Karsten, Jacob Christian Gustav Dr. 1781-1866

Ein Nekrolog von Ernst Boll
Autor: Boll, Ernst (1817-1868) deutscher Naturforscher und Historiker, Begründer der Naturforschung in Mecklenburg., Erscheinungsjahr: 1866
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Dr. Jacob Christian Gustav Karsten, Dr. Ernst Boll, Naturgeschichte, Mecklenburg
Aus: Archiv des Vereins der Freunde der Naturgeschichte in Mecklenburg, Band 20, herausgegeben von Ernst Boll, 1866
Am 18. Juni dieses Jahres starb zu Rostock der Dr. Jacob Christian Gustav Karsten, Gerichtsrat a. D., im fast vollendeten 85. Lebensjahre, — einer Familie angehörig, deren Name durch ihren wissenschaftlichen Eifer nicht bloß in der mecklenburgischen Gelehrtengeschichte, sondern auch weit über die engen Grenzen unseres Ländchens hinaus einen guten Klang besitzt.

Die Annalen dieser Familie reichen, wie dies leider bei unseren meisten Familien bürgerlichen Standes der Fall ist, nicht weit in die Vergangenheit zurück. Der erste bekannte Stammvater derselben war Zacharias Karsten, im 3. Decennium des vorigen Jahrhunderts zu Neubrandenburg als Apotheker ansässig; als er aber durch die große Feuersbrunst am 24. April 1737, durch welche dort 222 Wohnhäuser in Asche gelegt wurden, seine ganze Habe verlor, siedelte er nach Stargard und später nach anderen mecklenburgischen Orten über.

Von seinen vier Söhnen, deren ältester als Professor der Mathematik in Halle starb, ist für uns der jüngste, Franz Christian Lorenz, welcher als Geh. Hofrath und Prof. der Nationalökonomie in Rostock bis zum Jahre 1823 wirkte, von besonderem Interesse, da er durch acht ihn überlebende Söhne der Stammvater des noch jetzt blühenden Familienzweiges geworden ist.

Sein ältester Sohn*) war unser J. C. G. Karsten, welcher am 23. August 1781 zu Rostock geboren wurde. Seinen ersten Unterricht erhielt er ausschließlich vom Vater und sodann besuchte er das Gymnasium zu Rostock. Da seine Jugend in die Zeit fiel, in welcher naturgeschichtliche Forschungen in Mecklenburg zuerst einen kräftigeren Aufschwung nahmen, so wendete auch er sich denselben, und zwar besonders der Entomologie, in seinen Mußestunden mit so regem Eifer zu, dass er schon als Gymnasiast in den Jahren 1797 und 1798 ein 470 Arten umfassendes Verzeichnis der bis dahin noch gänzlich unbekannt gebliebenen mecklenburgischen Käfer veröffentlichen konnte, durch welches er den ersten Grund zur wissenschaftlichen Kenntnis der heimischen Käferfauna gelegt hat. Dasselbe ist abgedruckt in der Monatsschrift von und für Mecklenburg vom Jahre 1797 (Supplement S. 113 ff.) und 1798 (Supplement S. 41 ff.)

*) Sein zweiter Sohn war der Geh. Oberbergrat K. J. B. Karsten, dessen Nekrolog wir im Archiv VIII. 147 gebracht haben.

Im Jahre 1793 ward er unter die Zahl der akademischen Bürger seiner Vaterstadt aufgenommen, als welcher er sich zwar die Rechtswissenschaft zu seinem Fachstudium wählte, neben derselben setzte er aber mit großem Eifer seine naturhistorischen und mathematischen Studien fort, zu denen jetzt auch noch das Studium der Baukunst hinzutrat. Bei seinem Abgange von Rostock nach Göttingen im Jahre 1801 ward er von der mecklenburgischen naturforschenden Gesellschaft, welche in Rostock ihren Sitz hatte, zum korrespondierenden Mitgliede ernannt und in demselben Jahre erwählte ihn auch die naturhistorische Gesellschaft in Jena zum außerordentlichen Mitgliede. Im Jahre 1802 nach Rostock zurückgekehrt, erwarb er daselbst die philosophische Doktorwürde und in demselben Jahre warb er auch von der physikalischen Gesellschaft in Göttingen zum außerordentlichen Mitglied ernannt. — Während seiner Universitätsjahre war er Nutznießer des Sasseschen Stipendiums, zu dessen Erwerbung er eine Übersetzung arabischer, über Spanien handelnder Fragmente ausarbeitete.

Nach Vollendung seiner akademischen Studien praktisierte er bis zum Anfange des Jahres 1805 als Advokat in Rostock. Einen während dieser Zeit an ihn ergangenen Ruf zur Annahme einer Professur an der Universität zu Kiew lehnte er ab, und schlug statt seiner einen Freund und Studiengenossen, den nachmaligen Staatsrat Frähn, vor, welcher dem Rufe auch Folge leistete.

Im Jahr 1805 siedelte Karsten nach Schwerin über, um Cameralwissenschaftcn und Baukunst zu treiben, und nachdem er im Jahre 1806 als Dr. jur. promoviert hatte, kehrte er zu dem Advokaturgeschäfte zurück und erwarb sich durch seinen Fleiß und Redlichkeit eine große Praxis. — Im Jahre 1821 trat er in die Beamtenlaufbahn ein, indem er unter dem Titel eines Gerichtsrates zum ersten Justizbeamten im Fürstentume Ratzeburg ernannt wurde. Als solcher hat er dort viele Jahre sehr segensreich gewirkt, indem er sich namentlich um die Regelung der dortigen bäuerlichen Verhältnisse, — die man leider jetzt den Interessen des Bauernstandes entgegen abermals umzugestalten bestrebt ist, — ein großes Verdienst erworben.*)

*) Ein lehrreicher Bericht Karstens über diese Verhältnisse ist (wenn ich nicht irre) in A. v. Lengerkes landwirtschaftlicher Reise durch Mecklenburg (1825) abgedruckt.

Trotz dem, dass ihn im Jahre 1836 das harte Schicksal traf auf einem Auge völlig zu erblinden und auch auf dem andern der graue Star sich auszubilden begann, blieb er doch noch bis zum Anfange des Jahres 1834 in seiner Amtstätigkeit, kehrte dann aber, nachdem er seine Entlassung erhalten, von Schönberg nach seiner Vaterstadt Rostock zurück, wo er, seit dem Jahre 1858 fast völlig erblindet, seine geistige Frische und Regsamkeit sich bewahrend, nach kurzem, nur zweitägigem Krankenlager am 18. Juni dieses Jahres starb.

Naturwissenschaftliche Studien, namentlich Botanik und Entomologie, blieben in seinen Mußestunden immer seine Lieblingsbeschäftigung. Unserem Vereine trat er bald nach der Stiftung desselben, schon im Jahre 1848 bei, und betätigte das rege Interesse, welches er an dessen Gedeihen nahm, da ihn seine Erblindung leider von der Förderung der wissenschaftlichen Arbeiten unseres Kreises ausschloss, noch bis in den Anfang dieses Jahres hinein dadurch, dass er dem Vereine mehrere neue Mitglieder zuführte.

Dr. E. Boll

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