Heß, Jonas Ludwig von (1756-1823). Biographie

Autor: Unbekannt
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Biographie zu Jonas Ludwig von Heß (1756-1823)

Literat, Topograph, Statistiker, Politiker, Patriot, Philanthrop, Philosoph. – Ein schon bald nach dessen Tode in Hamburg und Deutschland, wie im Auslande hochgeschätzter, wohlbekannter, vielgenannter Mann. –

Geboren am 8. April 1756 zu Stralsund. Über die ersten 25 Jahre seines Daseins ist nur wenig bekannt. Gewiß ist nur, daß er als Lieutenant in der schwedischen Armee gedient, unaufgeklärt aber, weshalb er diesen Beruf verlassen hat. Als er um 1780 zuerst in Hamburg erschien, wo er ungeachtet seiner unansehnlichen Gestalt, seines etwas deformierten Antlitzes und seiner fast finsteren Miene bald genug Ansehen erregte und Beachtung fand, – da hieß es, er habe in Folge eines unglücklichen Duells, in welchem sein Gegner das Leben, er selbst aber einen Theil der Nase verloren, dem Kriegerstande entsagt. Vermögend und bedürfnislos genug, um ohne eigentlichen Broderwerb subsistiren zu können, gab er sich nun umfassenden Studien hin auf den Gebieten der Literatur, Sprachen, philosophischen und Naturwissenschaften, insbesondere auch dem Studium der Geschichte und Topographie seiner neuen Heimath Hamburg. Anfangs nur gelegentlich als Publizist auftretend, übernahm er im J. 1785 die Redaction und Herausgabe des „Journales aller Journale“ des In- und Auslands, ein Unternehmen, das seine Vielseitigkeit bezeichnet. Schon 1787 erschien dann die 1. Auflage seines dreibändigen Werkes „Hamburg, topographisch, politisch und historisch beschrieben“, aus welches unten zurückzukommen sein wird. In den nun folgenden Jahren durchreiste er Deutschland, die Niederlande und Frankreich, um überall Land und Leute kennen zu lernen. Die Ergebnisse dieser „Durchflüge“ sind von ihm in vielbändigen Büchern (1789–97) veröffentlicht, welchen Schriften dann seine „Versuche zu sehen“ sich anreihen. – Inzwischen hatten seine Naturwissenschaftlichen Studien ihn zur Abfassung einer medizinischen Dissertation geführt, für welche die Universität Königsberg ihm den 10. Januar 1801 das Doctordiplom erteilte. Im Besitze dieses Titels, blieb er dennoch der eigentlichen ärztlichen Praxis fern, obgleich er bereitwillig allen Hilfesuchenden, namentlich dürftigen Personen, unendgeldlich als Berater diente. In demselben Jahre 1801 erwarb der seinem Adelsstande niemals Gewicht beigelegt, daß hamburgische Bürgerrecht, und fühlte sich dadurch desto mehr getrieben, sein Wirken dem Wohl dieses freien Gemeinwesens zu widmen. Bemerkenswert ist es, und darf als ein Beweis gelten für das hohe geistige Übergewicht dieses seltenen Mannes, daß ein schönes junges Mädchen aus einer angesehenen Familie ihm, dem unschönen alternden Gelehrten ihre Hand reichte (der 6. Novbr. 1805). – Einige fernere Schriften über Hamburgs Handelspolitik, wie über das Armenwesen dieser Stadt, beweisen auch in diesen Fächern den scharfblickenden Geist des Verfassers. Die nun folgenden Jahre der französischen Herrschaft in Deutschland, und speziell in Hamburg, legten der publizistischen Tätigkeit Fesseln an. Heß beendigte in dieser Zeit seine umfassenden Vorarbeiten für die sehr veränderte vermehrte und verbesserte 2. Auflage seines topographisch-statistisch-historischen Werkes über Hamburg, welches 1810 und 11 in 3 Bänden erschien, als soeben die alte freie Stadt, nach mehrjähriger Okkupation, dem französischen Kaiserreiche förmlich inkorporiert wurde. Dies ausgezeichnete, in seiner Art Bahn brechende Werk beruht wesentlich auf gründlichen eigenen Forschungen, für welche dem Verfasser keine nennenswerte Vorarbeit zu Hilfe kam. Seine statistischen Mitteilungen (damals in