Landwirtschaftliche und andere Berichte. Boizenburg, den 29. Januar 1856.

Aus: Archiv für Landeskunde in den Großherzogtümern Mecklenburg und Revue der Landwirtschaft.
Autor: Redaktion: G. Erdmann, Erscheinungsjahr: 1856
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Landwirtschaft, Wetter, Aussichten, Boizenburg, Baustoffe, Transport, Eisenbahn
Wenn gleich der anhaltende Frost der Wintersaat nicht zuträglich war, da es an einer hinlänglichen Schneedecke für dieselbe fehlte, und wenn auch durch das rasch eingetretene Tauwetter die Saaten längere Zeit zu sehr im Schlamme lagen, so ist doch der Stand der früheren im Allgemeinen befriedigend. Es finden sich aber allerdings viele späte Saaten, welche bei dem früh eingefallenen Frostwetter nicht mehr haben auflaufen können und daher wahrscheinlich einen sehr dünnen Stand bekommen werden. Der Rapps scheint in Folge des abwechselnden Wetters zu kränkeln. Die Mäuse, welche im Herbst ungewöhnlich großen Schaden angerichtet, sind durch das Tauwetter fast gänzlich vertilgt.

In den durch die Überschwemmungen der Elbe im vorigen Frühjahr schwer heimgesuchten Marschen lässt sich die Wintersaat gut an. Die nach dem Abzug des Wassers erst sehr spät möglich gewordene Bestellung der Sommersaat hat, wie vorauszusehen war, sehr kärgliche Erträgnisse geliefert. Zwar ist die Gerste, welche späte Aussaat am besten verträgt, vorzüglich geraten; der Hafer aber war durchweg befallen, lohnt sehr schlecht und ist von geringster Qualität; der Sack wiegt höchstens 130 Pfd. Endlich haben Bohnen und Erbsen nicht die Einsaat gebracht. Letztere Frucht ist überhaupt in der ganzen Gegend missraten. Das Vieh ist in gutem Stande in den Winter gekommen und hält sich gut, da Futter reichlich geerntet ist.

Im Allgemeinen scheinen die Landleute mit den Aussichten zufrieden zu sein, und in der Tat haben die letztvergangenen Jahre sich ihnen so günstig erwiesen, dass sie auch bei schlechteren Auspizien mit Ruhe der Zukunft entgegen zu sehen im Stande sein würden. Anders ist es mit den Städten, mit unserer Stadt zumal, die durch die Berlin-Hamburger Eisenbahn nicht allein einer Entschädigung für die großen Opfer, welche sie durch Wetterführung der Hamburger Chaussee, durch Anlage eines vorzüglichen Winterhafens und Leitung eines Kanals von ihren Toren bis zur Elbe eben gebracht halte, verlustig gegangen ist, sondern ihr auch die Lähmung des früher so bedeutenden Handelsverkehrs und die allmähliche Verarmung des Handwerkerstandes zuzuschreiben hat,.

Der städtische Kaufmann erscheint durch den Landzoll für jedes Colli und die zu entrichtende Steuer von 1 1/4 Schill, pro Thaler gegen die auswärtigen Händler, welche sich überall längs der Eisenbahn auf den Gütern etabliert haben, in eine sehr nachteilige Konkurrenz versetzt, da das von Letzteren zu zahlende Fixum für Steuer und Zoll nicht im richtigen Verhältnis zu den Abgaben der Ersteren stehen dürfte, welches Missverhältnis noch hier und da durch missbräuchliches Erteilen von Gutspässen erhöht werden mag.

