Gottfried Kinkels Befreiung

Aus: Die Gartenlaube. Illustriertes Familienblatt. Herausgeber Ernst Keil.
Autor: Wiggers, Moritz (1816-1894) Jurist und Politiker, Erscheinungsjahr: 1863
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Hansestadt Rostock, Wiggers, Kinkel, Haft, Gefangene, Dreibergen, Zuchthaus, Isolierhaft, Folter, Qualen, Mittelalter
Wir brauchen den Verfasser nachfolgender Schilderung den Lesern nicht erst vorzustellen; sie Alle kennen den Ehrenmann, der als Präsident der Mecklenburgischen Kammer, wie durch seine längere Haft sich Achtung und Teilnahme in ganz Deutschland erworben. Von ihm ist keine andere, als eine ruhige und durchaus würdige Darstellung jener denkwürdigen Begebenheit zu erwarten. Die Nennung der Namen der Hauptbeteiligten geschah, so weit sie vorkommt, mit ausdrücklicher Zustimmung derselben. D. Red.

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Inhaltsverzeichnis
Es ist Karfreitag — wir schreiben den 10. April des Jahres 1857 — und ich sitze, nachdem ich soeben, 11 Uhr Vormittags, die zinnerne Mittagsschüssel mit ihrem widerlichen Inhalt als ungenießbar bei Seite geschoben, melancholisch und den Kopf auf den Arm gelehnt in meiner Isolierzelle. Hinter mir liegen die Qualen einer fast vierjährigen Isolierhaft: drei Jahre und acht Monate war ich auf die Folter einer mittelalterlichen Untersuchungshaft gespannt, und seit einem Vierteljahre bin ich in die Züchtlingsjacke gesteckt. Vor mir habe ich zwei Jahre und neun Monate, welche ich noch im Bagno zuzubringen habe. Eine wie kurze Spanne Zeit für den, welcher sie hinter sich hat oder welchem eine goldene lachende Zukunft winkt! Aber welche Ewigkeit für mich, der ich, seit vier Jahren matt und mürbe gehetzt, sie in der Isolierzelle des Zuchthauses unter den raffiniertesten geistigen und physischen Entbehrungen verleben soll! Werde ich das Ende meiner Gefangenschaft erleben, und wenn dies, werte ich nicht körperlich ruiniert und geistig gebrochen das Zuchthaus verlassen? Wie traulich begleitet das gleichförmige Ticken von Mr. Humphrcys Wanduhr das Gespräch im gemütlichen Kreise von Freunden! Aber wie unheimlich wird das Ohr des Gefangenen in der Isolierzelle des Zuchthauses zu Dreibergen in der Stille des Feiertages durch den in langen und ungleichen Intervallen erfolgenden lauten, heiseren und stöhnenden Pendelschlag der Uhr im Korridor berührt! Der Gefangenenwärter Burmeister sagte zu mir in den ersten Tagen meiner Haft in Bützow, als er mir meine Uhr brachte, wohl um mir das Gefühl meiner Einsamkeit zu mildern: „Uhren sind so gesellig, Herr Advokat." Ich finde dies nicht: Uhren quälen das Gehirn des Isoliergefangenen, gleichwie das monotone Geräusch des in der Stille der Nacht bohrenden Holzwurms den Fieberkranken martert.

Der Gedanke an teure Verwandte und Freunde, an ihre rührende Liebe, Treue und Anhänglichkeit erhellt wohl für den Augenblick die dunklen Gefängnisräume und entreißt den Gefangenen der traurigen Einförmigkeit der Gegenwart. Aber er hat auch die Nervenaufregung, die Unruhe und die Erschöpfung im Gefolge. Die Sehnsucht nach den Lieben da draußen ruft das Gefühl der Vereinsamung und Ohnmacht so recht lebendig hervor: man sieht sich um in seinen armseligen vier Mauern, man blickt unwillkürlich nach dem Fenster — dicke Eisenstäbe und ein schmales Stück Himmel, das ist Alles. Ja, wer den starken Geist der Madame Roland hätte und sich, wie sie in der Conciergerie getan, in den Leiden der Gefangenschaft mit der Philosophie zu trösten weiß: Wie glücklich bist Du jetzt, Du hast nun gar keine Verantwortung und weiter nichts zu tun, als hier zu sitzen!

Mit meiner augenblicklichen Melancholie flüchte ich mich in die Erinnerung an die Erlebnisse einer schönen Vergangenheit. In lebhaften Farben wird ein Ereignis in mir wach gerufen, das zu den schönsten Erinnerungen meines Lebens gehört. Ich sinke Trost in dem Gedanken an den deutschen Mann und Dichter, der auch im Zuchthause schmachtete, der aber unter dem Jubel Deutschlands und der alten und neuen Welt durch seine Freunde den Klauen der Reaktion entrissen ward. Noch danke ich Gott auf den Knien, dass er mir vergönnt hat, einen bescheidenen Anteil an der Befreiung dieses Mannes zu nehmen. Meine alltägliche abschriftstellerische Tätigkeit ruht an den Feiertagen. Ich will nun meine freie Zeit benutzen, um die Fesseln der Gegenwart beim Niederschreiben jenes glänzenden Befreiungswerkes, das zum unvergänglichen Ruhme der demokratischen Partei im Buche der Geschichte verzeichnet ist, so viel möglich zu vergessen. In Einzelheiten mag mein Gedächtnis mich täuschen, in der Hauptsache aber beruhen die Tatsachen der Erzählung auf strenger Wahrheit. *)

*) Im Wesentlichen habe ich die nachfolgende Erzählung in der Isolierzelle des Zuchthauses niedergeschrieben. Vervollständigt habe ich sie später. Bei der Darstellung der Flucht ans Spandau ist mir die Einsicht wichtiger Aktenstücke in Sachen des Gefangenenaufsehers Brune, des Ratsherrn und Gastwirts Krüger und des Studenten der Medizin Carl Schurz, betr. die Befreiung Kinkels, welche mir nach meiner Entlassung aus dem Zuchthause zu Gebote stand, sehr zu statten gekommen. Diese Einsicht war auch insofern sehr wertvoll für mich, als sie mich beurteilen lies, in wie weit ich die mir bekannten Tatsachen veröffentlichen durfte. Um Niemanden nachträglich zu kompromittieren, habe ich Einzelnes, das nicht ohne Interesse gewesen wäre, verschweigen müssen. D. B.
Wiggers, Moritz Carl Georg (1816-1894) deutscher (Rostocker) Jurist, Politiker und Publizist

Wiggers, Moritz Carl Georg (1816-1894) deutscher (Rostocker) Jurist, Politiker und Publizist

Bützow.

Bützow.

Dreibergen.

Dreibergen.

Rostock vom Carlshof um 1830.

Rostock vom Carlshof um 1830.

Rostock Altstadt

Rostock Altstadt

Rostock Altstadt vom Steintor.

Rostock Altstadt vom Steintor.

Rostock Blücherplatz 1844

Rostock Blücherplatz 1844

Rostock Hopfenmarkt.

Rostock Hopfenmarkt.

Rostock - Neuer Markt um 1820.

Rostock - Neuer Markt um 1820.

Rostock vom Steintor 1841.

Rostock vom Steintor 1841.