Landwirtschaftliche und andere Berichte. Pinnow, 6. Febr. 1856.

Aus: Archiv für Landeskunde in den Großherzogtümern Mecklenburg und Revue der Landwirtschaft.
Autor: Redaktion: Dr. H. Schencke, Präp., Erscheinungsjahr: 1856
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Landwirtschaft, Wetter, Aussichten, Pinnow, Güstrow
Der früh eintretende Winter hielt sich fast acht Wochen ohne Unterbrechung mit zum Teil empfindlicher Kälte und mehr oder weniger Schnee, ohne dass der letztere jedoch, wie in den beiden vorausgegangenen Jahren, lästig wurde und den Verkehr hemmte. Die Saaten, frischer und üppiger wie gewöhnlich, ruhten fast immer unter einer wohltätigen, schützenden Decke und sind vortrefflich, wo der Wurm und die Mäuse nicht, wie dies allerdings an vielen Stellen der Fall ist, Schaden getan haben. Merkwürdiger Weise war der erstere auf leichteren Feldern noch im Spätherbst, nachdem schon viel Nässe und einzeln auch Frost eingetreten war, in seinem zerstörenden Werke tätig, und mancher Landmann konnte anfangs nicht begreifen, weshalb die Roggensaat in jener ungewöhnlichen Zeit ein so schlechtes Ansehen gewann, da er nach sonstigen Erfahrungen jenen argen Feind bereits in seinen Winterquartieren, d. h. einige Fuß tiefer im Boden erwarten musste. Wir wissen für diese augenblickliche Erscheinung keinen Grund anzugeben, haben dieselbe jedoch an vielen Stellen wahrgenommen.

Besser ging’s mit den Mäusen, das will sagen schlechter für sie, denn gleich nach dem ersten Tauwetter, das sehr energisch und mit vielem Regen auftrat, ward ihnen das Garaus gemacht, zumal da bald wieder Frost kam, wodurch die vollgelaufenen Löcher und Gänge zufroren, so dass nur wenige dem Verderben entrinnen konnten, indem sie in die Grabenufer und Hegen flüchteten. Schon im Dezember sah man kaum eine Spur dieser Tiere mehr auf den Feldern und im Januar verschwanden sie fast ganz, was um so erwünschter erscheint, je größer die Gefahr erschien, die von diesen Dieben an manchen Stellen drohte, zumal wenn man die Naturgeschichte dieser Tiere kennt und bedenkt, wie ungeheuer sich dieselben unter günstigen Verhältnissen vermehren.

Übrigens sah die Saat, wenn sie einmal vom Schnee entblößt war, vortrefflich aus und zeigte fast überall ein saftiges, gesundes und fast frisches Grün, was immer Gesundheit und Kraft der Pflanze verrät. Selbst der Umstand, dass eine geraume Zeit hindurch das Feld förmlich mit einer Eiskruste überdeckt war und also die Pflanzen vollkommen Im Eise lagen, scheint keinen Schaden getan zu haben, wenigstens ist eine nachtheilige Nachwirkung nicht zu fürchten, da das ungemein starke, mit heftigem Winde und Regen verbundene Tauwetter im Januar schnell die Eisrinde gelöst und den Frost so halb aus dem Erdboden vertrieben hat, dass auch die großen Wasserlachen, die sich fast überall bildeten, bald verschwanden. Schon Mitte des Monats gab es schöne, frühlingsähnliche Tage, so dass die Lerchen zurückkehrten, und einzelne sogar ihre fröhlichen Tone vernehmen ließen, die allerdings noch nicht zum Jubelliede des erwachenden Frühjahrs sich gestalten konnten, da mindestens noch der Februar uns mit winterlichen Gaben beschenken muss, wozu er denn auch gleich zu Anfang recht tüchtige Voranstalten trifft.

