Text (nicht korrigiert)

„Wach auf, Du, rasch!" Mit diesen Worten weckte mich am Freitag Morgen, den 8. November 1850, eine mir bekannt klingende Stimme.
Es war noch dunkel in meiner Schlafkammcr, so daß ich die Gesichtszüge meines frühzeitigen Weckers nicht erkennen konnte.
„Großer Unbekannter, wer Du auch sein magst, sei barmherzig und entreiße mich nicht den Armen meines Goties Morpheus," rics ich in schlaftrunkenem Pathos, die Augen weit aufreißend und nach den dunklen Umrissen des Unbekannten hinstarrend, der mich ungeduldig nnd heftig zu rütteln anfing.
„Um's Himmels willen, ermuntere Dich, steh' aus so schnell Tu kannst, längeres Säumen bringt Gefahr!" rief der Fremde in höchster Aufregung.
Ich sprang rasch auf, zog ihn an's Fenster und erkannte in der kleinen, vollen und beweglichen Figur meinen lieben Frcuud aus der weiland mecklenburgischen Abgeordnetenkammer, den Anitsund Stadtrichter Dr. Petcrmann aus Strelitz.
„Petermann! Was in aller Welt führt Dich an diesem finsteren Novcmbermorgcn hichcr? Gab es bei Euch eine zweite verschlechterte Auflage des 7. September, und warst Du gezwungen. Dich Deinem großen Vaterlande durch die Flucht zu entziehen?"
„Ei was, halte Deine malieiösc Zunge. Wir haben jetzt andere Dinge zu thun, als Erinnerungen an strclitzer Junker und Kammerhcrren aufzufrischen. Ich habe zwei Fremde mitgebracht, welche ich Dir vorstellen will." "„Wo sind sie?"
„Im Wirthshausc zum weißen Kren; habe ich sie zurückgelassen."
„Wer sind sie?"
„Wie Du ungeduldig bist! Du sollst rasch mitkommen und sie persönlich kennen lerne». Es sind ein paar liebe Kerls. O prächtig, prächtig, prächtig!"
Und jedes der drei letzten Worte betonte ver liebe Herr Stadtrichtcr mit besonderem Nachdruck und begleitete es mit gchcimuißvollem, glückverheißendem Lachen, wobei er sich mit gewohnter Lebhaftigkeit verschiedene Male im Kreise herumdrehte. Sei» Gesicht strahlte vor Freude.
„Aber mein lieber, thcurcr Petermaun, sei doch gesetzt und vernünftig und versetze Dich in die Lage eines armen Kerls, der vor Neugierde brennt, den Grund Deiner Ekstase kennen zu lernen. Sag' mir doch endlich, wer die beiden Fremden sind."
„Es find zwei Flüchtlinge. Ter eine kennt Dich, Du kennst ihn auch, er ist diesen Sommer in der Braunschweigcr Demokrateuversammluug gewesen."
„In jener Versammlung, die mir die nngcrechtfertigtc Haussuchung des Bützowcr Crimiualcollegiums zuzog?" fragte ich nachdenkend und hielt eine» Augenblick mit dem Anziehen meiner Weste innc -— soweit hatte ich inzwischen meine Toilette beendigt. „Sein Name?"
„Sein Name ist Hcnscl. Du aber hast ihn unter dem Nameu Hesse kennen gelernt." >
„Ich erinnere mich, daß ein Hesse, der ein Rheinländer war, dort gewesen ist. Und wie heißt der Andere?" fragte ich neugierig.
„Kaiser," erwiderte Freund Petcrmann lächelnd.
„Kaiser? das ist keine mir bekannte Persönlichkeit. Doch nach Deinem Lächeln zn schließen, wird das ein angenommener Name sein. Und sein wirklicher Name?"
Ich sah meinem Freunde forschend in's Auge und nahm seinen triumphirendcn Blick wahr, wie wenn er sagen wollte: Du wirst es schwerlich crratheu, welche kostbare Beute ich mit mir führe. Ehe er antwortete, sah er sich nm, ob wir auch belauscht würden. Dann wandte er sich zu mir und flüsterte mir ganz leise in's Ohr: „Kinkel."


„Gottfried Kinkel?" fragte ich in größter Aufregung. „Unmöglich, wie sollte der hichcr kommen? Bist Du gewiß, daß man Dich nicht getäuscht hat, Pciermann?"
„Es ist der wirkliche und wahrhaftige Professor Gottfried Kinkel. Du wirst Dich bald selbst überzeugen können."
Wir eilten hinaus. Pctermann trennte sich von mir, um noch einen Freund herbei zu holen. Ich ging zuerst zu einem Bekannten, dem Kaufmann Bluhme, um ihn zu ersuchen, mir einer Droschke mir nachzukommen, und begab mich dann ans den Weg nach dem in der Mühlenvorstadt belegenen „Weißen Kreuz". Die brausenden Wassermühlen am Mtthlcndamm lagen bald hinter mir, und ich durcheilte hierauf die Allee von hohen rauschenden Pappeln, welche vom stürmischen Nordostwinde gewaltsam hin und her bewegt wurden.
Die Mittheilung von der Anwesenheit Kinkel's geschah so plötzlich und traf mich so unvorbereitet, daß ich kaum an die Wahrheit zu glauben vermochte, daß dieser aus dem Zuchrhausc entsprungen uud hier angekommen sei, um Schutz und Rettung zu suchen. Noch vor Kurzem hatte ick) ihn im Bilde mit tiefer Rührung betrachtet, wie er in seiner Züchtlingsjacke im Kerker spulte. Das war der Lohn res Baterlandes für einen seiner besten Söhne, den reichbegabiesten Dichter, den Mann, der für alles Gute, Edle und Schöne schwärmte und glühte!
Ich Halle mittlerweile meinen Bestimmungsort erreicht. Dort lag das „Weiße Kreuz" und lugte freundlich und einladend mit seiner Fronie nach der Neubrandenbnrgcr Chaussee, auf welcher Petermann mit seinen beiden Flüchtlingen angelangt war. Ich eilte in das mir bekannte Haus, wandte mich in das „Honoratiorenzimmer" linker Hand, stürzte hindurch und öffnete die der Eingangsthür desselben gegenüberliegende Thür, welche zu einer zweiten freundlichen Stube führte. Zwei Männer traten mir erwartungsvoll entgegen, beivc von hoher Gestalt und schlanker Statur, der eine indeß den anderen an Größe um einige Zoll überragend. Der Größere war, dem Ansehen nach, den Vierzigern nahe. Er irug einen schwarzen Oberrock und schwarze Panralons, und ebenso wie der Jüngere eine Brille. Sein mit Grau melirtcs schwarzes Haar war kurz geschoren. Er Halle eine hohe nnr kahle Sliru. Das uurasirle Gesicht zeigte die Keime zu einem schwarzen Bollbarr, die gelb-grünliche Farbe des Gesichts deutete aus lange Kerkerleiden. Auf den ersten Blick erkannte ich daö Original zu dem von mir gesehenen Bilde. ES konnle Niemand anders sein als Gottfried Kinkel. Mil einem ungezwungenen gcntlemanlike Benehmen schritt er auf mich zn und drückte mir mit sichtbarer Rührung die Hand, indem er zu mir sagle: „O, ich weiß, wer Sie sind. Ich babc Sie schon im Bilde bei unserem Freunde Pctermann gesehen." Ich erwiderte stumm und in licser Erregung den Druck feiner Hand.
Der Begleiler Kinkcl's, ein junger Mann von einigen zwanzig Jahren, begrüßte mich als einen allen Bekannten. Ich erkannte ilin sofort als meinen Freund aus Braunschwcig, den ich unlcr dem Namen „Hesse" kennen gelcrnl hattc. Doch dieser Name war ebenso wie der Name Hensel, den er jctzl adoplirt hatte, ein fingirter. Sein wirklicher Name war — Earl Schurz. Seine Persönlichkeit war weniger imponircnd, als die Kinkcl's. Aber dem aufmerksamen Beobachter entging nichl der feste Charakter nnd die mannliche Entschlossenheit, welche sich in feinen markirlcn jugendlicken Zügen und seinem sicheren Anflrcten ausprägten. Die braunen Augen blitzten klug und ironisch aus den elwas lief liegenden Augenhöhlen hervor. Sein langes Haar war dunkelblond.
„Ihr kennt Euch schon," sagte Pctermann, der inzwischen mit seinem Freunde, dem Herrn N., eingetreten war, zu Schurz und mir, „ich brauche Euch daher einander nicht vorzustellen."
„Ja wohl," sagte Schurz, „wir kennen uns von Braunschweig her, und ich habe schon damals auf Sic gerechnet."
„Haben wir denn Ihnen zu danken, daß unser Freund hier ist?" fragte ich.
„Er ist mein Reiter und hat sich meinetwegen den größten Gefahren ausgesetzt!" sagte Kinkel mit einem dankbaren, liebevollen Blick auf seinen Freund. „Der Adjutant im Tiedemann'schen Stabe, welcher mit genauer Noch seinen Berfolgcrn aus Rastadt cntkam, wäre ein leckerer Bissen für die preußische Polizei gewesen," fügte er scherzhaft hinzu.