Hamburg etwas völlig Neues) waren systematisch geordnete, geschickt gruppierte Zusammenstellungen dessen, was bis dahin bei den Lokalbehörden als rohes Material geschlummert hatte, großenteils aber auf des Verfassers Antrieb jetzt zum ersten Mal gesammelt war. Die Förderung, die sein Unternehmen bei den Behörden fand, mag als Beweis gelten für das hohe Maß der Achtung und des Vertrauens, das H. im Laufe der Jahre in den Regierungskreisen Hamburgs sich erworben hatte. Die geistvolle Abfassung des Ganzen verlieh diesem Werke einen besonderen Reiz, und so konnte es nicht fehlen, daß die 2. Auflage. noch mehr als die 1., mit allgemeiner Anerkennung im Publikum aufgenommen wurde. Obgleich dem historischen Theil die Resultate der neuen Urkundenforschungen mangeln, und überhaupt ein richtiges Verständnis des Mittelalters dem Verfasser nicht gegeben war, so haben doch seine mit sorgfältigstem Fleiß gesammelten topographischen und statistischen Mitteilungen ihren gewissen, jedenfalls geschichtlichen Werth noch bis heute behalten. – Während nun der tätige Mann so harmlos in Lokalstudien versunken schien, strebte gleichwohl sein patriotischer Geist höheren vaterländischen Zielen zu, unablässig wirksam in geheimer Verbindung mit den bedeutendsten Männern Deutschlands für dessen Erhebung und Erlösung aus fremdherrlichen Banden. So kam es denn, daß im März 1818 der russische General Tettenborn, durch Heß von den Zuständen in Hamburg unterrichtet, sein kühnes Unternehmen der Befreiung dieser Stadt ausführen konnte; so kam es auch, daß Heß auf Tettenborn’s Empfehlung, und weil im Drange des Augenblicks für diesen schweren Posten ein geeigneterer Mann nicht zu finden war, vom Senate an die Spitze der neuen Bürgerwehr Hamburgs gestellt wurde, zu einer seine physischen Kräfte, wie seine Fachkenntnis übersteigenden Aufgabe. Mit unermüdlichem Eifer organisierte er nun die Bataillone der opferfreudigen jungen Bürger von fast 8000 Mann*). welche dann in rühmlichen Gefechten schließlich dennoch der feindlichen Übermacht weichen mußten. Verlassen von den Truppen der Verbündeten Mächte, mußte Hamburg kapitulieren und fiel wiederum in Feindes Hand. Hamburgs Annalen berichten Näheres über des Bürgerobersten v. Heß’ Verhalten während dieser verhängnisvollen Wochen, viel Anerkennendes, aber auch abfällige Beurteilungen mancher seiner Dispositionen. Gewiß aber bleibt es, daß pflichtgetreuer, diensteifriger, hingebender kein anderer Führer sich hätte erweisen können, und ebenso gewiss, daß selbst der größte Strattge das tragische Geschick nicht hätte abwenden können, daß jetzt über Hamburg hereinbrach. – Geächtet flüchteten die Führer, über Gothenburg nach London, wo er seine Tätigkeit für die deutsche Sache fortsetzte, und namentlich englische Subsidien ermittelte für die in Norddeutschland kämpfende Hanseatische Legion und Bürgerwehr. Gleichzeitig veröffentlichte er seine auch ins Englische übersetzte Abhandlung „Ueber den Werth und die Wichtigkeit der Freiheit der Hansesstädte“, welche Schrift bestimmt war, daß öffentliche Interesse für die fernere Unabhängigkeit derselben wach zu rufen und warm zu halten. Hier in London verfasste er auch, im ersten bittersten Schmerz über den unglücklichen Ausgang der Erhebung Hamburgs, seine mit mehr Feuereifer als Gerechtigkeit geschriebene Schrift „Agonien der Republik Hamburg“, welche er dann im J. 1814, über Kopenhagen nach Hamburg zurückgekehrt, sofort veröffentlichte. In dieser Schrift, wie in deren Nachträgen, hatte er gegen die Regierung der Stadt zu unbegründeten Anklagen sich hinreißen lassen, welche dann durch den Senator Bartels widerlegt wurden. Dessen ungeachtet blieb ihm sowohl bei seiner Obrigkeit, als bei seinen Mitbürgern die frühere