Johann Heinrich Voß (1751-1826) deutscher Dichter und Übersetzer

Jugendjahre in Mecklenburg, kurzer Überblick des späteren Lebens.
Autor: Danneil, Eduard (1806-1878) deutscher Pädagoge, Historiker und Chronist. Rektor in Penzlin, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Johann Heinrich Voß, mecklenburger Dichter, Baron v. Maltzahn, Penzlin, Sommersdorf, Mecklenburg, von Oertzen, Gymnasium zu Neubrandenburg, Göttingen, Wandsbeck, Boi, Eutin, Jena, Heidelberg
Der Beitrag entstammt dem:

Archiv für Landeskunde in den Großherzogtümern Mecklenburg und Revue der Landwirtschaft. Zwölfter Jahrgang. 1862
Johann Heinrich Voß wurde geboren am 20. Februar 1751 zu Sommersdorf unweit Waren in Mecklenburg-Schwerin, wo sein Vater Pächter war, aber schon, im Sommer desselben Jahres nach dem 4 Meilen von Sommersdorf entfernten Städtchen Penzlin zog, woselbst er vom Baron v. Maltzan den Zoll, eine alte Gerechtsame der Familie Maltzan, gepachtet und ein Haus mit einigen Gärten samt der Gerechtigkeit des Bierbrauens und Branntweinbrennens gekauft hatte. Der alte Voß, hier Anfangs im Wohlstande lebend, kam jedoch durch den siebenjährigen Krieg und andere Unglücksfälle so herunter, daß er in die bitterste Armut geriet und sich 1772 genötigt sah, Haus und Hof zu verkaufen und eine Schulhalterei, eine sogenannte Klippschule, in Penzlin anzulegen, von deren wöchentlichem Schulschilling er sich, da weiter keine Einnahme mit dieser Stelle verbunden war, bis zu seinem 1781 erfolgten Tode kümmerlich ernährte. Das Haus in Penzlin, in welchem der junge Voß die Jahre seiner Kindheit und Jugend mit seinen Eltern verlebte, hat sich noch bis jetzt (1861) erhalten; es befindet sich, wenn man vom Untertore kommt, in der langen Straße zur rechten Hand Nr. 67 neben dem Kaufmann Schröderschen Hause und wird gegenwärtig von einem Bäcker Bold, der hierin zugleich auch eine Schenkwirtschaft betreibt, bewohnt. Über die Stadt Penzlin, so wie über Voßs erste Lebensjahre finden sich in dessen „Erinnerungen aus der Jugendzeit“ manche interessante Notizen. Lassen wir ihn selbst reden: „Penzlin ist ein artiges Städtchen, eine durch Fleiß und Verkehr wohlhabende und mutige Bürgerschaft von einfachen Sitten, in mehreren Häusern nicht ohne eigentümliche Verfeinerung. Der vorige Rektor der Stadtschule, Meinicke (von 1735 — 1752 Rektor in Penzlin), hatte auf Zucht, Religion, vernünftiges Lesen, Schönschreiben, Rechnen, Stilübungen und reinen Gesang gehalten. Ebenso eifrig sorgte sein Schüler und Nachfolger, der Rektor Struck (von 1752 — 1301 Rektor in Penzlin), für den jungen Anwachs. Daher bei den fröhlichsten Spielen der Jugend selten Geschrei und Unordnung entstand; und wenn einmal, so war gleich ein ehrsamer Bürger an der Tür und steuerte. — Zuerst besuchte ich die Klippschule des alten Hancke. Kaum hatte ich hier das lustige A=b—ab mit seinen abwechselnden Tonarten, die wir scharf bezeichneten, mir eingeprägt und nach kurzem Buchstabieren im Zusammenlesen den kleinen Katechismus erreicht, als der grauhaarige Schulmeister mir meines fertigen Gedächtnisses wegen den obersten Platz anwies. Die aufgegebenen Glaubenslehren und Sprüche, für den kindlichen Begriff ausgewählt und erklärt, die Gebote in schönen Reimen, ja lange Festlieder von Luther und Paul Gerhard überlas ich ein paar Mal, flüsterte für mich die Probe mit zugedrückter Hand und erbot mich zum Aufsagen. Im 8. Jahre besuchte ich die Stadtschule des Rektors Struck und wurde