damit von dannen, während der kirchenräuberische Henneke sich mit seinem neuerworbenen Rosse auf dem Hofe herumtummelte und Gott und seine Kirche verspottend, dem Abziehenden nachsah.

Nicht lange nach dieser Begebenheit musste Ritter Henneke schon Ludorf verlassen. Sein Gut war über und über verschuldet, die Gläubiger drängten immer ärger, und da er keinen derselben mehr befriedigen konnte, so nahmen sie das ihnen schon früher verpfändete Ludorf als eigen an. Er zog nun nach Röbel und mietete sich dort eine kleine Wohnung. Das letzte Wenige, was er noch besaß, war bald verbraucht und nichts mehr war ihm von all dem reichen Erbe seiner Vorfahren geblieben, als nur das bewusste Pferd; alles Andere hatte er vergeudet, verprasst und durchgebracht und nackt und arm stand er jetzt in seinem Alter da. Das Pferd aber, der Erlös seines Kirchenraubes, gehörte ihm noch immer; so oft er es auch schon feilgeboten, kein Mensch wollte es kaufen, Niemand wollte es haben, selbst auch nicht unentgeldlich. Denn Jedermann fürchtete sich vor dem wilden, schwarzen Tiere, das nur allein Henneke und kein Anderer reiten und regieren konnte; Viele aber glaubten und meinten auch, dass es nicht ein ordentliches Pferd, sondern eins aus dem Stalle des Teufels sei.

In höchster Armut und größtem Elende starb endlich Henneke von M...., wie eine alte Urkunde berichtet, im Jahre 1638 an der furchtbaren Pest zu Röbel, ohne sich vorher zu Gott gewendet zu haben. Unter den schrecklichsten Qualen und Martern und mit einem grässlichen Fluche hauchte er sein sündhaftes Leben aus, ohne Beichte und Buße, ohne Trost der Religion, ohne Hoffnung auf Verzeihung seiner vielen, vielen Sünden. — Deshalb wurde ihm auch kein ehrliches, christliches Begräbnis zu Teil; keine Glocke läutete, keine Träne floss um ihn, keine Seele betete an seinem Sarge, kein Prediger segnete seine irdische Hülle, ehe man sitz in die kühle Gruft senkte. Den Sarg auf einer Schleife, so wurde Hennekes Leiche eines Tages, in später Abendstunde, von seinem schwarzen Rosse nach dem Gottesacker gezogen und dort ohne Sang und Klang verscharret. — Schaudere oh Leser, das war das Ende eines Gotteslästerers, eines frechen Kirchenschänders; — Gott selbst hatte ihn gerichtet! —

Als das Pferd mit der Leiche seines Herrn bei der offenen Gruft angekommen, sprengte und zerriss es sofort seine Banden, und mit wild gesträubten Mähnen, weit aufgerissenen Nüstern und gellem Wiehern eilte es in rasendster Schnelle davon. Hoch auf wirbelte der Staub, Funken sprühten unter seinen mächtigen Hufschlägen aus den Steinen, und bald war es in der Dämmerung den Augen des sich bekreuzenden Totengräbers entschwunden.

Einige Tage später fanden Arbeiter den Leichnam des Pferdes in einem Brunnen; dort war es in seinem wilden Fluge hineingestürzt und ertrunken. —

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Die uralte Ludendorfer Kirche, von der eine alte Sage erzählt, dass sie ein Ritter von Warin, nach seiner glücklichen Heimkehr aus dem gelobten Lande, wohin er mit dem ersten christlichen Fürsten Mecklenburgs, Pribislav II., gezogen war, erbaut habe, steht noch heute, — Hennekes Nachfolger stellten sie wieder her, bauten den Turm wieder auf und versahen ihn mit neuen Glocken, — und gewährt, von hohen, herrlichen Bäumen und grünen Rasen umgeben, in ihrem jetzigen sauberen Gewande, einen ungemein lieblichen und wohltuenden Anblick und zeugt zugleich von dem religiösen Sinne ihres derzeitigen Patrons.
Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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