Hochachtung so ungeschmälert, daß ihm bald darauf die Regulierung verschiedener wichtiger Angelegenheiten vertrauensvoll übertragen wurde. So erhielt er im October 1814 den Auftrag, in Hannover mit der dortigen Generalpostdirektion über den Transit der hamburgischen Posten nach Holland und England zu verhandeln, welche Aufgabe er im Januar 1815 erfolgreich beendigte. Im September desselben Jahres ging er nach Paris, um als Bevollmächtigter einiger Korporationen, z. B. der Weinhändler, deren Reklamationen in Betreff früherer französischer Requisitionen und Konfiskationen bei der nunmehrigen Regierung zu betreiben. Auch dies schwierige langwierige Geschäft erledigte er zu voller Zufriedenheit der Beteiligten. Nach fast vierjährigem Aufenthalte in Paris kehrte er im Sommer 1819 nach Hamburg zurück, wo er im J. 1821 die dem bekannten Görres’schen „Manuscript aus Süddeutschland“, entgegengesetzte Schrift „Aus Norddeutschland, kein Manuscript“, verfaßte und anonym erscheinen ließ, übrigens aber, vom öffentlichen Leben zurückgezogen, die letzten Jahre seines Daseins in beschaulicher Ruhe verlebte. Er starb nach längerer schmerzlicher standhaft getragener Krankheit am 20. Februar 1823. – Zur Charakteristik dieses bedeutenden Mannes liefern viele Biographien, Denkwürdigkeiten und Briefsammlungen seiner Zeit- und Kampfgenossen, seiner Verehrer, wie seiner Widersacher, sehr verschiedenartige Beiträge. In Friedrich Perthes’ Leben (l. 236) wird von ihm gesagt: „v. H. hatte viele warme Freunde, aber die meisten derselben waren zugleich seine heftigsten Feinde. Denn er selbst war ein doppelter Mensch, der die größten Gegensätze ungeeinigt in sich trug. Er war großartig und edel, und konnte doch auch kleinlich und unversöhnlich sein; er konnte in vollem Vertrauen sich hingeben, und doch Mißtrauen in der Seele bergen; er verachtete alles Aeußere, und war eitel und ehrgeizig; er dürstete nach Freiheit und war militärischer Despot; seine seltene Geisteskraft machte den kränklichen Mann zu den größten Anstrengungen fähig, und doch sah man ihn zuweilen ohne Veranlassung in Muthlosigkeit versinken“. – Diese Beurteilung mag vielleicht für die höchst aufregenden Jahre um 1813 eine zutreffende gewesen sein. Es ist aber dagegen jedenfalls erfreulich, wenn wir über in seinen letzten Lebensjahren die mildere Stimme eines anderen Zeitgenossen vernehmen, der ihm ebenso nahe und beziehungsweise ebenso fern gestanden, als Perthe. In seinem Tagebuche bemerkt jener Zeitgenosse (September 1819’) „v. H., aus Paris heimgekehrt, scheint jetzt mit allen seinen Plänen für diese Welt am friedlichen Ende zu sein. Für sich selbst hat er wol nie etwas gesucht. Nur als entferntes Object dient ihm jetzt die Tagesgeschichte. Mögen seine Contemplationen ihm zum Segen gereichen; sein Philosophisches Trachten, daß Höhere, Ewige zu schauen, sind ja bloße „Versuche zu sehen“ geblieben. Eine geheime Sehnsucht nach dem christlichen Glauben verräth manches seiner Worte, z. B. die heftig gesprochene Aeußerung: „Christues als Mensch gedacht, erscheine ihm noch unbegreifbarer, als Christus der Gottmensch“. – Und ferner den 20. Febr. 1823): „Dr. v. H. ist gestorben! Ein geistreicher großherziger Mann, ein edler warmer Menschenfreund! „Niederem Begehren unzugänglich, stand er hoch gegen die Erdenwelt, mit der er nur in Verbindung stand, um ihr wohl zu thun, um zu kämpfen für das, was ihm nach innerster Uebelzeugung als Recht und Wahrheit galt“! – Die hier hervorgehobene Menschenfreundlichkeit findet ihre bleibende Bethätigung in einer testamentarisch von angeordneten und von seiner Wittwe Thusnelda geb. Hudtwalcker (1866) ausgeführten milden Stiftung nebst Asyl für augenkranke und blinde arme Frauen und Mädchen.