„Wie, Sic warcn Officier in der badischeu Revolutionsarnice und wagten sich nach Spandau?" fragte ich. „Die Kugel mar Ihnen gewiß, wenn man Sie gefaßt hätte."
XI. Nr. 7.
„Die Nürnberger hängen den Bcrbrcchcr erst, wenn sic ihn habcn," sagte Schurz lächelnd. „Uebrigcus bin ick, so vict ick wciß, rcr prcußischcn Polizei von Person nickt bekanni. Tic Gefabr war also nicht gar groß."
„Dic Polizei Hai nicht bloS ihre sckwarzcn Bückcr, sondern auch ric Bilder der rcinokralisckcii sichrer," crwircric Pcicrmann. „Hen v. Hinkclrcy und Consoricn werden sickcr im Bcsitzc Ihres Portraits scin. Ohnehin werden Sic steckbrieflich verfolgt."
„Dic preußische Polizei diöponirl auch über sehr bereute ire gchcime FondS," setzte ick, hinzu.
„Mag sein. Aber wer an meiner Slelle hätte gczaudc.i. wenn cs gall, den Panioicn und Dichier der demschen Naiion und den Gatten und Baicr rcr Familie zu erhalten und dem Lelirer und Freunde, wclcke», ick so Vieles sckuldc, durck die Thai zu danken?"
„Wir werden später weiicr mit Ihnen rechten," envidcrie ich. „Jetzl handelt eö sich vor Allem darum, Sie schleunigst in Sicherheit zn bringen. Werden Sie etwas dagegen haben, wen» ick die weitere Leitung dicscr Angclcgenhcil übernehme und Ihnen meine Ansicht auseinanderfetze?"
„Wir verlassen uns ganz ans Ihre Besonnenheit und Klugheit," antwortete Kinkel. „Wird cs schwcr hallen, uns schleunigst über See zn schaffen?"
„Ich bevaurc allerdings, daß wir in Rostock nichl im Boraus von der bevorstehenden Fluchi in Kennlniß gesetzl sind. Es wäre dann Alles zu Ihrem schleunige» Enikomme» von Iiier bcrcii ge wesen, währcnd wir nun crsl dic zu dcmselbcu nöihigcn Borberei lungcn zn treffen haben. Sie werden daher noch einige Zeit bei uuö verweilen müssen. Aber verlassen Sie sick ganz aus n»S. Niemand soll Sie hier unseren Händen einreißen. Tpäier crsl sind wir in der Lage, einen beslimnilen Plan für Ihre Weiierbeförrernng zu cnlwcrfen. ,^ür jetzi komiul es nur darauf an, Zhncn ein vor läufiges sicheres Asyl zu verschaffen «nr zugleich die ^pur, auf welcher Ihnen ric Polizei folgen kann, zu verwischen. Es ist in hohem Grade wahrscheinlich, daß diese Ihnen gerade aus dem von Ihnen eingeschlagenen Wege nachsetzi. Die Bermnihnng, daß Sie die Eisenbahnen wegen der verrälherischen Telegraphen vermcirc» nnd schleunigst den Seeweg zu gewinnen suchen werden, liegi selir nahe. Da nnn der Weg nach Mecklenburg zugleich reu Boribeil bielel, daß man auf demselben sehr rasch de», preußischen Gebicl cnlrinucn kann, so blieb Ihnen kaum ein anderer Weg, als rie Benutzung der Chaussee, welche von Berlin aus über Neustvelitz uud Neubrancenburg hierber fiihri. Deshalb schlage ich Jlmcn vor, daß Sie, nach genommenem Ladeiriink, sosorl an der Siarl voibei nach Warnemünde, rem zwei Meilen von hier cniscrnicn Hasenou Rostocks, fahrcn. Tori sinr Sic cinstweilen außerhalb rcr Schußweite rer Polizei. Mein Frennr, der Kausmann Bluhme, wird bald mil einer Droschke hier sei» unr gewiß ric Giilc habcn, 5ic zn bcglcilcn unr rorl ras Nölhige ausz»fn»rschafken. Bielleick» leiste! Ihnen auch mein freund N. Gescllschasl. Morgen komme ich nach, unr Sic werden dann mehr erfahren."
Der Kaufmann Bluhme war inzwischen mil der Troschke an gelang!. Alle stimmlcn mil meinem Borschlage überein. Der freundliche Wirlh zum „Weißen Kreuz" erschien nnr präsenliric Jedem von uns cin Glas dampscuren Eicrgrogs. Wir stießen ans unsere Flüchtlinge nur eine glückliche Reise an. Wir waren so heiler, als wären schon alle >-chwierigkcilcn beseiligt. Namentlich gericlh Kinkel in die liebenswürdigste Laune. Als ich ihm seine» cleganlen Pelz anlials, bcnicrkic er scherzend:
„Wie rasch ist doch rer Wechsel der Zeilen! Ehegeslern sleckie ich noch in der Züchllingsjacke nnr mußic mir mein Wasckwasser selbst holen. Heute bedient mich der Hcrr Präsidcitt rcr mecklen burgisckcn Abgeordnetenkammer beim Anziehen meines PclzrockcS."
Ich gewahrle bei dieser Gelegenlieil, raß seine Haud mil einem weißen blulbeflecklen Taschentuch umwunren war.
„Habe» Sic sich verletz!?"
„Beim Abbrechen rer Stäbe meiner Gefängnißlhür habe ick, mir die Hand verwunde!."
Die beiden Flüchtlinge stiegen mil Bluhme und freund T. in die Droschke und eitlen ihrem Bcslimmungsorl zu. Peiermaun setzle sich, nachdem wir uns herzlich umarmt bauen, in seine» Wiener Wagen, um allein nach seiner Heimaih zurückzufahren.
„Nun!" rief er, „sind daö nichl ei» Paar liebe, prächtige Kerls? Deiner Obhul habe ick, sic anveriranct, unr ich bin sicher,
daß, wenn Moses leine Balken über die Ostsee legt, Tu ein Königreich hingeben wirst, um ihnen ein Sckiff zu verschaffen."
Aus seine» Augen leuchlete die Freude und vcr Triumph, daß feine Mission so gut gelungen war. Als er schon eine Slrecke fort war, lehnte er sich aus dem Wagcnschlage, und ich sah ihu noch strahlend im Glück mir Kußhände zuwerfen. Ick selbst kehrte in die Stadt zurück mit dem vollen Bcwußlsein meiner Beraulworl' lichteil nur nickt ohne Sorge über de» endlichen Ausgang dieser Sache, aber fest entschlossen, Alles einzusetzen, um die Iheuren Flüchtlinge glücklich ans dein Bereiche ihrer Feinde zu bringen.
Am Abend kehrte Bluhme zurück und uuterricktetc mich von der glücklichen Ankunft meiner Freunde in Warnemünde,wo sie im Wöhlcrt'scheu Gasthause abgestiegen waren. Die Aussichten für ihr Weiterkommen lauteten iudcß nicht sehr ermulhigend. Der Sturm aus Nordost gestattete keinem Fahrzeuge das Auslansen aus dem Hafen. Tic Hauptschifffahrt war vorbei. Nur ein einziges Schiff tanzte ans der Rhede. Es war eine große mecklenburgische Brigg, die unter der Eorrespondeulihcderschaft eines Rostocker Kansmauns stand und nach London bestimmt war. Insofern sckien sie unseren Zwecke» zu entsprechen. Aber wenn das Welter ungünstig blieb, so kounle die Befrachtung noch lange Zeit in Anspruch nehmen. Wegen des großen Tiefganges der Brigg hatte sie nämlich im Hasen nur einen Thcil ihrer Ladung eiuuehmeu können, und sie sollte erst aus der Rhede vcrmittclst sogenannter Leichterschiffe ihre volle Fracht empfangen. Ueberdicö war eS mißlich, sich dem Eorrespondenlrhedcr nnd de», Schiffer anzuvertrauen. Demi wenn wir sie auch als Ehrenmänner kannten, welche unsere Flüchtlinge nicht verralhcn haben würden, so wußten wir doch nicht, ob sie nicht in dieser delieatcn Angelegenheit den Laudcsgesetzen nnd ihren Rhedcrn gegenüber Bedenklichsten hätten. Die Borsicht erheischte, daß wir uns keinem Abschlage aussetzten,
Uuter diesen Umstände» beschloß ich, mich einem Manne anzuvertrauen, der die Mittel und, ich wußte es im Boraus, den Willen hatte, das anvertraute Gut baldmöglichst über See zu spedircu. Dieser Mauu war Ernst Brockel mann, einer der bedeutendsten Kausleuic und Schissseigner in Rostock. Sein kaufmännischer Name hatte einen guten Klang, nicht blos in Mecklenburg, sondern auch in deutschen nnd außereenischen Handelsplätzen, Als warmer Vertreter und Fürsprecher der ärmeren Elasse war er seit 1848 in ganz Mecklenburg bekannt. Tie Hunderte von Arbeitern, welche er in seinem großen Fabrikclablissement beschäftigte, verehrten und liebten ihn wie ihren Bater. Tas Jahr 184« Halle uns zusainmengeftthrt und näher gebracht; wir gehörten Beide zu der Linken der mecklenburgischen constiluirenden Kamnier. Er war seitdem mein wcrlher Freund und Gönner gewesen. Dies war der Mann, den ich mir als Retter in der Noll) erkor.