einmal wegen nachdenkenden Wesens Philosophus bewillkommnet und behielt den Spottnamen eine ganze Zeit. Eine neue Welt öffnete sich mir, als ich mit den feineren Knaben Penzlins und einigen Kostgängern des Rektors Latein lernte und endlich durch Äsops Fabeln, den Cornelius und Julius Cäsar bis zum Cicero und auch zum Übersetzen des Griechischen vordrang. Welche Belohnung war mir ein freundliches Zunicken des Rektors, der sein Lob nicht vergeudete, oder bei Schulbesuchen der auszeichnende Beifall der Prediger, besonders des ansehnlichen Hauptpastors Struck, Vater des Rektors, gleichsam bewunderndes Ei, Ei! in gemilderter Bassstimme. — Einmal, etwa im 9. Jahre, bekam ich von dem Lehrer aus Versehen einen Schlag. Wir sollten lateinische Wörter aufsagen und es haperte. Der Rektor, mit dem Lineal in der Hand, ward ärgerlich und fragte das schuldige Wort hastig die Reihe hinab. Keine Antwort? Klapps! Ich antwortete, aber das Lineal war im Schwung und traf demnach. Hollah! sagte der gute Mann, und sein voreiliges Holz mir reichend, fügte er freundlich hinzu: Gib mir den Schlag wieder! Jetzt barg ich mein Gesicht, und Wehmut überwältigte mich. — Meine Mitschüler waren mir hold, weil ich keiner Ehrenbezeugung mich überhob und bereit war zu jeder Gefälligkeit. Des Rektors gemäßigtes Lob hatte mich an Bescheidenheit gewöhnt. Im siebenjährigen Krieg, so hart er das schwerinsche Land drückte, wurden von Friedrichs Taten auch wir Schulknaben entflammt. Alles, was Wert hatte, bildete ein preußisches Heer, zu dessen Anführung ich unter dem Titel „König von Mecklenburg“ erhoben wurde. — Ich hatte Zutritt in das Haus des lateinischen Bürgermeisters Keller, der den Terenz sehr liebte, der mich zuweilen in lateinischer Sprache anredete und examinierte, — des verständigen Apothekers Pfuhl, — der beiden ehrwürdigen Prediger Struck und Scheibe! — und des mir unvergesslichen Rektors Struck. Ich hatte das 15. Jahr erreicht, als mein immer lebhafter Wunsch, mich der Gelehrsamkeit zu widmen, auf des Rektors herzhaften Rat, herzhaft von dem Vater genehmigt wurde. Zwar fehlte das Geld dazu, doch der Oheim versprach Unterstützung, und der lateinische Bürgermeister hoffte sogar, die Stadt sollte sich in mir einen künftigen Rektor oder Prediger erziehen. Die Hauptsache, mein Sohn, sagte der Vater: Gott gab dir Kraft und den Trieb wohl nicht umsonst; Er weiß, wohin und auf welchem Wege Er dich führen will. — Ich sollte auf Anraten des Rektors das Gymnasium zu Neubrandenburg, wo mein Vater auch viele Bekannte hatte, besuchen. Gegen den Frühling 1766 begleitete mich der Vater nach Neubrandenburg, eine starke Meile von Penzlin, um den gütigen Versprechern eines Freitisches und dem gepriesenen Rektor der Schule, dem Magister Dankert, mich vorzustellen. Der ernsthafte Magister, im geschäftlosen Lehnstuhl, zur Seite der gleich ernsthaften Magisterin, milderte sein Antlitz uns zu einem fast freundlichen Empfange. So viel stirnwolkende Amtswürde, so viele an allen Wänden hinaufstrotzende Bücherreihen erfüllten mein Herz mit schauernder Bewunderung. Ich musste ihm eine Stelle des Livius dolmetschen. Hm! brummte er gleichsam billigend. Ich erzählte von der griechischen Grammatik. Hm, sprach er, es wird schon gehen! Bald wünschte er uns eine glückliche Zurückkunft, nachdem er den Tag der Schulöffnung bestimmt hatte. — Der Abschiedsmorgen erschien. Im herzlichen Gebet empfahl ich mein Beginnen der Leitung Gottes und verließ, ach! mit