Im Allgemeinen sind gewiss die Aussichten für den nächsten Sommer gut, obgleich natürlich die eigentlich entscheidende Zeit noch lange nicht da ist. Wir geben uns aber ja so gerne schon frohen Hoffnungen hin, besonders wenn die Gegenwart recht ängstlich und bedrängt ist, wie dies leider wirklich der Fall ist. Gott wird helfen und alles zum Besten wenden!

Der anhaltende scharfe Frost hat viel Futter gekostet, und das ist wahrlich schlimm, wenn der Vorrat nicht allzu groß ist, ja auf einzelnen Stellen kaum hinreicht, das Bedürfnis zu befriedigen. Der kluge Landwirt spart darum bei Zeiten, damit er habe in der Not, und tut gewiss recht daran, wenn er nur die Sache nicht übertreibt, denn es ist eine allbekannte Erfahrung, dass das Fleisch, was vor Weihnachten nicht auf die Tiere gebracht wird, nach diesem Feste selten oder doch immer nur mit großer Anstrengung erzielt wird. Man sieht es Rindvieh und Schafen, ja selbst den Pferden an, dass uns Teils viel Klee verdorben und im ganzen wenig Futter gebaut, und dass andern Teils das Korn teuer ist. Eben das mag auch der Grund sein, warum verhältnismäßig so wenig Butter produziert wird und sich darum die Preise derselben enorm hoch halten. Wahrscheinlich wird auch die Wolle der Schafe davon nachsagen, dass in solchen Zeiten das Stroh recht rein ausgedroschen wird.

Was das Lohnen fast aller Kornarten anbetrifft, so hört man in hiesiger Gegend darüber viele Klagelieder. Die Sache steht schlechter als man es sich Anfangs gedacht hat, namentlich lassen Erbsen und Hafer viel zu wünschen übrig, und doch soll es in anderen Gegenden noch schlimmer sein, besonders in der Güstrower, wo der Weizen, wie es heißt, größtenteils missraten ist und das übrige Korn auch nicht viel tut. Sind daher bei den augenblicklich so ungewissen Zeitläuften auch die Preise sehr im Sinken, so darf doch vielleicht später wieder ein Steigen erwartet werden, da nur wenig zu Markt kommen möchte. Man weiß nicht, ob man das Eine oder das Andere wünschen soll, denn beide Verhältnisse können sehr nachteilige Folgen haben. Vielleicht verdienen im laufenden Jahre allein die Bauern, die alles hoch verwerten, alle übrigen Landleute werden sich großer Vorteile nicht rühmen können.

Dennoch geht es mit den sogenannten kleinen Leuten auf dem Lande, und man hört im Ganzen wenig Klagen, desto mehr aber in größeren und kleineren Städten, wo es oft in der Tat recht schlimm aussieht, so viel die Menschenliebe sich auch anstrengt, die erste und höchste Not zu kehren. Namentlich der kleinere Handwerker ist noch immer in einer beklagenswerten Lage, und wie kann es auch anders sein, wenn alle notwendigsten Lebensbedürfnisse so teuer sind und danach seine Arbeit nicht verhältnismäßig bezahlt wird. Gott, der Herr, möge im nun angetretenen neuen Jahre der Welt den Frieden und eine fröhliche Lösung der beängstigenden Fragen geben, die sich unwillkürlich in jeder Brust erheben müssen, wenn man mit einigermaßen kundigem Auge die Verhältnisse überschaut. Wahrlich, die Zukunft liegt recht trübe vor uns da, aber Der, der immer geholfen hat, kann auch jetzt wieder recht bald alles zum Besseren umgestalten. Ihm wollen wir vertrauen!
Winterlandschaft, Zeichnung von James Thomson

Winterlandschaft, Zeichnung von James Thomson

Schneebedeckte Häuser am Ufer im Winter, James Thomson

Schneebedeckte Häuser am Ufer im Winter, James Thomson

Mit Schnee bedeckter Zaun, James Thomson

Mit Schnee bedeckter Zaun, James Thomson

Hausmäuse

Hausmäuse