Joachim Maltzan oder Urkundensammlung zur Geschichte Deutschlands während der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Autor: Lisch, Georg Christian Friedrich (1801-1883) mecklenburgischer, Archivar, Altertumsforscher, Bibliothekar, Redakteur, Publizist, Erscheinungsjahr: 1853
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Landesgeschichte, Joachim Maltzan, Maltzahn, Familiengeschichte, Persönlichkeit, 16. Jahrhundert, Deutsche Geschichte
Unter den gefeierten Namen der Helden und Staatsmänner in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts glänzt der Name des Ritters und Freiherrn Joachim Maltzan, des letzten mecklenburgischen Ritters, als einer der bedeutendsten in der europäischen Geschichte und vielleicht als der merkwürdigste Mecklenburgs. Sein überwiegender Einfluss als Kriegsheld und Staatsmann, als Beförderer der Bildung und als Hofmann ist so mächtig, dass sich überall da, wo er wirkt, die Geschichte seiner Zeit klar in seinem Leben und Wirken spiegelt. Zwar ist er bisher in der deutschen Geschichte, ja selbst in der Geschichte Mecklenburgs, seiner Heimat, kaum genannt; aber einige Andeutungen über seine Stellung in der Weltgeschichte ließen mit Sicherheit voraussehen, dass ein Bild seines Lebens, falls die Darstellung glücken würde, so anziehend werden könne, wie kaum ein anderes. Es musste daher der Entschluss gefasst werden, alle Kräfte aufzubieten, um möglichst viel Stoff zur Geschichte seines Lebens herbeizuschaffen.

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Das allerdings schwierige Werk ist gelungen und es ist wenigstens so viel gewonnen, dass ein klarer Überblick über die ganze Wirksamkeit des großen Mannes gewährt werden kann.

Joachim Maltzan nimmt unter den eigentümlichen und großen Charakteren, die uns in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, in welcher der ganze Grund unserer heutigen Bildung wurzelt, eine hervorragende Stelle ein. Freilich hatte er nach unsern Ansichten auch die Fehler, welche den meisten großen Charakteren dieser großen Zeit ankleben, Fehler, welche in dem lebhaften politischen Treiben dieser Zeit liegen und aus Notwehr gegen die übermächtige spanische Politik hervorgerufen wurden: Maltzan war, wie viele andere seiner Zeitgenossen, oft ein Parteigänger. Aber es leuchtet aus allen seinen Handlungen ein mächtiges Ringen hervor, die Umstände zum Besten zu gestalten und endlich zum höchsten Ziele hinauszuführen. An Charakter, Bildung und Streben dem Ritter Ulrich von Hutten, mit dem er in der Jugend auch befreundet war, nahe stehend, ist er ohne Zweifel einer der bedeutendsten politischen Charaktere seiner Zeit; es gibt fast keine wichtige europäische Angelegenheit, in welcher er nicht eine einflussreiche Rolle spielte. Daher stand er denn auch mit den meisten Fürsten, Helden und Staatsmännern Europas in vertrauten Verhältnissen und hatte den größten Teil des damals bekannten Europas und die meisten Höfe aus eigener Anschauung kennen gelernt.

Als der Sohn eines gewaltigen, im Norden Deutschlands wegen seiner selbstständigen Kraft berühmten Vaters, des Ritters Berend Maltzan auf Wohle, hatte er, nach kaum zurückgelegter Universitäts- und Hofbildung, in seinen Jünglingsjahren als Feldherr in den italienischen Kriegen gegen Frankreich gefochten und z. B. in der berühmten Schlacht von Marignano an der Spitze des freien deutschen Haufens offenbar eine Hauptrolle gespielt. Aus hoher Achtung nahm Franz I. von Frankreich, der ihn auf dem Schlachtfelde als gefährlichen Gegner kennen gelernt hatte, ihn als Feldherrn, Geheimen Rat und Gesandten in seine Dienste, welche ganz in die bewegte Zeit fallen, in der Franz im Gegensatz gegen die spanische Politik die deutsche Kaiserkrone zu erlangen hoffte. Doch sehnte sich Joachim Maltzan mit der Zeit nach Deutschland zurück und trat hier, nach achtjährigem Wirken in Frankreich, nachdem er die Herrschaften Töplitz und Graupen in Böhmen gewonnen hatte, in die Dienste Österreichs. Hier spielte er als General-Feldmarschall in den Heerzügen „zur Eroberung der Krone Ungarn“ und folgende in den Türkenkriegen eine sehr bedeutende Rolle und entfaltete dabei als Geheimer Rat und Gesandter eine reiche, glänzende Tätigkeit. Zur Belohnung so ausgezeichneter Dienste ward er auf dem berühmten Reichstage von Augsburg 1530 zum Reichsfreiherrn von Wartenberg und Penzlin erhoben, nachdem er die Herrschaften Töplitz und Graupen abgestanden und dafür die freie Standesherrschaft Wartenberg in Schlesien erworben hatte. Wie vorher in Böhmen, so entfaltete er jetzt in Schlesien als Standesherr und kaiserlicher Rat eine reiche Wirksamkeit, besonders in den Türkenkriegen und den vielfältigen Verhandlungen mit Polen. Je älter er aber ward und je reicher seine sehr bedeutenden Erfahrungen wurden, desto mehr wandte er sich den deutschen Fürsten zu, mit denen er nach und nach in den vertrautesten Verkehr trat. Nach allen Andeutungen war Joachim Maltzan die Seele des gewaltigen geistigen und kriegerischen Kampfes, welchen um die Mitte des 16. Jahrhunderts die deutschen Fürsten gegen den Kaiser Carl V. und dessen Politik führten; er nahm an allen Vorbereitungen und Ausführungen den lebhaftesten, tätigsten Anteil, von dem Lochauer Bündnis bis zum Passauer Frieden, und hatte endlich noch die Genugtuung, den Zustand in Deutschland begründen zu helfen, der im Wesentlichen noch heute besteht, wenn er auch dafür auf einige Zeit seine Herrschaft Wartenberg einbüßen musste. In seinen Verhältnissen zum österreichischen Hofe ähnelt die letzte Zeit seines Lebens dem Leben Wallensteins, wie denn auch seine Gemahlin eine geborene Wallenstein war, welche ebenfalls, noch im hohen Alter, in der Politik wirkte.