Am anderen Mvrgen in der Frühe ging ich zu ihm nach seinem Fabriketablissement in der Mühlenthor-Borstadt, welches zugleich ein prächtiges WohuhauS enthält. Ich sand ihn in seinem geräumige» Zimmer, gemülhlich seine eben angezündete Morgenpfeife rauchend und mit ciucr Hand vorweg haltend, die andere Hand uach seiner Gewohnheit in der Seitcntasche seines granc» Flausrvcks, nnd mit seiner hohen imponircudeu Gestalt an den Ofen gelehnt. Wenn er gleich schon über die Fünfzig hinaus und sein Haar bereits grau war, so hatte er doch eine Gewandtheit in seinen Körperbewegungen und eine Lebhaftigkeit in seiner Sprache nnd seine», ganzen Wesen, daß mancher Vierziger sich dazu hätte Glück wünschen können.
„Herzlich willkommen, lieber Wiggers," rief er mir bei meinem Einlreten zn. „Was bringt Dich so zcilig hierher? Setz' Dich nieder! Sleck' Dir 'ne Eigarre an nnd erzähle mir, was Du auf dem Herzen hast! Hoffentlich führt nichts Schlimmes Dich um diese ungewöhnliche Zeit zu mir,"
„O nein, ick bringe gute, recht gute Neuigkeiten mit. Doch es ist noch ein Aber dabei. Mau darf den Anfang nicht vor dem Ende loben."
„Das klingt ja ganz gehcimnißvoll, und Du machst dazu ein so ernsthaftes Gesicht, daß man vermuthen muß, die Polizei hat Dick wieder einmal gehaussucht."
„Mit der Polizei hat die Angelegenheit, dcrcnlhalbcn ich zu Dir komme, allerdings auch zu lhun. Diesmal aber belrissl sie
!
nicht mich, sonder» zwei arme Unglückliche, die von der' preußischen Polizei verfolgt werden."
„Tie sollen sie nicht haben, wen» ich's hindern kann!" rief ^ Ernst Brockelmann lebhaft und lmllte sich in eine Rauchsäule.
„Zwei politische Flücktlinge sind eö, von denen der eine dem Zuchlhause entsprungen ist und der andere ihn besreiet hat."
„Dem Zuchlhause entsprungen?"
„Ja, dem Zuchlhause zu Spandau."
„Sein Name?" ,
„Kinkel." flüsterte ich.
„Kinkel?" rief er erstaunt. „Und der Andere hat ihn be- , sreik?"
„Ja, mit Gefahr seines Lebens. Wird er gefaßt, so wird man ihn zn Pntver und Blei begnadigen."
„Das ist ja ein Prachtkerl!" sagte Ernst Brockelmann in tiefer! Bewegung, ließ seine Pfeife an einen Stuhl hinuntergleiten, steckte die frcigewordcne Hand in die andere Scitentasche uns ging mit großen Schritten in der Stube aus und nieder, wie er zu ihun pflegle, wenn er in Aufregung war.
„Wo sind die Beiden?" fuhr er fort.
„In Warnemünde." .!
„Sie sollen zu mir in's Haus kommen." ^
„Tas ist es, warum ich Dich bitten wollte."
„Wann werden sie kommen?"
„Der Wagen, welcher mich zu ihnen bnngen soll, steht bereit.
Darf ich heute Nachmittag vier Uhr iu Krummendols, dem Dorfe
am rechten Warnowufcr, Dich mit Deinem Fuhrwerk erwarle»?
Ich werde dann mit den beiden Flüchtlingen dort sein!"!
„Ich werde mich pünktlich dort einfinden und die Beiden mil mir nehmen. Und das sage ich Dir, Wiggers, wenn ich sie eist in meinem Hause habe, bei Gott, dann möchte ich den sehen, der ^ es wagen wollte, sie wider meinen Willen abzuholen. Nun, leb' wohl, sage ihnen, daß ich ihnen mein Hans als Asyl anböle, und daß ich weiter für sie sorgen und sie baldmöglichst über See sperren würde!"
Wir sckiedc» händeschültelnd von einander. Bald darauf war ich auf dem Wege nach Warnemünde.
Dieser Ort, dessen hauptsächlich aus Lootsen, Fischer», Sandsahrcrn und Matrosen bestehende Bevölkerung etwa I8<X> Seeleu zählt, ist rücksichllich seiner staatsrechtlichen Stellung, wenn mau der Tefinilion des Rostocker Magistrats solgt, „nach de» bisherigen Vorgänge» und nach andere» historisckcn Anhaltspunkten eine zum Bortheile der Stadt Rostock, weil dieser unierthänige, in Unierorbnung gehaltene Eommuue, welche mehr als ein Dorf ist". Ausländem wird diese Definition, wie so vieles Andere in unserem Patrimonial staate, ziemlich unverständlich sein. Ich will daher hinzufügen, daßWarnemünde eine von Rostock abhängige Colonie ist, welche nichl ihrer selbst wegen, sondern bloö zum Vortheile und zur Ausbeutung ^ der Stadt cristirt. Um einen Begriff von dem Grade der Abhängigkeit zu geben, will ich nur hervorheben, daß weder ein Schläcktcr noch ein Bäcker sich dort niederlassen dars, daß vielmehr dieser Orl von 18<^« Einwohnern gezwungen ist, das »ölkige Fleisch und Brod von dem zwei Meilen enlfcruten Rostock zu kaufen. Die politische Abhängigkeil entspricht der materiellen. Der Rostocker Magistrat übt, über den Ort sein rein patriarchalisches Regiment durch eins seiner Mitglieder, Gewetisherr genannt, welcher in Rostock residirt nnd nur von Zeit zn Zeit, um Gerichtstage abzuhalten, Steuern bcizutrciben oder Acte der höheren Polizei oder Administration auszuüben, seine Pflegebefohlenen besucht. Der Vogt ist mit dem unter ihm stehenden Hegediener die einzige am Ort beständig anwesende Obrigkeit, welche der Autorität des Gewettsherr» unterworfen ist. Die allenthalben vordringende Eultur hat die gemüthliche Seite, welche diese patriarchalischen Zustände damals halten, auch in Warnemünde verdrängt. Das Amt res Vogtes und Hegedienerö ist späler durch jüngere Kräsle besetzt, welche unter dem Krummstabe eines!! strenggläubige» Predigers leben, der eifrig bestrebt ist, ein strafferes Regiment herbeizuführen u»d zur Erreichung seines Zweckes sich selbst vor Eonfliclen mit der städtischen Obrigkeit nicht scheut.
Im Jahre 185>^ aber eristirte noch das alte patriarchalische Regiment, der friedliche Ort wnßte von einem Kampfe der welllichcn nnd geistlichen Mach, noch nichls. Der damalige Prcdigcr, aus der altrationalistischen Schule stammend, kanzelte wohl.seine Gemcinlegliedcr in seinen Predigten recht tüchtig ab, aber außerhalb derselben ließ er sie in Ruhe und mischte sich niemals in Dinge, welche zu rem RessoN rcr wcl>lick)cn -Dbrigkeil gehören. Dcr alte Hegcriener, welcher zugleich Gastwir>>>schafl betrieb, war froh, wenn sein amllick>er Beruf ihn »i6u in Anspruch nalmi nnv er seine Zeit zur Bedienung orer Unterhalinng seiner Gäste verwenden konnte. Und ccr Vogt, welcher rie Sicbcnzig längst überschritte» hatte, ward selten anrrrswo gesehen, als inncrhald der Grenzen der Bogici, eines alten bausälligcn städtischen AmtsgebäurcS mit des Jahreszahl I6<_>5, welches rem jeweiligen Bogt als Wohnung dient und außerdem die nrlhigen Legalitäten für die „Rostockcr Herren", im Fall sie rrrt ihre obrigkeitlichen Amtspflichten ansüben, und einige 5,'ogirzimmer für Badegäste enthält. Wenn der alle Herr mit seiner hohen, breiten und mächtigen Gestalt, mit dein schwarzen Samnietkäppel ans dem ehrwürdigen wcißlockigcn Hauptc und mit seiner ständigen Begleiterin, der Pfeife mit mcerschaumcncm iiopfc, nach seiner Gewohnheit vor der breiten Fronle der Vogici ans und nieder wandelte und so chrfurchtgebictcnd nnd gutmüihig zugleich rareinschonie, rann freute sich Alt und Jung. Die Gäste aus Rostock kamen selten nach Warnemünde, ohne den alte» Bogt gesprochen orer begrüßt zn haben. Als der alle Herr sich in s Privatleben unr r^inil in eine Privatwohnnng zurückgezogen Halle, da vermißten Biete den ehrwürdigen allen Herrn, und die Vogici lag ohne ihn recht verlassen da. Uno als er vor ein paar Jahren einschlief, da trauerten Alle, die ihn kannlcn.

