Jochim Schlu (um 1563 - 1624) Dichter eines alten Kulturdenkmals der deutschen Hansa

Aus: Berühmte Rostocker Persönlichkeiten aus 800 Jahren
Autor: Müller, Wolfgang Dr. (?), Erscheinungsjahr: 2016
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Hansestadt Rostock, Bergen, Bergenfahrer, Hanse, Hansa, Kaufmann, Kaufleute, Reformation, Reformator Joachim Slüter,
Geb. um 1563 in Rostock; gest. 1624 in Rostock an der Pest
• Bürger, Kaufmann, Bergenfahrer, musikalischer Poet
• Die Eltern waren Anna und Hans Schlu, die Geschwister hießen Anneke und Hans
• 1577 kam der 14jährige Rostocker Jochim Schlu in das hansische Comptore zu Bergen in Norwegen – eine harte. aber gute Ausbildung zum Kaufmann bei dem Lübecker Harmen Tiemann; er erlernte auch das Orgelspiel und verrichtete in der Martinikirche Organistendienste; in den jährlichen Theatervorstellungen war er aktiv
• 1588 war der Bergenfahrer wieder in Rostock und erwarb ein Gelände am „Borchwall“ mit der Lagebezeichnung „Tarnow Nr. 1366 und war 1606 ein anerkannter Bürger Rostocks und Mitglied der geschätzten Bargenfahrer-Compagnie
• im gleichen Jahr erschien in Rostock „des Bergenfahrer Jochim Schlu’s Comedia von dem frommen, Gottfürchtigen und gehorsamen Isaac“ als ein künstlerisches Zeugnis lutherischen Glaubens, gewidmet dem Deutschen Kontor in Bryggen; sie war eine Schulkomödie, die zeittypisch mit Elementen des Fastnachtsspiels aufgelockert wurde und wie der Rostocker Sprachwissenschaftler Gernentz sagte, „eine der umfassendsten Gesellschaftsschilderungen aus Bürger- und Kaufmannssicht einer Hansestadt um 1600“darstellte. So verstand es Schlu beispielsweise, um die dramatische Szene herum, in der sich Abraham überwindet, seinen Sohn Isaac zu opfern, volkstümliche und komische Figuren und Episoden zu gruppieren, aber auch schonungslose Darstellungen von Prüfungen, oft verbunden mit Qualen, wie er sie als Kaufmannseleve im Bergener Kontor selbst erdulden musste, einzubeziehen;
• in einer der ironischen Gauklerszenen wird ein Choral des Rostocker Reformators Joachim Slüter persifliert – welch eine ungebrochene Kraft dieses niederdeutschen geistlichen Liedes und seines Schöpfers, trotz beginnender Distanzierung von den Idealen des protestantischen Aufbruchs
• vermutlich hatte Schlu im Bergener Kontor Kontakt zu dem Melanchthon-Schüler Dr. Heinrich Husanus (1536-1587), ein geachteter Jurist, Theologe, Diplomat, Lyriker und Syndikus in Lüneburg; Husanus war auch Rat und Kanzler bei Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg
• mit seiner ersten Ehefrau Anna, geb. Peters hatte Schlu die fünf Kinder Ilsebe, Gertrud, Hans, Albrecht und Joachim; 1627 wird die Witwe Catrine, geb. Hagemeister als die zweite Ehefrau J. Schlu’s erwähnt
• eine kurze Biographie Joachim Schlu’s wurde 2005 von dem in Bonn am Rhein lebenden Nachfahren der Schlu-Familie, vom Lehrer und Musiker Martin Schlu erstellt und ins Netz gestellt; einige Angaben über den Bergenfahrer und Kaufmann fanden wir bei Vicke Schorler in der Rostocker Chronik von 1584-1625 und in der Vorrede zur „Comedia“ von Schlu selbst
• nach Meinung des Historikers Prof. Dr. Freiherr von der Ropp (1850-1919) bezeugt der Rostocker Kaufmann Joachim Schlu , dass die frühere Zeit jedem, auch dem Niedrigsten den Aufstieg zu den höheren Schichten gewährt hatte. Der Wissenschaftler hatte nämlich feststellen müssen, dass sich auch in den Städten immer deutlicher die Unterschiede zwischen den „verschiedenen Rangstufen der Ehrbarkeit“ ausbildeten
• der Bergener Hochschullehrer und Autor Ole Rosholdt, Jg. 1940, hat die literarische Handlung seines Kinder- und Jugendbuches „Jochens Year at Bryggen“ als fiktives Tagebuch um 22 Jahre auf 1599 verschoben; es ist 2004 in Englisch und Norwegisch („Hansagutt pa Bryggen“) erschienen, illustriert von J.W. Andersen und ist als ein spannendes und informatives Buch über eine wichtige Seite der norwegischen und nordeuropäischen Geschichte und über das Leben im UNESCO-Weltkulturerbe Bryggen 1599 entstanden, als sich die Hanse noch auf ihrem Höhepunkt befand; im Buch „Jochen’s Year at Bryggen“, A Hanseatic Diary 1599, gibt es von Ole Rösholdt nach dem eigentlichen Tagebuch, eine Erläuterung von den geschichtlichen Umständen des Kontors in Bergen und es wird im 1. Kapitel mehr über den wirklichen Jochen Schlu erzählt; einige seiner Erklärungen über die in Bergen verbrachten Jahre wurden hier zitiert; natürlich ist das Tagebuch fiktiv – Ole sollte das Leben des Jungen auf Bryggen beschreiben und hat den realen Jochen zum Erzähler gemacht; der kam 1577 nach Bergen, war 14 Jahre alt und blieb 15 Jahre im hansischen Kontor;
Da dieses Tagebuch bisher nur in Englisch und Norwegisch erschien, wollen wir in Rostock bis 2018 für eine deutsche Ausgabe sorgen
• 1592 quittierte Jochim Schlu seinem Stiefvater Jasper Buck seinen Erbteil und seinem Bruder Hans, der vermutlich 1592 verstarb, das Gleiche; 1606 nannte er sich Jochim Schlue
• in Rostock ist die Joachim-Schlu(e)-Straße im Hansaviertel nach unserem Protagonisten benannt, bebaut um 1928.
• Schlue selbst hatte in seiner Widmung für das Kontor in seiner „Comedia“ festgehalten:… kommen sie in Teutschland, in die löblichen Seestädte in schöne gute heuser zu sitzen, und werden vornehme bürger und wohlhabende leute daraus, die noch zu hohen emptern kommen und gebraucht werden. … da handel und wandel auch Kaufmannschaft gebrauchet wirt“. (aus: „Kaufmannsleben zur Zeit der Hanse“, 1907;
• die Erinnerungen von Schlu gehören zu den interessantesten Quellen für das Leben der Deutschen im norwegischen Bergen und das Tagebuch von Rösholdt musste natürlich alle Seiten des Lebens im Kontor darstellen, zwar fiktiv, aber auf einer Menge verschiedener Quellen der Realität basierend. Das Buch des Bergener Lehrers Rösholdt ist auch eine späte Würdigung der Beziehungen zwischen dem hansischen Kontor im norwegischen Bergen und der Partnerstadt Rostock.