Diese kurzen Andeutungen werden genügen, um die Wichtigkeit des seltenen und großen Mannes für die Weltgeschichte anzudeuten. Die Erforschung des Stoffes war einer großen Anstrengung wert. Und die bedeutenden Opfer sind nicht unbelohnt geblieben. Es Hess sich erwarten, dass die meisten Archive Briefe von Joachim Maltzan enthalten würden; und so hat es auch die Erfahrung bestätigt. Seit zehn Jahren bin ich unablässig bemüht gewesen, die Archive, welche ich irgend erreichen konnte, zu durchforschen. Ich habe persönlich in den Archiven zu Berlin, Breslau, Dresden, Hannover, Kopenhagen, Schwerin, Stettin und Wien zu diesem Zwecke geforscht und unablässig einen weit verbreiteten Briefwechsel geführt. Der Erfolg hat die Mühe belohnt. Aus wenigen, vereinzelten Aktenstücken, welche ich vor zehn Jahren besaß, ist allmählich der vorliegende Band herangewachsen. Zwar ist mein Bemühen an manchen Orten ganz erfolglos gewesen; aber es ist sicher zu erwarten, dass sich bei genauerer Nachforschung überall noch höchst wichtige Papiere finden werden; namentlich dürften noch die französischen und norditalienischen Archive, besonders aber wohl die österreichischen Kriegsarchive reiche Ausbeute gewähren, wenn man so glücklich ist, auf die rechte Stelle zu stoßen. Bemühungen von hier aus, um in Paris und Norditalien etwas zu erforschen, haben keinen günstigen Erfolg gehabt. Ich darf mich freilich über Unglück und Mangel an Beistand in meinen Forschungen nicht beklagen; aber es liegt nicht in den Grenzen meiner Macht, die Sache weiter zu verfolgen. Ich muss mich mit dem Bewusstsein beruhigen, die Grundzüge in dem Leben eines bedeutenden Mannes erforscht und den Weg zu ferner n Arbeiten gebahnt zu haben.

Wie richtig meine Vermutungen gewesen sind, dass sich in den meisten Archiven Stoff zu der Beschreibung des Lebens Joachims Maltzan finden müsse, habe ich fast stets bewährt gefunden, und noch kurz vor der Beendigung des Druckes, als mir mein bewährter und kundiger Freund der Herr Archivrat Dr. Schmidt zu Wolfenbüttel noch diejenigen wichtigen Briefe vom J. 1519 aus dem dortigen Archive sandte, welche ich noch in dem Anhange mitzuteilen das Glück gehabt habe.

Außerdem fühle ich mich zu dem lebhaftesten und aufrichtigsten Danke bewogen für die reiche und aufopfernde Hülfe und Mitwirkung, welche mir meine hochverehrten Freunde, der Herr Geheime-Archivrat, Professor Dr. Stentzel und der Herr Archiv-Vize-Direktor, Regierungsrat und Chorherr Chmel persönlich in Breslau und Wien haben angedeihen lassen, so wie der Unterstützung, welche ich an dem Herrn Lehns-Kanzlei-Rat Völkerling in Stettin für diesen Band gefunden habe.

Schwerin, den 24. Juni 1853.
Dr. G. C. F. Lisch.
Joachim von Maltzan (1492-1556) mecklenburger Freiherr und kaiserlicher Feldmarschall

Joachim von Maltzan (1492-1556) mecklenburger Freiherr und kaiserlicher Feldmarschall

Lisch, Georg Christian Friedrich (1801-1883) mecklenburgischer, Archivar, Altertumsforscher, Bibliothekar, Redakteur, Publizist

Lisch, Georg Christian Friedrich (1801-1883) mecklenburgischer, Archivar, Altertumsforscher, Bibliothekar, Redakteur, Publizist