Mich knüpfte noch eine besondere Vorliebe an den alten Herrn. Er war mit meinem allen Vater, der mit ihm in ziemlich gleichem Aller stand, lange befreundet. Mein Vater unterließ nie, ihn bei seiner Anwesenheit in Warnemünde zu besuchen. Ich vergesse den Eindruck nicht, welchen cö immer auf mich machte, wenn die beiden alten Herren sich ehrfurchtsvoll begrüßten, rcr Vogt, inrem er sein schwarzes Käppoben abzog, und mein Vater, indem er seinen Hut abnahm, und mit entblößten weißen Häuptern einander gegenüberstanden, und sich dann treuherzig die Hände schüttelten und einander fragten, in welchem Jahre und an welchem Tage doch der Andere gebore» sei, und dann die Differenz berechne! wurde, und wenn sie dann wieder in derselben Weife sich lrenntcn nur mit dem stillen ernsten Bewußtsein, raß sie sich wohl zun, letzte» Male gesehen hätten, auf Wiedersehe» wünschten. Die wohlwollenden Gesinnungen, welche reu «lten Bogt beseelten, zeigten sich auch rariu, raß er sich ungern einschloß, seine polizeilichen Functionen auszuüben, nur, wenn irgenr möglich, Alles in Güte abznmachcn suchie. Die folgenre wahre Auckrotc legt ravon Zcugniß ab nnd charakleristtt zugleich rie patriarchalischen Zustänrc, in welchen sich damals der 5^rt noch befand.
Ein Gcusv'arm überlieferte ihm eines Abcnrs einen auf benachbartem Gebiete eingefangenen Spitzbube», um reusclbeu bis zum anderen Morgen, wo er weiter befördert nnv an die zuständige
Obrigkeit abgeliefert werden sollle, in Hafl z» behalten. Der Bogt gerieth darüber in große VeUegenhcil, renn ein Gefängniß exisliue am -Drle nichl, unr noch niemals Italic er einen Gefangene» zu be^ wachen gehabt. Seine angeborene Gutmiilliigkcit sträubte sich auch gegen rie Filiiciion eines Kerkermeisters. Er versttchte, mit dem Gensr'armen zn capiiulircn und ihn zu bestimmen, seinen t^csangcnen noch bis zur nächsten Slalio» zu bringe». Aber rcr Gcnsr'an» wollle nichl rarauf eingehe»: es sei schon späl, nur alle Verantworte lichkeit fiele ans rcn Bogl, wenn ricfcr rie Aufnahme res Gefangene» vcrweigerlc. Was sollle rcr unglückliche Vogt machen? Gcnsr'arm und Arrestant wurrcn erst mit einem gnlen Abeuressen rcgalirl und rann rcr letztere in ras Backhaus ciiigclasscu. Ein bölzcrncr Riegel ward vor rie Thürc resselbcn geschoben, nur zn mehrerer Sicherheit wurrcn vcrschierenc Scheite Holz gegen rie Thürc gestellt. Als aber am ankern Morgen rcr Gcnsr'arm scinen Arrestanten abholen wollte, sanr er rcn Ricgcl zerbrochen nur rie TKürc halb geöffnet. Der Vogcl war ravongeflogcn, unr Niemand Halle sich rarübcr im Süllen wohl herzlicher gefreut, als rcr Vogt.
Der gänzliche Mangel an polizeilicher Überwachung crliöblc nalürlich vie Anuehmlichkeiic» res Barclebens inWarnemünde, l Höchstens murrte wohl ein Berliner Badegast, wenn er zn seiner ! großen Verwunderung seine» an ren Vogl geschickten Paß sofort i mit rcm Eomplimcnt zurückcrhielt, raß solche Berliner Sitten in Warnemünde nicht cristirien. Vcrmißl ward rie Polizei in keiner Weise. Denn Diebstähle kannte man rorl nur rcm Namen nach. Dieser Rcspccl vor srcmrcn, Eigenlhnm wirsl ei» um so helle,es z.'ichl auf rie Rcmhcil der Wariiemünrcr Sitten, als rie Gelege» heil zum Slehlcn uirgcnrs besser sein kann, als gerade dorl, Ten Zugang zu ren Passagen nach ren Höfen Tüschen , von wo man in ras Vorder- und Hintergebäude gelange» kann, bildet eine nur mit einem hölzernen Ricgcl versehene Thür. Als höchste Vorsicht gilt, raß. wenn Niemand im Hanse zurückbleibt, rcr Schlüssel zur I Hansthüre hinter rem äußere» Fensterladen versteckt wirr. Der auSj geprägte Eigcnthuiuösiuu rer Garncmündcr würde einen Proud h vn zur Verzweiflung bringen. Im Ucbrigcn könnte er dort sein Problem der Anarchie verwirklicht finden. Ist es nöthig, daß Recht und Gerechtigkeit geschützt werden, so geschieht dies im Wege der Sclbsthülfc und Association, wie nachfolgender Vorfall zeigt.
Ein englisches Schiff, dessen Eapitain den Hafen, ohne die ^ootscngelrcr zu zahlen, verlassen wollte, ward mitten in der Fahrt von mehreren mit jungen Warncmündcr Seeleuten bemannten Böten attaquirl. Die kräftigen JnngcnS kletterten, wie die Eichkatzchcn, im Nu dic steilcn Schiffswändc hinauf, sxrangc» aufs Deck, kriegle» Eapitain und Mannschaft beim Kragen, und hatten innerhalb weniger Augenblicke die Zahlung rcr Sclmlv bcigciriebcn. Kcinc Obrigkeit hätte so promplc Justiz übcn können. (Fortsetzung folgt.)
Am 9. November war natürlich die Badesaison längst vorüber. Mit dieser halten anck die Dampfschissssahric» zwischen Rostock nnd Warnemünde aufgebort; nur ausnahmsweise noch wurden Segelschiffe durch die Dampfschiffe von einem Orte zum andern bugsirt. Der Warnemünder lebte wieder in stiller Einsamkeit und tröstete sich in derselben mit dem Gedanken, daß sieben Monate später die hcißcrsehnten gcldbeladcnen Badegäste wieder einzurücken beginnen würden. Dan» und wann fuhr wohl noch eine mit Sand oder Steinen beladene Jölle nach Rostock, aber auch dies mußte wegen der vorgerückten Jahreszeit bald aufhören. Der Verkehr mit der Mutterstadt beschränkte sich im Wesentlichen auf die Herbecholung der notwendigen Lebensbedürfnisse.
Aus der gegebenen Schilderung ersieht man, wie vortrefflich sich der Hafenplatz zum eisten Zufluchtsorte für die beiden Flüchtlinge eignete.
Gegen Mittag erreichte ich den Weg, der sich dicht an die Dünen bei Warnemünde hinanzog. Der Sturm brauste »och immer aus Nordost, und die Brigg tanzte wie ein Korkstöpsel auf der Rhede. Kinkel, Schurz und meinen Freund N. sah ich niir vom Strande aus entgegenkommen und gegen die Kraft des Sturmes ankämpfen. Ich verabschiedete meine Droschke und ging aus die Freunde zu.
„Willkommen, willkommen," tönte es mir entgegen. „Wie stehen die Aetien in Rostock?"
„Herzlich willkommen," erwiderte ich. „Wir können dreist
«, In, iilwz«« spcculiren. Aber, mit Ihrer gütigen Erlaubniß, wer heißt Sie denn am hellen Tage an der Seeküfte promenircn und sich der unnölhigcn Gefahr des Verralhö aussetzen?"
„O," entgegnete Schurz, „diese biedere» Sccnianiisnaturen mit ihren wellergebrännten Gesichter» und ihren „Südwesters" auf den Köpfe» wisse» wohl »tit den Elementen zu kämpfe» und den Tücken des Meeres Trotz zn bieten, aber die Tücken der Menschen ahnen sie nicht einmal, viel weniger noch sind sie fähig, Leuten wie wir, die Schutz in ihrem Hcimaihsort gesucht haben, die Gastfreundschaft zu brechen und sie zu vcrrathcn."
„Wir konnten der Schönheit und Großartigkeit der Natnr nicht widerstehen," rief Kinkel. „Wir horten das Brausen deS Meeres nnd den Sturm durch die Takelagen der Schisse heulen und pfeifen, und sahen in der Ferne die Mhriadcn von weißglänzenden Häuptern riesiger Wellen. Mit unwiderstehlicher Krast zog es uns fort an'ö Meeresufer, Und wie reich sind wir belohnt! Wie majestätisch rollen die Wogen daher, und wie erhaben ist die rnhige Gleichförmigkeit ihrer Bewegung in dem anscheinenden Chaos des Ganzen, wie überwältigend der Anblick, wenn die Wogen sich brechen und ihren Schaum gcu Himmel spritzen und wie ein Heer von Furien und Dämonen brausend und zischend aus das Ufer zustürzen! Jetzt erst empfinde ich die Grausamkeil der Menschen, die mich so länge im Kerker schmachten ließen nnd so lange mir Deine Schönheit entzogen, o göllliche Naiur!"