welchen Gefühlen, das gewohnte Lager. Aufgepackt ward mein neues Bett, mein Klavier und der Koffer, der meine Aussteuer an Wäsche und Kleidung samt den wenigen Büchern und den etwas vermehrten Sparpfennigen enthielt; auch für den ersten Mangel ein wenig Geräuchertes, etwas Butter und ein großes hausbackenes Brot. Der Vater gab mir den Segen in gefasstem Ton; die Mutter fuhr mit zur Einrichtung der kleinen Wirtschaft. Als wir durch das schöne Tor in die vornehme Stadt voll unbekannter Häuser und Gesichter einzogen, o wie fremd, wie verloren ich da mich fühlte! und als nun am Abend auch die Mutter mit Tränen wieder zu Wagen stieg, wie vereinsamt in der weiten Welt! Ich unterhielt mich mit meinem Clavier, dem alten Freunde aus Penzlin, streckte mich dann frühe in mein mütterliches Bett, und nachdem ich, wie einst hinter dem Brunnen, mich satt geweint hatte, betete ich zu Gott, und meine Seele ward voll überschwänglicher Ruhe und Heiterkeit. Zur Einführung musste ich am folgenden Morgen vor den Schulstunden in des Magisters sogenannter Studierstube, mit dem blauen Mantel geschmückt, mich stellen, und nachdem ich durch einen Handschlag gehuldigt, wandelte er vor mir einher in den Lehrsaal, wo er auf den drei Bänken der obersten Klasse mit den Worten: Da könnt Ihr Euch hinsetzen! mir den untersten Platz anwies. Dies anschnarrende Ihr schien dem beklommenen Fremdling ein gar trostloser Empfang, weil das Ihrzen damals nur noch in den strengsten Verhältnissen der Dienstbarkeit üblich war, und selbst der Geringste es für beleidigend und entehrend hielt und lieber ein vertrauliches Du hörte. Nach dem bewillkommnenden Ihr ward ein Schüler allmählich mit Man und Wir angeredet, bis ihm ein Er zukam. Das feinere Sie genossen nur Adelige, und zwar ohne Vorkost; Bürgerlichen ward es für die Abschiedsstunde gespart. — Da saß ich denn nun das erste Mal, ich blaugemänteltes Ihr, andächtig harrend der Dinge, die da kommen sollten. Kaum schlug es acht, als die Tür sich öffnete und ein Schüler der dritten Klasse im blauen Mantel: Hora octava audita est! (Die Glocke hat acht geschlagen!) mit singendem Ton hineinschrie, worauf sofort der Lehrer eintrat und den Unterricht begann“.

So war J. H. Voß Primaner des Gymnasiums zu Neubrandenburg geworden durch den Unterricht und durch die Leitung des Rektors Struck zu Penzlin, eines praktischen und kenntnisreichen Schulmannes, der es zugleich verstand, die Individualität seiner Schüler zu ergreifen und auszubilden. — Durch einige Freitische der wohltätigen Einwohner Neubrandenburgs wurde für den Unterhalt des lernbegierigen Schülers daselbst gesorgt, und später durch Unterricht, den er des Magisters Privatzöglingen (worunter auch v. Schuckmann, später preußischer Minister) und den Kindern wohlhabender Einwohner gab, so viel erübrigt, daß er sich die nötigen Bücher kaufen konnte. Bei allen Einschränkungen und Entbehrungen, die er sich seiner ärmlichen Verhältnisse wegen auflegen musste, strebte er dennoch mutig und beharrlich vorwärts und verdoppelte seinen Fleiß. Das Griechische wurde, wie damals auf allen Schulen, vernachlässigt, und die ganze Lektüre desselben beschränkte sich auf das neue Testament, und auch diesem war nur eine Stunde Sonnabends gewidmet, worin das Evangelium des morgenden Sonntags erklärt und verdeutscht wurde. Daher stiftete Voß mit 11 Primanern einen griechischen Verein, in welchem daneben auch griechische Dichter gelesen wurden; Einer übersetzte und