„Dewyl an dem hochlöblichen un weitberömten Kuntor zu Bargen/gute ordenung in allen dingen gehalten wirt, auch die junge Jugent in guter Disciplin gehalten, so das sie müssen fleissig zur Kirchen gehen, den heiligen Catechismus lern unde Psalmbücher mit zur Kirchen nehmen, fleissig singen…“ Jochim Schlu, Vorrede
Rostock Stadtansicht

Rostock Stadtansicht

Hansewappen

Hansewappen

Hanse Kogge

Hanse Kogge

Comedia von dem frommen, Gottfürchtigen und gehorsamen Isaac

Comedia von dem frommen, Gottfürchtigen und gehorsamen Isaac

099 Kirchensiegel von St. Jacobi

099 Kirchensiegel von St. Jacobi

Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

Rostock vor dem Steintor

Rostock vor dem Steintor

Rostock. 013 Marienkirche, Giebel des südlichen Querschiffs

Rostock. 013 Marienkirche, Giebel des südlichen Querschiffs

Rostock. 066 Marienkirche, Siegel der Kalandsbrüderschaft, Nr. 66

Rostock. 066 Marienkirche, Siegel der Kalandsbrüderschaft, Nr. 66

Rostock. 067 Marienkirche, Spitzovales Siegel der Olavs-Brüderschaft, Nr. 65

Rostock. 067 Marienkirche, Spitzovales Siegel der Olavs-Brüderschaft, Nr. 65

Rostock. 073 St. Jacobi-Kirche

Rostock. 073 St. Jacobi-Kirche

Rostock. 067 Marienkirche, Spitzovales Siegel der Sängerchors, Nr. 64

Rostock. 067 Marienkirche, Spitzovales Siegel der Sängerchors, Nr. 64