Unv im Entzücken über den majestätischen Anblick breitete er seine Arme gegen das Meer aus, als wollte er die große Natur an sein Herz drücken. Seine Brust hob sich und mit vollen Zügen schlürfte er die herrliche Seeluft, wie wenn dieser Augenblick ihn entschädigen sollte für die dumpfe Kerkcrlnft und den Staub des Spulrades, welche er so lange Zeit hatte athmen müssen.
Unser Aller bemächtigte sich eine tiefe Rührung und eine feierliche Stimmung, und wir gingen eine Zeil lang schweigend weiter. Darauf wandte ich mich an Carl Schurz und sagte zu ihm:
„Die braven Warnemünder thun Ihnen allerdings nichts zu Leide. Aber das Gerücht, daß zwei Fremde sich hier zu einer so ungewöhnlichen Zeit aufhalten, könnte doch nach Rostock dringen und die Aufmerksamkeit der dortigen Polizei um so mehr erregen, als voraussichtlich die steckbriefliche Verfolgung Kinkel's nicht lange auf sich warten lassen wird. Es ist daher mein Plan, Sie vorerst nach Rostock zu schassen, wo Sie so lange verborgen leben können, bis sich die Gelegenheit bietet, Sie mit einem Schiff nach England zu schaffen."
„Wie rasch sind die dänischen Inseln zu erreichen?" fragte Kinkel. „In sechs Stunden können Sie mit einem Dampfschiffe von hier nach der Insel Falstcr kommen."
„Können wir nicht in einem Boot hinüberfahren?" „Allerdings. Im Sommer geschieht dies wohl dann und wann. Aber um diese Jahreszeit würde sich schwerlich ein Warnemünrer dazu verstehen. Ucberdies ist die Landung in Falster gefährlich, weil man nicht wissen kann, ob die dänische Regierung sich wegen ihres Verhältnisses zum deutschen Bunde nicht verpflichtet hält, Sie auszuliefern."
„Wie lange kann es dauern, daß ein Schiff zu unserer Disposition steht?" fragte Kinkel.
„Das läßt sich noch nicht bestimmen. Einstweilen handelt es sich nur darum, Sie vorläufig in Sicherheit zu bringen."
„Sollte es unter diesen Umständen nicht besser sein, wir führen nach Hamburg und suchten von dort nach England zu entkommen? Es werden dort alle Tage Schiffe nach England gehen."
„Ganz richtig. Aber Sie würden dort der preußischen Polizei geradeswcgs in die Arme laufen. Denn in Hamburg und Bremen wird man vorzugsweise vigilant sein, eben weil die Flucht von dort aus am leichtesten zu bewerkstelligen ist. Jedenfalls aber vermehrte sich die Gefahr für Sie um die durch Zurücklegung des WegeS von hier nach Hamburg entstehende Chance. Mit der Eisenbahn, deren Bahnhöfe zu Hagcnow und Hamburg bewacht sein werden, dürften Sie naiürlich nicht reisen, und wenn Sie mit einem Fuhrwerk fahren, so könnten Ihnen die Gensd'armen in den Weg kommen."
„O, vor diesen fürchten wir uns nicht," rief Schurz und griff nach seinen in der Seitentaschc befindlichen Pistolen. „Wir sind hinlänglicl) darauf vorbereitet, es mit zweien oder dreien von ihnen aufzunehmen."
„Ich zweifle nicht daran," versetzte ich, „daß Tie im Falle der Gefahr zum Aeußersten entschlossen sind und daß es Ihnen im Noihfallc nicht darauf ankommen würde, ob Mecklenburg ein paar GcnSd'armen mehr oder weniger besäße. Aber Sie müssen eine solche Gefahr vermeiden. Eine den Gens'darmen gelieferte Schlacht würde Ihrer Flucht gar nicht förderlich sein, vielmehr die gesammtc norddeutsche Polizei in Bewegung setzen und auf die richtige Spur leiten. Aber selbst wenn die Chancen für das Gelingen der Flucht über Hamburg weniger ungünstig wären, als sie es sind, so würden doch meine Freunde nnd ich aus unserer Obhut Sic nicht entlassen. Sic sind umser anvcrtrautcö Gut, nnd wir sind dafür verantwortlich, Sic glücklich von hier fortzuschaffen. Vertrauen Sic daber nnö ganz. Der Kaufmann Ernst Brockclmann in Rostock bietet Ihnen durch mich sein Haus als Asyl an. Als einer der bedeutendsten Schiffseigner wild er Rath für Ihre Weiterbeförderung zu schaffen wissen. Wir haben außerdem einen Plan miteinander besprochen, wonach man Ihre Spur hier verliert und Tie plötzlich wie Meteore wieder in Rostock auftauchen."
Wir gelangten mittlerweile zum Wöhlcrtfchcn Gasthofe. Das M^tagscsscn stand schon bereit. Ein erquickender Schlaf, dessen die Flüchtlinge sich in der verflossenen Nacht nach den furchtbaren Aufregungen der vorhergehenden Tage zu erfreuen gehabt hatten, und die gesunde frische Seeluft hatten sie sichtlich gestärkt. Meine beruhigenden Mitteilungen hoben ihre Stimmung, und so speisten wir denn in der heitersten Laune.
XI. Nr. 8.
„Womit haben Sie sich denn gestern die Zeit vertrieben?" fragte ich.
„Die Herren haben fortwährend geschlafen," erwiderte N. „Ich habe mich während der Zeit schrecklich gelangweilt, wiewohl ich mich über ihren langen Schlaf freute. Erst gcgcn Abend standen sie ans, und dann haben wir noch spät aufgesessen und geplaudert."
„Ja," sagte Kinkcl schcrzcnd, indem er auf Schurz zeigte, „der „Kleine" dort hat so fest geschlafen, daß er es nicht bcmcrkt haben würde, wcnu auch zehn preußische Polizisten hereingelrctcn wären, um mich fortzuschleppen."
„Da thun Tic ihm doch Unrecht," erwiderte N. „Ich habe Ihren Freund auf die Probe gestellt. Ich wollte sehen, wie weit seine Wachsamkeit ginge, und schlich mich ganz sachte nach dem Zimmer, in welchem Sic beide Ihren sechsstündige,, Nachmittagsschlaf hielten. So leise wie ich konnte öffnete ich die Thür. Da sah ich Sie im festen Schlafe, aber Ihr ^rcnnd schlug sofort die Äugen auf, richtete sich in die Höhe und ergriff seine oben ans seiner Bettdecke liegenden geladenen Pistolen. „Gut Freund" rief ich und trat eilends meinen Rückzug an."
„Der „Große" scheint mir sehr undankbar zu sein," sagte Schur; zn Kinkel, „und wenn ich mir die Sacke recht überlege, so thut es mir eigentlich leid, daß ich ihn nicht feinem Schicksale überlassen habe."
„Du, nimm Dich in Acht, reize dcu Löwen nicht! cin Glück für Dich, daß Du mein Befreier bist!" rief Kinkcl mit komischem Pathos. „Run aber," fügte er hinzu und blickte Tckmz zänlich an, „kann ich Dir nicht zürnen. Hast Du uicht Alles siir mich eingesetzt? Komm, wir wollen Frieden machen, stoße mit mir an. Deine Gesundheit!"
Wir stießen die Gläser .zusammen und leerten sie auf des Befreiers Wohl.
„Ja," sagte Kinkcl crnst, „wcnn Dir Deine wunderbare Flucht anö Rastadt nicht gelungen wäre, dann säße ich nicht hier, und wo Du jetzt wärest, daS wissen die Götter."
„Als ich mich »Itter der Rastadler Brücke verborgen hielt und die verdammte Schildwachc mit ihrem Bajonnetgewehr durch die Oeffnung in der Brücke stieß, um ans gut Glück zu erproben, ob ein Mensch oder eine Ratte darunter steckte, da fchlic nur eines Haares Breite, und ich wäre den elenden Tod des Ansspicßens gestorben. Davor bin ich glücklicher Weise behütet uud ich bin frol,, daß ich hier sitzen und diesen ganz ausgezeichneten Seefisch essen kann. Ich denke, auch Dir schmeckt das Essen?"
„O ganz vortrefflich," erwiderte Kinkcl. „Der Schlaf nnd die Seeluft haben mich so erquickt, daß ich einen wahren Wolfshunger habe."
„Die Warnemünder Kost wird Ihnen auch besser gefallen als die Spandauer," bemerkte ich.
„Die Kost in Spandau hat mich gerade nicht verwöhnt. Man machte mit mir nicht mehr Umstände, als mit einem gewöhnlichen Zuchthanssträ'fling. Zum Lager hatte ich einen Strohsack. Tie spitzen Strohhalme haben mich oftmals aus dem Tchlaf geweckt und mir die Backen wnnd gerieben. Die ZüchilingSkost war fast ungenießbar. Rur viermal im Jahre, nämlich an des Königs Geburtstage und am ersten Feiertage von Weihnachten, Ostern nnd Pfingsten, erhielten wir Fleisch. Anö Wasser und trockenen, Brode bestand meine Hauptnahrung."
„Bekamen Sic keine Butter?" fragte ich.