interpretierte um den Andern; bei großen Schwierigkeiten geschah ein Aufgebot; die auf Nachlässigkeit gesetzten Strafgelder wurden zum Ankauf deutscher Dichter bestimmt. Diese letztere Einrichtung entsprang aus Voßs entbrannter Liebe für die Dichtkunst deutscher Zunge, mit der er bekannt geworden war. Nach dem Vorbilde der ihm so teuren geistlichen Lieder und Volksgesänge, besonders deren von Luther und Paul Gerhard, die er in der Stadtschule zu Penzlin gelernt, hatte er schon als Schüler des Rektors Struck daselbst gereimte Verse gemacht. In Neubrandenburg zeichneten sich seine Ausarbeitungen der vom Rector Dankert aufgegebenen Schulverse durch kernige, oft ungewöhnliche Ausdrücke und Wendungen aus; Luthers Sprache schwebte ihm vor, und er rang mit ihr, die Fülle der Gedanken in die Form zu bringen. Das sich so herrlich kundtuende Talent des jungen Voß hatte viel Aufsehen in dem ihn umgebenden Kreise gemacht; aber dieser Ruhm verschaffte ihm keine Aussichten, seine Studien auf einer Universität fortsetzen zu können, und da inzwischen sein Vater in die bitterste Armut geraten war, so nahm er die Stelle eines Hauslehrers bei einem reichen Gutsbesitzer, dem Herrn von Oertzen auf Allershagen bei Penzlin, dem er vom lateinischen Bürgermeister Keller sehr empfohlen worden war, in der Hoffnung an, von dem ihm für das erste Jahr gebotenen Gehalte von 60 und für das zweite von 70 Thalern und einem Weihnachtsgeschenke so viel zu erübrigen, daß er seinen verarmten Vater werde unterstützen und nach Verlauf dieser Zeit eine Universität zu seiner weiteren Ausbildung beziehen können. Bei dem Herrn von Oertzen war der Gedanke herrschend: Einer, der von der Schule käme, müsse fühlen, daß er noch kein ganzer Mann sei. Also fehlte es hier an kleinen und großen Demütigungen keinen Tag. Voß bekam weniger Gehalt, als die vorigen Hauslehrer, und musste sich Kaffee und Wäsche selbst halten. Der erste Tag seines Aufenthalts daselbst war ein Sonntag; er bekam an diesem Wein, wie alle am Tisch, aber am Montag ward ihm Bier gereicht, während die Junker Wein erhielten. Als der Sonntag wiederkam, schenkte der Bediente Wein ein. Voß gab das Glas dem Bedienten zurück mit dem Bemerken, er tränke keinen Wein, welches er auch an diesem Orte gehalten. — Der Bruder des Herrn von Oertzen war Gutsbesitzer zu Gr.-Vielen in der Nachbarschaft und hatte als Patron der dortigen Kirche eine bedeutende Stimme bei der Predigerwahl. Hier war Voß oft in der Wohnung des alten Predigers Fabricius, der ihn stets freundlich aufnahm. Als er starb, bewarb sich Kandidat Brückner, eines Predigers Sohn aus Neetzka im Strelitzschen, um die erledigte Stelle und erhielt sie auch. Voß und Brückner gewannen sich beim ersten Sehen lieb. Durch die Bekanntschaft mit Brückner 1770 erhielt Voß' Leben einen neuen Aufschwung. Dieser wissenschaftlich gebildete, gefühlvolle, für jedes Schöne empfängliche und auch als Schriftsteller und Dichter*) nicht unbekannte Mann wurde des aufstrebenden Jünglings älterer, ratgebender Freund. Er empfing alle Klänge der Vossischen Muse zuerst und ermunterte ihn, ergriffen von dem ihm entgegen wehenden Geiste, mit wärmster Teilnahme, die sogar in einem Ausdrucke entzückten Beifalls zur prophetischen Vorschau wurde, sich an größeren poetischen Werken zu versuchen. Hierzu fand sich denn auch bald eine Gelegenheit. Herr von Oertzen auf Vielen, Bruder des Prinzipals von J. H. Voß, hatte sich mit Fräulein Friederike von Oertzen aus