Ein bedeutendes Holzgeschäft, welches hier Jahre lang betrieben ist und viele Arbeiter ernährte, ist durch den Anschluss Hannovers an den Zollverein wegen der jetzt dort zu zahlenden Eingangsabgabe des vornehmsten Marktes beraubt; es sieht sich jetzt auf wenige Ausfuhrwege angewiesen und kann daher nur noch geringe Tätigkeit entwickeln. Es führt noch tannene Balken, Schiffsbohlen etc. nach Lübeck und Hamburg aus, so wie oberländische Dielen im Betrage von etwa 2.000 Schock jährlich. Daneben hat der Inhaber eine Roman-Zement-Fabrik, Kalkbrennerei und Gipsmühle seit 1847 im Betriebe, welche jetzt zwei Brennöfen enthält und allerdings bedeutend arbeitet. Zu dem Roman-Zement wird der rohe Stein aus Harwich importiert; das Fabrikat soll von vorzüglicher Qualität sein und ungeachtet der Hamburger Konkurrenz vielfachen Absatz finden; irre ich nicht, so ist es auch bei der Güstrower Gewerbeausstellung als ausgezeichnet anerkannt und belobt. Die Fabrik ist die einzige dieser Art in Mecklenburg. Es wäre zu wünschen, dass dies Material außer bei Wasserbauten auch bei Landbauten mehr Eingang fände und zum Verstreichen der Dächer, Ausfugen der Wände etc. verwendet würde, weil es außerordentlich lange festhält. Die Ausfugungen etc. mit Kalk bedürfen alle zwei bis drei Jahre der Reparatur und werden dadurch ungleich kostspieliger. Auch den englischen Portland-Zement importiert dies Haus und hält davon stets Lager.

Der Kalk wird aus dem Rüdersdorfer Stein gebrannt, welcher in jährlich 25 bis 30 Schiffsladungen zum Wert von etwa 5.000 Thlr. direkt dorther bezogen wird — ein erheblicher Gewinn für unsere Schiffer, welche bei ihren Talfahrten von Berlin etc. hierdurch Rückladungen haben, wenn sie keine besseren Engagements finden können. Dies Fabrikat wird in etwa 8.000 Tonnen jährlich ins In- und Ausland verschickt. Es ist ein großer Ofen, für Kohlenheizung eingerichtet, jetzt aufgeführt, wobei namentlich neben der englischen Steinkohle die Braunkohle von Mallitz zur Verwendung kommen soll, Referent sah von letzterer bereits eine Schiffsladung im Hafen. Möge der Versuch gelingen und die inländische Industrie sich somit gegenseitig unterstützen! — Der Gipsstein wird von der Saale bezogen; er wird dem Lübtheener an Düngungskraft ungefähr gleichstehen.

Endlich importiert dies Haus jährlich etwa 200.000 Emdener Dachpfannen direkt via Hamburg, weil dieser Artikel im Inlande nicht so gut zu fabrizieren sein soll.

Wenn nun dies eine Geschäftshaus allein an den vorerwähnten Artikeln nach einer mir vorliegenden Übersicht in den letzten 18 Monaten 26.000 Zentner per Eisenbahn versandte, wovon 7.700 Ztr. von Büchen auf der Lübecker Bahn und 10.700 Ztr. von Hagenow auf der Mecklenburgischen Bahn verführt und wofür 2.450 Thlr, an Eisenbahnfrachten und 250Thlr. an Mecklenburgischem Landzoll bezahlt sind, so ist das allerdings ein erfreulicher Beweis dafür, dass Geschäftstätigkeit und Tüchtigkeit auch bei höchst ungünstigen Verhältnissen zu erheblichen Resultaten gelangen können. Aber umso mehr gerechtfertigt erscheinen dann auch die Klagen über solche beeinträchtigende Umstände. Dahin gehört z. B. die Beschwerde, dass selbst leer zurückkommende Kalk- und Zement-Tonnen nochmals verzollt werden müssen, und zwar auf jeder Zollstelle, so dass oft Bahnfracht und Landzoll den ganzen Wert derselben konsumieren und der Fabrikant sie also zweimal zurückkaufen muss.
Hausmäuse

Hausmäuse

Schneebedeckte Bäume am Fluss, James Thomson

Schneebedeckte Bäume am Fluss, James Thomson

James Thomson

James Thomson

James Thomson

James Thomson