„Ja, die habe ich mir in Spandau durch meine Arbeit zn verschaffen gewußt. Als ich noch in Naugard war, da hatte ick eine humanere Behandlung. Der Dircctor des dortigen Zuchthauses, Schnuggel, gehörte freilich zu den Erzfrommen und empfing mich mit den salbungsvollen Worten: „„Mein Sohn, Du mußt Deinen Blick nun ganz von der Außenwelt abwenden nnd Dich einzig und allein mit Deinem Gott beschäftige,,."" Aber er wollte doch die ihm von Berlin crihcillen strengen Instructionen an mir nicht zur Ausführung bringen. Darum schickte man mich nach dem Spandauer Zuckihause, dessen Director Jescrich man die nöthigc Energie zutraute, um meinen Trotz, wie man es nannte, zn brechen nnd meinen Geist zu beuge». Ich sollte das aufgegebene wöchentliche Pensum spulen. Wer sein Pensum nicht schafft, wiid bestraft, zuerst mit Entziehung der warmen Kost und dann mit Prügeln. Ich that das Möglichste, um mein Pensum fertig zu bringe». Der Triumph sollte meine» Feinden nicht werde», daß sie draußen mit höllischer Schadenfreude hätten erzählen können: „„Wissen Sie schon, der Professor Kinkel hat sich in Spandau so aussätzig betragen, daß er nach de», Zuchthausrcglenient mit Rohrhiebcn hat gezüchtigt werden müssen? Es thnt uns wirklich leid um den Mann."" Ich nahm meine ganze Kraft zusammen. Meine Hände rieben sich wund und bluteten. Trotz der wüihcndsten Schmerzen spulte ich sort. Meine Energie siegle. Als der Herr Dircelor meine Arbeit am Ende der Woche nachsah, war er erstaunt über meine Leistung. Ich hatte, was wenigen Zuchlhaussträfliiigcn im Anfange gelingt, das volle Pensum fertig gebracht. Allmählich heilten die Wunden, und an die Stelle derselben bildete sich eine unempfindliche harte Hornhaut. Ich erlangte eine solche Fertigkeit im Spulen, das; ich mehr als das Pensum zu leisten vermochte. Dafür empfing ich reglemenlsmäßig eine kleine baare Vergütung, und mit dieser verschaffte ich mir wöchentlich einige ^'oih Butter, so daß ich an Sonntagen mein Brod nicht trocken zu essen brauchte."

„Hatten Sie denn gar keine geistige Nahrung?"
„Außer der Bibel hatte ich kein Buch. Und bei dem gänzlichen Mangel geistiger Thätigkeit war die körperliche Arbeit eine wahre Barmherzigkeit. Ohne diese hätte mich die Jsolirhaft zum Wahnsinn geführt."
„Weg mit den traurigen Bildern der Bcrgaugenheii!" rief Schurz. „Wir wollen uns an die Gegenwart hallen und der schönen Aussicht uns erfreuen, daß wir bald ans dem Bereiche unserer Feinde seiu werden."
„Du hast Recht," erwiderte Kinkel. „Ist mir doch seit Kurzem so viel Siebes widerfahren und eine solche Aufopferung cnlgegengclretc», daß vor solchem Glänze die düsteren Schallen vergangener beiden verschwinde» müsse». Dürfen wir nicht mit Berlranen dem dcrcinstige» Siege unserer Sache entgegensehen, wenn die Ansopsernngssähigfeil unserer Partei in so Hellem Glänze strahlt? Der Demokraiie ein Hoch!"
„Die Demokralie soll leben!" riefen wir begeistert und leerten unsere Gläser.
„Allens ttoar, Harr Wiegcrts," rief der Warnemündcr ^'ootsc, dessen Boot ich zu halb vier Uhr bestellt hatte, mit rauher Seemannsstimme in die geöffnete Thür hinein.
Wir brachen auf und stiegen in die an der „Wöhlert'schen Wäsche" bereit liegende Zölle. Der Nordoststurm Halle noch nicht »abgelassen. Das Boot war mit starkem Ballast verschen. Nur ein Segel war beigesetzt und dies noch dazu cingcressl. Unser Voolse nahm die Scholen * in die Hand, um im Nvlhfalle das Segel sallen lassen zu können. „Ick will up de Schoten passen," sagte er zu mir, „und Se süud wol so god und stiern (steuern^ 'n bäten, Harr Wiegerls." —
„Ja, wenn Se nich vör mi bang sünd." —
„O wie führn jo hül nich lom iersten Mal mitenander, Harr Wiegerls, ick wet jo, dat Se stiern könen." —
Ich setzte mich ans Sleuerrudcr. Wir stießen ab, und vorwärts schoß das Boot wie ein Pfeil. Und als das Boot so dahin flog, niit seinem spitzen Borderlhcil daö Wasser schanmspritzend zerlhcilend, und sich dann und wann so ans die Seile legte, daß das Wasser über Bord lief, da hätte man glauben sollen, wir müßlen nns in den l.^rund segeln. Aber die Warnemünder Zöllen liegen wie die Enlcn auf dem Wasser, ihr scharser Kiel schütz! sie vor dem Umsallen, und wenn nur gut aufgepaßt wird, so segelt man mit ihnen ohne Gefahr. Unsere beiden Srcunde freuleu sich des ungcwohnlcn Schauspiels. Als wir auf den sogeuaunten Breitling kamen, wo der Wind so recht ansetzte und die Wellen über unser Boot hinübcrschlugcn, brachen sie in laute Ruse der Bewunderung aus. In weniger als einer halben Stunde waren wir fast eine Meile die Warnow hiuaufgcsegclt. Hinler dem Holze am rechlcn Warnownfer schwenkte ich das Steuerruder rechts, und das Boot stieß ans Ufer. Wir stiegen anö !l?and. Ich drückte unserem 5'ootsen ein gutes Fährgeld in die Hand nnd sagte zu ihm:
„Wenn Se to Huns kamen nnd lofällig fragt werden söllen, wo Sc uns henführt Hadder,, denn brukcn Sc se dat ja grar nich to seggcn."
„Sihr woll, Harr Wiegcrts," crwidertc er nn? nickte bejahend, indem er die Hand an seinen „Südwester" legte und damit Abschied nahm.
Wir gingen den am Holze sich Hinzichenden Weg hinan und
* ,,Schoten" ist cii, Äiliistaiiodriick siir die Taue am »ntttcn E»tc de« ScgclS, mit welchen diese« am Boote befestigt wird.
wandten uns nach dem ans der Anhöhe liegenden Dorfe Krummendorf, dem Stelldichein, welches ich mit Ernst Brockclmann verabredet hatte. Fast gleichzeitig mit uns lras dieser dort ei»; er war seinem Wagen voranfgcgangcn. Brockclmaun nmarmle die beiden Flnchllingc und drückle ihnen in herzlicher Weise seine Freude darüber ans, daß ihm ein Anthcil an dem Gelingen ihrer Flucht rescrvirt sei, „Sic werden nun zu mir kommen und für eine kurze Zeit sich gefallen lassen müssen, meine Gäste zu sein," snhr er sort. „In Rostock giebt es keinen Platz, wo Sie sicherer wären, als bei mir. Mein Haus hat Ausgänge und Schlupfwinkel die Menge, und es würde schon einer ansehnlichen Polizeimachr bedürfen, um Ihnen die Flucht von dort abzuschneiden. Uebcrdics ist es nichts Ungewöhnliches, daß Fremde, mit denen ich in Geschäftsverbindungen stehe, bei mir logiren. Es hat daher Ihr Aufenthalt in meinem Hause nichts Auffälliges. Inzwischen werde ich die Vorbereitungen tressen, damit Sie baldmöglichst nach England kommen können. Haben Sie Bcrlrauen zu mir. Mit Gottes Hülfe wird Alles wohl gelingen."
Der Wagen war inzwischen herangekommen. Die beiden Flüchtlinge stiegen mit Ernst Brockclmann hinein. Ich selbst zog es vor, mit N. zu Fuß nach der „Fähre", einem am rechten Warnowuscr der Stadt gegenüberliegenden Berguiigungsort, ,zu gehen und mich von dort mit einem Boot nach der Stadt übersetzen zn lassen. Um von Krnmmendors zu Wagen nach Rostock zn gelangen, bedarf es eines längeren Weges, der nach der Pelrivorstadt und über die Petri-Warnowbrücke iu die Stadt fuhrt. Auf diesem Wege gelangten die Freunde in die Stadt. Ernst Brockelmann snhr mit den beiden Flüchtlingen nach seinem Hanse, in welchem sie als zwei so eben mil dem Eisenbahnzuge angelangle fremde Kaufleule, mil Rainen Kaiser nnd Hensel, vorgestellt wurden.