dem Hause Kittendorf verlobt, und es sollte nun die Hochzeit werden. Voß wurde von seiner Prinzipalin ersucht, zu dieser Feier ein Gedicht zu machen. Er versprach es, und die verfertigten Poesien waren so gelungen, daß Brückner ihn dringend und wiederholt ersuchte, selbige in den Göttinger Musen-Almanach aufnehmen zu lassen. Voß erkundigte sich nach dem Herausgeber desselben, als welcher ihm Kästner genannt wurde. Auf die an diesen eingeschickten Proben erhielt er ein freundliches Antwortschreiben, worin ihn jener Gelehrte den in Göttingen lebenden Dänen Boie als Herausgeber des Musen-Almanachs nannte und zugleich einen Brief von Boie beilegte, der über die eingesandten Gedichte ein beifälliges Urteil fällte und sich nach dem Dichter angelegentlichst erkundigte. Voß geriet nun mit Boie in Briefwechsel, und da alle Aussichten des Ersteren zur Fortbildung durch Universitätsstudien sich aufs Neue trübten, da entdeckte er sich seinem Göttinger Freunde. Dieser wirkte ihm in Hannover, wohin er einige von Voß' Gedichten sandte, die Zusicherung eines zweijährigen Freitisches aus, versprach ihm die Collegia frei und viele Lehrstunden bei dort studierenden reichen jungen Leuten zu verschaffen und forderte ihn auf, nächste Ostern 1772 nach Göttingen zu kommen. Hocherfreut und mit heiteren Hoffnungen wanderte nun Voß, teils durch eigene Ersparnisse, teils durch Beihilfe von Keller, Struck und Brückner mit einer Geldsumme von 130 Thlrn. versehen, als 21jähriger Jüngling nach der Georgia Augusta, wo er von Boie herzlich empfangen, durch denselben bald mit Hölty, Leisewitz, Cramer, den beiden Grafen von Stolberg, Miller, Hahn, dem älteren Bürger u. A. bekannt und befreundet wurde und mit denselben auch alsbald in den Dichterbund eintrat. Nunmehr war die Richtung seiner Laufbahn bezeichnet.

*) Ernst Theodor Johann Brückner, geboren am 13. September 1746 zu Neetzka im Mecklenburg-Strelitzschen, 1771 Pastor zu Gr.-Vielen, 1789 Pastor und 1801 Hauptpastor an der Marienkirche zu Neubrandenburg, gestorben daselbst am 29. Mai 1805. gab beraus: Etwas für die deutsche Schaubühne. Brandenburg 1772. Gedichte von ihm stehen in den Bole'schen und Voß'schen Musenalmanachen. Auch sind mehrere derselben in Matthisson's Lyrische Anthologie und in Haug und Weißers Epigrammatische Anthologie aufgenommen. Außerdem hat er noch mehrere Predigtsammlungen und einzelne Predigten herausgegeben. Anm. der Redaktion.

So war es denn Struck in Penzlin, der seinem Schüler Voß Lust und Liebe zu den alten Sprachen einflößte und ihm auch gediegene Kenntnisse darin beibrachte; — Brückner in Vielen, der des aufstrebenden Jünglings Talent und Neigung zur Poesie anfachte und nährte, und durch Weiterverbreitung seiner poetischen Versuche ihm gleichsam die Brücke baute zur akademischen Laufbahn; — Boie in Göttingen, der des Jünglings langgehegte Hoffnung, aber immer wieder getrübte Aussicht zur literarischen Ausbildung endlich in Verheißung und Erfüllung brachte.

Voß studierte in Göttingen anfangs Theologie, verließ dieselbe aber bald wieder, um sich ganz dem Geiste des griechischen und römischen Altertums zu widmen und ihn nach allen Seiten und in seiner ganzen Tiefe zu ergründen. Er trat nun in das philologische Seminar, dessen Vorsteher Heyne war und dessen Mitglieder jährlich 50 Thlr. erhielten, um sich zu einem Schulamte vorzubereiten. Inzwischen hatte Voß' Gesundheit sehr gelitten, wie er denn überhaupt nur kränklich und schwächlich war.