Johanna Kinkel, die hochherzige dcnlschc Frau, hat zuerst den Plan zur Flucht ihres Mannes gesaßi. Earl Schurz, mit der Kinkel'schcn Familie eng befreunde! und ein begeisterler Schüler und Verehrer Kinkcl'S, sagte bereitwilligst seine Unterstützung zu. In der badischc» Rcvolulionsarmcc haue er, ein Jüngling von 20 Jahren, als Osficier und Adjnlanl im Stabe Tiedemann's, des Eommaudanlen von Rastadl, gedient, während fein Lehrer Kinkel, der damals W Jahre alt war, sich als Gemeiner hatte cinrangiren lassen. Ungeachtet schon die Preußen in Rastatt eingezogen waren, hatte er doch durch die Flucht, deren Ausführung seiner Entschlossenheit nnd Klugheit ein glänzendes Zeugnis; ausstellt, seinen Verfolgern sich zu entziehen und nach der Schweiz zu entkommen gewußt. Dies sichere Asyl verließ er, der steckbrieflich Verfolgte, um in Bonn, wo sein Vater Gastwirth war und wo Jedermann ihn kannte, mil Frau Kinkel das Nähere wegen der Flucht ihres Mannes zu verabreden. Der Dr. Fal kcnthal, später durch den „Berliner Hochvcrralhsproceß", welcher ihm das ^'eben kostete, bekannt geworden, ward von ihr, nachdem er, wie der Staatsanwalt Nörner behauptet, im Juni I6ii<) von ihren Jnlenlioncn dnrch den Assessor Bergeroth unterrichtet und für den Plan gewonnen war, brieflich ersucht, die Zelle ihres Mannes nach einer gelieferten Beschreibung zu ermitteln. Derselbe entsprach diesem Wunsche, begab sich zu diesem Bchnsc nach Spandau, erforschte die Zelle und theiltc das Resultat seiner Forschungen an Frau Kinkel mit. Nachdem Carl Schurz im Juli 1^!>l> der polnischen Versammlung in Braunschwcig, wo ich seine Bekanntschaft gemacht, beigewohnt und sogar an der Debatte sich bclhciligt hatte, ging er nach Bonn zurück. Demnächst »lachte er sich auf den Weg nach Berlin, um persönlich bei der Befreiung mitzuwirken, weil, wie er nach Aussage des Staatsanwalts Nörner einem Freunde mitgctheilt hat, die bisher mit der Ausführung derselben betrauten Personen kein hinreichendes Geschick nnd keine hinreichende Thaltrasl besaßen, und traf dort am N. August ein. Er nahm seine Wohnung in der Markgrafcnstraße Nro. Äi bei Rhedes nnd Müller. Gleich am anderen Tage vcrlctzlc er sich beim Baden die linke Hüflc so erheblich, daß er durch drei Herren in seine Wohnung geschafft werden mußlc. Hier wurde er zuerst von dem !>>', ^apierre nnd fpärer von dem Dr. Tendering, seinem Univcrsiiätsfrcnnde, behandelt. Dieser Unglücksfall unterbrach nicht allein die Ausführung seines Planes, sondern setzte ihn auch der Gefahr der Entdeckung aus. Schurz war aber nicht der Mann dazu, um sich durch solchen unglücklichen Zufall entmuthigen zu lasten. Er genas balv wieder und begann nun um so energischer die Vorbereitungen zu seinem Unternehmen.

Als Schurz eines Tages auf der Straße ging, begegnete er eine», allen Univcrsitätsfreundc. Er suchte ihm auszuweichen. Dieser aber erkannte ihn nnd redete ihn, indem er ihm in neckischer Weise mit vem Finger drohte, mit den Worten an: „Ich weiß schon, warum Du hier bist!" Schurz erschrak, aber er blieb »n
^ besangen. Dieser Borfall bestimmte ihn, sich seinen alten Univcrsitälsfrcnnscn aus Bonn, welche in größerer Zahl in Berlin sturirten, offen zn nähern, weil er mit Recht dadurch um so mehr aus ihre Discretivu rechnen zu können glaubte. Er prafcntirte sich ihnen im Kasfeehansc von Pietsch in der Leipziger Straße, wo
i sie vielfach verkehrten, um? ward von ihnen jubelnd begrüßt. In
j Gesellschaft seiner Frcuudc führte er seinen wahren Namen, Frem
l den gegenüber nannte er sich Jüsscu. Am 10. September verlieft er aus Besorgnis;, von der Polizei entdeckt zu werden, feine Wohnung, reiste nach Hamburg, kehrte von dori nach 14 Tagen wieder zurück und nahm dann seine Wohnung bis zur Kluchl Kinkel's
^ bei dem Dr. Falkcnthal in Moabit.
Fast drei Monate verweilte Schurz in Berlin, unbclästigt von der sonst so scharfsichtigen Berliner Polizei. Um die für die Flucht nothwcndigcn (Geldmittel aufzubringen, konnte der Kreis der in das Geheimniß Eingeweihten nicht auf Wenige beschränkt bleiben. Hervorragende Mitglieder der demokratischen Partei waren von dem Borhaben in Kcnntniß gesetzt, und diese konnten wiederum nicht umhin, denjenigen ihrer Gesinnungsgenossen, deren pecuniärcn
, Beistand sie in Anspruch nahmen, allgemeine Mitlhcilungen über das, was im Werke war, zu machen. Allerdings waren es nur Wenige, welche den Fluchiplan in seinen Einzclnhcilen entwarfen und kannten. Aber nm die beabsichtigte Flucht Kinkel'« wußten Biete. Schon die Zahl derjenigen, von denen einzelne dircctc Hülfsleistungcn in Anspruch genommen wurden,
!^ war nicht unbedeutend. Auch in Mecklenburg hatte man dazu verschiedene Persönlichkeiten gewonnen; man bedurfte ihrer, um die Relais bereit zu halten. Es freuet mich, es hier aussprechen zu können, daß alle diejenigen Mecklenburger, an die man sich von Berlin aus gewandt hat, bereitwilligst der an sie gerichteten Aufforderung entsprochen haben und zur bestimmten Zeit und am bestimmten Ort mit den Relais zur Hand gewesen sind. Ter Zufall hat es gewollt, daß von den Relais kein Gebrauch gemacht werden konnte. Aber der gute Wille war da. Diejenigen unter ihnen, welche der demokratischen Partei angehörten, bedürfen keiner Anerkennung, denn sie thatcn nur ihre Pflicht, indem sie zur Rettung ihres Gesinnungsgenossen, eines der hervorragendsten Führer der demokratischen Partei in Preußen, in der Siunde der Nvih herbeieilten. Aber die gerechte Ancrkennnng darf demjenigen nmcr
! ihnen nicht versagt weiden, welcher, der entgegengesetzten Partei angehörend, dennoch nicht zöstbrte, sich der Gefahr auszusetze», als eS galt, nicht dem politischen Gegner, wohl aber dem Menschen die rettende Hand zu reichen. Biel größer als die Zahl derjenigen, welche bei der Flucht direcl thätig sein sollten, war die Zahl derjenigen, deren Geldmittel in Anfprnch genommen wurden. Dcfsrnungcachtct wurde das Geheimniß strenge bewahrt. Wenn Bicle nm ein Geheimnis! wissen, so kommen sonst leicht nnbestimmie Gerüchte in's Publicum. In diesem Falle vcrlauibarte nichts. Die Polizei hatte nicht die geringste Ahnung von dem, was sich ereignen sollte, keine Warnung drang zn ihr. Man bat später viel von einer Begünstigung der Flucht von oben gefabelt. Die Reaelion hat das Ihrige dazu beigetragen, solchen fabeln Borschub
i zu leisten. Ais da? Opfer ihren Händen entschlüpft war, da verbarg sie, nm sich in der öffentlichen Meinung zn rehabilitiren, ihre Ohnmacht nntcr der Maske rcr Großmulh. Die Reaelion war nicht großmüthig wann ist sie es jemals gewesen? aber die Polizeispionc waren einem
Kinkel gegenüber machtlos. Auf alle Fälle war es aber zweckmäßig cingerichlel, daß um den fluchiplan selbst nur scbr wenige zuverlässige Personen wußten, so daß, auch wenn die Polizei Wind von rein Unternehmen bekommen hätte, die Fäden zn demselben sehr schwer hätten aufgefunden werde» können,
Tic nölhigen Geldmittel wurden von rer demokratische» Partei in Preußen, namentlich in BeUin und Stettin, aufgebracht. Ein bedeutender Beitrag kam von einer Seile, von welcher man es am wenigsten envanct hätte. Die russische Baronesse Brüning, geb.
Fürstin Lieven, gab zu dem Befrcinngsversnch in hochherziger Weise die Summe von MX) Thalcr. Sic war bereits im Mai nm dieselbe Zeit, wo Kinkel von Nangard nach Spandan transportirt wurde, in Berlin eingetroffen, um durch Berweudung bei den dortigen Behörden seine Lage zu verbessern. Im Juni kehrte sie nach kurzer Abwesenheit nach Berlin zurück und wohnte dort bis etwa Mitte Juli in, Hotel de Ronie. Die preußische Polizei hatte einige Zeil nach der Befreiung Kinkel's Knnde von der Bethcilignng der Fürstin am Unternehmen bekommen, und ließ in Hamburg, wo sie sich gerade mit ihrem Gemahl aufhielt, nach vorgenommener Haussuchung, bei welcher sich compromillirendc Briefe fanden, ihre Sachen mit Beschlag belegen. Der Verhaftung einzog sie sich durch die Flucht nach England. Auch bedeutende Geldsummen und Wcrlhpapierc wurden von der Polizei in Beschlag genommen. Diese aber mußten dem Baron Brüning, der sie als die seinigcn reclamirie und von der Belhciligung der Fran an der Kiukcl'scKeu Flucht keine Ahnung hatte, zurückgegeben werden. Einige Jahre später ist die Baronesse Brüning in London gestorben. Tie Erinncrnng an ihre That wird ihr die letzten Stunde» leicht gemacht haben.
Nachdem Carl Schurz wieder hergestellt war, begab er sich fast jeden Abend zwischen 5 nnd li Uhr nach Spandau. Er wählte regelmäßig den ans dem rechten Sprecufer von Moabit nach Ebarloiienburg führenden Weg nnd legte diesen zu Fuß entweder allein oder in Gesellschaft Falkculhal's oder eines anderen Fnuuces zurück. Bon Eharlolleubnrg suhr er dann in einem einspännigen Wagen, welcher stets dem Schlosse gegenüber vor dem Kaffcehause von M orel li hielt, nach Spandau. Hier lehne er bei dem Gastwirth Krüger ein und blieb,, wenn er sich verspätet hatte, bei demselben die Nacht. Tnrch Falkcnthal's Bermiltclung manne er die Bekanntschaft verschiedener in Spandau wohnender Personen, welche seinen Zwecken dienen konnten. Sic wurden iu's Geheimuiß gezogen und sagten ihre Unterstützung zu. Schurz wagle sich auch in das Zuchlhaus selbst. Falkcnihal führte ihn darin umher und zeigte ihm die Zelle Kinkel's.
Die Strafanstalt Spandau liegt innerhalb rcr Stadt. Sie bildet ein an vier Siraßen grenzendes längliches Bicrcck und besteht aus zwei Abiheiluugcn. welche durch einen Querflügel getrennt sind. Sic hat zwei Eingänge von der Potsdamer Straße aus. Der eine, der Hanplcingang, sührt nach dem kleinen Hofe, der andere in die Tienstwohnuug des Zuchthaus directors Jescrich. Dem Haupteiugange gegenüber führt eine steinerne Treppe in zwei Absätzen nach dem zweiten Stock hinauf. Die Zelle, welche sich auf dem zweite» Treppenabsätze nnmiitelbar links befindet, war Kinkel's Isolirzelle. Diese erstreckt sich qncr dnrch den Flügel von der Jürcnstraße »ach dem Hofe uno hat sowohl nach rer Jücenstraße als „ach dem Hose zu ein mit Eise» stäbcn versehenes Fenster. Das nach der Iürenstraße sühreude Fcustcr ist von außen mit einem Blechtaste» verwahrt, außerdem mit einem engen Drahtgiiler nnd innerhalb mit einer aus zwei Flügel» bestehenden hölzernen Lade versehen, welche des Nachis mittelst eines Schlüssels verschlossen wird, Tic Zellc selbst ist dnrch cin von dcr Tccke bis zum Fußboden gehendes, aus starken, zwei Zoll von einander stehenden hölzernen Lattcn und hölzernen Querriegeln bestehendes Gitter in zwei Abheilungen getrennt. Das Gitter hat eine ebenfalls aus Latten und Querleisten bestehende Thüre, welche nach der nach dem Hose gerichieten Seile mit einem starken Schlosse versehen ist und während rcr Nacht verschlossen ward. Die Zelle Hai nur den einen eben erwähnten Eingang von der Treppcuflur aus unr wird durch zwei mittelst verschiedener Schlösser verschließbare Thürcn von starkem Holz verschlossen.
Nur zwei Wege gab es, Xinkel aus seinem wohlverwahrten Gesängniß zn besrcien, entweder dnrch ofsene Gewalt oder heimlich durch List. Ter erste Weg blieb anßcr aller Frage. Der zweite Weg war daher der einzige, welcher zum Ziele sichren konnte. Er ersordenc aber die Hülse eines der Aufseher, welche Kinkel zn bewachen hallen. Tie wichligstc nnd zugleich schwierigste Ausgabe war es, eine solche Hülfe zn gewinnen. Wie die« ohne Gefahr bewerkstelligen? Ein verfehlter Bersnch konnte für immer die Sache zum Scheuern bringen. Die Borsiclnsmaßregeln wären verdoppeli und >iinlel wahrscheinlich in «elien geschlagen worden, wenn die Behörde Xenittuiß von rem fluchiplan erhalten haue. Man mnßlc also mii der äußerste» Bmsicht zn Werke gehen. Es galt, einen dcr Ausschcr zuvor für klciuere Tiensllcistuugeu zu gcwiuucu, che mau sich ihm ganz anvertraute. Halle er sich erst in strafbarer Weise compromitlirl, so war die Gefahr res Benraths von seiner Seite, wenn man sich ihm schließlich entdeckte, auf das geringste Maß zurückgeführt. Der Bcrrath hätte die eigene Bestrafung des Bcrräthers zur Folge gehabt. Es gelang Schurz, den Gefangenwärter Brune, mit dem er zuerst Milte Oclobcr in der Nähe des Krügcr'schcn Hauses, später verschiedene Male ans dem HcinrichSplatzc zusammentraf, zur Bestellung von Grüßen und später auch zur Uebcrbringung von kleinen beschriebenen Zetteln und von Briefen zu bewegen. Schurz halte sich die Zuneigung Brnne'ö gleich anfangs dadurch zu verschaffen gewußt, daß er sich ihm als spcciellcn Landsmann zu erkennen gab. Ersterer war nämlich aus Geblar gcbürlig, letzterer aus Sasscndorf im Kreise Soest. Briese Johanna Kinkcl's an ihren Mann und nmgckehrl wurden demnächst durch Brune befördert. Dieselbe stand aber auch aus ofsieiellcm Wege mit Kinkel in Correspondenz. Diese ward freilich durch den Zuchlhausdireclor Jeserich beaufsichtigt, der die Briefe der Ehegatten persönlich auf's Strengste controlirte. Dessenungeachtet enthielten dieselben manche wenhvolle Mitthc'lnngc», welche dem scharfe» Auge des Herrn DrcctorS entgingen. Ans eigener Erfahrung we>ß ich, wie erfinderisch die Nvth macht. Der Eriminaldircctor Bolle in Bützow, der sich einen scharfen polizeilichen Spürsinn zuzulraucn schien, wird bis auf den hemigeu Tag nicht wissen, wie manche Briefe von verfänglichem Inhal!, welche ich schrieb oder empfing, durch ihn selbst befördert sind. Ich erinnere mich z. B., daß er persönlich mir den Brief brachte, in welchem mir, was damals noch ein strenges Geheimnis? für mich sein sollte, die Verhaftung meines Bruders mit deullichen, dein Criminaldircclor freilich unverständlichen Worten mitgciheill ward.
Nachdem in der angegebenen Weife der mündliche und schrifrliche Verkehr zwischen Kinkel nnd der Außenwelt hergestellt war, konnte cö nicht schwer fallen, mit demselben den Flnchtplan zu verabreden. Als dies geschehen war, blieb noch übrig, den Gefaugeuwärler Brune für den letzten cnlschcidcndcn Schritt zu gewinnen. Man konnte sich ihm jetzt ohne Gcf,-.hr anvertrauen. Er sicherte seine Unterstützung zu und hat sein Manneswort Iren gehalten. Brune selbst legte später, als ihm der Proccß gemacht ward, ras Geständnis; ab, daß ein ihm unbekannter junger Mann — Carl Schurz ^, derRalhsherr nnd Gastwirth Kriigcr in Spandau und ein oder mehrere ihm unbekannte Männer ihn zu dem Verbrechen verleitet hätten und d^ß ihm für die Ausführung desselben eine Belohnung von 400 Thalcrn versprochen und ausgezahlt sei. Aber noch im Laufe der Bornutersuchung nahm er die Angabe wider den Ralhshcrrn Krüger zurück, stellte in Abrede, daß er durch Bestechung gewonnen sei, und behauptete, daß er nur aus Mitleid mit Kinkel'ö Familie die Befreiung unternommen habe. Die Ge
schworenen haben es verneint, daß Brune die ihm nach seiner anfängliche», später widerrufenen Angabc versprochene Belohnung von 400 Thalern vorher wirklich erhalten habe. Einerlei, ob Brune die Belohnung erhalten, einerlei, wie groß dieselbe gewesen, gewiß ist, daß ihn nicht der in Aussicht gestellte Gewinn zn seiner That verleitet haben kann. Denn die Summe war jedenfalls kaum ein Acauivalcnt für das, was er aufgab. Seine Entdeckung war fast mathematisch gewiß nnd die Entsetzung von seiner Stelle die nothwcndigc Folge. Carl Schurz machte ihm das Anerbieten, mit ihm und Kinkel nach England oder Amerika zn entfliehen, wo man ihm und seiner Familie eine sorgenfreie Existenz bereiten wolle. Brune schlug dies aus. Wenn er auch sich selbst einem Andern zum Opfer bringen wollte, so durfte er d
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Gottfried Kinkels Befreiung