Er begab sich daher 1774 nach Wandsbeck, wo er in reiner Landluft seine wankende Gesundheit herzustellen und im Umgange mit seinem Freunde, dem trefflichen Claudius, dem Herausgeber des allbekannten Wandsbecker Boten, Geist und Körper zu erfrischen und zu erquicken hoffte. Hier lebte er nun als Privatmann und Schriftsteller glücklich und zufrieden und begann schon 1775 die Übersetzung von Homers Odyssee und andere literarische Arbeiten. An seinen Wohltäter und Freund Boie schloss er sich dadurch noch inniger an, dass er 1777 dessen jüngste Schwester Ernestine heiratete. Ein Jahr später wurde er auf Büsch's Empfehlung Rektor der Schule zu Otterndorf im hannoverischen Lande Hadeln, welche Stelle er indes schon 1782 anhaltender Marschfieber wegen mit dem Rektorat zu Eutin im Holsteinschen vertauschte, woselbst Bredow, der bekannte Geschichtsschreiber, sein College und 1802 sein Nachfolger wurde. Nun erschien ein Werk nach dem andern: 1735 der erste Band seiner Gedichte, dann die metrischen Übersetzungen von Virgil und Homer, das idyllische Epos: Luise, dessen einfache Schönheit und poetische Herzlichkeit weder vor noch nach ihm erreicht worden ist. In Weimar, wohin er zur Erholung von einer schweren Krankheit gereist war, fand er 1794 die liebevollste Aufnahme von Wieland, Herder, Goethe, Schiller, Böttiger und Knebel. Seine Gesundheit wollte sich jedoch bei der schweren Mühwaltung seines Berufes nicht erholen. Er legte daher das Rektorat in Eutin nieder und ging 1802 mit einem ansehnlichen Jahrgehalt des Herzogs von Eutin nach Jena, wo er in heiterer Abgeschiedenheit, nur von wenigen Freunden, unter denen Schütz und Griesbach als die vorzüglichsten genannt werden, umgeben und stets mit literarischen Arbeiten, insbesondere für die Jenaische Literaturzeitung beschäftigt, seine Zeit zubrachte. 1805 nahm er den Ruf des Großherzogs von Baden Carl Friedrich an, mit ansehnlichem Gehalt nach Heidelberg mit dem Titel eines Hofrats ohne Amtsverrichtungen zu gehen, bloß um zum Glanz der Universität durch den Ruhm seines Namens beizutragen, wo er noch 20 Jahre den Musen und dem häuslichen Glücke lebte, bis er am 29. März 1826 plötzlich und sanft verschied im 76. Jahre seines tätigen Leben. Sein Sohn Heinrich, Professor in Heidelberg, war ihm schon 1822 in die Ewigkeit vorangegangen; sein fünfter Sohn Abraham wirkte damals noch als Professor am Gymnasium zu Rudolstadt, dann zu Kreuznach.

Die Übersetzungen der alten griechischen und römischen Dichter, namentlich des Homer und Virgil, und die eigenen Idyllen sind es vorzugsweise, welche unserm J. H. Voß seine Ehrenstellung in der deutschen Literatur, Anerkennung und Anklang im deutschen Volke erwarben. Durch die ersteren erschloss er den Geist der alten Dichtungen dem Verständnis seiner Zeit in so reiner und klarer Gestalt, wie vor ihm noch Keiner getan. Nicht unwichtig ist dabei sein Verdienst um die Ausbildung unserer deutschen Sprache, welche er in den künstlichsten Versmaßen zu neuen Wendungen zu bringen wusste und auf die Gelenkigkeit, Bereicherung und Verschönerung des Stils ersprießlich einwirkte. — Auch trieben ihn, wie er selbst schreibt, Herz und Pflicht an, läuternd auf die Sitten des Volks einzuwirken, die Freude am unschuldigen Gesänge auszubreiten und dem damals so schmählich missachteten Landmann feinere Begriffe und regeres Gefühl seiner Würde beizubringen. Was ihm mit dem Volkslieds nur zuweilen glückte, gelang ihm bei Weitem mehr in der Idylle. Kein deutscher Dichter vermochte es, die gemütliche Stille des Landlebens mit solcher Wärme und doch zugleich so frischer unverzärtelter Naturwahrheit darzustellen, wie J. H. Voß, der dadurch den Geschmack der Lesewelt zur naturwahren Schilderung zurückführte. Wer seinen „siebenzigsten Geburtstag“, vor Allem aber seinen Idyllenkranz „Luise“ nicht kennt, der lerne diese Gedichte kennen, und wer für idyllische Poesie überhaupt nicht abgestumpft ist, wird genussreiche Freude empfinden an dem in behaglicher Weise geschilderten Familienkreise des trefflichen Pfarrers von Grünau und an dem reizenden Unschuldsbilde der Luise.

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